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Selbst-Emancipation · 1891-08-03 · Heft 15 (3.8.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 15 (3.8.1891)
Date
1891-08-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. S e lbst-Emancipation. Nr. 15 ^emitismus überhaupt schließen; hier hat mau nun einen ziffcrmäßigen Beleg aus dem Deutschen Reiche dafür. — ' Nußland. Kischineff, den 14. J»li 1891. Die Zeitschriften bringen immer neue Nachrichten von traurigen Beschränkungen Schon sehen wir überall in Rußland eine Menge junger Leute, welche nach Absolvirung der Mittelschulen ttotz guter Zeugnisse ohne Beschäftigung zu Hause sitzen muffen, weil man in die höheren Schulen nur einen getviffen Procentsatz Juden aufnimmt. Nur die Neichen, die Mttel haben, »ach dem Auslande zu fahren, sind in ihrem Bildungsgänge nicht gehemmt. Die Chancen der Aufnahme in eine inländische Hochschule sind so gering, daß die Armen nicht einmal die Reise nach der Universitätstadt riskiren wollen und ihre Zeugnisie per Post hinschicken. Stoch schlimmer ist die Lage der bereits absolvirten Juristen. Was, haben die meisten ausstehen müssen bis sie so weit gekommen sind, und nun stehen sie da, und wissen nicht, was thun! Die Dorfleute, die selten ihre Kinder studircn lassen, sowie die Reicheren, welche Mittel haben, sie nach dem Auslande zu schicken, fühlten hier in Bcssarabien im Allgemeinen nicht den Jammer der Unglücklichen mit. Erstere haben sich wohl für die Angelegenheit gar nicht interessirt, letztere wieder ließen das Interesse nicht bis zur Tasche gehen, indem sogar manche meinten, daß Bildung nur reichen Leuten paffe. Interessanter wurde es erst für die große Atasse der beffarabischcn Juden, als man die Juden aus den Grenzdörfern verttieb. Bcssarabien liegt an einer Ecke des Reiches, so daß dieses von einigen Seiten die Reichsgrenze hat. Es wurden also die Einwohner vieler Dörfer von der Ausweisung bettoffen. Dort gab eS arme, dem Mittelstände angehöttge und reiche Juden. Die Dorfarmcn, äußerst schlecht belohnte Arbeiter, sind vollends arm. Wenn solche Leute sich rühren müssen, so wird es zur Katastrophe. Aber auch die anderen Classcn, welche ihr Geld meistcntheils im Geschäfte oder unter den Bauern als Anzahlung auf das Brod haben, werden hatt mitgenommen. Der Bauer benutzt die gezwungene Abreise deS Juden zu gut. Er Beeilt sich mit der Auszahlung nicht und bietet für Häuser und Waaren Spottpreise. Mtt vieler Blühe und vielen Händedrücken gelang es einen Aufschub der Exccuüon des Ausweisungsbefehles bis. 11. Juli zu erlangen. Der dadurch erzielte Borthcil war sehr gering. Die Bauern wußten ja, daß die Juden die Dörfer endlich doch verlassen müssen, und so kam es, daß viele wohlhabende Juden von ihren Vermögen nur einen Theil retteten. Seit dem Winter hatten nun die Vertteibungen an, und werden rücksichtslos durchgeführt. Wäbrend viele be mittette Verjagte nach Amerika reisen, strömen die Armen in die benachbarten Städte, besonders hicher. Kischineff aber besitzt selbst eine große Menge jüdischer Armer, die kaum ihr tägliches Brod verdienen. Die hiesigen Reichen, (zumeist Wucherer), haben sich nicht die Frage vorgclegt, wie hier zu helfen ist, sie sind zu sehr mit ihrem „Ich" beschäftigt. Ephraimbcrg. England. London, den 18. Juli 1891. In der Vorhalle der spanisch - portugisischen Synagoge fand Montag, den 12» d. M. die erste Versammlung des Centtalverbandes der „Chovevei Zion Association" in Anwesenheit der Delegirten der Zweigvereine von East