Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1891-07-02 · Heft 13 (2.7.1891) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 13 (2.7.1891)
Date
1891-07-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092739-3092752--0694-3093674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Nr. 13. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Seite 5. christliche Auswanderer aus Rußland durchgereist. Die Juden sind größtentheils Handwerker, vor Allem Schneider und Weber und befinden sich meist im traurigsten Zustande; viele sind in Folge Mißhandlungen mit Wunden bedeckt. W. Dresden, 21. Juni 1891. Vor etwa 8 Tagen haben Herr Coinmerzienrath Josef B o n d i, Vorsitzender der hiesigen Gemeinde, Herr Rabbiner Dr. Jacob Winter und Herr Adolph Salzburg in einer Besprechung beschlossen, eine Sammlung zu Gunsten der ausgewiesenen russischen Juden zu veranstalten. Um des guten Erfolges sicherer zu sein, hat sich Herr Dr. Winter zuerst an zwei angesehene Glieder der Gemeinde gewendet, die je 500 Mark zeichneten. Rach diesem fruchtbaren Versuche hat sich schnell ein ComitL aus den obengenannten Herren und den Herren Albert Wolf, Max A r n h o l d Jean S ch e r b e l, Moritz Baum und Max Gutt m a n n, zu denen sich später noch die Herrn Emil Lehman und Karl Mankiewicz gesellten, gebildet. Die Thätigkcit des Comitä, dessen Vorsitzender Herr Dr. Winter ist, ist eine ungewöhnlich glänzende. Es sind schon bereits über 8000 Mark gesanunelt worden, obzwar die gedruckten Aufrufe an die Gemeindeglieder noch nicht versendet worden sind. Wenn man in Betracht zieht, daß die hiesige Geincinde, dem letzten Berichte zufolge, nur 477 Glieder zählt, so wird man leicht einsehen, daß die Leiter der Actton, Commerzienrath Joseph Bondi, Dr. Winter und die anderen Glieder des Comitä sich außerordentliche Mühe geben, um. die Sammlung ergiebig zu machen. Rußland. St. Petersburg, den 24. Juni 1891. Der Befehl des Petersburger Stadthauptinannes G r e s s e r, daß die jüdischen Kaufleute auf den Geschäftsschildern deutlich ihre jüdischen Vor- und Vaternamen angeben müssen, hat gewirkt. Die von den antisemitischen Zeitungen aufgestachelte Bevölkerung meidet die jüdischen Geschäfte wie die Pest. Einen Juden, der geschäftshalber hierher gekommen war, griff die Polizei als solchen auf, der kein Wohnrecht in Petersburg habe. Da er die Familien nicht nennen wollte, bei welchen er während seines hiesigen Aufenthaltes gewohnt hatte, um sic nicht Strafgeldern und der Ausweisung auszusetzen., ivurde er derart geprügelt und gemartert, — "daß er jetzt gefährlich krank im Spitale liegt. Aus Moskau ivurde der Fabrikant V., dem vom Minister M a k o w persönlich das Aufenthaltsrecht verliehen ivurde und der schon zwanzig Jahre daselbst wohnt, ausgewiesen. Wie ernst es die russischen antisemitischen Zeitungen mit der Wahrheit nehmen, beweist der Umstand, daß einige derselben, so das „Nowoje Wrcmja", von der Gründung eines antisemitischen Vereines in Wien erzählten, an dessen Spitze Nothnagel, B i l l r o t h u. s. w. stünden. Gemeint ist offenbar der dortige „Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Zosua T—ky. Odessa, den 9. Juni 1891. Unlängst ist von hier Herr Josef I n b e r wegen agitatorischer Thätigkeit für die Ansiedlung ruffischer Juden in Palästina auf administrativem Wege ausgewiesen worden. In den Motiven des Ausweisungsbefehles wird erzählt, daß Jnber seit 