Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 16 (18.8.1891)
- Date
- 1891-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Selbst-Emancipation. Seite 3. nannten und bekannten Niederlassung der Vorrang vor allen anderen palästinensischen Colonien gebührt. In keiner derselben, Ri schon l'Zion und G'derah inbegriffen, Haben aber auch jüdische Hände so Kolossales geleistet, nirgends so viel natürliche Hindernisse überwunden, als gerade hier. Wo tausende deutsche oder russische bei schwerer Feldarbeit großgezogene Bauern schon längst ihre Mühe aufgegeben und sich nach allen Seiten zerstreut hätten, hielt eine kleine Schaar schwächlicher Stadtjuden, die bisher nur mit dem Kopfe gearbeitet hatte, tapfer ans und brachte es zu den glänzendsten Erfolgen. Sie legten dadurch vor aller Welt Zeugniß ab von der Vielseitigkeit der Fähigkeiten der Juden, die heute ebenso tüchtige Ackerbauer sind als sie gestern kluge Krämer und geschickte Handwerker waren. Andererseits hat auch keine jener sechs Colonien, welche im Gegensätze zu den übrigen Niederlassungen unter dem Schutze des bekannten Protectors*) stehen, von diesem soviel wohlwollende Fürsorge erfahren, als gerade Sichron Jacob, das er äußerst freigebig mit Grund und Boden, Häusern und verschiedenen Einrichtungen ausstattete. So hat sich Alles vereinigt, um S i ch r o n I a c o b an die Spitze sämmtlicher jüdischer Colonien Palästinas speciell und der Erde überhaupt zu stellen. Sichron Jacob wurde im September 1882 unter dem Namen ,,S ch o m r o n" (filvL» arab.: „Samarin") von siebzig jüdischen Familien aus R u m ä n i c n gegründet. Den Boden, im Ausmaße von 600 Dunam (540 Hectar) kaufte der Beyruther Banquier, .Herr F r a n ck auf Rechnung des damaligen Galatzer „Centralcomitäs" um 51000 Francs. Nach Besiegung von mancherlei seitens der türkischen Behörden, welche die europäische Einwanderuag mit scheelen Blicken ansahen, entgegengesetzten Hindernissen, gelang es den siebzig Colonistensamilien endlich, in C h a i f a ans Land zu gehen. Dort wurden nun vorläufig die Frauen und Kinder zurückgelassen, während die Männer sofort nach dem für sie bestimmten Grundstücke eilten. Binnen kurzer Zeit gelang es ihnen, 2000 Dunam Boden von Gestrüppe und Steppengrase frei zu machen, einige Hectar mit Weizen zu besäen, einen großen Gemüsegarten anzulegcn, 3 bis 4 seit unvordenklichen Zeiten verschüttete Brunnen zu öffnen und endlich die nothwendigen Wege zu bahnen. Inzwischen war der Winter hereingebrochen, welchen die Ansiedler hungernd in einigen von den 'Arabern zurückgelassenen Lehmhütten und in 2 bis 3, wie es eben ging, zusammengestoppelten Zelten verbrachten. Im darauffolgenden Frühling säeten sie ein wenig Mais, Sesam und Moorhirse, legten den ersten Weinberg von 30.000 Reben an, machten sich für den bevorstehenden Häuserbau einen Vorrath von Steinen, Kalk und Sand und bauten ein Reservoir für Wasserabfluß aus dem oft austretenden Bache. Da der Zugang zu der inmitten felsiger Berge liegenden Colonie sehr große Schwierigkeiten bot, unternahmen es die Colonisten eine Chaussee bis zu dem 20 Kilometer entfernten Chaifa anznlegen. Anfänglich bestand die Absicht, für dieses Werk einen Ingenieur kommen zu lassen. Da man aber einem solchen mehrere Hunderte Francs hätte bezahlen müssen, von welchen, die Colonisten nicht einmal noch den ersten Centime hatten, beschlossen sie, den Weg ganz selbstständig zu bahnen. In drei Wochen hatten sie dann eine Chaussee fertig gestellt, wie sie besser kein Fachmann hätte zusammenbringen können. . Während aller dieser schweren Vorbereitungsarbeiten