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Selbst-Emancipation · 1891-06-17 · Heft 12 (17.6.1891) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 12 (17.6.1891)
Date
1891-06-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 12. S e löst- E m a n c i p a t i o n. Seite 7. mus" wird ganz andere 'Anstrengungen als bisher machen müssen, wenn er die Ausdehnung der - antisemitischen Bewegung au ch itut etwas verlangsamen will. In einer aus Hessen, dem Centralherd unseres 'Antisemitismus, an die „Weser Zeitung" (Bremen) gerichteten Zuschrift, die ihre Spitze gegen die Antisemiten und ihre Presse kehrt, wird die 'Ansicht ausgesprochen, daß besagter Verein überhaupt keinen wesentlichen Erfolg erzielen werde! Jedenfalls müssen wir auf die Möglichkeit gefaßt sein, daß in einigen Jahrzehnten die Emancipation in Deutschland wieder aufgehoben, ja vielleicht, daß es auch hier zu blutigen Excessen kommen wird; haben ivir doch Aehnliches wenigstens schon in Hinterpommern erlebt. Denken wirdeshalb beiZeiten daran, auch für uns selbst ein Asyl zu schaffen, so lange es noch möglich ist! Ist es nicht eine Schande, wenn die An t i s e m i t e n für eine schlechte Sache so viel Eifer an wenden, wir aber für eine gute so unthätig sind? Von Versammlungen gegen den Antisemitismus hat hier nur am 22. d. Dt. eine socialdemokratische stattgefunden. In derselben bekämpfte Herr P r u s zwar geschickt die Existenzberechtigung einer an t i semit,is ch e n Partei, meinte aber, daß ivenn jemand Antipathie gegen die Juden hege, ihm das unbenommen sein solle. Ein deutliches Zeichen, daß der I ud e nh a ß auch in einem socialistischen Staate nicht schwinden Magdeburg, 3. Juni 1891. Zu den wenigen nicht von Juden redigierten deutschen Blättern, die es mit der Bekämpfung des Antisemitismus ehrlich meinen, gehört die „Magdeburgische Zeitung". Dieselbe hat denn auch anläßlich des hiesigen antisemitischen Parteitages und der großen antisemitischen Volksversammlung in ihrem Leitartikel vom 28. Mai scharfe Angriffe gegen den Antisemitismus gebracht. Aber die Zeitung kennt ihr Publikum, und wenn auch ihr selbst der Antisemitismus hauptsächlich wegen seiner Unsittlichkeit verhaßt sein mag, so weiß sie doch sehr wohl, daß sie mit lediglich gegen die Unsittlichkeit der Antisemiten gerichteten Ausfällen bei ihren Lesern herzlich ivenig ausrichten wird. Sie kämpft deshalb hauptsächlich gegen die Unvernunft des Antisemitismus und macht msbesondere die Magdeburger auf den geschäftlichen Nachtheil, den sie sich selbst durch die Judenhetze bereiteten, aufmerksain. In Anbetracht des Umstandes, daß sich hier gerade der größte Theil unser zahlreichen christlichen Kaufmannschaft am Antisemitismns eifrigst betheiligt, schreibt sie folgendermaßen : „Wir leben hier in einer Stadt von Kanfleuten. Unser Handelsstand nimmt eine ruhmreiche Stellung in der Welt ein, überall weiß man ihn wegen seines weiten Blickes, seines soliden 'Auftretens zu loben. Können denn die Glieder dieses angesehenen, ehrenfesten Standes in der Versammlung ihren Beifall und ihren Segen dazu gegeben haben, daß gleich der erste Plan, der hinter der fanatischen Judenhetze zum Vorschein kam, darauf gerichtet war, Stimmung gegen den deutsch-österreichischen Handelsvertrag zu machen? Rein, das ist gewiß nicht möglich. Zu den Beifallsspendern können nur Leute gehört haben, die das Interesse der Kaufmannschaft und das Interesse der Bürgerschaft gar nicht kennen. Jeder Kaufmann will, wenn er sonst s ei n en V orthei l wahrzunehmen versteht, erleichterten Handelsverkehr mit deui 'Auslande. Der neue Vertrag wird ihn, wie man fest annehmen kann, bringen: Handel und Industrie