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Selbst-Emancipation · 1891-07-16 · Heft 14 (16.7.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 14 (16.7.1891)
Date
1891-07-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Was der Anonymus des „B e r I i n e r. > Tageblatt" in erster Linie fürchtet, ist offenbar das „h e i l i g c Gr ab". Er .sieht cs im Falle einer massenhaften jüdischen Einwanderung zum Ausgangspunkte der größten und gefährlichsten Kämpfe werden. Dieser Einwand gegen! die Colonisation Palästinas, welchen übrigens schon beredtere Anwälte vorbrachten, .als es der anonyme Seher von Berlin ist, ist vollständig uni gerechtfertigt. Wir wollen davon absehen, daß 'es' eine grundlose Beleidigung der jüdischen Volksehrc ist, von einem zu größerem Einflüsse gelangten Judcnthum Orgien des Fanatismus und der Unduldsamkeit mit Bestimmtheit vorauszü-' setzen; sind ja gerade im Gegcntheile die Israeliten den arischen stkationen an Herzensmilde und tolerantem Sinn überlegen, und kehrt sich doch, sofcrnc eine Intoleranz geschichtlich nachweisbar ist, diese viehr gegen gesinnungsverschiedene' Glaubens- und Stammesgenoffen als gegen Andersgläubige und Stammesfreunde. Aber auch vom objektiven Gesichtspunkte bctr-achtet liegt kein Grund zu der den Anonymus so sehr erfüllenden Angst vorrBezüglichder künftigen Stellung der nach Pälästina eingewanderten russtschen Juden bestehen nämlich drei. Möglichkeiten. Entweder sie bleiben Unterthanen der Türkei, oder sie erhalten von vorneherein oder in irgend einem späteren Zeitpunkte eine Art Selbstständigkeit — hier sehen wir uns veranlaßt, nochmals zu betonen, daß uns solcher politischer Calcül nur aufgenöthigt wurde — oder .sie werden durch irgend ein historisches Ereigniß Unterthanen eines europäischen Staates. Ist dieser Staat n ich t Rußland, so wird keine Ursache zur Besorgniß vorhanden sein; es drohen dann den palästinensischen Juden wenigstens keine ärgeren Zustände als sie im außerrussischen Europa jetzt herrschen, im Gegcntheile offenbar unendlich bessere, weil Engländer oder Franzosen gewiß nicht die herrschende Nationalität ihrer Colonialprovinz werden verletzen wollen. Andererseits werden sich die Juden wohl hüten , als Unterthanen einer christlichen Großmacht und von deren Waffen umgeben, die christlichen Heiligthümer zu entweihen. Was aber den Fall der Annexion Palästinas durch die Russen betrifft, wovor sich unser Anonymus so entsetzt, so soll darüber weiter unten gesprochen werden. Auch die zweite Eventualität — eine etwaige Selbstständigkeit' der palästinensischen Juden — birgt in Rücksicht auf das die heiligen Stätten verehrende Christenthum keine Gefahr für das Colonisationswerk, wiewohl der Gewährsmann des „Berliner Tageblatt" specielldiesen Fall bei seinen Befürchtungen im Auge gehabt zu haben scheint. Wenn diese Möglichkeit einmal Wirklichkeit werden sollte, was wir, ohne uns mit dem Gedanken viel abzugeben, gewiß nicht ungern sehen würden, so wäre dies unstreitbar nur das Resultat einer friedlichen Auseinandersetzung zwischen den Interessenten. Bei einer solchen aber hätte neben der Türkei auch Europa ein Wörtlein drcinzureden und wüßte sich, schon Garantien für den Schutz der christlichen Heiligthümcr zu verschaffen. Nehmen wir aber an, daß irgend einmal ein fanatisirter jüdischer Pöbel- Haufe — darin gipfelt ja die „F u r ch t v o r d e in hcili gen Grabe", — das Völkerrecht verletzend, versuchen sollte, die. heiligen Stätten des Chrisienthum zu entweihen, — wer will glauben, daß sich die r o in a ntisch e n Zeiten./ der Kreuz zöge deßhalb erneuern würden? Damit ist es längst vorbei! Die religio s e Idee büßt ihre politische Triebkraft von Tag zu Tag mehr ein. Gegenwärtig ist es der Nation a l c Gedanke, der die Völker und Staaten vorzüglich bewegt,, und nach Lösung aller nationalen Fragen wird die sociale I d e e d e r Mot o r d e r Me n s chh e i 1 werden. Man wird sich' daher in naher und fernerer Selbst-Emancipation: Zukunft in „Zwischenfällen", wie der befürchtete, begnügen, Genugthuung zu verlangen, und die jüdischen Machtgeber werden sich sicherlich beeilen, sie zu gehen.. Die dritte, für lange Zeit hinaus wahrscheinlichste, Eventualität endlich ist in der besprochenen Beziehung die ungefährlichste.. Cs ist nicht. einzusehen, warumes. dem t ü r k i s ch e n M i l-ik äft' in einem! hebräischen Lande.