Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1891-08-03 · Heft 15 (3.8.1891) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 15 (3.8.1891)
Date
1891-08-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092739-3092754--0714-3093696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 15. (Aus Paris) wird der „H a z e f i r ah" aus sicherer Quelle gemeldet, daß der (von uns in Nr. 12 mitgctheilte) Plan des Baron Rothschild, einen größeren Grundcomplex im O st j o rE a n l a n d e. jii kaufen, der Realisirung nahe ist. Der Boden wird sich nicht, wie anfangs beschlossen war, am Genezareth- S c e, sondern südlich von demselben, angrenzend an G i l ead, befinden. Eingeborene Palästinensische Juden sollen in erster Linie in die neue Colonie aufgcnominen werden. Es ist Aussicht vorhanden, daß noch andere Finanzmänner sich mit Rothschild zum Ankauf dieser Ländereien vereinigen werden. (Die Ethrogim- Frage). Fast alle Rabbiner der Welt haben übereinstimmend den rituellen Gebrauch der korsischen Ethrogim verboten und den der palästinensischen empfohlen. Der „H a o r" in I e r u s a l e m weiß nun zu berichten, daß nach dem Urtheile palästinensischer Ethrogimhändler das heilige Land auch gegenwärtig 60000 Ethrogim zu liefern im Stande ist, in einigen Jahren jedoch die Colonien schon große Mengen derselben liefern werden. Den für Heuer voraussichtlichen Mangel möge man dadurch wett machen, daß vorläufig mehrere zusammen einen Ethrog kaufen, und jeder, der sonst einen separaten Ethrog sich anschaffte, das diesmal ersparte Geld den Colonien zuwende.' Ein solches Vorgehen würde gewiß gottgefällig sein. Wir können diesen Vorschlag des „Haar" nur gutheißen. (Ju Ungar«) erscheint wieder ein antisemitisches Organ: „Függetlcn ll j s a g", Redacteur ist der berüchtigte Verhovay, einst Redacteur des ciugcgangeuen „Függetlense g". (Zuriickgckehrtc Auswanderer). In Bremen sind 200 rusiische Juden auf der Rückreise aus Brasilien angclangt. Alle schildern die ausgestandenen Leiden in erschütternder Weise, und ihr Aussehen bestätigt die Wahrheit ihrer Erzählungen. — Die Rückwanderung aus 'Nordamerika nimmt erschreckende Dimensionen an: alle deutschen Grenzcomitös wissen davon zu berichten. Der russische Konsul in New' Ijork erhält von zahlreichen Juden Bittgesuche um Unterstützung zur Rückkehr nach Rußland, (Ein intcreffantcs Projekt) wird im „Israelit und Jeschurun" durch einen Correspondenten desselben der jüdischen Welt unterbreitet. In A b e s s ynicn wohnen 300.000 Fallaschas, ein dem Glauben und vielleicht auch der Abkunft nach halbjüdischer Siamm. Sie sind geknechtet und gedrückt und leben auch in traurigen materiellen Verhältnissen. Nun verlangen dieselben von den Juden des Abendlandes, daß diese eine jüdischafrikanische Gesellschaft bilden, welche von der italienischen Negierung, die in der Nachbarschaft jetzt große Gebiete beherrscht, Ländereien ankaufen soll, um darauf Fallaschasdörfer und Meiereien anzulegcn. Es würde sich dies auch als eine gute Speculation Herausstellen. — Wir unsererseits sind gar nicht dagegen, daß man sich gegenüber den Fallaschas-liebevoll-erweise, denn im Grunde kann es ja nicht schaden, wenn unserem-Volke manche frische Kräfte jugeführt-werden. Aber wir-glauben,:daß man je tz t, wo/ wir mit unseren e i g e n t- ' Li ch e ii Stammes- und Glaubensgenossen so viel zu thun /haben, nicht mit solchen exotischen Plänen die kostbare Zeit verlieren soll. Anders in ruhigeren Zeiten. Dann wird man übrigens im heiligen, Lande Platz für eine größere Anzahl von Fallaschas finden können. (In Rumänien) finden ln den Bezirken Botin s ch a n und D o r o h o i Austreibungen von Juden aus den Dörfern ä la Rußland statt. Auch hat der . Minister des Innern, Lascar Catargiu, einen S e l b st - E m a n c i .p a t t o n. Circularbefehl an die Präfecten erlassen, dahin lautend, daß alle „verdächtigen" Menschen aufgegriffcn und