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Selbst-Emancipation · 1891-09-02 · Heft 17 (2.9.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 17 (2.9.1891)
Date
1891-09-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17. Selbst-Em an eipation. Seite 8. Anforderungen festzustellen hat. Diesem Comitä muß jeder, der emigriren und die moralische und materielle Unterstützung seitens des Comitäs beanspruchen will, alles mittheilen, was für die Lösung der Frage, ob der Betreffende auch emigriren darf, nöthig ist. Auf Grund dieser Miltheilungen löst dann das Comitä nicht nur die Hauptfrage, sondern auch andere 'Nebenfragen, z. B. die Zeit, die Reihenfolge der Ueberfährt u. s. w. Die Interessen des zur Kolonisation tauglich erklärten Einigranten muffen im Momente des Beginnes seiner Reise schon unter der Obhut des Comites stehen. Einen besonders großen Nutzen könnte dieses Comite bei der Bildung derjenigen Genossenschaften bieten, welche die Ausgabe haben, den nicht reichen, aber bemittelten Leutendie Möglichkeit zu gewähren,durch Einzahlung bestimmter jährlicher Beiträge Grundstücke zur Einrichtung einer eigenen Wirtschaft zu erwerben. Bei einer solchen Thätigkeit des ComitÄ wäre der größte Theil der Emigranten, welcher jetzt Auswanderungsschwindeleien ausgcsetzt ist, in der Lage, sich ein unabhängiges Heim zu gründen. Der einzige Einwurf, den inan gegen die Zweckmäßigkeit der Einsetzung eines solcheir Comitäs machen könnte, ist die Ungewißheit, ob es in solchem Maße die Verwaltung in seinen Händen concentriren wird, daß Niemand ohne seine Belvilligung emigriren wird. Man darf nun aber hoffen, daß ein solches Comitch bestehend aus hochgestellten und in der Zionssache kompetenten Männern aus der Höhe seiner Aufgabe, der Einigung der Colonisationssache, stehen wird. Man kann erwarten, daß es über die Machtmittel verfügen wird, um manchmal gegen diejenigen, welche dem eingesetzten Regime nicht werden Folge leisten rvollen, Maßregeln rein repressiver Natur zu ergreifen. Und selbst wenn es diesem Cdmit6 nicht gelingen sollte, die Sache schädigende Elemente fernzuhalten, so werden solche, da sie von Seiten des Comitäs weder materielle, noch moralische Unterstützung zu erwarten, im Gegentheil sogar eine gewisse Gegenwirkung zu erdulden haben werden, früher oder später endlich doch gezwungen sein, das Land zu verlassen. Auf solche Weise werden Emigrationslustige, die ihr Leben auf neuer wünschenswerther Basis einzurichten nicht tauglich sind, mit der Zeit zur Ueberzeugung gelangen, daß eine Auswanderung auf eigene Faust nur von Mißerfolg begleitet sein kann. 3.) Eie Organisation der Einrichtung der Emigranten hat die Aufgabe, an Ort und Stelle ein Organ der Verivaltung zu schaffen, welches dem Emigranten in der schwierigen Angelegenheit der Errichtung seines neuen Heims an die Hand geht. Diese locale Verwaltung gibt dem Einwanderer 'Auskunft über die climatischen Bedingungen des Bodens, über die Cultur, zu welcher er tauglich ist u. s. io. Sie macht ihn mit den rechtlich - socialen Beziehungen, Gesetzen und Gebräuchen der einheimischen Bevölkerung bekannt und dient ihm im Allgemeinen als zuverläßiger Wegweiser; auch regelt sie die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Einwan- Mit den vorstehenden Ausführungen will ich selbstverständlich nicht unbestreitbare Wahrheiten gesagt haben. Im Gegentheil, ich möchte damit nur einen Gedankenaustausch im Bezug auf die berührte Frage angeregt haben, damit eine Formel für die Lösung derselben gesunden wird. Daß aber diese Formel gefunden werden und baldigst eine praktische Verwirklichung bekommen muß — darüber