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Selbst-Emancipation · 1891-06-17 · Heft 12 (17.6.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 12 (17.6.1891)
Date
1891-06-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 12. Original- Korrespondenzen. «Scsterreich-Ansarn. Wien, 12. Juni 1891. Der Palästina- Colonisationsverein „Admath Jeschurun" hielt am 31. v. M. eine außerordentliche General-Versammlung ab, bei welcher die nach den neuen Statuten nothwendig gewordenen Ergänzungswahlcn vorgenommen wurden. Es wurden gewählt die Herren: Buchhändler Eh. D. Lippe zum 2. Präses, S. Bojukansky zum hebr. Schriftführer, Vertheidiger Dr. Siegfried Wertheimcr, Obercantor Jacob Bauer, Redactcur Dr. Nathan Birnbaum zu Ausschußmitgliedern. Die Agenden eines Cassiers führt Herr Moni Alkalay, welcher seine Stelle zurücklegtc und das Vertrauen der Versammlung ausgesprochen erhielt, provisorisch bis zur nächsten Generalversammlung fort. — Der Verein entfaltet angesichts der für die Ausbreitung der Sache geeigneten Zeitumstände eine rege Thätigkeit. Es ist ein Aufruf gedruckt worden, der an die israel. Gemeinden Oesterreichs und an die Tagespresie versendet wird. Agitationsreisen sind geplant und wäre es dem Ausschuffe angenehm, wenn diesbezügliche Wünsche an ihn gemeldet würden. da. Wien, den 14. Juni 1891. Während in den übrigen großen Städten der Erde das regste Jntereffe für das Schicksal der russischen Juden sich' geltend gemacht, bleibt die Wiener Judenschaft noch immer ziemlich kühl, wiewohl sich auch hier erfreuliche Anfänge eines jüdischen Pflichtbewußtseins zeigen. Es ist ferner der „Neuen Freien Presse" zu danken, daß die Wiener Judenheit wenigstens etwas von der Colonisation Palästinas erfährt und so auf eine größere Mtthätigkeit in dieser Hinsicht vorbereitet wird. (A.. L.) Lemberg, den 4. Sivan 5681. — Die vom antisemitischen Philoscmiten Herrn Stärket (Ausschußmitglied des Vereines „Agudas Achim") redigirtc „Trybuna" schreibt in ihrer letzten Nnmnier, daß Baron Hirsch dem Czaren drohte, die russischen Juden in Argentinien zu colonistren, und bringt bei dieser Gelegenheit seine Furcht zum Ausdruck, daß es leider nur bei der Drohung bleiben könnte. Der Autor des Artikels erklärt sich ferner gerne bereit, den russischen Juden auch die jüdische Bevölkerung mehrerer galizischer Städte, wie z. B, Kolom'ea, Buczacz u. a. zum Transporte nach Argentinien beizupacken. Polnischen Blättern zufolge gedenkt SirOlip h a n t, welcher gegenwärtig in Tiflis weilt, nach Constantinopel zu reisen, um mit dem Sultan über eine Maflenansiedlung der aus dem Czarenrciche vertriebenen, Juden in Palästina, zu unterhandeln. Deutsches Neich. Berlin, 10. Juni. In Charlottenburg wiederholt sich jetzt täglich dasselbe Bild des Jammers, ein Bild, das selbst den ausgesprochensten Judenfeind erschrecken und der Lust und der Freude berauben muß, welche er bei der Verbreitung seiner humanen Ideen empfunden hat. Wer jedoch noch nicht weiß, wie traurig die Lage unserer Brüder im Osten, wer den Preßberichten nicht glauben will, weil - sie übertrieben seien, der gehe hin und studire diese verzweifelnden, hoffnungslosen Gesichter der täglich nach Hunderten zählenden Flüchtlinge. Zwar sind noch die ärmsten Elemente nicht hier, da für dieselben die Reisekosten bis Berlin eine völlig unerschwingliche Summe sind, aber auch die Ankömmlinge gewähren uns einen Blick in den Abgrund des jüdischen Elendes und lasten uns voraussehen, welche Leiden den Juden noch beoorstehen. Selten hört man laute Klagetöne S e l b st - E m a n c i p a t i o n. von den