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Selbst-Emancipation · 1891-08-03 · Heft 15 (3.8.1891) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 15 (3.8.1891)
Date
1891-08-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Selbst - E m a n c i p a t i o n. Seite 5. ©io nima bei der Verhandlung: (Zu Gold-; stein) „Ich thäte auf Ihr Gesicht Ihnen gar nichts crcditiren." „Sie sprechen so schön. Sie, Josef Goldstcin, sind unschuldig? Unmöglich. Wer Sic ansieht, der weiß, was er von Ihrer Unschuld zu halten hat." (Zu Goldfarb): „Benehmen Sie sich anständig; Sie übertreiben Beide in echt orientalischer Weise." „T h u n Sie nicht so aufschneiden." — Diese Aeugerungen ließen die Tagesblätter lange nicht zur Ruhe kommen und sogar zu Confiscationen kam es aus diesem Anlasse. W i r nehmen so was viel ruhiger auf, weil wir auf solche Vorkomninisse — gefaßt sind und uns keinen Illusionen hinzugeben pflegen. Eine solche Illusion hatte bekanntlich noch vor Jahren Dr. I c l l i n e k, als er die Zionsstcllcn aus den Gebetbüchern streichen ließ. Jetzt ist der berühmte Kanzelredncr und Gelehrte 70 Jahre alt geworden. Die Tagesblätter haben ihn aus diesem Anlasse über eine Woche lang gefeiert, und aus den entferntesten Thcilen der Erde bekam der Jubilant Bcglückwünschungszuschrifteu. Man sollte nun glauben, daß auch die berufenen Kreise der Stadt, in welcher I e l l i n e k solange schon als Seelenhirte — wir wählen geflissentlich einen recht christlichen Ausdruck — gewirkt hat, etwas zu seinen Ehren veranstalten ivürdcn. Aber das fiel den liberalen Herren bisher nicht ein. Dagegen beeilten sie sich, den Weihbischof Dr. Anger er, der bald darauf sein fünfzigjähriges Pricsterjubiläum feierte, zum Ehrenbürger von Wien zu ernennen. Wir sind überzeugt, daß der so Ausgezeichnete diese Ehrung in vollem Maße verdient hat, aber warum wurde sie nicht auch einem jüdischen Priester zu Theil, dein das gesammte moderne Judenthum so viel Verehrung ciltgcgcnbringt und der das Princip der Humanität so gerne und so oft betont? Soviel „Takt" gegen ihre jüdischen Mitbürger hätten die liberalen christlichen Gemeindcräthe schon haben sollen. Oder sollten nur die Juden gegenüber den Ariern tactvol! sein müssen? Die gesellschaftliche Gleichstellung scheint also noch lange nicht errungen zu sein und so war die Streichung der Zionsgebcte zumindest verfrüht. — Interessant ist die Meldung der „Kremser Zeitung" von dem bevorstehenden Zusammenschluß der dcutsch-conservativen und der christlich-socialen Abgeordneten unter Führung des Fürsten Lichte n st e i n. Das brächte eine bedeutende Stärkung des antisemitischen Einflusses im Parlamente. Krakau, den 30. Juli 1891. Da man bei mis im Westen von hebräischen Zeitungen gewöhnlich nicht einmal Kenntnis; hat. geschweige denn näheres über sie weiß, so wird folgendes Detail intercssircn, welches ich aus sicherer Quelle erfahren habe. Die in Warschau erscheinende hebräische politische Tagesz e i t u n g „H a z e f i r a h" zählt 20.000 Abonnenten. Die polnischen Zeitungen „C zas" und „Neforma" haben nur 12.000, resp. 8000 Abonnenten. A. Hirschberg. Rzeszow, den 29. Juli 1891. Ich kann Ihnen heute die angenehme Mittheilung machen, daß die Statuten unseres hiesigen Palästina- Colonisationsvereines „Chowawe Zion" bereits genehmigt wurden und demnächst die constituirende Versammlung desselben stattfinden wird. K. (A. L.) Lemberg, 22. Tamus 5651. — Das Repertoire der hier weilenden jüdischen Theatcrgruppe ist in der neuesten Zeit um einige Stücke bereichert worden, von denen sich aber nur zwei der Gunst des Publikums erfreuen, weshalb sie sehr häufig aufgeführt werden. Beide Stücke — „Rabbi Ioselma n" oder die „Gseres von Elsass" und „Das zehnte Gebot" oder „Hölle und Paradies" — entstammen