End, West. End, North London, Manchester, Edinburgh, Dublin, Limerick, S t o ck l o n und Sunderland statt. Auf Anttag des Vorsitzenden Mr. d'A v i g d o r wurde Mr. S. Montagu einstimmig zum Schatzmeister des Vereines gewählt. Die Herren d'Avigdor, Oberst Goldsmid und I. Prag wurden ermächtigt, mit dem rustisch-jüdischen Comitä in Verbindung zu tteten. Ferner wurde be-; schlossen, eine massenhaft zu verbreitende Aufforderung zuin Beitritt ergehen zu lassen und die Seelsorger der verschiedenen Orte zu bitten, die Angehörigen ihrer Gemeinden zur Gründung von Zweigvcreinen zu veranlassen. — Ein ungenannt sein Wollender hat der hiesigen „Chovevcj-Zion-Association" 1000 Pfuud Sterling gespendet. Der anonyme Spender soll Sebag-Montefiore sein. London, den 20. Juli 1891. Die englischen Dampfer „Car", „Orion" und „Theber" mit 1000 russ.-jüd. Auswanderern am Bord sind aus dem Wege nach Jaffa im Aufträge der türkischen Regierung angehalten und an der Weiterfahrl gehindert worden. Die englische Botschaft in Konstantinopel intervcnirtc mit dem Erfolge, daß die Schiffe schließlich doch passircn durften. Nach einer Meldung der „Times" erwirkte Baron Hirsch durch Mr. White bei der russischen Negierung die Abschaffung der kostspieligen Auswandererpässe und die Genehmigung zur Bildung von Auswanderungscomitees in ganz R u ßland. Türkei. (P a l ä st i n a.) Jerusalem, den 10. Juli 1891. Inder Colonie Sichron Jacob haben neuerlich viele jüdische Arbeiter Stellung gefunden. Der neue Leiter der Weinbereitung in der Colonie hob rühmend hervor, daß ein jüdischer Arbeiter in derselben Zeit doppelt so viel leiste, als ein arabischer. In derselben Colonie wird eine Kleinkinderschule gebaut, und wird in zwei Monaten ein Mädchen aus Paris eintrcffen, welches zugleich als Lehrerin und Kindergärtnerin fungiren wird. Ein großes, äußerst fruchtbares Stück Erde zwischen C h a i f a und Liberias ist neuerdings um 90.000 türkische Lire angekaust worden. Vor einigen Wochen ist in B e i r u t h ein Firman der Regierung cingettoffen, worin einem Wichim Essen di der Bau einer Eisenbahn von Beiruth nach Damaskus und von dort nach den Städten des Hauran concessionirt wird. Von dem Grunde Dschidra sind weitere 30.000 Dunam an Einzelläufer abgegeben worden. Das Verbot der Einwanderung russischem Juden bildet das Tagesgespräch. Der Erlaß dieses Verbotes wurde dem R. E l i e s c r und H. Nissim B eh a r, welche sich zum Pascha begaben, von diesem bestätigt. Die Einwanderung kann nur erfolgen, wenn eine diesbezügliche Genehmigung der Pforte eingeholt wird. Pilgerfahrten steht nichts im Wege, wenn Bürgschaft für die rechtzeitige Abfahrt geleistet ivird. Amithi. «Lhronik. („Wider die Palästina-Rekolonisation".) Das „B e r l i n e r T a g e b l a t t" und die „O e st e r r e i ch i s ch e Wochenschrift" haben sich veranlaßt gesehen, folgende Entgegnung aus die vielbesprochenen Ausführungen des Herrn S., der übrigens nach uns gewordenen Mittheilungcn der Berliner Rabbiner Dr. M a yb a u m sein soll, aus der Feder unseres Freundes und Mitarbeiters, Herrn Willy B a m b u s aufzunehmen: Für die Colonisation Palästinas. In der Nummer vom 28. Juni. hat ein Herr S. die Idee, die aus Rußland flüchtenden Juden zum Theil in Palästina anzusiedcln, angegriffen und sinnlos genannt. Aber da seine geographischen und historischen Voraussetzungen zum größten Theil falsch sind, wird es mir leicht sein, diesen Angriff zurückzuweisen. Zunächst ist diese Idee keineswegs neu und nur von orthodoxen Rabbinern