Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 13 (2.7.1891)
- Date
- 1891-07-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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- Kaunas 1× ep/1000678
- Minsk 1× ep/1000754
- Riga 1× ep/1000826
- Vilnius 1× ep/1000947
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Seite 2. Nr. 13. die „Dorsche-Zion" in Minsk. Diese Gesellschaft, aus 1000 Familien bestehend, beruht auf dem Grundsätze, daß die einzelnen Theilnehmer Land auf Abzahlung erhalten, die Gesammteinzahlungen aber mehr als zusammen 600.000 Francs betragen. Eben solche Gesellschaften sind in Kowno (AIphe-Jsrael), in Bialystok, Wilna, farner kleinere Gruppen in Riga, Wars cha;u, Moskau rc. vorhanden. Ja selbst in N e w- S) o r k und in B o st o n sind von russischen Juden Gesellschaften mit je 500 Mitgliedern unter den Namen „Schwi Zion" gegründet worden, welche ebenfalls für die Mitglieder in Palästina Grund und Boden auf Abzahlung ankaufen. Aus dem Letztangeführten läßt sich ersehen, daß die russischen Juden auch nach Amerika ihr Ideal mitbringen. 4. Der sittlich und geistig höher stehende Theil der russischen Judenheit ivird nur nach Palästina mit der Absicht. Ackerbau zu treiben, auswandern. Die ersten, welche aus Rußland nach Palästina behufs Colonisation gegangen sind, und den schlimmsten Entbehrungen sich ausgesetzt haben, waren Studenten aus Charkov. Sie haben die Colonie Ged er a gegründet und arbeiten noch immer in Rischon l'Zion. -Daß jetzt wohlhabende Elemente hinzichen, beweisen die vielen neuen Ansiedlungen, so die Colonie Rechowoth, welche aus 40 Familien bestehen wird, von denen jede je 7000 Francs zu geben hat, so Chedera u. s. w. Wie sehr gerade diese Elemente der Sache ergeben sind, wird klar, wenn man die Geschichte der Gründung der Colonie Rischon l'Zion liest. Fünf Personen mit je 25.000 Francs wanderten im Jahre 1882 nach Palästina, tamen auf einen Berg, der ihnen durch seine Schönheit besonders gefiel. Sie warfen sich nieder, küßten die Erde und sagten-, „Von diesem Boden wird uns nur der Tod trennen." Und sie harrten auch aus, sie ertrugen Alles mannhaft, sie trotzten dem Boden das einfache Brod ab, und an jener Stelle befindet sich heute das herrliche Städtchen Rischon l'Zion, künftige Station der Eisenbahnverbindung Jaffa- Jerusalem, mit Schule, Arzt, Apotheke u. s. w. Daß aber die wohlhabenderen und gebildeteren ' Elemente in Palästina außerordentlich wichtig find, ist von vornherein ersichtlich, da sie nicht nur die Maffe zu leiten pflegen, sondern viel eher bei ihren selbstgewählten Beschäftigungen bleiben. 5. Da Palästina sehr nahe an Europa liegt, so werden die Juden nicht in Verfinsterungseifer verfallen, ja es ist sogar möglich, daß sie, da sie gerade im Mittelpunkte von Europa, Asien und Afrika wohnen werden, die Cultur weiter zu befördern berufen sein werden. Jedenfalls ist der Bildungsgrad der Colonisten ein über das Mittelmaß reichender, überall gibt es vortreffliche nach europäischem Muster eingerichtete Schulen; die Bebauung des Landes geht vollkommen nach moderner Methode vor fich. Ja, die erste That des Executivcomitä in Jaffa war die Gründung einer Bibliothek, der ersten in jenem Theile der Selbst-Emancipatio n. Sie werden, sich dahernicht wundern, daß wir Ihre Aufmerksamkeit aus diese gewaltige Bewegung .unter den Juden in-Rußland lenken. Wir schlagen. Ihnen daher vor, zuerst. Orgauisation in diese Angelegenheit zu bringen, welche aus leicht erklärlichen Gründen nur vom ivestlichen Europa ausgehen, kann. Die Gründung (ftwä.eines Comitäs in;KonMntinopelZund einer-, Agrarbank würde hanptsächlich den Leuten zu Gute kommen, welche etwa ein kleines Vermögen von 1000 Rubeln besitzen und nach Palästina äüswändern ivollen. Auch für arme Juden würde die Gründung einer großen Abzahlungsbank sich empfehlen. Bei dieser Gelegenheit bemerken ivir, daß wir keineswegs wünschen, daß der. größte Theil der, Auswandererinenge nach Palästina gelenkt werde; selbstverständlich müffen die Leute zum größeren Theile nach Amerika*) auswandern, aber schon j^tzt muß eine allmäh lig wachsende Colonisation in Palästina geschaffen werden. Vor allem bitten wir. nochmals um Or-. ganisation. - Wir richten diese Petition an Sie auch aus dem Grunde, weil wir, die wir aus verschiedenen Gegenden Rtlßlaitds stammen, mit der Palästiiia-Colonisationsfache uns eingehend befassen und den Charakter der russischen Juden kennen, sonach zu der Ueberzeugung gekommen sind, daß nur diese Colonisation von Erfolg gekrönt sein könne. - Wir halteit es für unsere Pflicht, Ihnen kundzugeben, daß wir es für unsere Lebensaufgabe ansehcn, in diesem Sinne zu streben und zu lvirken. Und wenn, ivir hier in Berlin sprechen, so ist dies nicht etwa bloß die Sprache der hier befindlichen jüdischen Jünglinge aus Rußland, sondern es ist die Stimmung fast der