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Selbst-Emancipation · 1891-09-02 · Heft 17 (2.9.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 17 (2.9.1891)
Date
1891-09-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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3 el 6ft)-Mm a ncdp a ti ö n. Nr. 17. ziele hinstrebenden Pläneu gemacht haben, hat sie nicht vorsichtiger gemacht; sie haben einen neuen Lockruf vernommen und folgen ihm in Hellen Schaaren. Gebe ein gütiges Geschick, daß eine Mehr- oder' auch Minderheit der Intelligenz unseres Volkes diesem Lockrufe widerstehe und Israel das Schicksal erspart bleibe, nochmals Banquerott zu machen und sogar im eventuellen socialistischen Staate seine alten Leiden aus der „Bourgeois"-Zeit wieder zu finden. Wir wollen damit nicht gesagt haben, daß ein Zionist keine socialistische Gesinnung. haben dürfe; wer die nationale Eigenart des jüdischen Volkes kennt, weiß, daß dies ein vergebliches Verlangen wäre. Mag sich d e r Nationaljude, den es hiezu treibt, an der socialistischen Bewegung betheiligen. Es vergeffe aber nie, daß die Judenftage früher gelöst werden muß, wenn nicht noch durch Jahrhunderte viele Millionen Menschen außer der Leiden der Armuth die der Racenvervehmtheit tragen sollen, und wenn nicht ein u n g e I ö ft e r Rückstand Zurückbleiben soll, der das ganze sociale Befreiun g sw e r k illusorisch zu machen geeignet ist. Darum widme er seine ersten und vorzüglichsten Kräfte dem Bef r ei un gs werke Israels. Will aber die interntionale Socialdemokratie nicht in zweiter Linie seine Hilfe annehmen, will sie nicht-einen „Nationalen" in ihren „internationalen" Bund aufnehmen, gut denn, dann betrachte er , auch diesbezüglich . seine Pflicht für gethan und widme sich ganz und voll dem Dienste Zions. — Ganz oder wenigstens Haup t s ach l i ch muß die öffentliche Thätigkeit unserer Parteigenoffen un s c r e r. eigen st e n P a r t ei- und Volks fache zugewendet sein; wer es gegentheilig hält, der scheide aus! Unsere Sache braucht Kämpfer, die von der. Erhabenheit und Bedeutung derselben, tief durchdrungen, sind, keine Schwankenden und Halben, welche vor dem seichten Spott der liberalen Assimilation oder dem wilden Hohn der rothen Internationale erzittern. _.. Gleiche Worte, verschiedene Gedanken. Jede Thatsache, sic mag noch so drückend und betrübend sein, hat, als Lebenserfahrung aufgcfaßt, ihre gute Seite. — Diese Lehre unseres königlichen Philosophen (Sprüche Salom. 16, 20), auf den Antisemitismus angewendet, rückt uns folgende Anekdote vor die Ein kluger, vortrefflicher Mann hatte zwei Söhne, die sich, durch leichtsinnige Gesellschaft verführt, der Trunkenheit ergaben. Um seine Kinder durch ein abschreckendes Beispiel zu belehren, und auf die Bahn der Tugend zurückzuleiten, führte sie der Vater zu einer Spelunke gemeinster Art, vor der sich Betrunkene, die -hier unter Fusel und Dusel ihre Orgien gefeiert, lärmend und tobend im Schlamme wälzten. Der Ältere wurde beim Anblick" dieser Unholde von Abscheu und Eckel erfaßt und von tiefer Reue ergriffen; er bat um Verzeihung und versprach, sich von nun an der strengsten Mäßigkeit und Nüchternheit zu befleißen. Auf den Jüngeren machte das Treiben der Trunkenbolde einen entgegengesetzten Eindruck. Von Entzücken und Staunen ergriffen, fragte er die Umstehenden, wer der Wirt sei, der in dieser corrunipirtcn Geschäftswelt noch so unverfälschte köstliche Getränke verabreiche und eilte, auf die Abmahnungen des Vaters und Bruders nicht achtend, unter die Zechbrüder. Wer wollte es leugnen, daß Semiten und Arier ' an Materialismus und Genußsucht kränkelnd, einer Cur bedürfen?! Nun, wir scheu sie Alle die Gifthütte des Haffes; vor der sich von Gemeinheit und Niedertracht volltrunkene Individuen im Schlamme