Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 11 (1.6.1891)
- Date
- 1891-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Palästina-Colonisationsvereines zum Ziele steckte. Nach einigen Norarbeiten fand am 16. l. M. im Saale des hiesigen jüdischen Gcselligkeitsvereines „Ognisko" eine definitive Comitch'itznng statt, an dersich die Herren Dt. D. B r a n d st ä t t e r, hebräischer Novellist und einstiger.Mitarbeiter des „Haschachar". Dr. R o st, Landes-' ul Gerichtsadvokat, Gemeinderath MosesOrange, M. D. Edelstein, Heinrich H e r r m a n n, Josef E i s e n b e r g, Baruch K e l l e r, .Dr. A. S a l z, Dr. Siegmund B r o m b e r g, Drd. Eduard S ü) wage r und Drd. Hermann T r a ii m betheiligten uiid bei der ein Statutencntivnrf angenommen wurde. Dieser Entwurf, nach welchem der Verein den Naiiien „Ahawas Zion" führen und die Unterstützung der bestehenden, sowie' die Gründling neuer jüdischer Ackcrbaukolonien in Palästina zum Zwecke haben wird, ist bereits der Statthalterei zu Genehmigung unterbreitet. Bis zur Herablangung der Statuten ivird ein hebräischer, polnischer und Jargon-Aufruf in den weitesten Volksschichten verbreitet werden. Nach der unabhängigen Stellung und dem Einflüße der obgenänntcn Comit Mitglieder ist zu erwarten, daß sehr viele dem Vereine beitrcten werden. Etwaige Anfragen und Correspondenzen für den Verein sind bis ans Weiteres an die Herren M. D. Brandstätter oder Dr. B. Salz zu richten. Melachi: - -' (A.j -Lg Lemberg, Lagbeomer 5651. — Aus Anlaß der Centennarseier der polnischen Constitütiön des'3. Mai haben sich unsere „Polen mosaischer Confession" besonders ausgezeichnet. Die Hauseigenthünier verschivendeten Heidensummeii auf , Transparente. Fahnen und. sonstige Decorationen, als ob sie dieses Geld nicht zii besscreu,, Zwecken, wie. etwa-: zur Unterstützung ihrer aus Rußland vertriebenen „Glaubensgenossen" verwenden könnten/Um nur ein Beispiel-.zu geben, wie freigebig diese Herren sind, wenn es gilt, sich init ihrem „polnischen Patriotismus" zu brüsten, so wollen' wir bemerken, daß der. Präses, der. hiesigen, isr. Eultusgemeinde, Herr Samuel Horowitz 150 fl., sage hundert und fünfzig Gulden, zum Ankäufe des Bildes „Polonia" für die Stadt Lemberg spendete. Ob sich jedoch Herr Horowitz durch diese so hohe, fast einzig darstchende Spende die Gunst der polnischen Presse, — die gewöhnlich seine Tätigkeit, in erster Reihe sein „Wirken" auf „finanziellem" Gebiete, in einer für ihn nicht besonders schmeichelhaften Weise zu besprechen pflegt, -- erwerben wird, erlauben wir uns, zu bezweifeln. ' \ . Unter der Presse befindet, sich gegenwärtig die zweite Agitationsbrochuredes Vereines „Zion", welche spätestens in den ersten Tagen des. Monates Juni als „V o l k s b i b l i othek des V c r e i n e s „Z i o n" Nr. 1 und 2" Tn bedeutend größerem Umfange als „Der Kanczug", d. i.: 64 Seiten stark, erscheinen wird. Diese Brvchüre wird eine größere Arbeit eines Vereinsmitgliedes enthalten, in welcher sämmtliche, das materielle Judenthum betreffende Fragen, wie. z. ,B. Colonisation Palästinas, jüdische Geschichte, .hebräische. Sprache und Literatur u. s. w. ausführlich und gemeinverständlich behandelt werden.