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Selbst-Emancipation · 1891-08-18 · Heft 16 (18.8.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 16 (18.8.1891)
Date
1891-08-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 16. S el b st - Em a n c i p a ti ö n. pflanzen gemacht,, als der Rose (Rosenöl,) der Baumwollenstaudc, des Safran, des Anis u. s. w. Die sumpfigen Stellen werden drainirt und durch Pflanzung von Eucalyptusbäumen astanirt, die Sandschichten gefestigt. Und alle diesen grandiosen Arbeiten werden ausschließlich von j üdif chen Händen unter Leitung jüdischer Fachmänner, ausgeführt. Auf den neu zugekauften Grundstücken werden sogleich kleine Ansiedlungen neu angelegt und mit allem Nothwendigen versorgt. Solcher Tochtercolonien zählt Sichron Jacob jetzt vier: S a in a r in,© chw 6 , Um - el - De m a l und Tantüra mit 15 Häusern. Mt der Zeit werden diese Nebendörfchen untereinander und mit der Centralcolonie vereinigt werden, um eine große Hasencolonic zu bilden. Die Zahl der Ansiedler, welche im Jahre 1882 sich aus etwas über 300 belief und im Jahre 1884 auf 180 gesunken war, wächst seitdem von Jahr, zu Jahr. Im August 1890 betrug sie 770 Seelen; davon sind: Colonistenfamilien 548 Seelen ledige Colonisten 30 „ Taglöhner 62 „ Handwerker und Krämer fammt Familien 64 „ Verwaltungspersonale 66' „ Die Colonistenfamilien zählen 177 Männer, 177 Frauen und 194 Kinder. Die ledigen Colonisten, sogenannte »Eleves - colons«, bilden eine neue, seit 1887 errichtete Elaste. Für jene Söhne der verheirateten Colonisten, welche hier die Knabenschule absolvirten, sind specielle praktische, landwirthschastliche Curse eingeführt. Die jungen Leute arbeiten drei Jahre unter der Leitung der drei Coloniegärtner; nachher bekommen sie von der Verwaltung je ein Stückchen Boden fammt Einrichtung und werden auf solche Art selbstständige Colonisten. Taglöhner werden dadurch nötig, daß die Administration immer große Arbeiten aussühren läßt, zu welchen die verfügbaren^ Arbeitskräfte der Colonie nicht ausreichen. Es kommen daher auch fremde Taglöhner hin, gewöhnlich 50 bis 100, zeitweise noch mehr. Pro Monat erhalten dieselben bei achtstündigem Arbeitstag 30 Francs und freies Logis in einem großen,, speciell für sie erbauten Wohnhause. Von Handwerkern gibt es in der Colonie: 2 Schmiede, 3 Steinmetze, 2 Zimmerlcute, 2 Wagner, 1 Blechschmied, 2 Schneider und 2 Schuhmacher. Das Verwaltungspersonale besteht aus dem Verwalter der Colonie, seinem Gehilfen, 2 Gärtnern, 1 Weinbauer, 1 Feldmesser, A Maschinenmeister; 1 Arzt, 1 Apotheker, 1 Chirurgen, 1 Hebamme; 3 Lehrern, 1 Lehrerin; 1 Rabbiner, 1 Schächter, 1 Vorbeter und 1 Bethaüs- Die Schule besuchen 55 Knaben und 40 Mädchen (separat). Die Un t er ri ch tssprach e isthebräisch. Die Ünterrichtsgegenstände sind: Hebräisch (besonders sorgfältig, 2 Lehrer), , arabisch, französisch, Arithmethik, allgemeine und t jüdische Geschichte, allgemeine und palästinensische Geographie, Handarbeiten. Sichron Jacob repräsentirt sich , mit seinen Getreidefeldern, Weinbergen und Pflanzungen als reiches, blühendes Dorf, mit seinen Wohlfahrtseinrichtungen als hübsches Städtchen. Seine Synagoge wäre die Zierde! so mancher kleinen europäischen Städte Jetzt ,.werden eine Dampfmühle, eine Wasterleitung und Gasbeleuchtung eingerichtet. Zu bemerken wäre noch, daß, sich in der Colonie zwei Wirthshäuser,, 5 Waarenläden, 1 .Bäckerei und eine kleine /.Fabrik für - -Bier und Limonade, befinden. Schließlich-hat auch Sichron Jacob seine eigenen Scheidemünzen,^) welche in der ganzen Umgebung wie die Staatsmünzen cursiren.