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Selbst-Emancipation · 1891-08-03 · Heft 15 (3.8.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 15 (3.8.1891)
Date
1891-08-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr.-'15. Besprechung mit Aden Krakauer Gemeindespitzen ^behauptete. Denn sich eine Persönlichkeil im Vertrauen .auf ihre, auf einem anderen Gebiete 'erworbene Autorität anmaßt, - überetwas-- zu sprechen, wovon sie nicht falsche, sondern .gar keine Vorstellungen hat, so verdient ein solcher VorgangentschiedensteZurückwcisung. F ran zos mag vorzügliche Novellen schreiben, aber wirthschastliche Dinge sind ihm offenbar ein unbekanntes Gebiet. Er würde es sonst nicht wagen, uns Zionssreunden, die wir ja gerade der for t-- schreitenden Pr ol et ari s i r u n g der Juden in Europa durch Anlegung jüdischer Ackerbau colonien in P al ästi n a entgegenwirken wollen, die Sünden seiner eigenen.Gesünnungsgenoss e n in die Schuhe zu schieben,. welche, .ohne.mit ihrem reichlichen Gelde rettend einzugreifen, eine mittel- und Hilfslose Maffe das heilige Land überschwemmen laffen. Wir würden Herrn Karl Emil Franzo s äuchrathen,-sich die Mlästincn fischen Colonien R i s ch o n l'Zio n, Sichron Jacob, Rösch Pinah u. s. w. zu besehen, und uns dann zu sagen, ob in den von „Zionsfreunden" gegründeten Dörfern im heiligen Lande jüdisches Proletariat vorhanden ist. Vielleicht wird er -nach einem solchen Bcsuche beschwichtigt sein nndj wenigstens den russischen Juden/ wenn schon dem übrigen Israel sein G o l u s so behaglich erscheint, die Erlösung aus ihrem G olu-i gönnen. „B-eh «glich es G ol u s." Die Wort--: Verbindung bringt uns auf die Projecte des ' Baron Hirsch. Da finden wir wenigstens Planmäßigkeit, System, wirkliche Hilfsbereitschaft.! Der Baron besitzt die sündhafte Leichtfertigkeit; nicht, den Fachrplan zum Hilssplau machen zu wollen, : für. ihn spitzt sich die russisch- : jüdische Frage nicht lzu der Frage zu: „wie werde - ich die .russischen Juden los"; , aber dennoch kann sein Vorhaben kein Lussichtsreiches genannt werden, — denn es fehlt auch ihm die Erkenntniß des Go lus. . „Es ist meine feste Ueberzeugung, daß. diese Ansiedlung sich über verschiedene Länder verbreiten und . über einengroßen Raum ausgedehnt werde« muß, so keine Gelegenheit für einend socialen oder religiösen Bruch eintrcten. kann," sagt Baron H ir s ch in -dem .von ihm in der »blortü Americ an Rewiew« veröffentlichten Artikel „Meine Ansichten über Philan-thr opie". Er wU also die Zerstreu u ng im Principe, statt, die S a m ml u n g im Principe zu wollen, oder anders, ausgedrückt, er. .will mehrere neue Goluscentr en schaffen, -statt das . eine Schützten 1 r u m zu gründen, das die traurige Lage: unseres Volkes immer gebieterischer erheischt. West- und Mitteleuropa bieten den Juden so eine Art behaglicheren G o l u s und so wünscht denn Baro n Hirsch auch die Flüchtlinge aus Rußland in ähnlich günstige Verhältnisse zu versetzen. Das Go lus ist. jedoch ein. allgemeines Princip, welches überall zum Durchbruch kommt, wo es seine wesentliche Voraussetzung findet. Piese ist im Zahlenverhältniß der jüdischen zu der nichtjüdischcn Bevölkerung eines Landes gelegen. Gibt es auf einem.Gebiete einerseits ge- Selbst- Emancipation. ' nug Juden, um das Vorurtheil und die Mißgunst der Massen , und der sic führenden In-: telligenz zu reizen, und anderseits doch, zu wenig Juden, als daß sie sich mit Erfolg ihrer, Hasser erwehren könnten, — dann gedeiht das G o l u s. Baron Hirsch ahnt dieses Princip, wenn er .von. der Nothwendigkeit spricht, die Juden „über -'einen -großen-' Rauin" -zu -verbreiten, 'damit „keine: Gelegenheit für einen sozialen oder religiösen Bruch eintrcten kann". Diese richtige und gleichrmäßige-Vertheilung wäre auch-eine Art-Lösung der.russischen, sowie der Judenfrage überhaupt; schade nur, daß es damit gehen dürfte, wie mit der Lösung -des s o ci alen Pro b l eins durch eine gleichmäßige Verthcilung der Capitälien. So .wie? sich in dem beispielsweise'angeführten, Falle' die Capitälieii bald wieder in den Händen Weniger concentriren würden, ebenso würden sich die Juden bald wieder an einigen ihrer Wohnorte 'in größeren Massen zusammen- ^sinden. Das Stainmesgcfühl/würde -sie, -?ebenso: wie 'bisher und heute, nicht lange die'Vereinsamung ertragen lassen. Genau besehen, will ja übrigens Baron H i r.s-ch gar nicht:die gründliche Vertheilnng vornehmen, .welche seine Worte gutzuheißen scheinen. Er will ja gerade compacte Judenansicdlungcn gründen, nur nicht -in einem, sondern in verschiedenen Ländern, unter denen sich gerade - jenes nicht findet, welches die meisten Chancen bietet, —Palästina. -Mit der Vertheilung-geht es also nicht, so bleibt nur noch .das andere.Mittel