Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 16 (18.8.1891)
- Date
- 1891-08-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16. Selbst-Emaneipation. Seite 5. besten umgehen. könne, während er sich von Ländern wie England und Frankreich, wo kein Ausnahmegesetze gegen ihn beständen, im allgemeinen fernhalte, weil ihm da eben keine Gelegenheit zur Anwendung seiner Raffiniertheit gegeben sei. Das war eine socialdemokratische „Vertheidigung" der Juden, das eine Illustration zur „Völkerverbrüderung" derselben Herren. Etwas seltsam war auch die „Vertheidigung" der Juden durch den Socialdemokraten Herrn Peus hier in Magdeburg, worauf ich bereits hingewiesen habe. Also die Antipathie gegen die Juden dürfe bestehen bleiben, wenn nur die antisemitische Partei verschwinde und die socialdemokraüsche gewinne? Was für ein Zustand soll denn da herauskommen? Wir bekommen einen socialistischen Staat, in dem der Judenhaß, auf dessen Boden ja nur der Antisemitismus erwachsen ist, gerade so üppig wie jetzt fortwuchern wird; den Juden wird daun aber in diesem Staate, der ja als der bis ins Kleinste organisierte Gesellschaftsstaat keine selbstständige Organisation eines Theiles' seiner Gesellschaft dulden wird, jewedc Möglichkeit der Selbsthilfe auf immer geraubt sein. Unter anderem bemerkte Herr Pens auch, daß sich allerdings mcht leugnen lasse, daß die Zeit des Liberalismus und des Freihandels für die Juden eine besonders günstige sei, daß mansich aber nun einmal nicht wundern dürfte, wenn die in der Zeit des Feudalismus so schwer gedrückten Juden nun die ihnen durch das liberale Wirtschaftssystem gebotenen Freiheiten dazu benutzen, „sich an den Deutschen wieder zu rächen." Ich will zum Schluß noch einmal darauf zurückkommen, daß selbst wenn die Socialdemokratie endgillig siegen und sich als dauernd durchführbar erweisen sollte, doch höchstwahrscheinlich sogar noch eine antisemitische Partei im socialistischen Staate fortbestehen würde. Unsere Antisemiten haben wenigstens schon Aehnliches ausgesprochen Warum sollten sie sich auch nicht in die socialistische Gesellschaftsordnung fügen, wenn sie auch dort eine niedrigere gesellschaftliche Stellung der Juden fordern können? Und daß ist leicht möglich; denn unsere Socialdemokratie betont das socialistische Moment bei weitern mehr als das demokratische. Das wird nach Durchführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts auch in Oesterreich nicht anders, sein. Mögen deshalb alle jüdischen Jünglinge, die sich durch den socialdemokratischen Gedanken einer allgemeinen Völkerfreiheit haben b lenden lassen, lieber zur Lösung der jüdischen Frage schreiten, die nicht nur eine nationale, sondern zugleich im eminenten Sinne eine sociale ist. Magdeburg, 6. August 1891. Lin Gleichniß. Finstere, schreckcnvollc Nacht ist über dich hereingebrochen, gebrochenes, nein, tiefgebeugtes Volk Israel. Die fahlen Blitze zucken über dem kranken Haupte des dreitausendjährigen Wanderers, der Boden unter seinen Füßen erbebt und wankt vom Donnergetöse, und verzweiflungsvoll irren die Blicke des Irrenden umher, Schutz suchend, doch nirgends ist Schutz, nirgends Rettung! Aber zittere nicht, Israel, vor dem Ungewitter in Rußlands rauhem Norden, zittere nicht! Ist es das erste Mal, daß sich große Völker gegen Dich — das winzige Völkchen — auflehnten und Dich vernichten wollten? Durftest Du je auf menschliches Mitleid, Erbarmen rechnen? Gott Mein war, ist und bleibt stets Dein Kriegsherr, Dein Erretter, dein Hort! Nur Gott allein ist unser Schutz und Schirm, und wenn uns gleichwohl Vater und Mutter, Recht und Humanitä! auch Verlässen, so nimmt uns der Ewige in den Schoß seiner Allmacht, seiner Allbarmherzigkeit gnädig wieder auf. „Was Jacob widerfahren ist, bildet in der Sieget die Geschichte seiner Söhne", meint