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Selbst-Emancipation · 1891-08-03 · Heft 15 (3.8.1891) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 15 (3.8.1891)
Date
1891-08-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AbonnementS-Preise: (gufenbnng inbegriffen) jär Defterreich-Ungarn ganzjährig ff. 4 u Deutschland „ Mk. 8 „ Rußland „ Rbl. 4 „ die übrigen Länder •„ Frcs (0 l)alb- und vierteljähriges Abonnement zu den entsprechende» Theilbeträgen. Vas Abonnement^kann mit jeder Nummer Einzelne Lremxlare 18 kr Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmund Elkan. Chefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Redaktion u. Administration: Wien, 2/3 Schreigaff. Ne. 8. Sprechstunde: Täglich von i—2 Uhr Nachmittags. Nr. IS. Wien, 3. August 1891. IV. Jahrgang. Inhalt: Das Golus. — Jetzt oder nie. — Das Verbot der Pforte. — Original-Correspondenzen: Wien. Krakau. Stzeszow. Lemberg. Kolomea. Berlin. Berlin. Berlin. Magdeburg. Kischinew. London. London. Jerusalem. — Chronik. — Literarisches. — Eingesendet. — Beletristisches: Darid Alroy. — Corresp. der Administration. Corresp. der Redaction, — Nachtrag, Gesinnungsgenossen! Verbreitet die Helbst-Smancipation! Die Redaktion und Administration befinden sich vom 12. August d. I. ab: II., Malzgasse 4. (Nicht unter der in voriger Nr. angegebenen Adresse.) MM- Die nächste Nummer erscheint am 17. August 1891. -MW Das Golus. Kein' anderes Volk der Welt hat soviel Leid während seines ganzen Erdenlebens durchgemacht, als das jüdische in den zwei Hochsommermonaten Thamus und Aw vor achtzehnhundert und zwanzig Jahren. Denn alle Völker, die bisher von grimmem Feind zertreten wurden, erstarken unter den erbarmungslosen Tritten; es war die Oual des Todes, die sie erlitten, — nichts weiter. Was will das gegen jene fürchterliche Schmerzensstunde sagen, in der Israel am 9. des Monates Aw von den Füßen des lriumphirenden Feindes weg in die Welt hinausgeschleudert wurde, — an seiner Seite hohnlachend das eben geborene G 0lus? Das Golus! Wie viele Juden von heute mögen gar nicht wissen, was dieses Wort besagt, und wie wenige, die es übersetzen können, sind sich seiner erschütternden Bedeutung bewußt. Das deutsche „Verbannung", das lateinische „Exil", das griechische „Diaspora", sie alle können den vollen Sinn des Jammerwortes „Golus" nicht wiedergeben, den man vielmehr mit dem Herzen herausfühlen muß.' Millionen einzelner völkergeschichtlicher Moinente muß man zusaininenfassen, in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung bringen können, um das G 0 l u s zu erfassen. Der erkennt es nicht, obwohl es auf seinem Rücken kauert und die scharfen Krallen in sein Fleisch hackt, der blöden Auges das Einzelereignis, wie es gerade kommt, losgelöst von der Unzahl seiner Vor- und Nebenereignisse, anstiert. Rußland und Korfu! Wilder kann das ,G 0 l u s nicht wirthschaften und doch wird es auch hier nicht erkannt. Wer wird denn auch gleich Alles in so düstrem Lichte sehen? Es rst halt ein Unglück und wird — vorübergehen. Die Zeit wird die Wunden heilen. Ja, sie wird es thun, so sicher, wie sie es gethan hat, als uns das stolze Spanien, als uns die Kreuzfahrer, als uns die Schaaren Chmielnickis Wunden schlugen. Ja, die Zeit wird unsere Wunden heilen, indem sie uns neue schlägt, — weil sie das Golus dazu treibt. Gegen das Golus sollte sich all unser Sinnen und Trachten richten, aber da man es nicht sehen will, vergeudet man Zeit ' und Kraft und - Geld auf unzulängliche Hilfsaktionen, reitet man