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Selbst-Emancipation · 1891-09-18 · Heft 18 (18.9.1891) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 18 (18.9.1891)
Date
1891-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) Für Dcsterrcich-Ungarn ganzjährig fl. 4 „ Deulschiand „ MI. S „ Rußland „ Rbl. 4 „ die übrigtn Länder „ Frcs 10 „ Amerika „ voll. 2 Halb, und vierteljähriges Abonnement zu de» entsprechenden Iheilbeträgen. Vas Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelne Lremxlare!8 kr. Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Chefredacteur: Dr. Siegmnnd Elkan. : Dr. Nath«n Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Redaktion u. Administration: js Wien, 2/3 Malzgoff» Nr. 4- Nr. 18. Wien, 18. September 1881. IV. Jahrgang. Inhalt: Grätz, vom national-jüdischen Standpunkte. — Prof. H. Gractz. — Wo hinaus? — Bon Zion für Zion. — Academische Anbindung »tz, harte Aufgabe. — Original-Correspondenzen: Horazdowitz, Tarnow. Czernowitz, Magdeburg, Kertsch, London, Jerusalem. Eingesendet. — Spendenausweis. — Anzeigen. ■ ,Hasmonaca". — Eine Chronik. — Die nächste Nummer erscheint am 1. Oktober 1891. ym"',.- Graetz , (vom national-jüdischen. Standpunkte). In allen Ländern der Welt, überall, wo auch nur jüdische Herzen für hebräisches Leben schlagen, wo auch nur ein Funke von Liebe zu Israel glimmt, wird die Nachricht vom Ableben des^ ersten 'jüdischen Geschichtsschreibers)' Professor^ Tr ätz', tiefe Trauer Hervorrufen. Ganz besonders haben wir Nationaljuden die größte Veranlassung, den Tod dieses genialen Mannes, der vor ein paar Jahren von Renan als der größte Jude der Jetztzeit bezeichnet worden ist, zu beklagen, da er uns mehr als allen Anderen gewesen, da er, ohne es vielleicht zu wollen, uns bedeutende Dienste erwiesen hat, indem er die Bausteine für unser Gebäude zusammengetragen hat. Eine schwierige Aufgabe tvar es wahrlich, der sich Grätz unterzog, als er es unternahm, eine Geschichte des jüdischen Volkes zu verfassen, eine Aufgabe, wie sie kein Geschichtsschreiber auch nur im entferntesten Grade zu lösen gehabt hat. Denn er mußte überallhin den mit Blut gekennzeichneten Spuren der gehetzten Juden folgender mußte die ganze Welt durchwandern, von Barbarei zu Kultur sich begebend, nur selten eine größere Ruhepause im rastlosen Umherschweifen gewinnend. Wie er aber seine Aufgabe gelöst, dies setzte alle in Verwunderung. Bekanntlich war man in den verschiedensten Theilen der deutschen Judenheit mit seiner Geschichte unzufrieden; sowohl seitens der strengen Orthodoxie als auch der freiesten Richtung wurde ihm der Vorwurf gemacht, daß er nicht objectiv sei, sondern seinen subjectiven Ideen und Anschauungen, seinen eigenen Gefühlen und Gemüthswallungen zu großen Spielrauni gewähre. Daß aber sein Werk als ein ganz außergewöhnliches angesehen wurde, beweist die Thatsache, daß der strenggläubige frühere Lehrer G r ä tz', der berühmte Rabbi Samson Raphael Hirsch, es für nöthig fand, schon nach Erscheinen des ersten (richtiger vierten) Bandes seiner Geschichte eine große Schrift gegen denselben herauszugeben, welche allerdings nur noch umsomehr die Aufmerksamkeit Aller auf den jungen Schriftsteller lenkte. Auch im entgegengesetzten Lager fühlte man sich unbehaglich, man nlächte dem kühnen Forscher immer auf's Neue den Vorwurf der Subjektivität. Es muß zugegeben werden, daß diese Behauptung eine wahre ist,; was ihm jedoch als Fehler angerechnet wurde, ist sein Vorzug. Der Vater der jüdischen Geschichtsschreibung machte alle Schlüsse nach seiner eigenen Auffassung, er begünstigte keine bestehende Tendenz, sondern er bildete sich seine eigene Tendenz, seine eigene Partei; mitten im Parteihader lebend, vermochte er sich über alle Parteien zu erheben und seine eigenen Bahnen zu gehen, indem er nur kn seinem Volke. lebte, für welches er Hierin bestand auchlÄr Unterschied zwischen ihnt'und seinenrVorgänger Io fr; wie mußte''der trockene, objektive I o st leiden, wie schrumpfte er zusammen, wie leicht ivurde er durch Grätz verdrängt. Die Gegner des Nationaljudenthums vermögen niemals dieses Wunder zu erklären, und die Erklärungen, welche sie geben, sind gewöhnlich sehr mangelhafte. Thatsächlich geschah es nur