^ Außerdem wird diese Brochure einen Aufsatz'Wer!.die Lage-unserer unglücklichen aus dem Zarenreiche vertriebenen Stammcsgenossen enthalten. Es ist zu hoffen, daß bei so gediegenem Inhalte'die ganze' Auflage dieser Brvchüre — ebenso wie es mit den „Kanczug? der Fall war — in kurzer Zeit vergriffen sein wird und cs wäre deshalb, erwünscht, daß jene Gesinnungsgenossen und Corporationen, welche sich mit der Verbreitung derartiger Schriften abgeben wollen, noch rechtzeitig .der Leitung des Vereines „Zion" in Lemberg, (Kosciuskogaffe 5) mittheilen, ivie viele. Exemplare sie absetzen könnten. Den hiesigen Tagesblättern wird aus O d e s s a telegraphisch mitgetheilt, daß in den letzten Tagen von dort nicht weniger als 300 Juden nach Palästina ausgewandert Aus O t i) n i a und B o r y s l a w (galizischcn Orten) gedenken 10, resp. 20 jüdische Familien nach dem heiligen Lande auszuwandern. In T a r n o iv steht die Gründung eines Colonisations - Vereines bevor. Die Initiative hiezi^ging von unserm Gesinnungsgenossen Dr. A. Salz aus. Auch in B r o d y arbeiten einige Gesinnungsgenossen an der Begründung eines Vereines mit jüdisch-naiionalen Tendenzen. Demsches Reich. Berlin, 13. Mai*) Die Emsigkeit und die Energie, mit welcher die Antisemiten in Deutschland seit Jahr und Tag arbeiten, ist geradezu bewundernswert und könnte besseren Bestrebungen zum Dtuster dienen. Indem wir uns jedoch Vorbehalten, in einer der nächsten Nummern dieses Blattes in ausführlicher Weise über die Thätigkeit der Judcnhasser und die Bekämpfung derselben zu berichten, wollen wir dieses Mal nur darauf Hinweisen, daß in neuester Zeit die antisemitische Literatur durch den Umfang zu einer furchtbaren Macht emporwächst, und der schädliche Einfluß dieses haßerfüllten Schriftthums sich jetzt noch kaum ermesien läßt. So ist vor kurzem ein zweibändiges, 900 Seiten starkes Werk von einem gewissen 8. Paasch, einem Bürger der Antisemitenhauptstadt Leipzig, erschienen, ivelchcs an Anklagen, Beschimpfungen und hetzerischen Ausfällen wider den jüdischen Stamm alles, was bisher geleistet worden ist, überragen soll. Daß die gesammle liberale Presse den Autor zum Verrückten gestempelt hat, wird dem Werke schwerlich Abbruch thun, sondern im Gegentheil die 'Neugierde wecken. Jedenfalls wird es schon jetzt von Lausenden verschlungen, zumal die Volksmassen immer mehr und mehr (ivenigstens in einigen Provinzen) von den Ideen dcö Antisemitismus durchdrungen werden. Die Wuth der Antisemiten wächst umsomehr, als sie noch lange Zeit von einer realen Durchführung ihrer Beschränkungspläne nicht sprechen dürfen, obschon sie im gesellschaftlichen Leben die größten Erfolge errungen haben. In den letzten Tagen haben sie ihre Wuth an den russischen Juden gestillt, indeni sie die größte Schadenfreude ob der jammervollen Schreckensbotschaften aus Moskau an den Tag legten und die Nachahmung dieser Methode empfalen. In liberalen Kreisen dagegen haben diese Ereignisse eine gewisse Aufregung hervorgebracht; die jüdische Presse brachte öfters längere Artikels mit genauen Schilderungen der Leiden der russischen Juden, beging indeß jenen bekannten Fehler, daß sie wohl ihr Bedauern und Entsetzen in scharfen Worten und Kraftausdrücken äußerte, aber keineswegs die Mittel und Wege nannte, durch welche den Unglücklichen geholfen werden könnte. In demselben Tone ist die sonst ausgezeichnete Brochüre „Die Verfolgungen der Inden in Rußland" (Verlag der „Jüdischen Presse"), gehalten, da sie als alleinige Lösung der Judenfragc in Rußland die Gleichberechtigung hinstellt und die in dieser Beziehung machtlose europäische Presse auffordert, ihre Stimme zum