eingeschüchterten Auswanderern, aber aus jedem Antlitze ist unendlicher Schmerz und unaussprechliches Weh heraus zu lesen. In sich gekehrt und heiße Thränen vergießend, sitzen manche Frauen, von kleinen, kränklichen Kindern, welche leise schluchzen, umgeben, ohne ein Wort zu sprechen; durch das Unglück sind viele so abgestumpft, daß sie zivischen Freund und Feind nicht zu unterscheiden ivissen, daß sie die einfachsten Fragen nicht zu beantworten verstehen. Viele lassen sich wie Kinder leiten, da sie nicht einmal das Ziel ihrer' Reise anzugeben vermögen, ein hinreichender Beweis dafür, daß jetzt keine Auswanderung, sondern eine Flucht stattfindet; cs ist ihnen gleichgiltig, ob sie noch Rotterdam, London, Boston, San Franzisco oder Buenos- Ayres auswandern sollen, wenn sie nur ihren schrecklichen Hunger bei schwerer Arbeit werden stillen können. Leute, welche von Natur aus nicht mitleidig, sondern abgehärtet sind, werden durch die grenzenlose Noth, welche da zu Tage tritt, gerührt. Ueberaus segensreich ist darum die Thätigkeit des Komitäs, welches unter Vorsitz von H. Isaak in Charlottenburg sich gebildet hat und des Centralcomitss zu Berlin, denn die Auswanderer werden wenigstens zum großen Theile in den Stand gesetzt, nach Amerika zu gehen. Als schreckliches Gespenst taucht allerdings auch hier von Zeit zu Zeit die Frage auf, was geschehen wird, wenn in der neuen Welt der Gegensatz zwischen den Semiten und den Ariern hervortrelen wird, wohin dann der fliehende Fuß gelenkt werden wird; jetzt indeß gilt es so viele als möglich zu retten, und das Rettungswerk wird in wahrhaft grandioser Weise vollzogen. Selbst vom nationalen Standpunkte muß doch zugegeben werden, daß es nicht rathsam ist, größere Massen nach Palästina zu senden, da die Colonisation dieses Landes nur langsam und allmählig, nicht in unbesonnener Weise, geschehen muß. Soeben findet eine große Co nferenz des Centralcomitä's zur Unterstützung ausgewiesener Juden statt, zu der leitende Männer aus allen Hauptstaaten Europas herangezogen worden sind. Da in derselben über die Colonisation verhandelt werden soll, so hat der „Russischjüdische wissenschaftliche Verein" ein längeres Memorandum über die Palästinaidee an sie gerichtet, in welchem er die Wünsche der jüdischen Volksmasse in Rußland wiedcrgiebt. Ueber die Resultate der Conferenz und über die Schritte, die von hier aus bald für die russischen Inden gethan werden sollen, kann erst in nächster Nummer berichtet werden. So viel wollen wir schon jetzt bemerken, daß auch die Zionsidee in der Conferenz Vertreter hat, so von hier aus den unermüdliche Verfechter des Judenthums. Dr. Heinrich Meyer Cohn, und aus London den bekannten Palästinafreund Rechtsanwalt Elkan Adler, Bruder des Rabbiner von London. L. M. □ Charlottenburg (bei Berlin). Täglich, sogar am Sabbat, langen auf dem hiesigen Auswandererbahnhofe Morgens und Abendß lange Züge mit den russischen Auswanderern an. An manchen Tagen sind wohl 1000 Passagiere befördert worden. Das Localcomitch das hier die Versorgung der Unglücklichen übernommen hat, hat kaum Hände genug, um allen Auforderungen gerecht zu werden. Wenn schon dem ganzen LocalcomitL die höchste Anerkennung gezollt werden muß, so wissen wir doch besonders den Herrn Georg Jsaac (Redacteur der demokratischen „Charlottenburger Neuesten Nachrichten") Dank, der in jeder Weise Zeit und Mühe dieser humanen Thätigkeit opfert. Aber obwohl tausende wetteifern, um die, zum Unterstützungswerke nötigen Mitteln aüfzubringen, so' sicht man. sich dennoch genöttgt, in der Unterstützung die engsten Grenzen zu ziehen. Man. beachte