Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 17 (2.9.1891)
- Date
- 1891-09-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr-. 17. bestehen sollen, wird Sache der Unterhandlungen sein, bei welchen flch natürlich die Pforte-von ihrem Interesse und der Rücksichtnahme auf ein gutes Einvernehmen mit den europäischen Machtfactoren, und die einflußreichen Vertreter der jüdischen Colonisationssache von dem Interesse ihres Volkes werden leiten lasten müssen. " Was wir Biet e n? Man stoße sich nicht , an das etwas unbescheiden klingende Wort, durchs dessen Gebrauch wir nichts weniger beabsichtigen, afs den Respeet-vor-der türkischen Regierung zu verletzen; noch weniger wollen wir hiemit die Dankespflicht herab setzen, die uns ihr gegenüb er, im Falle der Gewährungunserer Bitte obläge, und uns übrigens'auch jetzt schon angesichts der vielen unseren Stammesgenoffen erwiesenen Gutthaten obliegt. Wirgebrauchen den Ausdruck nur in dem erhebenden Bewußtsein, für eine erwiesene Gnade uns erkenntlich zeigen zu können. Hiebei sehenwir ganz ab von den in den verschiedenen Zeitungsnotizen erwähnten großartigen Geldsummen, die an die Pforte für die zu ertheilende Genehmigung zur Niederlassung bezahlt werden sollen. So werthvoll für den Augenblick eine solche Leistung für der Türkei in finanz-politischer Hinsicht sein 'mag, kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß sie höhere staatliche Interessen nicht einem momentanen GeldbeLürfnisse opfern werde. Es ist daher auch anzunehmen, Laß sie trotz aller klingender Zusagen bezüglich Palästinas - das verweigern wird, was sie bezüglich-des übrigen Vvrderasiens einräumt, solange sie nicht überzeugt ist, daß dem osmanischen Staate aus der jüdischen Ansiedlung in Palästina ebensowenig Schade als aus einer Colonisation in Kleinasien erwachsen würde. Roch leichter wäre sie natürlich zu einer Gestnnungsänderung zu bewegen, wenn sie in der Coldnisattvn des heiligen Landes durch Juden sogar dauernde, dem Staatsganzcn zu Güte kommende- Vörtheile erblicken' würde. Unsere, der Zionisten, Aufgabe ist es, die Pforte hievon zu überzeugen'. -Der dauernde, materielle und kulturelle Nutzen liegt auf der Hand: Eine von einem ebenso fleißigen als intelligenten und civilisirten Volksstamme cultivirte Provinz könnte dem osmanischeu Staate Rcichthümerzuführen; deren er jetzt gewiß enträth: Der Gewerbefleiß und die Anstelligkeitder jüdischen- Eolonistcn würde ermunternd auf die übrigen, Nationen des Sultanateseinwirken: allenthalben gesteigerte Cultur, erhöhtes Geistesleben und wachsender Wohlstand wären die Folgender jüdischen- Einwanderung: Hiemit stehtdie politische Seite der Angelegenheit ininniger Verbindung- Die-Türkei ist das Gebiet, auf dem Christenthum und Islam; Abendland und Morgenland als unvermittelte Gegensätze aufeinanderstoßen;die Türkei liegt eben an der Grenze Asiens und Europas, Kein Volk der Erde ist aber geeigneter, vermöge seiner materiellen und moralischen- Mittel/ die Widerstandskraft des Orients gegenüber dem Occidente zu stärken, als gerade das jüdische. Vom Westen die höhere europäische, der von den /Ariern sp schlechtbefolgten Moral nach semitische Cultur niit sich bringend, wird es sie im semitischen Geiste fortentwickeln, und dem ganzen.Osten mittheilcn. Dann wird das Morgenland auch zu neuer politischer Reife, zum Daseinswillen und zum bewußten Kampfe ums Dasein. erwachen. Die ewigen Demüthigungen vor Europa werden avshören und im Bunde mit den gutgesinnten Mächten, desselben wird das semitische Asien die Eroberungsgelüste der schlechtgesinntcn zurückweisen können. Das zu einem kräftigen und arbeitsamen Volke herangewachsene jüdische Colonisiengeschlecht in Palästina-Syrien wird