1886 Ausschußmitglied des behördlich nicht genehmigten Vereines „Bnej Zion" war, daß er im Jahre 1890 im Aufträge dieses Vereines mit Herrn B. T e m k i n nach Palästina fuhr, um sich über die Zweckmäßigkeit der Colonisation zu informiren. Heimgekehrt habe er in ohne polizeiliche Bewilligung veranstalteten Versammlungen seine Siammesgenoffen zur Auswanderung nach Palästina aufgefordert, überdies öffentlich im „Woshod" zur Ertheilung von Auskünften in Emigrationsangelegenheiten sich bereit erklärt, und im Herbste 1890 in Odessa einen neuen Verein ,,Esra" organisirt. In Folge der Thätigkeit des Jnber seien thatsächlich viele Juden nach Palästina ausgewandert, und sei diese agitatorische Wirksamkeit als „sehr gefährlich" zu betrachten. Die Maßregelung Inders ist ein in der Geschichte der zionistischen Bewegung in Rußland beispielloser, ganz anßergewöhnlicher Fall. In Rußland existiren schon seit 10 Jahren in verschiedenen Städten über 100 Vereine mit zionistischer Tendenz. Ueberall sind die localen Behörden von deren Thätigkeit insormirt, ohne daß es ihnen je eingefallen wäre, denselben Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Aber selbst die oberste Centralbehörde des Reiches bemühte sich, ihre Aufmerksamkeit von diesen Vereinen abzulenken. Sie fand nichts Gefährliches in der zionistischen Bewegung, sondern sah sich vielmehr veranlaßt, deren Ausbreitung in der jüdischen intelligenten Jugend zu begünstigen, um diese so von einer wirklich gefährlichen, subversiven Bewegung abzuhalten. Auch sind bis jetzt keinerlei Maßnahmen gegen die Auswanderung der Juden getroffen worden, welchen, vielmehr die Grenzen offen stehen. Es ist daher zu hoffen, daß die geschilderte der russischen administrativen Praxis schnurstracks widersprechende Maßregelung vereinzelt bleiben wird. M. K Odessa, 13. Juni 1891. Nach einer säst jahrelangen Abwesenheit von Odessa fand ich jetzt eine bedeutende Sttmmungsändcrung der hiesigen jüdischen Gesellschaft vor. Mit Freude constatire ich, daß die Zahl der Anhänger der Zionsidee unermeßlich zugenommcu hat. Handel und Industrie stocken, 'Niemand wagt bei der Unsicherheit der Verhältnisse etwas bedeutendes zu unternehmen. Der Ernst der Sachlage kennzeichnet sich auch durch Folgendes: Bekanntlich ist jetzt der Staatsrath mit der Ausarbeitung neuer Stadtverwaltungsgcsetze beschäftigt. Vor einigen Tagen hat nun derselbe an alle Gouverneurs und Stadthauptleutc eine Anfrage betreffs der Theilnahme der Juden an der Stadtverwaltung gerichtet; der Odessaer Stadthauptmann S e l e p y äußerte sich dahin, daß den Juden die Theilnahme an der Stadtverwaltung verboten sein sollte, da die jüdischen Stadtverordneten, besonders in solchen Städten wie Odessa, der Urbevölkerung nachtheilig seien. Das Referat des Herrn Selepy schloß mit den Worten: „Die obige Entscheidung der vorliegenden Frage befindet sich in vollkommenem Einklänge mit den jüngsten Judengesetzen, welche die Sicherung des Sieges im Kampfe der ruffischen Bevölkerung mit dem räuberischen Judenthnnie bezwecken." 