- schwerer fallen sollte, das „heilige Grab" zu schützen, als in einem arabischen? Oder -furchtet der Anonymus, es könnte wegen des heiligen Grabes zu Zusammenstößen, zwischen -den osmanischen Soldaten und der jüdischen Bevölkerung kommen. Wir haben eine durch die Geschichte begründete bessere Meinung von der Loyalität unserer Stammcsgenossen. — Bei dieser Gelegenheit wird cs auch am Platze sein, ein anderes Bedenken zu widerlegen, das ein gewisser Bernhard Trau b eüber gin der „Ai l gcm einc n $ e i t u n g d e s I u d e n t h u m s" gegen die Palästina-Colonisation äußert: „ES steht fest,, daß der gegenwärtige Beherrscher der Gläubigen die wärmsten Sympathien für die Juden bei den verschiedensten Anlässen zu erkennen gegeben hat, und daß er, einer der humansten Fürsten unserer Zeit, ihrer Einwanderung wohlwollend gegcnübersteht. Aber damit ist nicht die geringste Gewähr für die Zukunft gegeben. Dem persönlichen Wohlwollen eines — und wäre es des besten — Monarchen darf das Geschick eines Volkes nicht anvcrtraut werden. Dem menfchcnfrcundlichsten Fürsten kann der blutgierigste Tyrann folgen, und wehe dem Volke, . wenn kein weises Gesetz den mächtigen Willen des Depotcn zügelt und mäßigt" .... „Stur ein Verfassungsstaat kann diejenige Sicherheit gewähren, die zu einer ruhigen, auch die äußeren Existenzbedingungen erträglicher gestaltenden Entwicklung dringend erforderlich ist. Solange Recht uno Gesetz irgend eine Schranke errichtet zwischen den Glaubensgenvsienschaften, können wir nicht mit Vertrauen in die Zukunft sehen. Keine persönliche Gnade und Gunst darf uns hinwcgtäuschcn über.den Mangel eines auch den Schutz der Juden überwachenden gesetzlichen Factors." . . „Aber vorausgesetzt, die türkische Regierung werde immer den guten Willen haben, auch die jüdischen Unterthanen mit demselben Maße wie die anderen zu messen, wird sie auch die Macht dazu habend Es flößt.einem geradezu Mitleid ein, wenn uian ihre Nachgiebigkeit selbst de» kleinsten Nachbarn gegenüber betrachtet. Ganz besonders gefährlich ist die bedenkliche Nachbarschaft Rußlands, dessen Machtsphäre durchaus noch bis nach Palästina reicht, ja, das sogar seine kirchlichen Interessen mit gar zu starkeni Nachdruck an den heiligen Stätte» vertritt. Rußland hat cs nur zu leicht in der Hand, einen Druck auf die Pforte zu Ungunsten der Juden äuszuüben, wie die vor einigen Jahren vorgenommencn Äuswcisungcn russischer Juden auS Palästina auf russische Wünsche zurückzuführen sind." Der diese Worte schreibt, ist offenbar nicht der phantastische Seher, als welcher der Anonymus des „Berliner Ta g e b l a t t" erscheint Die Befürchtungen ches Erstercn sind weniger abstrakt, sind näherliegend als die des Letzteren,, aber nicht m e h r begründet. Es besteht vor Allem ein. himmelhoher Unterschied zwischen russischem und türkischem Absolutismus. Jener ist die That, dieser die Unterlassung. Auch zeigt es wenig geschichtlichen Sinn, den Charakter des Volks/selbst im absolutistischen Staae, für so ganz neben-, sächlich zu halten. Der. russische Negierungsantisemitismus stützt sich auf den russischen National- Antisemitisinus. Einem t ü r k i s ch e n Jude nh aß v 011 Regier 11 ngs wegen würde aber die Grundlage im türkischen Volke f e h l e n, das nie j ü d enfeindlich gewesen ist, obwohl es stets Juden vor Augen gehabt hat; übrigens, würde die osmänijche. Negierung kaum so unklug sein, das jüdische Element in Palästina, .welches , ein, Gegengewicht gegen arabische Tendenzen aögieöt, zu/ Semiruhigen. 