hatten die Ansiedler ungemeine Entbehrungen und in Folge dessen entkräftende *)Edmund B a r o n R o t h s ch i l d in Paris. Die Redactton. Krankheiten zu ertragen. Die vom obenerwähnten Centralcomitä ausdrücklich zugesagte Hilfe, im Vertrauen auf welche die Leute ohne einen Heller ihr Colonisationswerk begonnen hatten, blieb aus. Die Mittel des Comitäs waren nämlich schon zur Zeit der Ankunft der Colonisten in S ch o m r o n vollkommen erschöpft gewesen. Da besuchte der bekannte Herr Veneziani im Juli 1883 die Colonie und empfing die besten Eindrücke von der Leistungsfähigkeit des Bodens und der Eolonisten. Nach einem vergeblichen Versuche, bei den rumänischen Comitäs etwas für die Colonie zu erlangen, wandte er sich mit Hilfe des Oberrabbiners von Paris, Herrn Zadoc Kahn an den bekannten Wohlthäter. Derselbe erklärte S ch o m r o n unter seinen Schutz nehmen zu wollen und entsandte sofort seinen bewährten Vertreter und Mitarbeiter, Herr Elias Scheid nach der palästinensischen Colonie, wo derselbe raschOrdnung und Zufriedenheit zu schaffen wußte. Vor allem setzte Herr Scheid sämmtlichen Colonisten eine Unterstützung von je 12 Francs für jedes Familienmitglied pro Monat aus, und konnte folglich auch verfügen, daß die wegen Nahrungsmangel eingestellten Arbeiten wieder ausgenommen würden. Dann ließ er noch einen Verwalter, einen Gärtner, einen Arzt und einen . Apotheker kommen, und verließ nach dreimonatlichem Aufenthalte die Colonie. Bald nach seiner Abreise gelangte die behördliche Bewilligung des Häuserbaus herab. Die Colonisten giengen nun sofort an die Arbeit, mußten aber noch am Anfänge derselben stehend, sie über plötzlichen Befehl der türkische Behörden wieder einstellen. Bald erfuhr man den Grund hievon. Der Galatzer Banquier und Präsident des dortigen Centralcomitä, Herr Isidor L ö b e l, auf dessen Namen der Boden von S ch o m r o n gekauft worden war, war gestorben, ohne Erben zu hinterlassen. Hiedurch war nach türkischem Gesetze die Colonie ins Eigenthum des Staates übergegangen. Kaum war diese Kunde nach Paris gelangt, reiste Herr Scheid sofort nach Constantinopel ab und es gelangt ihm hier nach vielen Anstrengungen und bedeutenden Kosten, S ch o m r o n wieder den Colonisten zurückzugewinnen. Die neuen Jmmissionsacte lauteten auf den Namen eines höheren Beamten des Wohlthäters. Von dieser Zeit an erhielt die Colonie einen neuen, ihren jetzigen Namen Sichron Jacob („Andenken an Jacob", den verewigten Vater ihres Protectors.) Herr Scheid erhielt auch eine neue Häuserbaubewilligung. Weil es aber gerade Winter war, man also für den Augenblick nicht daran denken konnte, Häuser zu bauen, andererseits die Colonisten durch ihre zweijährige Obdachlosigkeit bereits sehr abgequält waren, entschloß sich Herr Scheid, unverzüglich 60 fertige,^ zerlegbare Holzhäuser nach der Colonie zu schaffen. Diese Häuser wurden in Europa gekauft und auf einem Dampfer bis nach T a nt u r a, einem kleinen Landungsplätze bei S i chronJacob gebracht. Im Winter stellte man die Häuser zusammen und im Frühjahre 1885 übersiedelten die letzten in Chaifa weilenden Frauen und Kinder der Colonisten in die Colonie. Seitdem nimmt dieselbe eine regelmäßige und schöne Entwicklung, bis sie sich schließlich zu ihrer gegenwärtigen Blüthe entfaltet. Sichron Jacob befindet sich auf einem der südöstlichen Ausläufer des Karmelgebirges, über dem Hafenorte T a n t u r a (im Alterthum „D o r",) 5 Stunden von C h a i f a und 15 Stunden von I a f f a entfernt. Die Colonie selbst sammt ihren Zweigansiedelungen liegt an den Bergen, in einer Höhe von 300 bis 400 Meter, die Pflanzungen befinden sich an den Abhängen, die Aecker in den Thälern. Die s ganze Gegend ist an Wald, Gestein und Wasser l reich. 