Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 12 (17.6.1891)
- Date
- 1891-06-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12. Sonntag den 31. Mai veranstaltete die „Chovevei Zion Association" nicht weniger als drei Versammlungen an verschiedenen Orten, welche sehr erfreuliche Resultate zu Tage förderten und sämintlich so stark besucht waren, daß sich die Räumlichkeiten als 511 klein erwiesen. Die unter dein Borsitze des Mr. Elim H. d'A v r g d 0 r vom West-En d-Zweigverein abgehaltene Sitzung beschloß einhellig die nachstehenden vom Vorsitzenden vorgeschlagenen Normen, welche in hebräischer und englischer Sprache gedruckt und vertheilt ivurden und deren Einhaltung fortan Aufgabe des Vereines sein soll: I. Pflege der N a t i 0 n a l i d e e in Israel. II. Förderung der C0 l0 ni sati 0 n Palästinas und der benachbarten Gebiete durch Juden durch Errichtung von Colonien und Unterstützung der bereits bestehenden. III. Verbreitung der Kenntniß der h ebräischen als einer lebenden Sprache. IV. Hebung des m 0 r a l i s ch e n, i nt e l l e c t u e l l e n und m a t e r i e l l e n Niveaus des jüdischen Volkes. — Bei der hierauf erfolgten Wahl der Fnnctionäre wurde Mr. E. H. d'Avigdor einhellig zum Obmann gewählt. In seiner Dankrede gab der Vorsitzende der Hoffnung Ausdruck, daß die Petition au Lord Rothschild nicht ohne Erfolg bleiben und nicht nur Geld sondern auch einen Ferman der Pforte erwirken werde, welcher den Juden die ihnen in Rußland verweigerte. Freiheit zusichert. Die Türkei sei immer in religiöser Beziehung tolerant gewesen, und sei bestrebt, ehrenhafte Ansiedler zu bekommen. Die „Chovevei Zion" hätten sich nur vor Allein zu hüten, Anlaß zur Verläuindung zu geben, wie solche jetzt von ihren eigenen Freunden und Brüdern gegen sie ausgestreut wird. Jene aber, die sensationelle Artikel voll böswilliger Verleumdung gegen die Freunde der Aionssache veröffentlichen, seien schlechte Vögel, welche ihre eigenen Ne st er verkam ein neues, die Kenntnis der hebr. Sprache förderndes und verallgemeinerndes Moment hinzu, nämlich die gottesdienstliche Poesie, welche wegen ihres volksthümlichen, den Glauben und die Geschichte Israels verklärenden Inhalts in alle Bethäuser Eingang gefunden hat. Wohl behandeln die Peitanim die hebr. Sprache willkürlich und niißachten dem Reime zuliebe alle grammatischen Regeln und etymologischen Gesetze. Aber selbst diese Auswüchse, die ungebundene Ausdehnung der Wortformen zeugen für die Biegsamkeit und Bildsamkeit der hebr. Sprache, für die Festigkeit ihrer Wurzeln, ihren gesunden Kern und. ihre Triebkraft, welche auch aus diesen Mißgestalten hervorbricht. Erst unter dem Einflüsse der arabischen Cultur und der philosophischen Methodologie nahmen die hebr. Dichtungen schöne, künstlerische Forinen an. Die Meister der biblischen Ausdrucksweise (Gabirol,Jbn-Esra) welche durch ihre sprachwissenschaftliche, lexicographische und exegetische Forschung die hebr. Sprache und Literatur zu einem früher nie geahnten Aufschwung brachten, überragt der patriotische Dichter Juda Halevi (1080—1146) durch seine erhabenen, aus der Tiefe des Gemüths emporströmenden Lieder und Hymnen. Ihm erschloß die heil. Sprache ihren Zauber und Reichthum, ihre Schönheit und Lieblichkeit, so daß er für jede Empfindung und Regung das passendste und angemessenste Wort findet. Mit der wehmutsvollen, von nationaler Begeisterung durchglühten Zionide, durch welche er eine Ehrenschuld seines Volkes an die Gottesstadt abzahlt, deren zweite Zerstörung zu beklagen kein Jeremias