7.'Äber von dem Nr: 14. Allen abgesehen, waltet in den Erwägungen des Herrn Tr au b c n b erg ein die Sachlage ganz verkennender Jrrthum vor.. Man muß keine Selbstständigkeitsträume haben! und kann sich darüber klar sein, daß es sich darum handelt, in Palästina die russischen und änderen verfolgten Juden zu einer compacten Nation, zu einem Ackerbauvolke zu machen, welches die'Mehrheit, im Lande bilden, und demselben-, den Charakter eines jüdischen verleihen soll. Eine jüdische Provinz aber würde selbst in Rußland nicht diejenigen Verfolgungen zu erleiden haben, als zusammenhanglos im Land zerstreute Juden. Die Polen und Deutschen in Rußland sind lange nicht so bedrückt, als die Juden es find. Und man wird wohl übrigens jüdischcrscits zur Begründung einer jüdischen Provinz nicht früher schreiten, als bis man sich Gara n t i en für ein.un b eh c l l igt c s Dasein ihrer neuen Bevölkerung verschafft haben wird. Es wird. dies Sache der jüdischen Großen sein und es wäre die Unterlassung dieser Vorsicht ein unverzeihlicher Fehler, der eben nicht begangen werden darf. Wenn aber die Türkei auch den kleinsten Nachbarn gegenüber nachgiebig ist, wie Herr Traubenberg meint, so wird sie wohl auch der Einflußnahme der jüdischen Finanzgrößen und ihrer arischen Unterstützer in dieser Frage von vorneherein und . auch späterhin keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Herr Traubenber g fürchtet jedoch offenbar zumeist den russischen Einfluß, und er kommt hier auf ein Gebiet, das auch der Anonymus des „B e r l i n er Tageblatt" sich erkoren hat, so daß uns die Möglichkeit geboten ist,, hier beiden- Herren, demgenannten und dem unbekannten, gleichzeitig entgegenzutrercn. Vorläufig wollen wir abernoch einige t h a t sächlich e U n r i ch t i g' k e i t e n in den Ausführungen unseres iiichtanonymcn Gegners berichtigen. Es ist nemlich u n r ich t i g, daß vor einigen Jahren „A u s w e i s u n g e n russischer Juden aus Palästina" stattgefunden haben, und ebenso unrichtig, daß diese angeblichen Ausweisungen „auf russische Wünsche zurückzuführen sind". Das Richtige ist vielmehr, daß vor einigen Jahren in Folge von Den u n c i a ti o n e n, welche vonj ü d i sch e r, a b e r p a l ä st i n a f e i n d l i ch e r S e i t e ausgiengen, ein Erlaß der. Pforte die Einwanderung russischer Juden nach Palästina verbot. Dieser Erlaß wurde übrigens auch nie in praktische Wirklichkeit übersetzt. - - Was nun jedoch die „An gst vor Ru ß l and" betrifft, so wollen ivir darüber nicht entscheiden, ob Rußland thatsächlich die von dem Berliner Anonymus angeführten zwei Hauptziele in Asien anstrebt. Merkwürdig ist aber, daß hier der Wunsch ganz gleichbedeutend mit der Erfüllung sein sollte. Solcher Optimismus in Bezug aus russische Waffenerfolge würde den Seher des „Berl iner Tageblatt" würdig machen, Schlachtensänger der kaiserlich russischen Armee zu. werden. Activ könnte er freilich an den großen Asienseldzügen nicht theilnehmen, denn auf, der „Luftlinie von Kars nach Jerusalem" käme, er nicht so . leicht über die armenischen Gebirge, .Doch, man. soll nicht sagen, daß wir unsere Gegner mit billigem Spott abthun wollen. Hat . denn Rußland schon Deutschland und Oesterreich, und Italien und England und die Türkei selbst verschlungen, als daß-alle diese Großmächte mit verschränkten Armen zuschen müßten, wie das Zarenreich' - die Welt erobert. Hat es nicht schon 18.77 einige Meilen vor Stambul, dem Ziele seiner Sehnsucht, Halt machen müssen, weil Europa die Einnahme der Sultanresidenz nicht gestattete? Und gerade Syrien mi t Pa lä sti na sollte es so-leicht in die Hände bekommen, welches ihm nicht ein- :>n.a l.... s e ine fr.an zö,s,isch e n Frcund e gönnen würden. Syrien sammt Palästina ist vermöge seiner geografischen Lage das-Land, welches

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