der Feder des sehr talentirten Volksdichters Abraham Goldfaden. — Im ersten der genannten Stücke versetzt unS der Autor in das 16. Jahrhundert, führt uns die schreckliche Lage der Juden in den einzelnen Provinzen Deutschlands vor, welche größtentheils durch die Verleumdungen des Apostaten Pfefferkorn verursacht wurde, bis es endlich dem Hauptheldcn des Stückes Rabbi I o s e l m a n von R o s h r i m, durch seinen Einfluß bei Karl V., gelingt, den Talmund und die anderen der jüdischen Nation heiligen Schriften von sicherem Feuertode zu retten und die Lage seiner Stamniesgenosscii einigermaßen zu verbessern. — Das zweite Stück gehört in das Bereich der dramatischen Zaubermärchen. Sehr schön ist das im ersten Acte (3- Bild) gesungene Lied „Haschiwenu nasad", in welchem das tragische Schicksal unseres Stammes besungen wird, desien einzige 'Rettung im Schlußworte dieses Liedes: „tlascblvvenu nasad!" („Führe uns zurück ins alte Heim!") enthalten ist. Wenn dieses Stück im Allgemeinen auch ganz gut ist, so wäre'doch zu wünschen, daß das dritte Couplet, welches die Chassidim im Hause der frommen Friinet (4. Akt, 18. Bild) singe», gestrichen werde, da dasselbe sehr burlesk und keineswegs geeignet ist, auf einer Bühne, die das Volk belehren soll, gesungen zu werden. — Da wir schon von der Jargonbühne sprechen, wollen wir noch bemerken, daß Herr Goldfaden ein neues Stück zu schreiben gedenkt» in welchem das Leben der jüdischen Colonisten in Palästina behandelt werden wird. Kolomea, am 28. Juli 1891. Zu mcincm Vergnügen und zum Vergnügen aller Zionsfrenndc theile Ihnen »iit, daß hierorts ein „Verein zur Unterstützung der Colonisation in Palästina" im Werden begriffen ist. Die erste Versammlung ist bereits auf Sonntag, den 2. August ausgeschrieben, bei welcher sich die Angesehenen unserer Stadt bethciligcn werden. Ich werde nicht versäumen. Sie von Allem in Kenntnis zu setzen, Ivas hier geschehen wird. S. Dalfcn. Deutsches Reich. Berlin, den 29. Juli 1891. Würden die Zionisten nicht gerade jetzt sehr viele ernste Arbeiten zu bewältigen haben, welche an ihre Leistungsfähigkeit große Ansprüche machen und von ihnen fordern, daß sic immer beharrlich und mit Ausdauer aus das erhabene Ziel lossteuern, so könnten sie in Anbetracht des ivarmen Interesses, welche die deutsche Judenheit für die palästinensische Idee an den Tag legt, gewissermaßen auf ihren Sicgeslorbceren ausruhen. Wer hätte es vor wenigen Monaten gedacht, daß die jüdischen Zeitungen in Deutschland fast durchwegs zionsfreundlich iverden ivürdcn, ivie es jetzt der Fall ist? 'Nicht nur die orthodoxen Zeitschriften „M eu o r a h" und „Jüdische Presse", sondern auch die freisinnigen „A l l g. Zeitung des Judenthum s" und die „Jsr. Wochenschrift" gehen in das Lager der Anhänger der Palästinacolonisation mehr oder weniger über. Sie geben bereits alle Nachrichten über die Kolonien und die Auswanderung nach Palästina wieder und weisen auf die Nothwendigkeit der Zionsidee hin, wobei selbstverständlich ausschließlich die humane Seite berücksichtigt,vird. Jndeß ist unzweifelhaft kein so großer Uebergang von der wohlthätigen Seite zur nationalen, da die palästinensische Angelegenheit eine so allgemein jüdische ist, daß sie nach den Geldbeuteln auch die Geister und Herzen aller für sich geroinnen wird. Daß zwei praktische Pläne wahrscheinlich schon nach kurzer Zeit zur Ausführung gelangen werden, ist schon in der vorigen Nummer mitgetheilt worden, und es muß hervorgehoben werden, daß beide die größte Bedeutung für die Entwickelung der nationalen Sache haben. Einerseits wird durch die Genoffenschaft die gesammte deutsche Judenheit angeregt werden, an der Verwirklichung des Zionsgedankens thätigen Antheil zu nehmen, durch die Agrarbank aber werden Tausende minder