kann kaum Jemand im Zweifel sein. Odessa, 13. August 1891. Gregor BielkowSky. Der internationale Arveitercongreß in Brüssel. Bekanntlich hat Mitte August in Brüssel ein Congreß der i n t e r n a t i o n a l e n S ocialdem. okratie stattgefunden. Auf diesem Congresse ist auch die Judenfrage berührt worden, und zwar über Anregung des New-Aorker Arbeiters C o h a n. Zunächst ließ derselbe einen Bericht vertheilen, aus dem wir folgende markante Stelle hervorheben: „Wir nennen uns „Union der hebräischen Syndikate" (United Hebrew Trades), weil alle Mitglieder dieses Syndikates den jüdisch-deutschen Dialekt sprechen. Unsere Organisation hat aber nichts gemein mit der Religion oder mit d e r R a t i o n a l i t ä t und hat ihren Namen nur von der Sprache ihrer Mitglieder her. Gegenwärtig exiftiren in den Vereinigten Staaten mehr als 30.000 israelitische Arbeiter, welche in solchen Syndikaten der jüdischen Sprache organisirt sind. Die Zahl der israelitischen Arbeiter aber, welche den amerikanischen Arbeiter-Vereinen angehören, ist noch viel größer und läßt sich natürlich nicht statistisch feststellen. Die socialistische Bewegung unter den israelitischen Arbeitern ist neueren Ursprungs, hat aber in der kurzen, Zeit schon ungeheure Fortschritte gemacht. Zehntausende von russischen, rumänischen, ungarischen :c. Israeliten, die in Amerika ankommcn, treten Alle mit wenigen Ausnahmen in die Reihen des Proletariats ein und bethriligen sich mit voller Hingebung an dem Kampfe der organisirten Arbeit gegen das Capital. Fast alle Handwerke, welche zur Bekleidungsbranche gehören, sind voll von Israeliten. Darum sind alle Syndikate dieser Branche fast ausschließlich von Arbeitern zusammengesetzt, die keine andere Sprache als ihren jüdisch-deutschen Dialekt spred)en. Erst kürzlich haben die Mäntel-Arbeiter, 9500 Mann stark, in einem 14wöchentlichen Strike ihren Arbeitgebern bessere Bedingungen aufgenöthigt. Unser unmittelbares Ziel ist, den israelitischen Arbeiter auf dasselbe ökonomische Niveau zu bringen, das der amerikanische Arbeiter einnimmt, und wir hoffen diese» Ziel in einer sehr nahen Zukunft zu erreichen, D i e israelitischen Arbeiter lernen die englische Sprache und verschmelzen sichaufdasRascheste mit ihrenamerikanischen Brüdern; da aber die Mehrzahl noch nicht die Landessprache kennt, haben sie ihr eigenes Journal, „Die Arbeiterzeitung", das 8000 Abonnenten besitzt. Ferner bereitet man die Herausgabe einer russischen Zeitung, „Der Fortschritt", vor." Während der Verhandlungen selbst nahm C o h a n zum Punkt 4 der Tagesordnung (Stellung der Arbeiter zur Judenfrage) das Wort und verlangte Stellungnahme der Socialisten zur Judensrage. Manhabe dieJudenzu einer b e so nd e r e n K lasse gemacht, es gelte nun, diesen Klassenkampf durchzuführen. Nach der hierauf sich entwickelnden Debatte wurde eine von V o l d e r s im Namen des Bureaus beantragte Resolution mit einer einzigen Aenderung einstimmig angenommen. Dieselbe lautet: „In Erwägung, daß in den Prinzipien und Programmen der socialistischen und Arbeiterparteien aller Länder von jeher klar ausgesprochen ist, daß sie keinen Gegensatz und keinen Kamps der Nationen oder Rassen anerkennen, sondern den Klaflenkampf des Proletariats aller Länder und Rassen gegen die Kapitalistenklasse aller Länder und Rassen führen, und daß es für die Proletarier jüdischer Rasse und Zunge kein anderes Mittel der Emancipation gibt als den Anschluß an die Arbeiterorganisationen der betreffenden Länder, hält der Kongreß unter Verurtheilung der antisemitischen und philo- I semitischen Hetzereien, welche nur ein Manöver der Kapitalistenklasse und