gesammteit jüdischen Intelligenz Rußlands, die Stimme der nach neuem Wirken und neuen Aufgaben schmachtenden Menge, die Stimme von Millionen getretener und unglücklicher, heimatsloser Menschen. Wir aber werden für diese heilige Sache alle unsere Kräfte in Ihren Dienst stellen, wir werden alle Ihre Unternehmungen in dieser Hinsicht zu fördern uns bemühen und überall aufopfernden Sinn zu wecken suchen; wir, die wir uns bewußt sind, daß nur dieser Schritt die einzige wahre Lösung der Judenfrage in Rußland ist, werden vor keiner Arbeit und Mühe zurückscheuen, wir werden alle Hemmnisse und Schwierigkeiten zu vernichten verstehen, um Ihnen bei diesem großen Werke zu helfen. U n s e r G l ü ck u n d u n s er Heil wollen w i r in fröhlicher Arbeit auf den F l u r e n P a last i n a s s uch e n, nur dort k ö n n e n w i r ein glückliches Leben führen, dadie Begeistern n.g u n s d i e P f a d e ebne n u n d uns ge s u n d e n Lebe n sm u t h g e w ä h r e n w i r d. , (Folgen 64 Unterschriften von Studenten, Candidaten __ und Doctoren.) *) Auch das Hallen wir nicht für nöthig. Die Nachbarländer Pal 5 ft i n a 8: Syrien, Alefopotamien, Kleinasien, etwa auch Madian bieten für große rasch unterzubringcnde Auslvandererinassen zumindest dieselben wenn nicht weit größere Bortheilc als Amerika, die.Nahe Europas und' Palästinas. gar nicht zu rechnen. Die Dtefc Die Zionsidee auf der Tagesordnung. ' Bcrli u, den 26. Juni 1891. Die Palästinabewegung ist für denjenigen, der sie bisher nicht kannte, und erst jetzt davon erfährt, etwas höchst Originelles und darum Interessantes; enthält sie doch in sich zwei gleich große und erhabene historische Ziele, nämlich erstens einem seit dem Alterthum her ein Zigeunerl den führenden Stamme einen festen Boden ju; verschaffen und dann die Wiedergeburt und Wiederverjüngung desselben in nationaler und cultureller Hinsicht zu beivirken. Nichts desto weniger blieb die Zionsidee wie gesagt, bis vor kurzer -zeit im ivestlichen Europa nur auf sehr wenige Kreise beschränkt, was nicht Wunder nimmt, wenn man die Thatsache berücksichtigt, daß die gesammte liberale Presse von die Existenz dieser Bewegung vertuschenden Juden geleitet wird. Würde bei den Hottentotten ähnliches vorgegangen sein, als bei einem Theile der Juden- , heit, so hätten sicherlich sofort Specialcorrespondenten aller Blätter wissenschaftliche Untersuchungen über die Entivickeluitg eines so merkwürdigen Strebens angestellt. Nichts aber war der Publicistik so unangenehm als das Faktum, daß gerade Juden in dem Kampfe zwischen Leben und Tod für das ersterc sich entschieden. Daher zog sie es vor, diese' ganze'Strömung stillschweigend zn übergehen und so kam es, daß nur sehr wenige, etwas davon ahnten, daß bei einem Theil der verachteten Judenheit geradezu geschichtliche Szenen sich abspieltcn, daß bereits seit zehn Jahren im heiligem Lande Colonien mit jugendfrischein Leben entstehen, daß enthusiasmirtc Jünglinge daselbst sich große Opfer auferlegeii, um einer hohen Idee zu dienen. Da kamen die letzten Schmerzensruse der unterdrückten Brüder/Klagen über nie dagewesene Mißhandlungen, die gar seltsam wirften, und von der anderen Seite gar wunderliche Nachrichten über zionistische Meetings aus London an; die Presse hatte eilten schivereit Stand! Wie gern hätte sie diese unerwünschten Berichte todtgeschwiegen, wie gern hätte sie die gefährliche. Thatsache, daß tausende von Juden nach Jaffa sich eingeschifft, aus der Welt geschafft — cs war nicht mehr möglich, uitd so begannen dann die. täglichen Zeitungen erst Telegramme ganz unverständlicher Statur zu bringen, dann aber auch trockene 'Notizen über bereits vorhandene Colonien als ob die Gründung derselben über Nacht erfolgt iväre. Die Form, in welcher man die Auswanderung von Juden nach Palästina erwähnte, war die kühlste von der Welt, indem bloß Zahlen angegeben wurden. Man . mochte, jedoch noch so zurückhaltend schreiben, es wirkte für die, welche zwischen den Zeilen lesen, als Weckmittel, so daß die Zionsidee schon in den verschiedensten Gesellschaftsschichten einen Widerhall hervorruft, daß sie sozusagen hoffähig zu werden beginnt^ Die von jeher zionistisch, gefärbte. „Jüdische Presse" brachte einen glühenden Leitartikel über die Paläftinasrage und gelangte zu dem Resultate, daß die russische Judenfrage ausschließlich durch die Colonisation Palästinas eine radikale Lösung finden könne. Noch mehr;, man höre und staune. Zu der „Allgcm. Ztg. des Jndenth."*) wurde jetzt der Plan der Gründung eiues jüdischen Reiches (!) erörtert. Mit ganz unerwarteter Kühnheit wird die Eroberung (!) eines: Landes anempfohlen, da die Juden auch *) Die Repräsentantin des deutschen AssiinilanoiisjudcnthuuiS, welche noch vor wenigen Monaten den Oberst Albert Golds m i d in London wegen seiner zionistischen Tendenzen zu" den „schwärmerischen Köpfen" zählte. . Die Red.