**) ’_(Weitere Artikel folgen.) *)Ein Exemplar dieser Münze» liegt uns vor. Dasselbe hat beiläufig die Größe und die halbe Dicke eines McrkrcuzcrstückeS. Ans der einen Seite trägt es die hebräische Prägung fror, aus der anderen die französische Umschrift Zichron Jacob und die Werthbczcichnüng (nämlich Piaster.) Die Nied., **)DaS Angeführte hat nicht nur eine specielle, sondern weit mehr noch eine allgemeine Bedeutung. Es erhellt daraus mit unwiderleglicher Klarheit, daß der städtische Jude die Eignung zu schwerer physischer Arbeit und besonders zum Ackerbau besitzt. Ist das einmal festgestellt, dann ist die Colonisation Palästinas kein Kinderspiel, wie es von unseren reichen Käuzen und den. sogenannten Affimilanten bezeichnet wird, sondern ein praktisches, reales und zukunstsreiches Uuternehmcn. Wenn man mich aber auf die tausende meiner StammcSgenossen auS Rußland verweist, welche in diesem Momente in Jaffa und Jerusalem hungern, so verweise ich darauf, daß die fruchtbarsten Ebenen von Palästina brach liegen, — dieselben Ebenen, welche diesen unglücklichen Flüchtlingen ein Heim und Auskommen bieten könnten/ aber nicht bieten, weil die bemittelten Juden Westeuropas, keine Opfer bringen wollen. Würde eS ja nur . einer, kleinen Gabe seitens eines jeden vermögenden Stammesgenossen bedürfen, um die unglücklichen Hungernden von Jaffa und Jerusalem dem Elend zu entreißen, ihnen eine Existenz zu verschaffen, indem man sie im Lande ansäffig macht. Der Verfasser. Baron Hirsch nud Syrien. Nach der „Pos. Zeit." soll Baron Hirsch in neuester Zeit auch P ä l ä st i n a u n d S y r i e n in in .seine C ol on i s a ti o n sp länc m i teinbezogen haben. Das .sei auf englischen Einfluß, speciell auf seinen Abgesandten, den Engländer Mr. W h i.t e zurückzuführcn, welcher sich in seiner Denkschrift für .die Ansiedlung russischer Juden in den türkischen Mittelmeerländern, namentlich auch in Syrien und. Palästina ausgesprochen hat. — Es wäre erfreulich, wenn sich diese Nachricht bestätigen sollte; nach uns gewordenen privaten Mitthcilungen aus verläßlichster Quelle, über deren Details mir zu schweigen verpflichtet sind, können ivir diese Bestätigung in Aussicht stellen, wenigstens soweit es sich um türkisches Ansieblungsgebiet überhaupt handelt. Zudenchum und Socialdcmokratie in Deutschland. Unter dem Drucke des Antisemitismus haben neuerdings viele Juden der Socialdemokratie ihre Sympathie zugewandt. Von ihr erhoffen sie die Erlösung der Menschheit und damit auch ihre eigene Erlösung. - Ob sie damit aber in der That ihre Erlösung erreichen werden, darüber mögeit hier einige Bemerkungen, über das Verhältniß der-Socialdemokratie.zum Judenthum im Deutschen Reiche einiges Licht verbreiten. - Der philosophische Standpunkt unserer Socialdemokraten. ist größtenteils der atheistisch-materialistische. Die Abneigung. gegen den Gottgedanken überträgt sich auch bei ihnen gerade wie bei Nichtsocialisten gleicher, philosophischer Richtung — ich erinnere nur an V o l t a i.r e, Feue rbach, Schopenhauer — sehr leicht auf die Schöpfer und eigentlichen . Träger des großen Gottgedankens, auf uns, das jüdische Volk. Der Haß gegen unsere Weltanschauung steigert. dann oft hier noch den schon an sich bestehenden arischen Racenhaß. in höchstem Maße. Das. beste .Beispiel dafür bietet der. frühere Socialdemokrai und jetzige Antisemit D uh r i n g, der die Lösung der Judenfrage mit „Vernichtung der Inden äüs der Welt" entscheidet, ist aus keinem anderen Gründe als aus einem Streite mit L i e b k n e ch t um das Principal in der Fraktion aus der socialdemokratischen