Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 14 (16.7.1891)
- Date
- 1891-07-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14. Selbst-Emancipation. die europäischen Nationen am allerunliebsten in russischen Händen werden sehen wollen und das sie daher, falls es nicht schließlich doch türkisch bleibt, am liebsten einer kleinen neutralen Nation zutheilcn werden, bei der sie alle sich, gewisse Begünstigungen ausbcdingen können. Daß Äußerste was aber Rußland diesbezüglich durchsetzen könnte, wäre die Ueberlassung des Landes an Frankreich, und dieser Fall wäre doch gewiß auch kein Unglück für die jüdischen Colonisten Palästinas. Der anonyme Warner in der Hauptstadt des deutschen Reiches hat wohl über sein eifriges Studium der Kreuzzüge nicht Zeit gehabt, sich die heutigen Balkanvölker anzusehen. Jedenfalls aber wird er als Profet der russischen Welteroberung der Meinung sein, daß Rußlands Ehrgeiz auch die Balkanhalbinsel im Auge hat. Was thun nun die Serben, Bulgaren, Rumänen, Griechen?« Halten sie es für nothwendig, alle Bestrebungen für das Nationalivohl, für den Aufuud Ausbau der eigenen Staatsgebilde aufzugeben, und in Furcht vor dem russischen Kolosse, der sie vielleicht einmal erdrücken könnte, zu ersterben? Ganz im Gegentheile! Sie „spielen Bogel-Greif-Politik," um einen Ausdruck unseres Anonymus zu gebrauchen, d. h. sie gehen rüstig und unaufhaltsam geraden Blickes vorwärts, und sollte eine schwere Stunde kommen, sie wird sie gefestigt und widerstandskräftig finden. Eine historische A s s e c u r a n z gegen alle Eventualitäten gibt es nicht! Wir zweifeln sehr, ob der Anonymus von Berlin die vorstehende Parallele verstehen wird; er scheint nicht aus dem Holze geschnitzt zu sein, um das Sprichwort: „Dem Kühnen gehört die Welt" begreifen zu können. Wir müssen uns daher bequemen, auf seine Denkweise einzugehen. Wozu, hören wir ihn fragen, die russischen Juden erst einem „Wenn" und „Aber" aussetzen? So hat er wohl einen bessern Plan mit ihnen vor! Wir suchen in seiner Weissagung vergebens nach einem solchen, umsomehr, als er auch das Project, die russischen Juden in Argentinien „dem gesegneten (?) Lande der judenfreundlichen (?) Hispaniolen" — gegen die Fragezeichen haben wir nichts einzuwenden, — anzusiedeln, entschieden verwirft. Und da er andere Colonisationsgebiete gar nicht in den Kreis seiner Betrachtungen zieht, — wodurch er uns auch der Mühe enthebt, zum hundertsten Male zu wiederholen, daß die europäischen Länder, Nordamerika und Australien direct oder indirect den russischen Juden den Einlaß verwehren, und das Congoland vermöge seines Klimas für dieselben zum Massengrabe werden würde, — so empfiehlt er wohl im Gegensätze zu in ganzen übrigen Judenthum der Gegenwart den russischen .Inden, schön zu Hause zu bleiben. Am Ende werden sie in Rußland vor den Russen sicherer sein, als in Palästina. Es kann nun nicht verlangt werden, daß Jemand, dessen lückenhafte und hochtrabende Ausführungen solche Schlüsse zulassen, die g r o tzartigen Dortheile derColonisatiou Palästinas für das russische und in weiterer Linie auch für das Gesammtjudent h u in ermesse. Das jüdische Volk leidet am meisten unter dem Mangel einer Zufluchtsstätte für seine Vertriebenen, welche jedes Jahrhundert ihm bescheert. Dazu ist ein Land nothwendig, von welchem die einwandernden Flüchtlinge durch Ackerbau Besitz ergreifen, nicht eines, wo der Hand e l sie gleich von vorneherein wieder ins Völkergetriebe zieht, indem sie sich neue Prügel holen