Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 16 (18.8.1891)
- Date
- 1891-08-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. S e lbst-Emancipatiou. Seite 7. Jaffa, 30. Juli 1891. (Letzte Nachrichten aus Palästina.) Man spricht hier von einem bereits^ erfolgten Kaufe einer sehr großen Landstrecke jenseits des Jordans in dem Gebiete D zul an zwischen den Flüssen Pekat und Allan. Bon dieser Erde sind mehr als 60.000 Dunani für die JekaterinoSlaiv'sche Gesellschaft ausschließlich zur Gründung von Ackerbaucolonien bestimmt worden. Der Preis des Dunams übersteigt nicht 4',2 Frs. In der Umgebung CH ais a's sind bezüglich des Bodens der Dörfer Kusses, Jadsur, Garbatsch, Chartia, Kiri-Kimun und Dalia, einer Fläche von 80.000 Dunam, Kaufcontracte geschlossen worden. Wenn die Kaufbriefe und die Parccllirung bis November beendet sein werden, so ist es möglich, daß noch Heuer an die Arbeit gegangen wird. Herr S—d aus Bialystok hat für 50 sehr reiche Familien 15.000 Dunam hauptsächlichffür Plantagen geeigneten Bodens getauft. Interessant ist, daß in dieser Gesellschaft sich auch der bekannte „Kotzker Rebbe" mit seinen 20 Chassidim befindet. Der Hauptzweck der Gesellschaftist, den armeii hieherkommenden Brüdern Arbeit zu geben. In C h'd e r a sind alle Kaufbriefe bereits ,ertig, jetzt findet die Parcellirung der Erde statt. Herr D i s e n d o r f, der herkam, um eine Glasfabrik in Nischon l'Zion zu errichten, hat nach Untersuchung der Umgebung von Jaffa und C h a i f a feine Aufmerksamkeit auf Tantura, eine' Stunde von Sichron Jacob, an der Meeresküste, gewendet. Hier hat die Administration von Sichron Jacob bereits Platz für die Fabrik gekauft. Die Errichtung derselben wird binnen Kurzen! begonnen werden. Mittwoch den 29. d. M. hat die Weinlese in Nischon i'Z i o n begonnen. Die Weinbercit- . ung ivird heuer unter Aufsicht des Rabbiners von Jaffa stattfinden, um um p* zu erhalten, da der Leiter der Weinbereitung ein Christ ist. Dienstag, den 28. Juli d. I. war ein Unglückstag für uns Zionsfreunde. Sämmtliche an diesem Tage hier eingetroffene ruffischc Juden wurden auf die Polizei geführt, erhielten hier „Wallsahrtspässe", die sie nur zu einem kurzen Besuche Jerusalems ermächtigen, nach welchem sie wohl wieder von der Polizei hieher uud auf die Schiffe gebracht werden. Wer ist schuld daran, daß es so kam? Ein Einzelner wohl nicht, aber wir Alle, unser Volk selbst. Hätten die Söhne desselben hier wenigstens einig und solidarisch zu sein gelernt, den russischen, deutschen, französischen u. s., w. Juden abgelegt und sich bemüht, bloß mit ihren Brüdern mitfühlende Juden zu sein, aufgehört, aristokratischen Eigendünkel, zu besitzen, das ewige gegenseitige Ränkeschmieden gelassen — wir hätten die Schmach des 28. Juli 1891 nicht erlebt! Mögen alle Zionsfreunde sich diesen Tag zur Nutzanwendung merken; mögen sie auch schleunigst ein Mittel zu finden suchen, um das Unheil wieder zu bannen. Ix. (Lhronik. (Am 16. Aw d. I.) werden es sechs Jahre, daß Sir Moses M o n t e s i o r e nach .hundertjährigem Leben und großarttgem Wirken für sein Volk abberufen wurde. Ehre seinem Andenken! (Schenkung des Baron Hirsch.) Die Blätter veröffentlichen eine Stiftungsurkunde des Baron Hirsch vom.22. Januar 1891, worin 2,400.000 Dollar zu einem Fonds „zum Zwecke der Erwerbung^und Berbefferung von Ländereien, der Zutheilung von Pachtgütern und der Errichtung von Baulichkeiten und Wohnhäusern zur Aufnahme und zum Gebrauche" ruffisch- und