sich gefunden, mit diesem herrlichen, die Sehnsucht nach dem heil. Lande erweckenden Gesänge hat er und auch die in ihm verkörperte hebr. Poesie den Geist ausgehaucht. (Vgl. meine Ethik d. Juda Halevi/ Se lb ft-E mancipatio». brennen. — Der in der Versammlung anwesende Oberst Defries versprach seinen ganzen Einfluß zu Gunsten der heiligen Sache des Vereines aufzubieten. Zu gleicher Zeit fanden Meetings der Zweigvereine der„Ch. Z. A." in Manchester und Sunderland statt, welche in Resolutionen ihrer Freude an dem Fortschritte und Gelingen des Colonisationswerkes Ausdruck gaben. Sonntag, den 7. Juni fand eine von 1500 Mitgliedern besuchte Versammlung des „East End Tent" der „CH. Z. A." behufs Neuwahl des Obmannes und der Delegirten zum CentralcomitS statt. Gewählt wurden: zum Vorsitzenden Mr. Jos. Prag, zu Delegirten u. A.: Oberst Goldsmid, Rev. Dr. Adler, Sir Francis Montesiore, S. Montagu, Rev. S. Singer, u. Maccoby, Mr. I. Sebag-Montefiore. Für die erfolgte Wahl dankend sprach Mr. Prag von dem Enthusiasmus, mit welchem die Bewegung in England und besonders in East-End von London ausgenommen wird. Die „Chovevei Zion" hätten die Frage der Colonisation Palästinas in die Sphäre der praktischen Politik gebracht. Obgleich anfangs kalt ausgenommen, habe der Verein durch die Begeisterung seiner Mitglieder und die Ausdauer seiner Führer die Zuneigung nicht nur der Juden, sondern auch der Christen gewonnen und stets die Thatsache hervorgehoben, daß Israel eine Nation war und nicht eine Sekte. Seit jeher strebe er nach einer baldigen Wiederherstellung jener nationalen Selbstständigkeit an deren Vernachlässigung und Preisgebung ihre Umgebung bereits gewohnt sei. Der Erfolg ihrer Bestrebungen sei nicht garantirt, sicher wäre nur die Unvergänglichkeit des Geistes, den sie in Israel wieder erweckten. Biogr.) Um diese Zeit wirkten neben dem Juda Halevi geistesverwandten Nachmanides fördernd auf das hebr. Sprachwissen Kimchi's (1160 bis 1230) grammatische und Jed. Penini's elegante, stilistische Erzeugnisse. Mit der Vertreibung der Juden aus Spanien (1496) beginnt ein trauriger Abschnitt in der Geschichte der Sprache. Es tritt in ihrer Entwicklung ein mehrhundertjähriger Stillstand ein. Die Verfolgung der Juden während der barbarischen Kreuzzüge hielten jede schaffensfreudige Stiinmung nieder. Die Rabbiner, welche schon früher im Süllen eine Abneigung und einen Widerwillen gegen das Sprachstudiuni und Dichten hegten, worin sie, weil auch die Mohammedaner und Caräer sich damit befaßten, eine Nachahmungssucht erblickten, fällten manches wegwerfende Urtheil über die Autorität der Dichter. Durch diese veränderte Geistesrichtung bricht für die heil. Sprache eine schivere Zeit an, welche die Schaffenskraft ihrer Freunde unterdrückte, deren heiteren, freien Sinn umdusterte und einen Hang zum Mystischen und Geheimnisvollen erzeugte. Selbst die Massoreten, die Männer der Tradition, leitet bei ihrer Vergleichung und Fixirung des richtigen Thoratextes mehr hagadisches als grammatisches Interesse. Sie standen im Dienste der allegorisirenden Mystik; es ivar ihnen bei der Aufzählung der gleichmäßigen und von einander abweichenden Schriftstellen weniger um die Feststellung der richtigen Lesearten und eines Sprachgesetzes, als um die Herausfindung einer geheimnisvollen Andeutung zu lhun, wie ich diesen Gesichtspunkt bei dem Schwärmer Abraham Abulafja in meiner Recension über Jellinek's Einleitung zu N 0 r z i's masoretischen Bibel-Commentar in Grätz' Monatschrift 25. Jahrg., Seite 204—218 dargestellt habe. Die einseitigen Tal- Briefe au** Palästina. 