in ihre Heimat expedirt werden sollen. Merkwürdiger Weise sind bis jetzt als solche „verdächtige" Menschen lauter jüdische einheimische Handwerker aus der Moldau betrachtet worden. (Mr. Arnold White) hat einen eingehenden Bericht über die von ihm auf seiner russischen 'Reise gemachten Beobachtungen ianr seiuen Auftraggeber, Baron Hirsch, erstattet. Da die' meisten Tagesblätter diesen Bericht vollinhaltlich oder auszugsweise Wiedergaben, so können wir uns die Publikation desselben, der sehr umfangreich ist, füglich ersparen. Derselbe enthält übrigens sehr viel des Interessanten und Anregenden. Wir erfahren aus demselben, -daß die russischen Juden zum Ackerbau alle Anlagen haben. Während nämlich die russisch-jüdische Städtebcvölkerung körperlich herabgekommen ist, finden sich nach Mr. White im Gouvernement Ch e r s o n 30.000 Jude», welche er alseine „thätigc, sonnverbrannte, muskulöse, ackerbantreibendeBevölkerung mit allen Kennzeichen eines aufstrebenden Bauernstandes" bezeichnet. Da die betreffenden Ackerbaucolonien erst unter Kaiser R i c o l a n s angelegt wurden, so folgt daraus, daß die russischen Juden das.Zeug besitzen, sich innerhalb einer Generation aus physischer Zerrüttung zu gesunder Kraft emporzuschwingen. In: Ganzen hält White 20 Pcrcent der erwachsenen männlichen russischen Juden zur jetzigen Zeit physisch geeignet, die Anstrengungen zu ertragen, welche mit einer 'Niederlassung in einem neuen Lande verbunden sind; es sind dies außer den angeführten 30.000 Bauern 300.000 Arbeiter, von welchen er als Beispiele die 10.000 Arbeiter und Handwerker von Berditsch e w, die Hafenarbeiter von Odessa, die Kornträger von N i c o l a j e w und die mindestens 4000 Feldarbciter von Kreme ntschug anführt. Wir glauben, daß man vorderhand in dieser Drittclmillion jüdischer Männer genug Material zu Colonisationszwecken hat, und daß man für neue Schübe in späteren . Jahren die zurückblcibenden Juden durch entsprechende Erziehung — Mr. White schlägt Ackerbauschulen vor — reif machen kann. Der Abgesandte des Baron Hirsch kommt auch darauf zu sprechen, daß zwei Momente, das hochentwickelte nervöse Tempera- . ment, und die .ungemein moralische Führung der Juden deren Muskelarmuth compensiren und sie zur Aushaltnng von Strapazen in hohem Grade befähigen. White meint; „Wenn M u t h, moralischer Math, H o f fnunng, Geduld, Mäßigkeit gute Eigenschaften sind, dann sind die Juden ein tüchtiges Volk. Solch ein Volk ist unter weiser Leitung bestimmt, jede gut organisirte Colonisirung zu einer erfolgreichen zu gestalten, ob dies in Argentinien, in Sibirien oder Südafrika geschehe." In Bezng auf den letzten.Passus sind wir anderer Anschauung. Zu der eigenen Tauglichkeit müssen auch günstige äußere Umstände und Vorbedingungen hinzukommen, und diese glauben wir aus oft erörterten Gründen nur in P al ä st i n ä gegeben, welches White nicht einmal der Aufzählung later pures für würdig hält.*) — Zum Schluffe gibt der Sendling des Baron Hirsch noch einige bcmerkenswcrthe Anregungen betreffs der Organisation der Auswanderung, namentlich der Bildung von Auswanderungs-Comites in allen Städten. Nicht nur diese Anregungen, sondern auch der Rath, das erste Contigent für die Colonisation.de» Ansiedlungen des Kaiser Nicolaus, die jetzt ebenfalls unter Verfolgungen zu leiden haben, zu entnehmen, sollten auch die „ZionSfreunde" für ihr Werk beachten. (Aus Rußland.) Ani 27. Juli lief nach einer Meldung des „N o w o j e W r e m.j a" die den unge- . setzlichinP et e r s b u r g lebenden Juden gewährte F r i st zur Rückkehr in den Ansiedlungsrayon ab. — Ein definitiver Justizministeralerlaß bestinimt, daß zum *)Andererseits weiß ein Jude aus dem Gouvernement Polt awa in der Jerusalemer „Habazeleth" zu erzählen, daß White auf seiner Reise mehrmals gesprächsweise habe durchblicken lassen, daß er auch demnächst Palästina besuchen werde. Die 'Red. Seite 7. Christenthume