werden von Oesterreich Zugeständnisse erhalten, und wir bieten dafür Oesterreich eine Ermäßigung der Grenzzölle. Und das sollen Magdeburger Kaufleute tadeln, das soll die Magdeburger Bürgerschaft nicht, mit Freuden begrüßen? Da müßten wir ja ganz und gar unseren Verstand verloren haben." Ich habe die Stelle wörtlich hierher gesetzt, weil auf's klarste aus derselben hervorgeht, daß nur der „Vortheil" die meisten Judenhaffer vom Antisemitismus zurückhält. Die selbst aus Gerechtigkeitsgefühl hier eingreifende „Magdeburgische Zeitung" ' muß bei ihren Lesern weit mehr an den G e l d s a ck als an das Gerechtigkeitsgefühl appellieren, ivenn sie anders irgend welchen Erfolg erzielen will! Freilich allzugroß wird auch der Erfolg nicht sein, da unsere vom fanatischesten Hasse getriebenen Antisemiten eine immer größer werdende Rührigkeit entfalteu. Hinsichtlich des hiesigen antisemitischen Parteitages ist noch nachzutragen, daß auf demselben eine vollständige Einigung zwischen der sogenannten antisemitischen Volkspartei und der deutschsocialen antisemitischen Partei erreicht worden ist. Die beiden Gruppen wollen auf Vorschlag des Rektor Ahlward t (Berlin) die verschiedenen Wahlkreise unter sich vertheileu, um sich nicht gegenseitig durch die verschiedene Art der Agitation zu. hemmen. Also auch die Hoffnung vieler Juden, daß die Antisemiten sich durch ihre Uneinigkeit gegenseitig schaden würden, ist vereitelt. Würden doch die Juden selbst nur wenigstens den Werth der Einigkeit für sich begreifen! Nußland. St. Petersburg, den 8. Juni 1891. Mr. Arnold White bereist gegenwärtig Rußland, um die Stimmung der Juden für das Colonisationsproject des Barons H i r s ch zu erforschen. Er fand bei den maßgebenden Behörden viel Entgegenkommen und das Versprechen der Unterstützung. Aus Odessa sind in voriger Woche 790 jüdische Familien nach Palästina ausgewandert. In den letzten zwei Wochen sind von Odessa 2500, von Kiew 4000 und Berditschew 5000 Juden nach England, Amerika und 'Australien ausgewandert. DaS russische AuswanderungscomitL will 60000 arme Juden von Libau und Riga nach London schicken. Dasselbe Comitü hat auch bereits Dclcgirte nach Palästina behufs Ankaufs größerer Landstrecken geschickt. Josua T—ky. Warschau, den 4. Juni 1891. Bekannterinaßen wird in Rußland eine Fleischsteuer (Korobotschni Sbor) bei den Juden eingehoben, deren Ertrag gesetzlich zur Unterstützung armer Juden bestiimnt ist. Hier fände sich also eine 'Art Handhabe, um damit den armen Verwiesenen ihre Lage zu erleichtern. Was geschieht aber thatsächlich? Im Gouvernement Kiew werden diese Gelder dazu verwendet, die Zahl der — Polizeibeamten zu vergrößern, deren Aufgabe es ist, die Juden zu maßregeln. Diese Verwendung übertrifft wohl noch jene vor einiger Zeit in Kischenew practicirte, wo man viele Zehntausende von Rubeln aus derselben Quelle zum 'Aufbaue eines Gymnasiums entlehnte, um an das Wiedererstatten zu vergessen. Bulgarien. *) Sofia, 27. Mai 1891. (Es bewegt sich doch.) Rascher als wir geahnt, raffte man sich auf, um nach so langjähriger Versäumnis wenigstens in einem Punkte Wandel zu schaffen. Am Lagbeomer wurde der Ankauf einer Bauparcelle von nahe 600 Meter perfect, somit wenigstens ein Boden gegeben, auf dem f. Z. das Gotteshaus für die sogenannten „deutschen Juden" hingebaut werden wird. Bis zu diesem Zeitpunkte wird das Betlocal in einem alten türkischen Häuschen auf diesem Grunde uutergebracht scin. Wollen wir hoffen, daß gleichzeitig mit dem Tempel auch der Schulbau in Angriff genommen werden wird. Mögen energische Thaten ihren Berichterstatter dementiren — sie würden der schönste Lohn seiner Bestrebungen bilden und wird er