ein rabbinischer Weiser. Und in der That, wir können kein treueres Spiegelbild für die ganze' Zukunftsgeschichte des israelitischen Volkes finden, als eben die Lebensgcschichte dieses Patriachen. Wir begegnen im ersten Buch MofiS folgender bekannten Erzählung: Der mit allen irdischen Glücksgütern reichlich gesegnete Jacob verspürte in fich den Drang, sich mit seinem Bruder E s a u wieder auszusöhnen. Er machte sich auf den Weg, um seinen Bruder Esau persönlich zu überzeugen, daß in seinem Herzen ob der ausgestandenen Leiden kein Wermuthstropfen zurückgeblieben sei. Da überfiel ihn auf dem Wege im nächtlichen Dunkel ein Unbekannter, der, ohne jeden Anlaß, auf ihn losstürzte, ihn zu Boden werfen und vernichten wollte. Jacob leistete Widerstand und ward von seinem Gegner in diesem ungleichen Ringkampf, der die ganze Stacht dauerte, schwer verletzt, aber nicht besiegt. Als cs zu grauen anfing, wollte der Angreifer von Jakob ablasscn, indem er sagte: „Laß mich ziehen, denn der Morgen ist angebrochen!" Jacob aber erwiderte: „Ich lasse Dich nicht, es sei denn, daß Du mich vorher gesegnet hast!" Der Fremde wollte seinen Namen nicht angeben, nannte Jacob Israel, d. h. „Gotteskämpfer", segnete ihn und verschwand. Die Sonne ging vollends auf. Jacob dankte den Allmächtigen für seine Rettung. Die erlittene Verletzung aber hatte ihn unfähig gemacht, den Weg fortzusetzen, er richtete seine Blicke einpor und siehe da, Esau in Begleitung einer starken Kriegerschaar stand vor ihm. Er erschrack, Esau aber lief ihm entgegen, umarmte und küßte ihn zärtlich, — und beide weinten. Wer Augen hat, wird die frappante Aehnlichkcit zwischen dieser Einzelngcschichte unseres Erzvaters und der Universalgeschichte des ganzen Judenthums nicht übersehen können. Denn so, wie Jacob, empfinden auch seine Nachkommen, so oft sie sich in einer gebesserten Stellung befinden, das gleiche brennende Verlangen, sich mit dem feindlich gesinnten Esau auszusöhnen. Um diesen allerdings edlen und lobenswerthcn Trieb nach allgemeiner Wiederverbrüderung um so sich zu befriedigen, wird auch von den Sprößlingen kein eiuziges Mittel — leider selbst die Hintansetzung der vitalsten Religions¬ und nationalen Interessen nicht ausgenommen — unversucht gelassen. Aber in ihrem Gluteifer für die gute Sache vergaßen die leichtsinnigen Jacobsöhne stets, daß ihrer noch eine trübe sternenlose Nacht aus dem Friedcnswcgc harrt, und achteten ihrer Gefahren nicht. Was Wunder nun, wenn derselbe Däuion der Finstcrniß, des cingepflanzten Haffes und der blinden Verfolgungswuth, der sich schon ohne geringste Veranlassung an dem unschuldigen Jacob vergriff, auch dessen Kinder im Exile nicht verschont und mit der grausamen Vernichtung droht. Zum Glücke aber „schlummert nicht und schläft nicht der Hüter Israels." Dank der Güte Gottes hat auch die härteste Ungerechtigkeit, deren sich die Politik Esau's gegen uns Juden allezeit bedient, ihre Grenzen Ausdauer, Charakterfestigkeit, und Geisteszähigkeit, sind die Mittel, mit welchen sich die zarten Enkel des „Gotteskämpfers" gegenüber dem übermächtige» Feind vcrtheidigen. Wir werden in dem uns aufgenöthigtem ungleichem Kampfe nur schwer verletzt aber nicht überwunden. Dringt dann ein Strahl der Aufklärungssonne durch den Nebel der Nacht, da wird der finstere Geist des Hasses.und der Verfolgung lichtscheu, und muß nolens volens den Kampfplatz verlassen. Vergebens fragen wir den Unhold nach dem Namen, solche Nachtgespenster haben ja keine bestimmten Namen, treten vielmehr allemal unter einem andern Namen auf. Er segnet uns, und — verschwindet. Wir athmen auf und danken gerührten Herzens der Vorsehung. Wir richten unsere Blicke zum erstenmale empor, und siehe da, 'Esau, der gefürchtete Bruder, um dessen Gunst wir so eifervoll, gebuhlt, steht vor uns mit zahlreicher Suite/ ' In den Reihen Esaus selbst entstehen uns Freunde, die, entrüstet über die Grausamkeiten und Gräuelthateu, die an uns Juden ungestraft verübt werden dürfen, sich freiwillig in den Dienst unserer gerechten Sache stellen, sie vereinigen sich zur „Abwehr des Antisemitismus". Geben wir uns aber keiner Täuschung hin, noch lange ist nicht die Sonne des Aufklärung, der Bildung und Humanität auf Nimmerwiederuntergehen aufgegangen. Es wechselt Tag mit Nacht, Licht mit Finsterniß, und Menschlichkeit mit Grausamkeit, Zartsinn mit Roheit. Wir sind noch weit entfernt von dem glücklichen Zeitalter des allgemeinen Friedens! Wie thöricht erscheint, es aber, wenn das schwache Lämmlcin von der glücklichen Verheißung Jesajas träumend sich einfallen läßt, von den wilden Tiger hinzutreten, mit dem Anträge auf Freundschaftsschließung! Welch ei» schnöder Berrath an der eigenen Sache, an der göttlichen Bestimmung Israels selbst liegt übrigens im Vorgehen der assimilatorischen Heißsporne im neuzeitlichen Judenthume, die ihre eigenen religiösen und nationalen Heiligthümer mit Füßen treten und, sich dcmüthigeud, die Rolle der Vorläufer der allgemeinen Anssöhnungs-Acra spielen möchten! Ist die reichhaltige Leidensgeschichte an Beispielen dafür nicht reich genug, daß die so oft angebotene Freundschaft der Juden eben so oft mit einer umso verstärkteren Verfolgungswuth von Seiten der Mitmenschen honorirt wird? Da sollte man füglich glauben, daß die Söhne Israels schon gewitzigt genug seien, um von' den sinnlosen antinationalen Bestrebungen endlich abzulaffen, und statt dessen sich lieber mit gezieniendem Pflichteifer auf die Wiederbelebung und Fortpflanzung des nationalen Geistes unter den in aller Herren Ländern zerstreuten Stammesbrüdern zu werfen. Zu unserer heiligsten Pflicht als Israeliten, gehört auch der unerschütterliche Glaube an die unverbrüchliche Zusage, daß Gott dereinst die gefallene Tochter Zions wieder aufrichten und die jüdische Nationwieder h e r st e l l e n wird,, zum Heile und Wähle der ganzen Menschheit! Wir dürfen nur keinen Muth verlieren, obgleich uns die traurigen Ereignissen über den Kopf gewachsen zu sein scheinen. Verzage nicht, mein Volk! Inmitten der Stacht des Wahnes und der Verfolgung leuchten uns die goldenen Trostworte entgegen, die der hocherhabene Stifter der israelitischen Religion segnend vor seinem Hinschciden an sein Volk richtete: „Wohl Dir, Israel! — Wer ist Dir gleich! Oh, Du glückliches Volk, 'dem der Ewige selbst Beistand leistet! Er ist Deiner Hilfe Schild, und Deiner erhabenen Siege Schwert; Deine Feinde hintergehen Dich — Du aber wirst aufihren stolzen Höheneinherschreiten!" A. R e i s ch e r. S t a n i s l a u, Juli 1891. Griginal- Lorrespondenzen. Gesterreich-Mngarn. Horazdowitz, 3. August 1891. Ein Fräulein St., Inhaberin einer Mehlniederlage und Greißlerei ließ durch den jüdischen Advocaten Herrn Dr. G. eine lässige Schuldnerin vor die Schranken des k. k. Bezirksgerichtes in T., dem einzigen altcechischen Reichsrathswahlbezirke Böhmens, zitieren. Am 27. Juli a. c. fand nun die Gerichsverhandlung statt, zu welcher sich die Klägerin in Begleitung ihres Vertreters einfand. Schon im Vorsaale empfieng sie-die Geklagte mit den beleidigendsten Zurufen und Schmähungen und - setzte ihr echt antisemitisches Benehmen auch im Gerichtssaale in Gegenwart des amtierenden Beamten fort. Herr Dr. G. ersuchte nun den Herrn Adjuncten, die Frau in diegebürenden Schranken zu verweisenjedoch ohne Erfolg, was Herrn Dr. G. veranlaßte, das Amtslocal zu verlassen. Nun stürzte sich die rabiate Schuldnerin mit wahrer Berserkerwuth auf die beklagenswerthe Klägerin, überschüttete dieselbe mit einer Fluth von Schimpfworten und beschuldigte sie der betrügerischen und ausbeuterischen! Geschäftsgebahrung. Das Erscheinen eines k. k. Gerichts-