180 Hectar des Bodens von Sichron Jacob sind bewaldet, (Eichen und Ölbäume.) Steine, sowie Kalk und Sand gibt es so viel, daß sich das Bauen nur auf 16 bis 17 Piaster (l % fl. oft. Währ.) per Quadratmeter stellt. Die Colonie zählt 9 ergiebige Quellen mit vortrefflichem Trinkwasser, dem die Araber auch Heilkraft zuschreiben. Der Boden ist, von Steinen gereinigt, äußerst fruchtbar. Jedes 10. bis 12. Korn der Weizen- und jedes 12. bis 15. Korn der Gersteaussaat wird geerntet. Die halbtropische Flora ist durch ihre besten Repräsentanten vertreten, als: Orangen-, Citronen-, Paradiesäpfel-, Granaten-, Mandel- und Feigenbäume. In erster Linie ist jedoch der Boden von S i chr o n I a c o b für den Weinbau geeignet. Das milde Küstenklima erinnert an das gesegnete Süditalien. Die Thermometersäule steigt nie höher als bis 32" Reaumur, im Winter fällt sie selten bis zum Gefrierpuukte. Die Aussicht von der Colonie und ihrer Umgebung ist eine geradezu bezaubernde. Der Blick schweift über das blaue Mittelmeer, über den dichten Wald von Umel-Djemal, über die Weingärten an den Bergabhängen und die Getreidefelder in den Thälern. Die Muttercolome bildet eine gerade, 600 Meter lange und 20 Meter breite Straße, welche auf beiden Seiten von 84 Häusern, darunter 30 aus Holz und 54 aus Stein, eingefaßt ist. Jedes Colonistenhaus besteht aus zwei. Zimmern und einer Küche, hat einen geräumigen Hof, einen Stall, ein Hühnerhaus und einen Gemüsegarten. Sämmtliche Höfe, Gärten und Pflanzungsanlagen sind von dicken Steinmauern umschlossen. Der ganzen- Straße entlang sind Maulbeer-, Mandel- und andere Bäume gepflanzt. Im Mittelpunkte der Colonie befinden sich die hübschen Wohnhäuser der Verwaltungspersonen und die größeren Gebäude der Synagoge, der Schule und der Apotheke. Ettvas seitwärts liegen eine Baumschule, ein öffentliches Wohnhaus für Taglöhner, eiu Krankenhaus, ein Bad, eine Pferdemühle, ein Schlachthaus u. s. w. Angesichts der stets zünehmenden Anzahl der Colonisten kauft ihr Beschützer Jahr für Jahr in der Umgebung Boden zu. In Folge dieses succeffiven Zukaufens stieg der Flächeninhalt des Bodens der Ansiedlung von den ursprünglichen 540 Hectaren auf 1876 Hektare. Ebenso wächst auch der Flächenraum des b ebauten Bodens, und zwar sind bebaut worden : im Jahre 1882 — 8 Hectar „ „ 1883 — 30 „ „ „ 1884 — 75 „ „ „ 1885 — 224 „ „ „ 1890 — 574 „ Von diesen 574 Hectar dienen 506 dem Getreideban und die übrigen 68 dem Weinbau (224000 Reben.) Da aber die sechsjährige landwirthschaftliche Erfahrung in den Colonien die bedeutend größere Einträglichkeit des Weinbaus und der Pflanzungen im Vergleiche mit dem Anbau von Getreide erwiesen hat, wird jetzt alljährlich immer mehr Boden der Colonie dem Feldbau entzogen und der Wein- und Obstcultur zugeführt. Dem zu Folge wird Sichron Jacob binnen zwei bis drei Jahren mindesten eine Million Reben und Obstbäume besitzen. Besondere Aufmerksamkeit wird jetzt der Pflanzung amerikanischer, gegen die Reblaus immuner Reben, der Cultur der Maulbeer- und Oelbäume sowie anderer Industrie- und Handelspflanzen zugewendet. Wahrhaft bewundernswerth ist die Thatkrast, der Unternehmungsgeist und die großartige Freigebigkeit, welche der Protector der Colonie in den letzten Jahren an den Tag legt. Weite Strecken Stein- und Sandbodens werden mit Riesenmühe in Gärten, Weinberge und Plantagen verwandelt; ununterbrochen werden Versuche mit der Acclimatisirung der werthvollen Handels-