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Selbst-Emancipation · 1891-08-03 · Heft 15 (3.8.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 15 (3.8.1891)
Date
1891-08-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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wird es wohl am Platze sein, ihn auszuklären. Wir versichern ihn: Es gibt jüdische Unarten! Haben wir uns aber dessen mehr zu schämen, als etwa die Deutschen ihrer deutschen Unarten? Es gibt doch solche? Sie scheinen uns sogar die jüdischen zu übertreffen; wenigstens ist gleich der Antisemitismus ein nettes Pröbchen davon. Die „W i e n e r S o n nu n d Montag s z e i t g." weiß aber in ihren Ausführungen über die Rede des Herrn Professor auch so Biel es und Schönes von den Tugenden des jüdischen Stammes zu erzählen, namentlich so viel über die Kriegstüchtigkeit, Tapferkeit und den nationalen Patriotismus der alten Hebräer, spcciell auch der Makkabäer zu berichten. Das ist sehr lobensiverth, jedoch neben dem, daß es uns zum unliebsamen Vergleiche zwischen den Makkabäern und den Rcdacteuren der „W i e n e r Sonnu u d Montagszeitung" herausfordert, recht inconsequent. Kann es denn specifischeVorz ü g e geben, wo es keine specifischen Schwächen gibt? Und doch hat Professor N o t h n a g e l nicht so Unrecht, und auch die „W i e n e r S o n nünd M o n t a g s z e i t u n g" nicht. Gerade das, was man heute als specistsche Schwächen des Judenthums bezeichnet, ist es thatsächlich nicht. Die „jüdischen Unarten" von heute sind nichts Anderes als die U n a r t e n d e s G o l u s. Herr Professor Nothnagel hat ihre Entstehungsweise geschildert; wir haben nicht viel hinzuzufügen. Sie sind eine Folge nnd ein Vestandthril unseres Unglücks. Während die B e rfolg ungen des Golus die Wunden darstcllen, welche es uns schlägt, sind die U narten des Golus das Wundfieber, durch das unsere Pein vergrößert wird. Verfolgungen und Unarten stehen in ewiger Wechselwirkung und es gibt kein anderer Ausweg daraus als — das Ende des Golus. Mögen auch die österreichischen und deutschen Juden, angeregt durch das Schicksal der Stammcsgenossen im Osten, am bevorstehenden Neunten dcsMonates A w, das Wesen des Golus erkennen, nicht länger in nutzlosen! Geplänkel mit der antisemitischen Rotte die kostbare Zeit zu vertrödeln sich vornehmen und sich lieber mit der Beantivortung der Frage beschäftigen: „W i e lange n o ch?" __ B. )etzt oder nie! (Ein Mahnruf an die „Zionsfrcundc" in Rußland.) Aus dem heiligen Lande gelangen Berichte über traurige Thatsachen, welche zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß geben, zu uns. Das in Folge des gänzlich planlosen Zuströmens mittelloser Einwanderer daselbst herrschende Chaos droht ernstlich das ganze Colonisationswerk zu gefährden. Da heißt es nun, nicht bei der unnützen, zu spät kommenden Klage stehen bleiben, sondern den Weg aus dem Labyrinthe suchen, in das wir die Colonisationssache durch unsere eigenen Jrrthümer geführt haben. Wir Zionsfreunde haben bis heute unfern extremen Idealismus nicht abgestreift. Wir geberdcn uns wie der verliebte Jüngling, welcher in respectvoller Entfernung seine Angebetete beseufzte und besang, aber nicht wagte, in ihre Nähe zu kommen, um sie genauer anzusehen und kennen zu lernen. Es fiel uns nicht ein, daß die angebetete unbekannte Zion in nächster Zukunft die Mutter unserer Kinder werden könne. Kann nun schon eine solche Abgötterei kaum im Privatleben gerechtfertigt sein, im Völkerleben ist sie