den alten Wohlthätigkeitsschimmel. Da gibt es Comitä's eine schwere Menge; die sammeln alle, sammeln bei Arm und Reich. Und was gesammelt wird, geht in Thee- und Suppenportionen, in Eisenbahnbillets und Schisfskarten auf. Nicht, daß inan das nicht auch nötig hätte, aber als Gesammthilfsleistung ist das Alles ja jämmerlich wenig und könnte um das Zehntel des Geldes zu haben sein, wenn man die übrigen neun Zehntel rationell verbrauchen würde. Es ist geradezu unverantwortlich, wie den russischen Juden „geholfen" wird. Man gibt ihnen eine Jause und eine Karte und heißt sie fahren, wohin sie wollen, lieber nach Amerika, als nach Palästina, weil jenes weiter ist, als dieses. Dann ist man froh im Bewußtsein der geübten guten That, und vielleicht auch, die unliebsamen Gäste los geworden zu sein. Oh, Ihr rechnet falsch, sehr falsch, Ihr unterschiedlichen Comitäs; denn Ihr machet die Rechnung ohne - das G 0 l u s. Dieser gute Geist aber ruht nicht. Er weiß die Grenzen und Häfen der verschiedenen Zufluchtsländer den Einwanderern zu verschließen, er versteht es, die Armen, wenn sie schon Eingang finden, in ihrer neuen Heimat tüchtig auszuhungern, und sie schließlich in ihre alte Heimat zurückzujagen. Dann kommen sie wieder nach einiger Zeit in Eure hilfsbereite Arme, damit Ihr auch ein bischen Golus schmecket, — wenn Ihr es bis dahin nicht schon ausgiebiger gekostet haben werdet, — und der herrliche Kreislauf beginnt von Neuem. Die Einzigen, die den Krankheitsstoff Israels — das Golus — erkennen und würdigen, sind die Zionisten. Sie allein wissen, daß, es nur eine Hilfe für das jüdische Volk gibt,, die schon längst demselben hätte gebracht werden sollen, aber auch heute noch möglich ist: dieSchaffung einer Zufluchtsstätte für die stets neuen Vertriebenen, des jüdischen Stammes, wo diese, sittlich gehoben durch den Ackerbau, ausruhen können von ihrer Weltwand er iui g iuü>.Ujxe m G 0 lus elend. Daß die Zionisten aber diese edle, reine Lehre öffentlich zu verkünden den Muth haben, daß es ihnen nicht genügt, das russische Judenthum großentheils auf ihre Seite gezogen zu haben, sondern daß sie auch die deutschen und österreichischen Juden, welche angeblich so ganz in ihre Umgebung aufgegangen sind, gewinnen wollen, das können ihnen die Capacitäten dieses deutschen und österreichischen Judenthums nimmer verzeihen. Letztere fürchten durch den Zionismus nicht nur ihr Prestige bei den Juden selbst, sondern auch die Gunst der Arier zu verlieren. Hat sich aber der Antisemitismus, fragen wir, angesichts einer Art Jrredenta und gegenüber lauter Stockjuden entwickelt oder entstand und gedieh er nicht vielmehr in der Aera der Entjudung, suchte er sich nicht seine Angriffsobjecte unter den affimilirtesten Juden aus? Alle diesbezügliche Angst ist daher unbegründet, und ist es weder nothwendig, noch besonders klug, wenn, wie das gegenwärtig in Wien geschieht, in aller Stille den russischen Juden, natürlich nachdem oben erwähnten Recepte, „geholfen" wird. Mit dieser Taktik versöhnt uns auch nicht der Umstand, daß hin und wieder ein Flüchtling eine Karte via Trie st nach Jaffa, statt via Hamburg nach Buenos-Ayres, erhält. Hiemit kann unserer Sache nur geschadet sein und in Palästina nur ein jüdisches Proletariat geschaffen werden. Ein solches aber im heiligen Lande erstehen lassen, liegt gewiß nicht in unserer Absicht und ist auch keine unumgängliche Folge der zionistischen Bestrebungen,! wie letzthin Karl Emil Franzos bei einer

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