ruinämsch-jüdisHer Einwanderer in den Vereinigten Staaten'gewidmet werden. Bloß aus den Zinsen sollen die laufenden Ausgaben für Unterricht und Ausbildung, sowie Unterstützungen der verschiedensten Art bestritten werden. — Zur Ausführung und Verwaltung der Stiftung sind mehrere reiche Juden von New-Iork und Philadelphia bevollmächtigt. (Baron Hirsch) pflegte am 30. Juli in Karlsbad eine Berathung mit deutschjüdischen Notablen, deren Beschlüsse folgende sind: 1. Heranziehung der israelitischen Hauptgemeinden Europas und Amerikas zum Emigrationswerke. 2. Verstärkung der in Rußland bereits bestehenden Cxecutivcomitäs. 3. Zweite Reise des Herrn Arnold White nach Rußland wegen Constituirung eines Centralcomitäs in Petersburg und von Localcomitäs in der Provinz behufs Regelung der Auswanderung. 4. Nachdrücklichste Hervorhebung, daß ohne Genehmigung des Central- und der Localcomitäs auswandernde Juden dies auf eigenes Risiko thun. (Die Pforte und die russische» Juden.) Der „Neuen Freien Pres s e" wird unterm 10. August aus Belgrad telegrasirt: „Die Pforte hat einen Specialcommissä r eingesetzt, um das R e g l e m e n t für die Ansi ed tung der russischen Juden auszuarbeiten. Wie verlautet, ist die Pforte bereit, gegen Zahlung von d r e i Mi llionen Pfund ausreichende Ländereien i n K l e i n a s i e n mit Ausnahme der heiligen Orte den auswandernden Juden zu überlassen. - - Dem „W i e n e r T a g b l a t t" wird unter,n 13. August aus Konst an ti n op e l telegrasirt: „Es.verlautet, daß Baron Hirsch mit dem Großvezier wegen der Ansiedlung der aus Rußland vertriebenen Juden in der Türkei in Verhandlung stehe. Baron H i r s ch ivolle große, weitausgedehnte Ländereien in K l e i n a s i e n längs der Bahnen, die bereits, gebaut sind undnoch gebaut werden sollen, zu einem jährlichen Pachtzins von 8 oder 10 Millionen Francs auf lange Zeit hinaus pachten. Die Pforte hätte das Recht, diese Rente zu capitalisiren, was ihr mehr als 100 M i l l i o n e n Francs verschaffen ivürde. Die Pforte würde dieses Capital für militärische R ü st u ngen verwenden können. — Die Nachrichten haben so ziemlich denselben Tenor und bestätigen, was wir schon oben unter „B a r o n Hirsch und Syrien" sagen. Sie zeigen aber auch den Weg, der einzuschlagen wäre, um die Genehmigung der Pforte für eine Besiedelung von Palästina selbst zu erwirken. Sind unter „heiligen Orten" nur I eru s a l e m und Umgebung sowie Bethlehem verstanden, dann hat übrigens diese Einschränkung ohnehin nur sehr geringe Bedeutung. (Aus Rußland.) Die ruffische Presse hat eine Hetze gegen die jüdischen Buchdrucker und Buchhändler begonnen, welche in einigen Gouvernements die Majorität haben sollen. — Polnische Blätter bringen die doch etwas unwahrscheinliche Nachricht. Pobedonoscew habe bereits die behördliche Verordnung durchgesetzt, ivonach jüdischen Geschäftsleuten in Rußland fortan verboten werden soll, ihre Kaufläden an Sabbathen und jüdischen' Festtagen zu schließen. — Wie die „T i m e s" meldet, hat sich der Polizeiineister von M o s kau gerühmt, daß in drei Monaten alle Juden dieser Stadt vertrieben sein werden. — Die Regierung beabsichtigt, nachdem die für die Juden angelegten Ackerbaucolonien in Südrußland sich nicht bewährt haben (?), die jüdischen Grundeigenthümer zu expropriiren und russische Colonisten an ihre Stelle zu setzen. — Unlängst ergieng eine Verordnung, daß Leute „jüdischer Herkunft" (also auch' getaufte Juden) nicht in den