übertretene RechtsanwaltS-Gehilfen erst drei Jahre nach ihrem Glaube n S w e ch s e l in den Vollbesitz ihrer Standesrechte gelangen. Dieser Erlaß bezeichnet den Ausgleich der bekannten auf die rechtlichen Folgen des Uebcrtrittes bezüglichen Differenzen zwischen Negierung und Synode- — Aus Petersburg wurde ein jüdischer Greis, der 30 Jahre Soldat gewesen und hiedurch das Aufcnthaltsrecht in der Hauptstadt erworben hatte, ausgewiesen, weil er um seine zum Christenthume übertretene Tochter die Todtentrauergebräuche einhirlt. — Ein Moskauer Spitalarzt, der in Verletzung einer unlängst ergangenen Verordnung einer jüdischen Frau ärzliche Hilfe leistete und für eine Nacht Nnterkoininen im Krankenhause gewährte, erhielt dafür einen strengen Verweis. Nach Erlaß der erwähnten Verordnung wurden halbsterbende Juden auf die Straße gesetzt Literarisches. Der Wecker betitelt sich die zweite Agitationsbrochüre (2. und 3. Band der Volksbibliothek) des Leinberger national-jüdischen Vereines „Zion" in deutschjüdischem Dialecte. „Der Werker" übertrifft noch die erste Enuntiation des Vereines, den von uns seinerzeit besprochenen „Kanczug", an gerade im Jargon so wichtigen drastischen Redewendungen und an innerem Gehalle. Man sieht ans dem Büchlein, daß die Lemberger Gesinnungsgenossen etwas zugelernt haben, namentlich auch, was die Theorie selbst betrifft. Der Zionsgedanke ^ritt scharf und in erster Linie hervor, während er noch im „Kanczug" hinter den, abstracten „Nationaljudenthum" ein wenig zurückstand. Auch ist diesmal die Unklarheit vermieden, welche im „Kanczug" bezüglich der jüdischen Nationalsprache gelassen wurde, so daß sich damals böswillige Gegner fanden, welche unserer Partei zumutheten, das Judendeutsch zur 'Nationalsprache erheben zu wollen. Dicsmals ist als solche deutlich die hebräische Sprache bezeichnet worden, und nur um de» populären Ton zu treffen, findet auch der Jargon Berücksichtigung. Ebenso kann es gegen Verleumdungen sichern, daß im „Wecker" der bildungsfreundl Ich e Charakter unserer Partei zu Tage tritt. Biel gewinnt dos Heftchen auch dadurch, daß cs seine Gedanken im Rahmen einer Erzählung bietet. Wir wünschen dem „Wecker", daß er seinem Namen Ehre mache' „Nowa Judea czyli praktyczne zalaturenic kwestyi zydovvskiej“. (Neu-Judäa oder die practische Lösung der Judenfrage) von Omega, 1887. Der Verfasser, ein polnischer Christ, hat sich in diesem Werke zur Hauptaufgabe gestellt, die Colonisationsfrage zu lösen. Es sollen, meint er, alle Juden nach Amerika auswandern, um dort nach seinem Recepte ein selbstständiges Gemeinwesen zu bilden. Als Gründe für diese Auswanderung gibt er die immer fortschreitende antisemitische Bewegung an und bringt damit. die Ausbeutung (!) seitens der armen also unproductiven (!) Inden in Verbindung. Er verquickt auf eine eigenthümliche Weise die Judenfrage mit dem socialem Problem der Gegenwart, welch' letzeres dadurch endgiltig gelöst werden soll, daß durch die Auswanderung der Juden aus Europa die Zahl der auf Ausbeutung angewiesenen unproductiven Arbeitskräfte um ein Erhebliches vermindert und eine schädliche Concurrcnz bei der durch Angebot und Nachfrage stattfindenden Regelung der Arbeitslöhne beseitigt werde. — Wenn wir aber auch von den socialwissenschaftlichen Seltsamkeiten des V. absehen, so lassen auch seine Auseinandersetzungen auf dem Gebiete der Lösung der Judenfrage Vieles zu wünschen übrig. Vorerst drängt sich von selbst die Frage auf: „Warum soll das Zukunftsg. biet der jüdischen Nation Amerika sein und nicht Palästina? Der V. nimmt sich nicht einmal die Mühe, darauf näher einzugehen, er verweist uns nur auf eine sehr unklare Autorität, die irgendwo Palästina „daS Land der Dürre und schweren Arbeit"*) genannt haben soll. — *)Vlcke dagegen den Artikel „Zur Aufklärung über Borurtheile gegen Palästina",Nr.14der „S^E."1891.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.