deswegen, weil Jost nur ein „Bekenner der mosaischen Confession", Grätz aber ein Nationaljude war, weil Jenem die jüdische Nation nur als todte Masse erschien, Dieser aber ihr neues Leben verlieh. Wenn Jemand die Vergangenheit eines so unglücklichen Volkes richtig schildern, nein, auch nur richtig verstehen will, so muß er sie mitfühlen, im Geiste wieder miterleben. Grätz aber wurde vom vergangenen Leben und Wirken der israelitischen Nation hingerissen, er lüstete den Schleier, mit welchem die Leiden seines Volkes uinhüllt waren, er öffnete die Jahrbücher, in denen mit flammenden Buchstaben die ungerechten Schmähungen und Verfolgungen aller Stationen gegen den winzigen jüdischen Volksstamm ausgezeichnet ivaren; das Herz führte ihn nicht selten zu richtiger Beurteilung, die Liebe leitete ihn durch die Labyrinthe seltsamer Vorkomnisse; das Gefühl ist im Stande, ebensogut Historiker wie Propheten zu schaffen. Wohl vermochte Z n n z durch seine Gelehrsamkeit, Sachs durch seine dichterische Beredsamkeit, Geiger durch seinen Scharfsinn zu imponiren, Grätz aber verband alle drei Eigenschaften in sich, er übersprudelte von Geist, Witz und Gefühl, darum war auch die Wirkung seines Werkes gewaltig. Ueberhaupt haben in der neuesten Zeit nur zwei Männer einen außerordentlichen Einfluß auf die jüdische Jugend ausgeübt, Grätz, der Vertreter der Vergangenheit, des positiven, historischen Nationaljudenthums, und S mo lensky, der Vertreter der Zukunft, des revolutionären, politischen Nationaljudenthums, beide ihrem Wesen nach Antipoden, im Leben einander feindselig, in einer Hinsicht jedoch übereinstimmend und groß. in ihrer unermeßlichen Liebe zu ihrem geknechteten Volke. Daher ergänzten sie einander, indem der eine den erquickenden Thau des nationalen Selbstbewußtseins in die Seele des Heranwachsenden Jünglings tröpfelte, der andere denselben anspornte, dieses Selbsthewußtsein im Leben durchzuführen, . der eine ruhig, almälich erwärmend, der andere stürmisch, feurig erhitzend.' Die glühenden, prophetischen Ermahnungen eines S m ol e n s k y gewinnen erst an Bedeutung,' wenn man vorher durch Grätz den Wert des jüdischen Volkes erkannt hat,, wenn man erst eingesehen hat, daß das jüdische Volk auch würdig ist, zu neuem, frischem Leben wiederaufzuerstehen, daß es in sich eine unbegrenzte, geistige Kraft birgt. Gerade aber das spezifisch Jüdische erfaßt man durch das Studium unseres Historikers, nur Grätz vermag den jüdischen Jüngling in den Zauber der israelitischen Geschichte einzuweihen, nur er allein . hat in so schöner, zu Herzen gehender Sprache den kolossalen Umfang der jüdischen Geistesschätze'wiedergegeben, die gesammte Gestaltenfülle der merkwürdigsten Geschichte mit einein belebenden Odem angehaucht, er hat die Geheiinnisse der riesigen Folianten enträthselt, die ganze Seele Israels in der erhabensten, glänzendsten Weise aufgefaßt. Mau öffne nur die Bände seiner grandiosen Geschichte,' Blatt für Blatt zeugt für die Größe, für den Werth, für die Leistungsfähigkeit der jüdischen 'Nation. Blatt für Blatt belehrt uns jedoch auch, wie schmählich wir während unserer Knechtschaft auf Irrwege gerathen sind,, wenn wir zwar häufig Colossales, aber selten Einheitliches geschaffen haben, wie tief wir jedesmal während unserer Assimilations- Perioden gesunken sind, da wir unsere Ideale verließen, die fremden in uns nicht aufnehmen konnten, obzwar wir es uns.einbildeten, und daher nur Halbes schufen. Da sehen wir, wie leicht wir uns von unseren „Wirthsvölkern" aus die Anklagebank zerren ließen, so oft es ihnen einfiel, wie ivir uns vor unseren liebenswürdigen Nachbarn mit consequenter Kriecherei vertheidigten, indem wir denselben unser Innerstes, unser Heiligstes eröstnetrn, um nur sreigesproche» zu werden, wie wir mit der größten Ruhe uns zu neuen Völkern, begaben, sobald es.den alten, gefiel, sich unser zu entledigen. Selten, wird uns durch irgend ein Buch so sehr, wie durch das nationale Werk von Grätz klar, welche moralische und intellektuelle Kraft, wir währendunserer verschiedenen Geschichtsepochen besessen .haben, wie schnell sie uns aber genommen wurde, sobald die Feinde dieselbe gewahr wurden.

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