nur das eine, daß innerhalb dreier Wochen einzig an Eisenbahnbillets und Schiffskarten eine Summe von ungefähr 1Va Million Mark erforderlich sein Aus diesem Grunde sah sich auch der jüdische Con gre ß, welcher unter dem Vorsitz des Justizraths M a k o w e r vorgestern und gestern in Berlin tagte, und von allen jüdischen Gemeinden der europäischen Hauptstädte beschickt worden war, genötigt, die- Unterstützung cinzuschränken in der Art, daß nur wirklich Bedürftigen und in der That Ausgewiesenen Gaben zu Theil werden sollen. Es wurde dort auch beschlossen, ein ständiges Centralcomitä in Paris und besonders in Berlin und Wien Localcomitäs einzusetzen. Als C o l o n i s a t i o n sfeld wurde, da der fruchtbarere Teil Judäas in Händen der Muhamed an er und der christlichen Kirchen wäre, vor allen das südliche Kleinasien, nächstdem Syrien und das nördlichste P a lästin a an s ersehe n. Aus diesen Plan wird noch des weiteren zurückzukommcn sein.*) *) Wiewohl wir die Gründe für die Raiigicruiig von Syrien und Palästina nach Kleiuasien als unstichhältig ansehen, so sind wir doch für den Beschluß des Congreffcs höchst dankbar. Die Red. Magdeburg, 27. Mai 1891.*) Hier arbeitet jetzt der Antiseinitismus mit Hochdruck. Nachdem hier am 2. d. M. Dr. T e s d o r f f einen Bericht über den Parteitag der deutschsocialen Antiseiniten in Leipzig gegeben und im Anschluß daran Dr. Paul F ö r st e r, Reichstagskandidat der Antisemiten für die Nachwahl in Cassel, eine Hetzrede über „deutsche Klugheit, jüdische Intelligenz" gehalten, fand hier am 24. und 25. d. M. der Parteitag der sogenannten anttsemitischen Volkspartei Böckels statt. Am Abend des 25. schloß sich daran eine große Volksversammlung, die von zirka 4000 Personen besucht war. Es sprachen daselbst die deutschen Reichstagsabgeordneten Böckel, Werner, P i ck e n b a ch und der österreichische Reichsrathabgeordnete Türk.' Nach dem Berichte der „Magdeburgischen Zeitung" fanden sämmtliche Redner, selbst bei den crassesten Behauptungen, den stürmischen Beifall des größten Theiles der Versammelten. Und das alles in unserem Magdeburg, der vor 45 Jahren judenfreundlichsten oder richtiger einzig judenfreundlichen Stadt des Königreichs Preußen! Auf dem Parteitage selbst waren 180 Besucher aus 45 Wahlkreisen und 24 Delcgirte aus Preußen, 5 aus Hessen, 4 aus dem Königreich Sachsen, 4 aus Würtemberg und 10 ans den sächsischen Herzogthümern, dazu zahlreiche Gäste erschienen. Wie der Antisemittsmus wächst und arbeitet, zeigte insbesondere.der Bericht des Delegirten Ve Ick er (Stuttgart,) der erst vor einem Jahre die antisemitische Fahne in Würtemberg entfaltet hat. Danach sei der antisemitische Verein in Stuttgart inzwischen von 25 Mitgliedern auf 270 gestiegen. Die Organisation zähle schon 45 Ortsgruppen mit 2400 Mitgliedern. Erfolgreich sei nur eine Agtitation von Ort zu Ort. In Würtemberg seien bereits 163 Verttauensleute in 93 Geineinden vorhanden. Er für seine Person habe 87 Versammlungen abgehalten und eine Rednerschule gegründet, in der schon 5 Agitatoren ausgebildet worden seien. Man muß nun weiter bedenken, daß die deutschsociale antisemitische Partei noch viel weiter als die Böckelsche verzweigt ist und noch bei weitem reger und gehässiger agitiert. Werden, um nur eines anzuführen, doch von Leipzig allein aus, wie sich die deutschsocialen Blättern, rühmten, jährlich mehr als eine Million antisemitischer Flugblätter über ganz Deutschland versandt j Der „Verein zur Abwehr des Antisemitis- *) Zur vorigen Stummer verspätet eingelangt.

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