können. Es muß dies ein Land sein, dessen bisher dünne Bevölkerung den Einwanderern die Möglichkeit bietet, die Majorität zu gewinnen. Und schließlich muß eine über alle Hindernisse sich hinwegsetzende Begeisterung die ungeheure Schwierigkeit der Ueberführung eines Volkes vom Handel zum Ackerbau, d. h. von b r unruhigsten zur ruhigsten Lebensweise, bewältigen. Alle diese Vorbedingungen sind nur in P a l ä st i n a gegeben. Darum haben wir es für unsere Psticht gehalten, gegen die neuestens oorgebrachten, in ein Gewand der Wissenschaftlichkeit sich kleidenden Angriffe auf das Palästinaproject, Stellung zu nehmen; wir waren umsomehr gezwungen, selbst auf die absurden Zukunftsängste eines anonymen Helden einzugehen, als wir die Gefahr erkannten die darin liegt, daß sich Tagesblätter, deren bedeutender Einfluß auf das westeuropäischen Judenthum ja bekannt ist, zum Sprachrohr solcher antizionistischer Tiraden hergcben. Die beste Widerlegung wird freilich die rührigste Fortarbeit im Dienste der Zionssache sein. Trachten wir neue Gesinnungsgenossen zu werben, neue Gönner zu finden, die Zahl der blühenden jüdischen Colonien auf dem nach dem Urtheile der größten Gelehrten wundersam fruchtbaren Boden Palästinas zu verzehnfachen und zu verhundertfachen; laffen wir die Schätze dieses bloß vernachläßigten Landes durch unsere aus Rußland und sonst vertriebenen Brüder heben, lassen wir sie durch jüdische Arbeit und jüdisches Capital das Land für die Civilis a t i o n erobern. Dann werden alle die Anwürfe gegen die Zionsidee, unter welchen Mangel an Energie oder Mangel an Liebe zum eigenen jüdischen Volke sich verbergen, in sich selbst zusammenfallen. B. Zur Aufklärung über Voturttzeile gegen Palästina. Es ist eine allgemeine Klage, daß der heutige Gebildete in 'Afrika und Amerika bester Bescheid weiß, als in seinem Vaterlande, oder in den Ländern, die ihn zunächst interessiren sollten, und nirgends trifft die Klage so zu, als bei uns Juden. Wir kennen genau Stanleys neueste Entdeckungen und die Colonien in Afrika, aber wie es in Palästina, dem Lande unserer Väter, aussieht, intereffirt uns Juden am allerwenigsten. Da herrschen noch die gröbsten Vorurtheile, ja selbst unter den Zionsfreunden, den Freunden Palästinas, — Vorurtheile, welche nur auf der Unkenntniß des Landes beruhen. Eins dieser Vorurtheile ist, daß Palästina nicht groß genug sei, um einer größeren Menge von Einwanderern Platz zu bieten und das zweite, daß es wohl für Wein und Oel fruchtbar, aber zum Getreidebau nicht geeignet sei. Letzteres wäre in der That ein großer Nachtheil, denn der Weinbau und die Oelpflanzungen bringen bei weit größerem Aufwande erst sehr spät, dann allerdings sehr lohnende, Erträge, während die Getreidearten schon in den ersten Jahren und bei geringeren Anlagekosten Erträgniffe liefern. Glücklicherweise aber sind beide Vorurtheile grundlos, wie wir an der Hand der zuverlästigsten Schriftsteller Nachweisen werden. I. Palästina als Getreideland. Wer die Formation Palästinas betrachtet, wird sofort drei markirte Zonen unterscheiden, den Küstenstrich, das Gebirgsland in der Mitte und das Ghor oder die Jordanschlucht im Osten. Der Küstenstrich, welcher sehr fruchtbar ist und wo noch, heute, wie vor Zeiten, ein lebhafter Getreidebau betrieben wird, zerfällt, von Norden nach Süden gerechnet, in die Ebenen von Acco, die Sarona und die Sephela, die einen Gesammtflächenraum von ca. 4000 Quadratkilometer haben. Wir lassen im Folgenden einige Urtheile der besten Palästinakenner