Partei ausgeschieden. Aber es gibt auch noch andere Berührungspunkte zwischen Antisemitismus und d r Socialdcmokratie. Stöcker hat in seinen Versammlungen den amvesenden Socialdemokraten oft genug zugerufen: „Wenn Sie das Capital bekämpfen wollen, dann müssen Sie zuerst das Judenthum bekämpfen"; „und das thun wir auch", scholl ihm da aus den Reihen der Socmldemokraten gleichfalls oft genug zurück. Der Haß gegen das Judenthum und das jüdische Capital geht denn auch in der That bei den Socialdemokraten inaitchmal etwas weit. Ich habe bereits in einem früheren Aufsatz in der „Selbst-Emancipation" davon erzählt, daß die Nationallibcralen gegen die Freisinnigen die Beschuldigung der Unterstützung der Wahl des Antisemiten Werner ansgesprochen hätten; ivie mir nun vor kurzem aus einem Einblick in die Zahlen der für die einzelnen Candidaten abgegebenen Stiminen in dem betreffenden Wahlkreise (Hofgeismar-Rinteln)*) klar geworden ist, müssen thatsächlich in der Stichwahl nicht bloß die Freisinnigen, sondern auch die Socialdemokraten für Werner gestimmt haben. Denn ivährend im ersten Wahlgange der Antisemit 3314, der Nationalliberale 4812 der Freisinnige 1894, der Socialdemokrat 2715 Stimmen erhielten, bekam bei der damit zwischen den beiden ersten Candidaten nothivendig gewordenen Stichwahl der Antisemit 8978, der Nätionalliberale 4855 Stimmen. Offenbar war den Socialdemokraten der das jüdische Capital bekämpfende Antisemit weit genehmer als der nationalliberale Vertreter der Capitalisten überhaupt, der aber wenigstens die Gleichberechtigung der Juden nicht aufheben will. So sehr also steht den Socialdemokraten der Haß selbst nur gegen den jüdischen Besitz höher als die von ihnen gleichfalls — aber freilich meist nur nebenbei — gepredigte Gleichheit aller Menschen und Verbrüderung aller Völker. Es ist das mit der „Verbrüderung aller Völker" überhaupt ein eigen Ding bei unseren Socialdemokraten. Ich ivill davon aus einer socialdcmokratischen Versammlung erzählen, der' ich ungefähr vor einem Jahre in Halle .an der Saale beigewohnt habe.' Diese Versammlung war dadurch veranlaßt worden, daß die Antisemiten einen Vortrag über „Judentum und Socialdemokratie" angekündigt hatten. Schnell beriefen die Halleschen Socialdemokraten telegraphisch einen Reichstagsabgeordneten aus Berlin; man schickte ihnen Herrn S ch w a r tz, den Vertreter von Lübeck. Derselbe sollte in Halle über „Antisemitismus und Socialdemokratie" reden. Nachdem aber dieser den Antisemitismus nur kurz gestreift und sich darauf in langen Lobeserhebungen der Socialdemokratie'ergangen und sodann gegen ihn ein antisemitischer Student gesprochen hatte, erhob sich der socialdemokratische Gastwirth M i t t a g. „Meine Herren," so begann er pathcthisch seine an die amvescuden Antisemiten gerichtete Rede: „Wir beide sind Extreme: Sie predigen den Rassenhaß, wir die Völkerverbrüderung?' Dann aber glaubte er, wie er sich ansdrückte, „Gerechtigkeit" walten lasten zu müssen: die Gerechtigkeit, so sagte er, erfordere es zuzugcstchen, daß der Jude allerdings „raffinierter" sei als die anderen .Völker: aber mit Ausnahmegesetzen richte man gegen „Raffiniertheit" nichts aus. Gerade im Gegenteil, die Verteilung der Juden in den verschiedenen Ländern zeige deutlich, .daß der raffinierte Jude am liebsten nach den Ländern ziehe, wo er wie in Rußland die gegen ihn bestehenden Ausnahmegesetze durch seine Raffiniertheit am *) Mitgeteilt in. dem von „Verein zur Abwehr des - Antisemitismus" herauSgegcbcnen „Antiscmiten- Spiegel", 1. Lieferung, S. 21.

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