sich glück- *)Gegenüber dieser Correspondenz verweisen wir auf die gegen die Correspondenz aus Sofia in Nr. 10 d. Jhrg. gerichteten beiden „Eingesendct" aus Sofia in dieser Nummer. Die Redact. lich preisen, den Ehrgeiz und die Schaffensfreudigkeit der indifferenten Stammesbrüder herausgefordert zu haben. B e n z i o n. England. London, 11. Juni 1891. Lord Rothschild hat die ihm überreichte, mit zweitausend Unterschriften versehene Petition um Erivirkung einer Intervention der englischen Regierung bei der Pforte wegen Regelung und Sicherung der russisch-jüdischen Einwanderung nach P a l ä st i n a in der Weise zustimmend erledigt, daß er sich sofort an den Premierminister Marquis of Salisbury wandte. Der letztere hat nun in einem Antwortschreiben an Lord Rothschlid erklärt, er werde den englischen Botschafter in Constantinopel zu Rathe ziehen, ob in dieser Angelegenheit die Intervention der englischen Regiernng nützen könne; im bejahenden Falle werde der Botschafter die Sache Sr. Majestät dem Sultan unterbreiten. Türkei. (Palästina.) Jerusalem, 31. Mai 1891. Hier war der 17. Jjar d. I. als Fast- und Bitttag aus Anlaß der russischen Judenverfolgungen durch Placate angekündigt worden und wurde auch als solcher begangen. Bittgottesdienste fanden in allen Synagogen und vor der Tempelmauer statt. Unser rühmlichst bekannte Gesinnungsgenosse, 'Rechtsanwalt M a s e aus Moskau, ist aus Palästina abgereist, nachdem er für die von ihm gegründete Moskauer Gesellschaft ,,'R'w.eh Schalom" bei 10.000 Dunam der Besitzung des Herrn Aptekman«, „Machnaim". erstanden hat. Das Grundstück liegt nordwestlich von der Thermenstadt Tiberiqs und dem Genesarethsee, südöstlich von der Colonie Rasch Piuah, nordwestlich von den Colonien Mischmar Hajarden und Jessud Hamaaleh und dem fischreichen Meromsee. Der Boden ist qucllenreich, fruchtbar und sowohl für Ackerals Plantagenbau geeignet, das Klima milde und gesund. Machnaim ist 5 Stunden von Liberias, l'|t Stunden von Saffed, eure halbe Stunde von Rasch Pinah und Jessud Hamaaleh, 3 Kilometer von der geplanten Eisenbahnstrecke Damaskus-Jordanufer entfernt. — Die Mitglieder von „R'weh Schalom" sind sämmtlich vermögend. Ihr neues Besitzthum wird fünf Jahre lang für die ganze Gesellschaft durch einen Beamten geleitet und erst dann zwischen den einzelnen Eigenthüniern getheilt. „Chibath haarez" nennt sich eine neue von hervorragenden Juden hier gegründete Genossenschaft znm Zwecke gemeinsamen Bodenankaufs. Ihr Bestand ist auf fünf Jahre berechnet; die Mitglieder zahlen monatlich 10 Francs. Außerdem soll das Genoffenschaftscapital durch geschäftliche Transactionen mit den erworbenen Grundstücken vermehrt werden. Erst was am Ende der fünf Jahre Grundeigenthum der Gesellschaft ist, wird durch Los getheilt. A m i t h i. Jaffa, 20. Mai 1891. (Die letzten Nachrichten aus Palästina.) Gestern ist in N i s ch o n le Zion der Chef-Verwalter der Rothschild'schen Colonien, Herr Elias Scheid mit dem Obergärtner, Herrn Franz Ermens eingetroffen. Herr Scheid hat außer der geivöhnlichen Jahresrevision diesmal noch eine besondere Mission. Er soll nämlich bezüglich einer geplanten Colonisation des Jordanthales Nachforschungen pflegen. Vor einigen Tagen gelangte aus Constantinopel die Erlaubniß zur Ausgabe der „Kuschan" (Kaufbrief) für den Boden der neuen Colonie C h d e r a herab. Dieser Boden ist von über 100 Familien aus Kowno, Riga h. s. w. gekauft. In Rischon le Zion werden von diesem Jahre ab alle Anstrengungen gemacht, um den Wein der Colonie „koscher" zu machen. Im vorigen Jahre war er „nessech", weil der Kellermeister ein Christ war.

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