als leerer Idealismus geradezu verbrecherisch. Zehn Jahre sind es beiläufig, daß die Palästinaidee aus einem traditionellen Ideale zu einem wichtigen national - ökonomischen Ziele ward. Als solches ist sie eine neue und wichtige Erscheinung in unserem Volksleben, »nd hätte unsererseits eine gründliche theoretische Erforschung und eine hinlängliche p r a c t i s ch e Vorarbeit verdient. Haben wir ihr diese theoretische und practische Pflege angedeihen lassen? In sehr geringem Maße. Propaganda der abstrakten Zionsidee und eine armselige palliative Wohlthätigkeit zu Gunsten zweier oder dreier Colonien, das sind die ganzen Leistungen der tausenden „Zionsfreunde" in Rußland während eines Zeitraumes oon,10 Jahren. Wir vergaßen an das große historische Gesetz, daß Volksbewegungen, aus Armuth, socialer Ungleichheit und Verfolgungen hervorgehend, in Folge dieser Thatsachen aus sich selbst heraus wachsen, daß keine Propaganda solche Bewegungen zu schaffen im Stande ist, und keine Wohlthätigkeit sie unterhalten kann und darf. — Schon die Colonisationsbewegung des Jahres 1882 — nach den Ereignissen von 1881 — wäre beinahe durch Verkennung dieses elementaren socialen Gesetzes, dank eben den denwralisirenden Einfluß der Wohlthätigkeit, zu Grunde gegangen. Aber wir ließen uns nicht durch die schlimme Erfahrung belehren und verschwendeten zehn lange Jahre ohne Vortheil für die Colonisationssache, — während wir doch mit jedem Tage einen neuen Auswanderungssturm hätten voraussehen und uns daraus hätten vorbereiten müssen. Comitäs, Congrege, Vereine, lärmende Propaganda und klägliche Collecten füllten unsere Thätigkeit aus, und so geschah es, daß wir zehn Jahre damit zubrachten, 30 bis 50 Familien in G'derah und Pethach Thikwa auf unzureichende und ungeregelte Art zu erhalten. Während wir mit platonischen Schwärmereien die schöne Zeit vertrödelten, rückten die Ereignisse unvermerkt näher. Wir haben jetzt die zweite, vermehrte aber geiviß nicht verbesserte Auflage des Jahres 1882. Die jüdischen Familien emigrirten zu Hunderten nach Palästina. In der Erwartung, Arbeit oder ein Stückchen Boden zu finden, häufen sich Tausende in Jaffa »nd Jerusalem an, bestürmen das schwache Jaffacr Executivcomitä, treiben den ohnehin geringen Arbeitslohn' noch mehr herunter und durch ihre Jagd nach Boden die Preise desselben in die Höhe, bereichern die Araber und vermehren die Zahl der Speculanten und Vermittler. Was für entsetzliches Chaos! Wieviel nutzlose Opfer und vergebliche Leiden, wieviel verschwendete Kräfte! Es ist wie bei Feuerlärm im Theater. Alles stürzt schreckenüberwältigt zum Ausgange; die Schwächeren werden niedergeworfen »nd die Nachfolgenden stürmen über die Gefallenen. Einige stürzen sich aus den Fenstern, andere erbrechen Seitenthüren. In dem allgemeinen Wirrwarr arbeiten nur die Taschendiebe ruhig und erfolgreich. Von der Bühne aus hat man sich vergeblich bemüht, der tollen Flucht Einhalt zu gebieten, deren Resultat zwanzig bis dreißig Unbeschädigte gegenüber Hunderten verstümmelten oder geplünderten Opfern sind. Ganz dasselbe Bild stellt die Colonisation Palästinas in ihrem jetzigen Zustande vor. Aber wir löffeln jetzt nur aus, was wir uns selbst eingebrockt haben; wir sammeln die Früchte unserer zehnjährigen, kurzsichtigen Propaganda. So besonnen haben wir Zionsfreunde Alles vorbereitet, daß uns jetzt die Ansammlung von tausend Auswanderern in Jaffa schon nöthigt, um Hilfe zu rufen; so klug den Bodenkauf eingeleitet, daß sich schon jetzt aller