der politischen Reaktion sind, zu dem Zweck: die Arbeiter zu spalten, und die socialistische Bewegung von ihrem Ziele abzulenken; eine Erörterung des vonden amerikanischen Genossen jüdischer Zunge beantragten Punktes 4 der vorgeschlagenen Tagesordnung fürüberflüssig, und geht zur Tagesordn u n g über." Der ruffisch-jüdische Socialist aus Ainerika hat sich also eine ganz gehörige Schlappe geholt. Der Mann mag trotz seines an g ek ü n stel t en Internationalismus noch ein bischen von der veralteten Bornirtheit des Nationalgefühls in sich haben und das veranlaßte ihn, init seinem Anträge vor den Congreß zu treten. Da kam er aber schön an. Alles, was er durchsetzte, war eine Verurtheilungder antisemitischen und — philosemitischen Hetzereien." Für den letzeren Zusatz setzte sich besonders Herr Dr. A d l e r aus Wien, ein Stammes-, wenn auch kein „Zungen"genosse des Herrn C o h a n ein. Herr Dr. Adler liebt es neinlich, seine Objectivität in der Judenfrage leuchten zu lassen. Der noch ungetaufte C o h a n hat das noch nicht gelernt; er muß sich daher beeilen, sein letztes Restchen Judenthum aus seinem Herzen zu reißen. Ob er aber dann seinen Mandataren zu Gesichte stehen wird, ivagen wir zu bezweifeln. Unter den dreißigtausend jüdisch - sprechenden Proletariern Amerikas, welche C o h a n mit solchem Pathos auf dem Congresse vertrat, hängt die große Mehrzahl noch treu an ihrem Glauben und Stamme, gleich vielen, vielen weiteren Tausenden jüdischer Proletarier Amerikas, welche nicht die Ehre genoßen, von Cohan vertreten zu sein. Sie haben für die Ideale „Zion" und „nationale Wiedergeburt" ebensoviel Sinn wie für das Ideal wirthschaftlicher Erlösung vom Capitalismus. Man wird sie ebensowenig dahin bringen, sich mit den Amerikanern zu „verschinelzen" — übrigens ein gänzlich unsinniger und von Begriffsverwirrung zeugender Programm - puutt im Munde eines Internationalen — als auch zwei Dinge zu verkennen: 1. ) Daß der Internationalismus der Socialdemokratie zur Phrase wird, wenn er über den Rahmen eines taktischen Bündnisses hinausgcht und auch dort gleichen will, wo natürliche Ungleichheiten bestehen. 2. ) Daß vollends ein verfolgtes Volk weder das sittliche Recht noch ein I n t e r e s s e daran hat, zu Gunsten einer theoretischen Menschenverbrüderung auf sein Volksthum Verzicht zu leisten; das s i t t l i ch e Rech t nicht, we-il jede Preisgebung eines Standpunktes aus bloßer Bequemlichkeit Unmännlich und unwürdig ist; das Interesse nicht, weil der n a t i onal bedrückte Mensch am leichtesten und jedenfalls am ausgiebigsten zum social bedrückten Menschen wird. Wenn aber auch das Gros der amerikanischen Jargon-Juden dies alles hoffentlich nicht vergessen wird, umsomehr Gefahr ist vorhanden, daß unsere europäischen Juden von den hochgehenden Wogen der internationalen Socialde in okratie erfaßt, ihrem Stamme noch mehr entfremdet werden, als sie unter dem Regime des Liberalismus und der Assimilation gewesen sind. Thatsächlich liegt gegenwärtig — und die Zionsfreunde aller Länder mögen es ja nicht übersehen und mögen ihre Kampsesweise darnach einrichten, — dieHauptgefahr für ein Scheitern unserer Bestrebungen imSocial i s m u s. Nicht etwa im Socialismus an sich, im wesentlichen, wirthschafrlichen Zwecke des Socialismus, sondern in den kosmopolitischen Schellen, welche ihm das europäische Proletariat, resp. deren Führerschaft, angehängt hat. Das weltbürgerliche Friedensgeläute derselben thut den armen, gedrückten jüdischen Menschenkindern wohl. Das mehrfache Fiasko, welches sie mit ihren stets auf Umwegen zum Erlösungs-

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