abgesehen von nationalen Gesichtspunkten um so eher stets treu zur Fahne des Orientes und seiner Freuude halten, als es sich, bewußt sein wird) allein gegen d i ejenigen Sselbst-Emancipati o.nr .. „ sich-nicht halten zu können, die es selbst einmal geknechtet und gedrückt haben, und wieder knechten und drücken würden, wenn sie es wieder in ihren Machtbereich bekämen. Ebenso aber, wie,die Türkei im jüdischen Stamme, eine werthvolle Acquisition für die Abwehr europäischer Vergewaltigung machen würde, ebenso gewänne sie in ihm einen eifrigen Verfechter ihrer Führerschaft in Oriente. Der r Selbsterhaltungstrieb würdedie Juden zwingen, ' em-übrigens'friedliches und im versöhnenden Geiste wirkendes Gegengewicht gegen das Araberthum . abzugebeu, und für den osmanischen Staatsgedanken immer und überall eiuzutreten. . 'r,f/ Andererseits-fänden auch die ivohlwollenden enropäischen Nationen im jüdischen Volke den besten Vermittler zwischen sich und dem Oriente,; und die: Ansiedlung, einer jüdischen Volksmasse in Syrien würde in letzter Linie die Versöhnung ..zwischen.Orient, und. Qceident bedeutet). Jedenfalls aber würde sic, obigen Ausführungen ge- . mäß, für die Türkei, als den meistintressirten Staat, dem Erwerbe einer in äußern und inneren Kämpfen v e r l ä ß l i ch e n von einer zahlreichen., und tüchügen Bevölkerung bewohnten Provinz, gleichkommen. Sprechen wir, zum . Schluffe die Hoffnung aus, daß sich die hohe Pforte, resp. die. Spitze des osmanischen Staates, Seine M a j c st ä t derSultan, dieser wackere und edle Monarch, solchen Erwägungen nicht verschließen und demgemäß gestatten werden, daß der jüdische Auswandererstrom aus Rußland freilich gut organisirt, geregelt und unter bestimmten Bedingungen auch nach P a l ä st,i n a gelenkt ivcrden dürfe. *)Siehe: „Die Mfsioir des ZudcnthumS, einst und jetzt" in Nr. 7 des Jahrganges 1890 der „Selbst- Emancipation" . - Line brennende jftagc unserer Lolonisation^sache.*) Die fortdauernde Rückkehr vieler Emigranten in ihre frühere Wohnstätten kann wohl als beredsamster Beweis dafür dienen, daß sie sich den neuen Lebensbedingungen nicht angepaßt haben. Eine solche nicht zu Stande gekommene Anpassung kann auf zweierlei Ursachen zurückzuführen sein: auf die objective Unfähigkeit des Landes, colonistrt zu werden, oder auf die subjective Unfähigkeit zu colönisiren. Da nun die unter unseren Augen entstandenen Colonien in Palästina die in höchstem Grade wichtige Thatsache vollkommen bewiesen haben, daß Palästina ein für unsere Co l on is ations a ufga b en taugliches Land ist, so ist man gezwungen, die Nichtverwirklichüng der Hoffnungen der gegenwärtig zurückkehrendcn Emigranten ausschließlich ihrer subjektiven Unfähigkeit, zu colonisiren, zuzuschreiben/ Aber in den Reihen der rückkehrcnden Auswanderer findet man hauptsächlich solche Elemente, deren Nichteignung zu colonisiren kein ihnen anhaftender subjektiver Mangel ist, sondern nur durch den gegenwärtigen Zustand der Colonisattonssache bedingt wird. Die Rückkunft solcher Elemente, die bestimmt wären, im Fundamente unseres Colonisatiourgebäudes einen dauerhaften; festen Bcstandtheil zu bilden, vermag wohl bei uns vom Standpunkte des Interesses an einer Zunahme der Colonisationsbewegung ein Gefühl der Bitterkeit zu erwecken. Dabei sehen wir schon ab von der traurigen Thatsache des wirtschaftlichen Ruines und der moralischen Erschütterung eines jeden Individuums, das in der Hoffnung, sich ein mehr oder weniger erträgliches Leben zu gründen, alle seine Sachen verkauft und sich in ein unbekanntes Land begibt, um. sich zuletzt , in der Lage zu befinden, - wieder zurückkehren zu müssen. *)AuS dem Russischen übersetzt. . Unter solchen Umständen ist gegenwärtig