Schutze der Juden zu erheben. Dieses Schriftchcn verdient übrigens allgemein verbreitet zu werden, da es in erschöpfender Weise alle Verfolgungen anfzählt und häufig die Resultate der- *) Zu voriger Nummer verspätet eiugelangt. Die Redaktion. selben mit Kennerblick zu würdigen weiß. Selbst diejenigen, denen die geschilderten Zustände nicht unbekannt sind, erschrecken, wenn sie diese Fülle von thatsächlichen und drohenden Oualen er- Auf die im Anfänge des vorigen Monates an den Lord of Aberdeen von dem hiesigen „Russisch-jüdischen wissenschaftlichen Vereine" abgesandte Adreffe, welche von etiva 60 Studenten, Aerzten re. unterzeichnet war, kam vor wenigen Tagen eine Erwiderung, welche in äußerst freundlichem Tone geschrieben ist. Dieselbe enthält unter anderem folgenden Passus: „Eine so freundliche Kundgebung Ihrerseits wird für diejenigen eine Ermunterung sein, denen die Wohlfahrt der jüdischen 'Nation am Herzen liegt, und die sich bemüht haben, etwas, wenn auch wenig, für diejenigen Glieder Ihrer Rasse zu thun, welche in Folge von Thaten der Intoleranz und der Verfolgung gelitten haben." Wir erzählen dies gerade jetzt, obzwar sich in London kürzlich Ereignisse abgespielt haben, welche für die früheren Meetings, wie manche glauben, eine ganz andere Erklärung zulassen. Indes? iväre die Annahme, daß die englische Nation antisemitisch geivorden, daß sie die Meetings veranstaltet, um den Strom der answandernden russischen Juden von sich ferne'zu halten, ein bedaucrnsiverther Jrrthum. Selbstverständlich darf das englische Volk es nicht zngebcn, daß ein fremdes, armes Element in das ohnehin stark bewohnte Albion eindringe, es wird jedoch stets bereit sein, den Juden bei ihrer Selbstbefreiung zu helfen. Wäre nicht die Lage der russischen Juden eine so verzweifelte, daß das Individuum nur daran denken kann, wie es den Hunger stillen soll, so ivürden sie sich wohl selber sagen, daß es nicht recht ist, in Länder einzudringen, ivelche schon Jahrtausende von anderen Völkern cultivirt worden sind. L. M. Nordamerika. New Hork, den 5. Mai 1891. Die Anhänger der Zionssache in Amerika sehen mit Freude, wie ihre Bestrebungen immer mehr Anerkennung finden. Der Colonisationsverein in B o ft o n, welcher anfänglich blos 24 Mitglieder zählte, hat gegenwärtig eine Mitgliederzahl von nahezu 500 erreicht. Zudem wurde durch seine Bemühungen die Gründung einer Genossenschaft „Schewi Zion" mit denselben Tendenzen als sie die gleichnamige hiesige Genossenschaft und ähnliche Gesellschaften in Rußland, Frankreich und Palästina selbst verfolgen, angeregt. Hoffentlich wird sich auch in Boston die in Aussicht genommene Anzahl der einzahlenden Genossenschafter finden. - Unter den Unterzeichnern der bekannten durch Herrn B l a k e st o n e dem Präsidenten H a r r i s o n überreichten Petition wegen Einberufung eines internationalen Congresses zur Erörterung der Judenfrage und Prüfung der Ansprüche der Juden ans Palästina befindet sich auch der bekannte Millionär 'Pessi S e l i g in a n n aus New-S)ork. Abraham. Lhronik. Der Rückgang des Antisemitismus.) Am 14. Mai dieses Jahres überfielen 4 Burschen ohne jede Veranlassung den dreizehnjährigen Realschüler Gustav Vogel. Derselbe erhielt einen Mefferstich oberhalb des rechten Auges und mußte ins Spital transporlirt werden. Seit kurzer Zeit der zweite Fall! — Die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" bringt einen Aufsehen er-