begüterter russischer Juden in die Lage kommen, ohne fremde Hilfe eine Zufluchtsstätte auf dein geweihten Boden der Väter zu finden Auch im persönlichen Verkehr kann man die Gelegenheit haben, einzusehen, daß der heilige Gedanke vom nationalen Standpunkte immer größere Kreise ergreift, weshalb die Aussicht vorhanden ist, daß im nächsten Winter hier ein jüdisch - nationaler Verein mit propagandistischen Zielen gegründet werden wird. Andererseits ist besonders d i e Thatsache erfreulich, daß drei deutsche Juden — und zwar zwei Katifleute (die Herren B a m b u s und Ungar) und ein Doctor der Naturwissenschaften (Herr Dr. Böhlendorfs) — entschlossen find, mit ihren Familien nach Palästina auszuivandern, um daselbst die Textilindustrie zu betreiben. Da dieselben mit Capitalien versehen und von Begeisterung für die nationale Idee erfüllt sind, so wird dies Vorhaben sehr vielen jungen Colonisten zu großem Heile gereichen. L. M. Berlin, den 17. Juli 1891. Der „Jüdischen Presse" ist über ihre telegrafische Anfrage über die Meldungen des „Jewish Cronicle" Folgendes depeschirt worden: Jerusalem, 13. Juli. Die Nachricht über eine» hier herrschenden Nothstand ist übertrieben; bis jetzt herrscht kein ernster Nothstand, auch weder Typhus-, noch Scharlach-Epedemie. Allerdings sind zahlreiche arme Eiinoanderer hier eingctroffen, und da die Einwanderung andauert, ist Hilfe nötig, um dem drohenden N o t h st a n d e vorznbeugen. Rabbiner Dr. Hi 1 d esh ei m e r hat schon vorige Woche einen größeren Betrag zur Unterstützung mittelloser Flüchtlinge nach Jerusalem überwiesen. Von anderer Seite sind Victualien nach der heiligen Stadt gesendet worden. — Gegenüber dem obigen Telegramm lautet ein zweites viel ungünstiger, und zwar: I e r u s a 1 e m, 16. Juli. Unter den Einwanderern sind Krankheiten anSgebrochen; die Errichtung eines provisorischen Spitals ist dringend nötig. Berlin, 21. Juli 1891. Als gestern Abend der Student Nosenblunl »ach Palästina filhr, zeigte sich die Begeisterung der ihn begleitenden, äußerst zahlreich anwesenden Commilitonen in besonderer Weise, Nicht enden toollte, als der Zug sich in Bewegung gesetzt,' der jubelnde Zuruf: fltan Dies ist um so mehr hervorzuheben, als auch unter den Begleitern Einige waren, die nicht auf das kommende Jahr warten und noch Heuer das heilige Land aufsuchen wollen. Magdeburg, 21. Juli 1891. Am 16. d. M. hat in Cassel eine Nachwahl zum Deutschen Reichstage stattgefunden, bei der auch ein Candidat der antisemitischen Partei stark m Betracht kam. Lehrreich ist ein Vergleich der Zahlen der Stimmen, die jetzt und die vor 17* Jahren für die einzelnen Parteien abgegeben wurdcn. Derselbe mag in der folgenden Tabelle zum Ausdrucke kommen, wobei zu bemerken ist, daß laut Compromisies im vorigen Jahre die Nationalliberalen für die Conservativcn, in diesem Jahre die Freisinnige» für die Nationalliberalen gestimmt, und daß die Kurhessen überhaupt erst in diesem Jahre einen eigenen Candidaten aufgestellt haben. P a r t e i st e t t u n g S t i in m c n z a h 1 Februar 1890 Juli 1891 socialdemokratisch 9190 7872 freisinnig 2158 — nationattiberal — 4528 conservativ 5966 1359 kurhessisch — 1324 antisemitisch 3028 4134 Die Antisemiten haben demnach 1106 Stinimen gewonnen, die übrigen Parteien zusammen 2211» darunter die Socialdemokraten allein 1298 verloren. Und daS, obwohl der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" eigens seinen Schriftführer G r ä b n e r nach Cassel und umliegende Dörfer zur speciellen Gegenagitation gegen den Antisemiten entsandt hatte! AuS Vorgängen im Deutschen Reiche im vorigen Jahre wie auS denr Falle Stöckers wollte man ja wohl in Österreich auf einen „Rückgang" oder gar ,-Vernichtung" des Anti»

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