mehr noch als früher die ünabweisliche Nothwendigkeit an uns herangetrcten, unsere Colonisationssache zu regeln, sie zweckmäßig einzurichten und nach gewissen-festen Grundsätzen zu leiten. Die Erfahrung hat die Anwendung des veralteten Principes »laissez faire, laissez aller« auch auf die Colonisationssache verurtheilt. Als nicht gründliches Mittel hat sich anch der.Haufe von. „W a r- ' nun gen" erwiesen, mit welchen man sich an diejenige, die zu emigrirer gesounen sind,. wendet. Leider sind die gewöhnlichen Sterblichen nicht im Besitz jenes Zauberstabes, mittelst dessen man dasjenige hemmen könnte, was seiner eigenen Natur nach sich nicht .zu bewegen nicht im Stande ist. Eine solche natürliche, von der Natur ' der Dinge selbst dictirte. Bewegung ist die Bewegung geworden, welche unsere Glaubensgenossen ergriffen. hat. Daher bleibt das. Einzige, was. in der Macht der treuen Zionisten liegt, den Emigrationsstrom nach der Richtung zu lenken, auf welcher er am wenigsten der Gefahr ausgesetzt sein würde, Hindernissen zu begegnen. In dieser Beziehung glaube ich, daß die Thätigkeit der Zionisten sich jetzt concentriren muß auf die Organisation 1.) einer allseitigen Erforschung Syriens und Palästinas, 2.) der Ueberfahrt der Juden aus Europa nach Palästina und 3.) der Einrichtung der Emigranten in ihrer neuen Heimat. .1.) Die Organisation der allseit.igen Erforschung Syriens und Palästinas, ist in-Anbetracht des Umstandes nothwendig, daß sowohl die Emigranten, selbst, als die mit der/Idee vertrauten Vorkämpfer der zionistischen Bewegung als auch die officiellcn Leiter derselben, streng genommen, nicht hinreichende Kenntnis von den naturhistorischcn, ökonomischen, rechtlich - socialen Bedingungen des Landes besitzen. Die Feststellung des sehr allge'.neinen Satzes, daß. das betreffende Land zur Colonisirung tauglich ist, reicht, so unbestreitbar sie auch ist, für die praktischen Bedürfnisse nicht hin. Ein derartiger ^allgemeiner Satz ist nicht im Stande, für' die. Lösung einer ganzen Masse von Fragen, welche eine.keinen Aufschub leidende Beantwortung erfordern, einen festen Stützpunkt zu gewähren. So fand und findet eine ganze Reihe von Fehlern statt, welche die Colonisationssache in bedeutendein Maße schädigen. Gegenwärtig, existiren im Bereiche aller uns interessireuden Fragen keine literarischen Behelfe mit Ausnahme einzelner Schilderungen, die eher den Ausdruck einer poetischen durch jeden Fleck des Landes hervorgerufenen Verzückung darstellen, als eine genaue wissenschaftliche Beschreibung des Gesehenen. In Folge dessen ist auch die Möglichkeit des Erfolges und des großen Absatzes von verschiedenen Beschreibungen erklärlich, deren Verfasser Palästina nie gesehen haben und bloß auf Grund von Kenntnissen, die sie aus Encyclopädien schöpfen, schreiben. Darum ist wohl das von Herrn Josef J n b e r in Nr. 15 der „S.-E." gemachte Vorschlag zu befolgen, dahin gehend, daß eine Commission zur ausführlichen, wissenschaftlichen Erforschung Syriens und Palästinas, dahin gesendet werde. Es wäre wünschenswerth, zu dieser Expedition die Mitglieder der Londoner „Gesellschaft zur Erforschung Palästinas", heranzuziehen. Sollte sich aber aus irgend welchem Grunde eine solche Expedition nicht realisiren lassen, so muß wenigstens für .die Herausgabe möglichst entsprechender Werke ein Fond gegründet werden. Auch in dieser Beziehung könnte uns .die genannte. Gesellschaft nützlich werden. 2.) Die Organisation der Ueberfahrt hat die. Aufgabe, denjenigen die Möglichkeit der Ueberfahrt zu sichern, welche die Fähigkeit besitzen, sich den . neuen Lebensbedingungen anznpassen. Zu diesem Zwecke muß ein Comitä eingesetzt werden, welches die an jedem Emigrirenden zu stellenden