übrig, die S ammlung der! Vertriebenen auf einem Boden, der ihnen und künsttgcn Schicksalsgenossen zur Zuflucht, dem übrigen, ewig. gefährdeten Israel zum Schutze, dienen könnte. Diese. S a m m- I u n g. muß P xi n ci p werden, und die Vertheil un g nur hie und da aus Rücksicht auf das Princip der Sammlung gerechtfertigte Ausnahme sein, da es lange dauern , muß, bis das wahre eine Schutzcentr u m geschaffen sein wird, und daher den Erfordnissen des n ä ch st e n Tages zu Liebe, n e b e nh er einige Go I u scentren geschaffen, und unser behagliches G ol u s im Westen fürsorglich weiter conservirt werden müssen. . * Unvermerkt.sind.wir.wieder auf das „b chaglich e G olus" zu sprechen gekommen, bei dem wir nun auch ein wenig verweilen wollen. Wie sieht denn eigentlich diese Behaglichkeit, aus? Die Massen , werden von. Tag zu Tag feindseliger, die Intelligenz von Stunde zu Stunde höhnender, die antisemitischen Parteien von Minute zu Minute drohender, und die Juden saimnt ihrem sich-stets verringernden Anhang in ihrer Vertheidigungsweise von Secunde zu Secunde unklüger. Gibt es eine größere Behaglichkeit? Speciell bei uns in Oesterreich .und be- - sonders in Wien wird es immer besser. Man lese , nur die Tageszeitungen; jede Nummer derselben — und dabei vertuschen sie noch Vieles — erzählt von antisemitischen Brutalitäten. Es gibt fast keinen Wiener Juden mehr, der nicht schon irgendwie Opfer eines antisemitischen Excesscs geworden ist. Früher nur -widerwillig in dco Gesellschaft geduldet, ist der Wiener Jude jetzt geradezu .social.geächtet. Man wirft ihn aus den Restaurants heraus, attäquirt ihn auf den Straßen,-und auf,jedem Schritte taucht ein hohnlächclndcs Gesicht vor ihm auf. Und -was Wi en erfunden, geht hinaus in die Provinz.: Die Alpenländer sindi,schon längst erobert; Galizien hatte. von jeher seine eigenthümlichen Liebenswürdigkeiten gegenüber den Juden, und Böhmen ist --eben-daran, in Gestalt der Jungczcchcn antisemitisch verseucht zu werden. „Aber der Verein zur Abwehr des.A-n t i s c in i t i s in u s?" wird man fragen. Nun, wir wollen nicht böswillig sein und nicht zählen, wie viele seiner Mitglieder keinen jüdischen Hauslehrer, keinen jüdischen Commis nehmen und in den betreffenden Annoncen das Wort „Christ" einschaltcn; auch nicht machrcchnen/'-wix viele dieser Herren nicht einmal einen Ausflug mit einem Juden,'besonders 'wenn.er als solcher zu erkennen ist, machen würden; am allerwenigsten controlircn, wie oft das eine öder das andere - Mitglied schondas- Wort „Jude". in beleidigendem Sinne gebraucht hat: Das Alles wollen wir nicht thun, sondern, mit warmem Danke der wenigen Aufrichtigen gedenken, die. cs. gut mit > uns meinen. So war es wohl gut gemeint, wenn der berühmte Professor N o t h n a g c l die Anregung eines „Philojemiten" zur-Gründung eines Vereines zur Bekämpfung „j ü d.i s ch e r U n.a r t e n" damit beantwortete, er kenne keine „jüdischen", sondern nur „menschliche" Unarten.'.'Da.frage aber einmal der Herr Professor — keinen Antisemiten, nein — einen Durchschnitts- und-Fortschrittsjuden, über „jüdische Unarten", und er wird eine ganz andere Meinung hören.. Der wird ihm, wenn er cs nicht vorziehen wird, sich lieber einem „Glaubensgenossen" anzuvertrauen, eine ganze Liste von „jüdischen U n a r.t c n" aufzählen und ihm vielleicht extra noch mit intercssaitten Unterscheidungen von „polnisch-jüdischen" und .„ungarisch-jüdischen" Unarten auftvarten. Wie würde aber Professor Nothnagel nun erst staunen, wenn er denselben Naisonneur über einen Artikel der „Wiener Sonn- und Montags zcit.u n g", der die Enuntiation des Herrn Professor bespricht, würde jubeln sehen." „Der moderne Weltverkehr und die zuuchmende Gleichartigkeit der Gesittung löschen die na- . tionalcn Verschiedenheiten immer, gründlicher hinweg. Wie sollten da die Juden, die doch längst aufgehört haben, .eine Nation zu sein, die sich den manigfaltigsten. klimatischen, ivirthschaftlichen, socialen und nationalen Zuständen angepaßt haben und Geister von so grund- und abgrundverschiedener Natur, wie Spinoza und Heine aus ihrer Gemeinschaft hcrvorgchen sahen, wie sollten gerade sie in der Lage gewesen sein, Stamiiicseigcnheiten durch die Jahrtausende zu bewahren", — heißt es in dieser Besprechung. Der begeisterte Leser findet es.jetzt ganz richtig, daß es keine „jüdischen", sondern nur „menschliche" Unarten gibt, oder glaubt es vielmehr dem Artikclschrcibcr, der vielleicht selbst, — daran nicht glaubt. Nun ist aber Herr Professor Nothnagel nicht der Leitartikler der „W i e u c r <3 o it n- und Monta gszeitung". Er ist offenbar von der Wahrheit. seiner Meinung, welche ihm übrigens alle Ehre macht, tief durchdrungen, und daher

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