gefördert, wie Herr S. glaubt, denn seit den Verfolgungen, die die Juden 1881 und 1882 in Rußland zu erdulden hatten, cxistiren in Palästina eine Anzahl Dörfer mit jüdischen Bauern aus Rußland und Rumänien, jetzt ca. 20 an der Zahl,, die fast alle gedeihen. In den Vorständen der Vereine aber, die diese Idee fördern, sitzen freundschaftlich nebeneinander orthodoxe Rabbiner und religiös freisinnigste Männer zum gemeinsamen Wohlthun verbunden, so in Berlin im Verein Esra. Herr S. behauptet, daß Rußland, das judcnfeindliche, bald in Palästina herrschen werde, schon jetzt seien seine Militärposten nicht weiter von Jerusalem in der Luftlinie als Berlin von Riga. Das ist wieder falsch, Berlin ist von Riga ca. 800 Kilometer, dagegen ist Jerusalem von Kars ca. 1250 Kilometer, dagegen ist Jerusalem vom Suezkanal nur 150 Kilometer, also offenbar weit eher in der englischen judenfrcundlichcn Interessensphäre als in der russischen judenfcindlichen, zunächst aber in der Türkei, die von jeher judenfreundlich war, uttb das Leben dieses „kranker; Mannes" spottet schon seit/langem aller Prophezeihungcn seiner Aerzte, also ivird cs auch des Herrn S. spotten. Herr S. meint ferner, der Rekolonisationsversuch von Esra und Nehemia habe auch nur kurze Zeit gedauert. Herr S. hätte wissen können, daß Esra und Nehemia gar nichts rekolonisirt haben. Die Colonisation Palästinas, die Serubabel, den er vermuthlich meint, leitete, dauerte von 53? pro bis 72 post Ch. n, das sind 600 Jahre, und ivie froh wären ivir alle, ivenn ivir den verfolgten. Juden eine Freistätte. für 600 Jahre bereiten könnten. Schließlich, meint Herr S., Palästina sei „das meistuinstrittenste Land der Erde", „für den Ackerbau nicht geeignet, denn sonst hätten die Hunderttausende von Kreuzfahrern, die dorthin kamen, inehr Spuren hinterlaffen." Würde man heute nicht jeden auslachen, der die Ebenen Oberitaliens und Belgiens zur Ansiedelung verbieten wollte, und doch sind diese bis in dies Jahrhundert das Schlachtfeld der Nationen geblieben. Palästina aber genießt - seit 380 Jahren den Frieden, und die Kreuzzügc liegerr 8 Jahrhunderte hirrter uns. Hunderttansende von Kreuzfahrern aber sind überhaupt nicht nach Palästina gekommen, Gottfried von Bouillon zog freilich mit 400,000 Kreuzfahrern aus, aber als sie vor Jerusalem waren, zählte man nur noch 20,000. Uebrigens dauerte die Herrschaft der Kreuzfahrer nur 100 Jahre und konnte deshalb keine Spuren hinterlassen. Palästina ist aber im Drciviertel seines Umfanges gerade zum Ackerbau sehr geeignet und hierin beziehe ich mich nur auf Ritter, Raumer, Lynch, Seetzen, Burkhard, Robinson, und könnte noch viele Andere nennen, denen gegenüber die Autorität des Herrn S. wohl kaum genannt werden kann. Sind aber alle Einwendungen gegen die Colonisatiorr hinfällig, — das Land ist fruchtbar, die bestehenden Dörfer, auch die der deutschen Templer, reussiren, - - so wird mir jeder, unbefangene Leser bcipflichten, daß das Projekt sehr zu empfehlen ist. einen Theil des russischen Auswandercrstromes nach Palästina zu lenken. W. Bambus, (Zur Colonisationsfragc.) Ein Herr M. A. Rapken in Melbourne (Australien) will ein Syndicat zur Ansicdlung von 2000 russischen Juden im Mallee - Lande (Nordwest- Victoria) gründen und ist diesbezüglich nrit Baron Hirsch in Verbindung getreten. — Eine jüdische Verbindung in New-Iork kaufte im südlichen New-Jcrsey 3000 Acres Landes, worauf eine russisch-jüdische Colonie gegründet werden soll,

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