8. W. Odessa, 24 Juni 1891. Die eben verflossenen russischen Pfingstfeiertage verlebten wir in großer Aufregung und Angst; es circulirten nämlich Gerüchte über bevorstehende Judentumulte. Diese Gerüchte wurden durch die 'Nachricht über die in Hozula (Marktsleck in Ehersoner Gouvernement, wo die Judenhetzen des Jahres 1882 begannen) stattgehabten Unruhen, welche glücklicherweiser rechtzeitig unterdrückt wurden, genährt. Aus Beresowka (einem Städtchen bei Odessa) / wandertcn fast alle Juden vor den Pfingsten aus, viele mußten ihr Hab und Gut den benachbarten deutschen Colonisten zur Anfbewahrung übergeben. Die Befürchtungen waren nicht unbegründet; wie es feststeht, waren unter dem Volke falsche Ukase wegen Plünderung der Juden verbreitet. In Odessa selbst kam es an einigen Orten zu bedeutenden Krawallen, die Maßregeln der Polizei aber hemmten das Wachsen derselben. Ueberhaupt ist das Volk jetzt sehr judenfeindlich gestnnmt, die Zurufe „fort nach. Amerika!" oder „fort nach Palästina!" sind recht populär geworden. Gestern weigerte sich der Stadthauptmann den auswandernden Juden Reisepässe zu geben. Er begründete dieses damit, daß am 29. Juni bezüglich der Juden Alles klar geworden sein werde, bis dahin müsse man sich gedulden. Was haben wir zu erwarten?! 8. W. Odessa, 26. Juni 1891. Als 'Nachtrag zu meinem letzten Briese habe ich wenig Tröstliches zu berichten- Die Pfingsten. sind dort nicht glatt abgelaufen, die düstere Vorahnung hat sich erfüllt. In A n a u j e «» Hotzula und Umgebung waren die Geschäfte und Buden geschlossen, die Marktplätze öde und alles öffentliche Leben stockte. Angsterfüllt blieben die Juden in den Häusern. In Schirgewo gings schon ärger her. Da arbeiteten geschulte, niit Aexten und Beilen bewaffnete Gesellen. ES kam hier zu Schlägereien und Plünderungen, Häuser wurden zerstört, Maaren aus die Gasse geworfen und zerrissen oder verbrannt. DaS Dörfchen bietet ein Bild der Verwüstung. Hausgeräthschaften, Kleider, Möbel liegen in den Gassen uniher, die von Bcttfedern wie mit Schnee bedeckt find. Das Alles geschah am zweiten Pfingsttag. Alan kann die Intensität der Krawalle daraus ermessen, daß der Gouverneur sich auf den Schauplatz derselben zu begeben genöthigt sah. Jetzt ist die Ordnung wieder hergestellt, die Juden aber befürchten neue Ausschreitungen. Der Gemcindeälteste und der Verwalter wurden als Rädelsführer in Fesseln nach Anaujew gebracht. 8. \v. *)Odessa, 15. Silvan 5651. Die russischen anttscinitischen Zeitungen fallen immer über die „arbeitsscheuen" Juden her. Ja, sie cntblöden sich nicht einmal, den Juden den Vorwurf zu machen, daß sie sich nicht mit dem Ackerbau beschäftigen. Wie sollten sie das, wenn sie nur in einigen Theilen des Reiches, und da nur in den Städten wohnen dürfen. Ja, selbst die paar Ausnahmsjuden, welche noch unter Kaiser 'N i k olai Grund und Boden erhielten und ihn im Schweiße ihres Angesichtes bebatien, sollen nun von ihrem Besitzthum vertrieben iverden. Daß auch die Arbeit die Juden nicht beliebter macht beiveist auch folgendes kürzlich hier vorgekoinmene Factilin. Einige HafenaNfsehern fiel es ein, mehrere jüdische Hafenarbeiter niederzuwerfen, mit Füßen zu treten und grausam durchzuprügeln. Sodann schleppten sie die Armen in den Arrest, aus welchem sie Tags darauf entlassen wurden. Als Motto für die Behandlung, welche sie hatten erdulden müssen, wurde ihnen der Umstand genannt, daß sie den christlichen Hafenarbeitern das Brod ivegnehmen. Samuel Jacobsohn. Elisabethgrad (Südrußland). 10. Juni 1891. In unserer Stadt hat die jüdisch-nationale Idee früher als in vielen anderen russischen Orten Anhänger gesunden und gleich nach den berüchtigten „Pogroms" des Jahres 1881 wurde *) Au« dem Hebräischen übersetzt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.