Polizeidienst ausgenommen werden dürfen. — Im „K i e >v l ja n i n" verlangt ein gewisser Mich ajlenko die Emigration sämmtlicher Juden und erwartet von der Regieruug, daß sie diese erleichtern werde. Er gibt die Noth der Juden zu; obwohl dieselben mit einem Zwiebel und zwei Erdäpfeln täglich zufrieden sind, könne ihnen jedoch die christliche Bevölkerung jetzt auch diese nicht gewähren; die Juden müßten also, da sie nicht anders iverden können, ausivandern. Der Artikelschließt mitden höhnischenWorten: „Auf Nimmerwiedersehen! Wir haben für Euch Alles gethan, so lange wir hiezu im Stande ivaren; jetzt sollen sich andere mit Euch abgeben". — In der podolischen Stadt Jelisawetgrad fanden am 26. Juli d. I. I u d e n unruhe n statt. Tausende Bauern alls der Umgebung ivaren die Exedenten. Stundenlang dauerte die Plünderung, Zerstörung, theilweise mich der Mord. Die Behörden ließen den Pöbel ruhig schalten. — (Das Verbot der Pforte) beschäftigt alle zionistisch gesinnten Blätter, bewegt sie aber nicht zu übertriebenen Befürchtungen. Der „Hamagid" vom 6. d. M. bringt diesbezüglich einen trefflichen Leitartikel aus der Feder des bewährten Gesinnungsgenossen, Herrn Dr. A. K a m i n k a. In demselben zeigt er, daß der Sieg der nationalen Idee ani Ende unaufhaltsam sei, empfiehlt aber die Colonisation jetzt nach R o r d s y r i e n zu lenken, wo es in der Nähe der Städte Latakia, A n t i o ch i a und Alexandrette sehr billigen Boden gebe. Von da nach Südsyrien also nach Judäa und Galiläa werde inan nach einigen Jahren mittels Bahn in lvenigen Stunden kommen können. Auch die Insel C y p e r n, die mit dem Schiffe von B e y r u t h in 14 Stunden zu erreichen ist, empfehle sich zur Colonisation. Palästina sei allen diesen Örtlichkeiten so nahe, „daß der Grund- und Hauptgedanke, nicht werde verloren iverden." „In der Geschichte," sagt Dr. K a m i n k a, „ist der gerade Weg nicht immer der kürzeste, und »ruß man zuiveilen einige Schritte seitivärts machen, damit man vollkonlinen sicher ans Ziel gelange." — Es ist dies Alles sehr richtig und findet unfern vollsten Beifall. Doch dürfen andererseits die Zionsfreuude keinen Augenblick säumen, ivenn schon nicht eine unbedingte Aufhebung des Verbots zu erreichen, was übrigens wieder die Misäre der ungestümen Masseneinwanderung Hervorrufen würde, so doch eine milde Praxis bei der jetzt der Pforte vorbehaltenen Bewilligung der Eiinvanderung nach Palästina durchzusetzen. Wir zweifeln nicht, daß die Zionsfreunde allenthalben diese chre erste Pflicht erkennen werden. (Nach Corfu) kehren viele geflüchtete Juden zurück. Der griechische Generalconsul in Alexandrie n ist bevollmächtigt worden, dort weilende 150 Flüchtlinge, welche zurückkehren wollen, auf Kosten der griechischen Negierung zu beförderu. Was treibt aber die corsiotischen Juden nach Corfu zurück. Gewiß nicht das Heimweh, — vielmehr die bitterste Noth. Daß sie aber solche leiden und keine rettende jüdische Hand sich ihnen entgegenstreckt, wer ist Schuld daran? (Socialismus uud Judensrage.) Wir haben über das Verhältnis der Socialdemokratie zur Judcnfrage schon öfters ausführlich gesprochen und werden dies auch in Zukunft zu thun noch Gelegenheit haben. Heute wollen wir nur auf einem Artikel der Berliner socialdemokratischen Tageszeitung „V^orwär ts" Hinweisen, der sich „Zur Judensrage" betitelt. Derselbe erzählt von einer Abneigung Chicagoer jüdischer Kreise wider die Hirsch'schen Projecte, die darauf zurückzuführen sei,