über dieselben folgen. „Ueber S a r o n sagt Ritter XVI. Seite 591: „Die Ebene nordwärts von L y d d a - durch ganz Saron hindurch scheint ein gelockerter ' tertiärer Sandstein mit seinen Trümmern zu be¬ Seite 3. decken, der leicht ist und eine treffliche schwarze Ackerkrume zeigt." Ueber Sephela XVX Seite 124: „Auch hier ist die große vorliegende Ebene eine reiche Kornkammer." Raumer, Seite 46 in seinem „Palästina": „Die Ebene Sephela ist sehr fruchtbar, wenn auch zum Theile unangcbaut." Philipp Wolfs, Seite 99: „Ramleh liegt in der an fruchtbaren Feldern reichen, aber an Ortschaften armen Ebene Saron". Ueber die Ebene von Acco sagt Lynch, „amerikanische Expedition" fol. 66: „An der einen Seite befand sich die unermeßliche See, die hohe Gebirgsschcide des Libanon an der anderen, und zwischen ihnen eine höchst kultivirtc Ebene, ganz grün und voll von Blumen." Größere Ebenen sind ferner Esdraelon (Jsreel) und S e b u l o n, deren reiche Fruchtbarkeit so allgemein bekannt ist, daß wir verzichten können, Beweise hiefür anzuführen. Der Flächenraum derselben beträgt zusammen 1500 Quadratkilometer. Auch vom Ghor wird nicht angezweifelt, daß es auch für Getreide sehr fruchtbar ist, ebenso wie die Becken von H u l e h und am See G enezareth, also die ganze vom Jordan durchströmte Strecke, das sind also fernere 2500 Quadratkilometer. Vom Becken von H u l eh sagt Robinson, „physische Geographie" fol. 73: „Ein vorherrschender Zug dieses Beckens ist seine üppige Fruchtbarkeit." S taugen („Palästina und Syrien") sagt von der Gegend des See Genezarcth: „Ferner war das ganze bisherige Thal reich an Vegetation; so scheint letztere hier ihren Culminationspunkt erreicht zu haben." Wenn wir aber von obigen Theilen des Landes festgestellt haben, daß der Getreidebau dort lohnend sei, so haben wir dies bezüglich eines Drittels Palästinas gethan; indessen ist auch leicht nachzuweisen, daß ein zweites Drittel des Landes, die mittlere Gebirgslandschaft von Galiläa, Samaria und zum Theil von Judäa ebenfalls die nöthige Fruchtbarkeit besitzt. Ritter XVI. 32 sagt von Galiläa: „Die Thäler sind keine unwirthbarcn Schluchten, sondern fruchtbare Ebemn und reich bewässerte Triften, die bis zu den Gipfeln der Berge bebaut werden können." Robinson „Palästina", fol. 209: „Aster und Naphtali besaßen weiter nördlich die reichen Waldhügel und Hochlande von Galiläa, die noch immer strotzen von Acker- und Weideland." Robinson „Palästina" Fol. 164 von Samaria: „Das Becken von Sebastieh ist schön, allein wir hatten jetzt so viele fruchtbare Gegenden gesehen, daß es im Vergleich zu verlieren scheint. Es wird an Ueppigkeit und Lieblichkeit von den Ebenen Rameh, el Brett a ch und S a b u d übertroffen, der größeren Ebenen von Akre und Esdraelon nicht zu gedenken." Robinson, „Palästina" Fol. 388, ebenfalls von Samaria. „Es überrascht uns, hier in diesem ungeheuren Abfall der Berge so viel gutes Land zu finden und so viele schöne pflügbare Ebenen, wenn auch von geringerer Größe. Die Gebirge von I u d a e a sind allerdings nicht überall so fruchtbar und für den Getreidebau geeignet wie die übrigen Theile des heiligen Landes, indeffen auch in diesem, etwa den achten Thcil des heiligen Landes umfassenden Gebiete finden sich viele Stellen, wo der Weizen gedeiht." Lynch, „amerikanische Expedition", Fol. 245 und 250, erwähnt eine ganze Anzahl von reich bebauten Thälern auf dem Wege vom tobten Meere nach Palästina; auch die Umgebungen von Hebron und Bethlehem sind reich an Getreidefeldern.