Grund und Boden in Speculantenhänden befindet und wir in alle Welt hinausposanncn müssen: „Es gibt keinen Boden in Palästina mehr!" und „Einwanderung hemmen!", als ob diese letztere eine Klappe wäre, die inan nach Wunsch öffnen und schließen kann. Wir haben im jetzigen Colonisations - Wirrwarr nichts anderes als einen ernsten, seit Jahren acquirirtenKrankheitszustand zu sehen. Die läßt sich durch Kopfverlieren, Lärmblasen und ärgerliches Haltrufen nicht bannen, wir nmffen vielmehr versuchen, kalten Blutes die Ursachen der Krankheit zu erforschen, um die richtige Heilart festzustellen. Das Erste, was wir an der gegenwärtigen Colonisationsbewegnng zu rügen haben, ist die fieberhafte Uebereilung der Auswanderer. Nur diese ist die Ursache des Ueberflusses an Speculanten und Zivischenhändlern und folglich auch der Bodenvertheurung. Zweitens fehlt dem Colonisationswerk bis nun jewede Ordnung, jewedes System, jewede Harmonie. Jeder einzelne improvisirte Colonisator geht ans eigene Faust, ohne jede Verbindung mit seinem Nebenmanne, vor. Den Einwanderern stehen kein einheitlicher Plan, kein System, keine competente Führung von außen zu Gebote. Drittens geht den Immigranten die nöthige Sachkenntniß ab. Sie haben keinen Begriff von den Eigenschaften und Eigenthümlichkeiten des von ihnen so eilig colonisirten Landes. Sie unterscheiden kaum Palästina von Jerusalem, einen Araber von einem Neger, einen Dunam von einem Hectar. Auch die Intelligenten haben nur unklare Ideen über die socialen und wirthschaftlichen Verhältnisse, sowie über die geografische Lage und die Statistik des Landes. Selbst die wenigen Leiterder Einwanderung erübrigen wegen dringender Arbeit so wenig Zeit, daß sie kauni die localen Bedingungen des Landes kennen lernen können. Viertens mangelt uns jede höhere Organisation. Haben wir irgend welche Maßnahmen gegen die ans einer Masseneinwandcrung so leicht sich ergebenden Verwickelungen getroffen? Haben wir auch nur nachgedacht, von ivelcher Seite uns dieselben zu Theil werden können? Was gedenken wir gegenüber dem wachsenden jüdischen Prolctariate der palästinischen Städte zu thun, und was gegen die noch größere Gefahr der Invasion von Schmarotzern und Geschäftemachern? Sind wir uns über die Stellung der Pforte zum Colonisationswerk klar geworden, oder über die Beziehungen z» den Eingebornen des Landes, namentlich zu den Arabern? Haben wir darüber nachgedacht, wie viele Einwanderer das Land aufnehinen kann, ohne daß zwischen ihnen und den seit 1300 Jahren in Palästina ansäßigen Arabern schwere sociale und wirthschaftliche Verwickelungen hervorgerusen werden? Alles dies haben wir unterlassen und muß von uns nachgeholt werden. Besonders wären folgende Maßnahmen nnd deren rascheste Ausführung zu empfehlen: 1. ) Die VerstärkungdesJaffaer Executivco mitäs durch weitere junge, energische und intelligente Mitglieder, damit dasselbe den ewigen Anforderungen der Colonisationspraxis gewachsen sein könne. An passenden Männern und den nöthigen Mitteln ist ja kein Mangel. 2. ) Die Schaffung einer aus vornehmen und für die Zionssache begeisterten Persönlichkeiten zusammengesetzten Oberleitung in einem der großen westeuropäischen Centren (Paris oder London). Das Odessaer Comitä taugt hiefür nicht, da ihm von den russischen Behörden der Wirkungskreis so zugestutzt ist, daß er für eine höhere Organisirung des Colonisationswerkes nicht sorgen kann. Es ist eigentlich nichts anderes als die

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