der erbärmlichsten Leidenschaften wälzen! — Der Anblick der stechen, boshaften Lügein ihrer ganzen Abscheulichkeit und Nacktheit bietet ein abschreckendes Exempel der staurigsten Art, umcht jedoch, aufunsere r arischen - Menschenbrüder ’ ■ einen verschiedenen, oft ganz und gar entgegengesetzten ' Eindruck. — Auf die Nachkommen Israels, für die ja fo köstliche,, unverfälschte Getränke überhaupt nicht zu j haben sind, sollte diese widerliche Erscheinung nur ernüchternd wirken, und. sie jeder Corruption, jeder Lüge' und jeder Gemeinheit gegenüber mit Abscheu und Eckels erfüllen. Leider wissen in unserem Volke nur wenige, aus den Erlebnissen der Vergangenheit und Gegenwart die rechten. Schlüffe, zu ziehen. Die Maffcn ergeben sich einer stumpfen Resignation, und die Tonangebenden' halten, cs für eine rettende That, wenn cS hie und da ■ gelingt, den von Raffenblödsinn verzerrten Gesichtern ' einiger Antisemiten einen Spiegel vorzuhalten. Die Israeli t i s ch-R a t i o n a l e n wiffen solche Heldenthaten weniger zu würdigen, sind aber dafür bestrebt, das Volk aus der Lethargie zu rütteln, und ihm an dem Zionsgedankcn einen Rettungsanker zu bieten, der moralischen und materiellen Schiffbruch zu verhindern am besten geeignet ist. Das bringt ängstliche Gemüther in große Ver legenheit. Die Nationalen rufen: „Nach Palästina!" Von feindlicher Seite hört man dieselben Worte. Ist das nicht ein Rückschritt, eine Aufmunterung zun, Antisemitismus, ein Zurückweichen vor demselben? O nein! Wenn im Lande unserer Väter, von Hebräerhändcn gehegt, weit und breit der Obstbaum prangt, der Weinstock grünt und das Saatfeld wogt— wird .durch diese Cuftur in allen Schichten Israels das Gefühl der Solidarität gekräftigt, das moralische Niveau gehoben und der „schwärzeste Punkt" unseres socialen Elends, beseitigt sein. Eine Bewegung, die solche Ziele hat, ist zur Aufmunterung jener Elemente, welche, eine radicale Lösung der socialen Frage fürchtend, die ganze Misere auf uns wälzen wollen, am wenigsten geeignet und bedeutet nur für Leute, die in der Verleugnung unserer großen Vergangenheit sehr weit gegangen sind, einen Rückschritt. Der Zionsgedanke steht und fällt mit jenem göttlichen Lehrgebäude, in dem das edelste Mcnschthum, die reinste Sitte und die höchste Wahrheit, in dem der Fortschritt thront. (Man lese hierüber die den Geist des mosaischen Religionssystems spiegelnde Schilderung des frommen Mannes im 30. und . 31. Capitel des Buches Jjob.) Darum, auf nach Zion, auf nach Palästina mit den Gedrückten und Gequällcn, die von Äarbarenhändcn verstoßen in der Welt umherirrcn! auf daß sich der von feindlicher Seite koüimendc Zuruf: „Nach Palästina!" wie einst der Fluch B i l e a m s in Segen verwandle! _ Leop. Man d l. Original- (Korrespondenzen. Gesterreich-Mnsgrn. Wien, den 30. August 1891. Der Augnst hat in antisemiticis die Fahrt der Wiener Antisemiten mit Mechaniker Schneider an der Spitze zur Ausstellung in Prag und das dortige Verbrüderungsfest mit den Jungczechen gebracht. Die Tagesjöurnale, noch mehr aber die fpeciell für jüdische Interessen erscheinenden Blätter haben natürlich die Gelegenheit wahrgenommen, den Antisemitismus wieder einmal — zu Grunde zu richten. Wenn die Tageszeitungen diesen Standpunkt einnehmen, so ist daß noch halbwegs begreiflich, da ihre Schreiber Ursache haben, nicht als die beleidigten Juden selbst, sondern nur als aus humanen Beweggründen entrüstete Staatsbürger — „Confeffion" Nebensache — zu erscheinen. Wenn aber die für die israelitischen „Glaubensgenossen" speciell herausgegebenen Organe noch immer Lust und Muße finden, gegenüber den Antisemitismus sich nur. mit dessen verächtlichen Waffen, Denunciation, - Geschimpfe und billigem Spott zu wehren, so ist das. höchst bedauerlich. Einerseits. nützt diese