1. Jaffa, den 2 Juni 1891. Welche Fortschritte und Veränderungen seit meinem letzten Aufenthalte im heilige Lande vor dreiviertel Jahren! Jaffa und die »inliegenden Colonien sind von Zugereisten überfüllt, lind noch bringen die Schiffe täglich neue Schaaren von Einivanderern aus den entferntesten Gegenden Rußlands. Aber dieser Zuzug hat seine bedenkliche Schattenseiten. Vor Allem nämlich ist die inassenhafte Einwanderung armer Elemente und Handwerker nicht genug zu tadeln. Die Colonisation wächst näinlich. nicht in demselben Maße, als die Zufuhr von Arbeitskräften. Die natürliche Folge davon ist Herabdrückung des ohnehin niedrigen Tagelohnes und Beschäftigungslosigkeit. Ein eben so großes Uebel ist die Einwanderung mancher Capitalisten mit ausgesprochenen ansbeuterischen Absichten. Es ist denselben darum zu thun mit Grund und Boden zu spcculiren und so ein gutes Geschäft zu machen. Ihre präsumtiven Opfer sind gerade die erwünschtesten Immigranten, die Leute des Mittelstandes, welche über den zur Ansiedlung in Palästina nöthigen Geldbetrag (3000 bis 6000 Rubel) verfügen, aber eben, weil ihre Capitalsmacht klein und ihre Käufe isolirt sind, in die Hände der Großcapitalisten zu fallen drohen. Die Leute des Mittelstandes, diese vorläufig geeignetsten Einwanderer, verschwenden überhaupt in ihrer Unerfahrenheit viel Geld. Da kommen sie her, verbrauchen Zeit und Geld, um sich schließlich zu überzeugen, daß der vereinzelte Käufer hier nichts ausrichtet und unter Zurücklassung eines Handgeldes bei dem „Waad" vorläufig wieder zurück in die alte Heimat zu fahren. Das ist ja alles nicht nötig. Der „Waad", diese für die Colonisation so nützliche Filiale des Odeffaer Comitä's, aus den tüchtigsten und ehrenhaftesten Männern zusammengesetzt, ermudgelehrten (1549) vernachlässigten mit der rationellen Bibelforschung die Kenntnis der nationalen Sprache. Bis auf vereinzelte, vorübergehende lit. Erscheinungen (Elia Levita, M. CH. Luzato), an deren Leistungen das Volk keinen Antheil nahin, wurde aller Scharfsinn ausschließlich der talmudischen Dialektik und Kasuistik, der Befestigung des religiösen concreten Lebens, dem Inbegriffe seiner Gedankenwelt, zugewendet, welche Beschäftigung allein als frommes, gottgefälliges Werk galt. Nur die Vertiefung in das weite, unermeßliche Meer des rabbinischen Schriftthums, die anstrengende Phantasie sowohl als Denkvermögen vollends einnehmende Thätigkeit, konnte den trüben Geist und Sinn von der traurigen Wirklichkeit ablenken. Für die Feinheit und Reize der hebr. Sprache fehlte es an Empfänglichkeit und geistiger Regsamkeit, welche der harte, abstumpfende Druck des Mittelalters erstickt und getödtet hatte. Erst beim Anbruche des Morgens der religiösen Duldung erwachte auch sie nach einer langen, finstern Nacht, raffte auch sie nach einem langen Winterschlafs sich mühselig auf. Moses Mendelssohn (1729—1786) schaarte einige für die hebr. Sprache begeisterten Jünglinge um sich, welche sich zur Herausgabe einer hebr. Zeitschrift vereinten. Doch diese vielversprechende Bewegung erzielte keine dauerhafte, nachhaltige Wirkung, weil die an ihrer Spitze Stehenden keine Fühlung mit dem Volke hatten, in ihren Arbeiten sowohl als in ihren Leben von teinem nationalen Stammesbewußtfein durchdrungen waren und durch ihre Liebäugele! mit allem Nichtjüdischen Argwohn und Mißtrauen gegen das hebr. Sprachstudiuin bei ihren Glaubensgenossen erregten. Wie berechtigt die Ermahnung N. H. Wesseli's in seinem Sendschreiben an