Taktik nicht, weil niemand den Juden das. glaubt, was den Len Aütisemiten sehr gerne geglaubt wird.. Andererseits schadet. sie aber auch, indem sie die Nothwendigkeit positiver Maßnahmen zur' Errettung des jüdischen Volkes aus seinen widerlichen Leiden von demselben unbegriffen läßt. Was ist es für Trost für uns, daß der Jungczeche V a s ch a t i) nebst einein Antisemiten auch eventuell ein Staatsverräther, oder daß der Jungczeche S ch a m der k von Beruf nur ein Komiker ist. Für uns besteht die traurige Thatsache, daß die judenfeindliche Bewegung auch in Oesterreich und zwar unter den verschiedenen Stämmen des Reiches immer mehr an Boden gewinnt. Ihr saget V a s ch a t r> das Schicksal Schönerers voraus. Er kann sich für diese Profezeiung nur bedanken, die ihm den größten Theil der czechischen Universitätsjugend als Anhängerschaft verheißt. Offenbar vollziehen sich bei den Czcchen in Bezug auf den Antisemitismus die Dinge in derselben Richtung, als bei den Deutschen. Bald werden wir czechische Antisemiten a la Schönerer, a la Lichtenstein und a la Steinwender haben. Die Polen haben , einen antisemitischen Anstrich von jeher. Dann bleiben als einzige Judenfreunde die — Liberalen und (da gehören schon ■ zwei Gedankenstriche dazu) — — die Klerikal-Conservativen. — Doch manche werden hoffnungsfreudig auf die aufstrebende außerparlamentarische Partei der Socialisten Hinweisen. Dieser jedoch ist nicht bloß die Religion, wie sie oft betheuert, sondern auch, was sie weniger oft kundgibt, die Antipathie gegen die Juden Privatsache. Schade nur, daß fast alle Unchargirten in der socialistischen Armee — ganz privatim — recht gemüthliche oder ungcmüthliche Judenfeinde sind. . Krakau, den 27. August 1891. Als eine in der Nähe der russischen Grenze befindliche Hauptbahn - Station dient unsere Stadt zum Sammel- und Expeditionspunkte für die fortwährend heranströmenden zahlreichen russischen Emigranten. Wir unterscheiden unter ihnen zwei Kategorien u. zw. die freiwillig Einigrirenden, die alle Reisekosten aus Eigenem tragen müssen und sich nur deshalb der Massenemigration anschließen) weil ihnen hiebei vielfache Begünstigungen zu Teil werden, und die zwangsweise Ausgewiesenen. Die Letzten-werden auf Kosten-der „Allianle Jsraelite" nach Amerika u. zw. nach- New-3)ork, Philadelphia, Canada, hingegen nicht mehr nach Argentinien, da dort bereits die Zahl der zu einem „Experiment" nöthigen Menschen erreicht ist, expedirt. Nun sollte man glauben, daß es doch genüge, wenn die hier ankommeiiden Leute, die bereits ihre winzige Habe zu Geld gemacht und die Hälfte davon für das Ueber-die-Grenze- Schmuggeln bezahlen mußten, zwangsweise ausgewicsen und ihrer Heimat beraubt werden, uin sie nach dem der Anschauung der „Alliance Jsraelite" nach wahrscheinlich brodsichersten Amerika zu schicken! Nicht dieser Ansicht sind unsere philisterischen Philantropen! Hier gelangt die „Zuchtwahl" zu ihrem Rechte; wer stark und zur schweren Arbeit tauglich ist, nur der geht nach Amerika, die Mten, Schwächeren werden nach Rußland zurückgeschickt, wo— so calculirt ja das Comitc — die Juden bloß auf 15 Gubernicn beschränkt/ nicht aber aus dein ganzen Reiche verwiesen sind. — Wir fanden unter den Emigranten ivahre Hünengestalten, Männer von breitein Knochenbau, gesunder brauner Hautfarbe und starker Muscülatur; im Ganzen ist es ein gesunder und für den Ackerbau besonders geeigneter Menschenschlag. Der soll aber — so wollen es die Fürsorger Israels — nach New-I)ork, Philadelphia k, um dort gegen ivahre Hundelöhne dem amerikanischen Speculantentum zum Opfer zu fallen und noch obendrein durch diese unwürdige Concurrenz auf dem Arbeitsmarkte ihre früher angesiedelten Glaubensgenossen des Brodes zu berauben. L.

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