Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 11 (1.6.1891)
- Date
- 1891-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Selbst-Emancipati Nr. 11. genommen und dadurch die Aufsicht über die n'eu zu gründenden Niederlassungen übernommen hat. Wir glauben jedoch, daß es gerade jetzt eine zwar schwierige, aber um so wichtigere Aufgabe erfüllen könnte, wenn cs sich noch mit einigen anderen Sach- und Fachkennern in Verbindung setzen möchte, um eine genaue Beschreibung aller Ländereien Palästinas und der Umgegend herauszugcben. Wenn diese Beschreibung auch ganz genau die Bodenbeschaffenheit mit Angabe der besitzenden Völkerschaften und die sonstigen, die russischen Juden intereffirenden Einzelheiten enthalten würde, so vermöchte man die Einwanderung zu beschleunigen, da in der letzten Zeit eine ganz eigenartige Methode angewendet werden mußte. Hatten sich selbst nur einige Familien zusammengcthan, welche nach Palästina auszuwandern die Absicht hegten, so wurde zuerst ein Vertreter entsandt, um das Land zu erforschen, wodurch stets die Auswanderung verlangsamt wurde, abgesehen davon, daß dies in jedem Falle mit großen Kosten verbunden war. Diese kleineren Gruppen würden dann ein Mttel in die Hand gewinnen, durch welches sie sich auch , in der Ferne ein entscheidendes Urtheil bilden könnten. Sollte das Jaffaer Comitä den ausgesprochenen Plan nicht ausführen können, so dürfte derselbe in kleinerem Maßstabe jedenfalls vollziehbar und von großem, kaum abschätzbarem Nutzen sein. Es würde dann eine Ergänzung zur Thatigkcit sein, welche jetzt von England ausgcht. ' Denn wie der Telegraph in den hiesigen Tageszeitungen meldet, ist daselbst auf einem, von M o n t a g u geleiteten M e e t i n g e der Beschluß gefaßt worden, Rothschild zu bewegen, daß er mit bei türkischen Regierung behufs Erleichterung undSicherung desBodenkaufes diplomatische Verhandlungen a n k n ü p f e n möge; gerade in diesem Momente ist die angeregte Frage von maßgebender Bedeutung. Es ist eine bekannte Thatsache, daß jetzt tausende von reichen oder wohlhabenderen jüdische Familien in Rußland im Begriffe lind, zum Wanderstab zu greifen um jenseits des Oceans auf den palästinensischen Auen wenigstens Ruhe zu suchen. Noch halten die schwankenden Nachrichten über den Bodcnkauf viele zurück: dieselben werden jedoch bei größerer Sicherheit ihre alten, sorgenerregenden Wohnsitze mit dem größten Vergnügen ausgeben und im einstmaligen Vaterlande der Landarbeit sich hingeben. Daher wird sich Rothschild ein unvergeßliches Verdienst erwerben, wenn er diesen Ehrenauftrag der jüdischen Nation übernimmt. Die englischen Juden aber dürfen in keinem Falle von diesem Vorhaben abstehen, welches der Colonisation einen kräftigen Stoß nach vorwärts versetzen muß, so daß sie überall an Ansehen zunehmen und sich großer Erfolge erfreuen wird. Wunderbar aber ist es, daß die Zionsvereine in Europa bis jetzt noch nicht eine gemeinschaftliche Thätigkeit entfalten. Es scheint uns, daß es viel besser wäre, eine gemeinschaftliche Gesellschaft zu gründen, welche den weniger Bemittelten Land auf Abzahlung gewähren würde, als Sammlungen von Spenden zu veranstalten, welche den armen, leidenden Colonisten zu Gute kommen sollen. Mit der Zeit könnte dann diese Gesellschaft einen immer größeren Kreis für ihre Thätigkcit gewinnen und späterhin bei der Entwickelung der Idee vielleicht zu einer Agrarbank umgestalet werden, welche selbst Gewinne abzuwerfen vermöchte. Von Pinsker ist in seiner Broschüre „Autoemancipation" ein solcher Plan schon vor acht Jahren vorgeschlagen worden, dürste aber jetzt zeitgemäßer und eher zu verwirklichen sein. L. M. („Ch. I.") Berlin, d. 26. V. 1891. Die AnsiedlungFpläne deß Baron Hirsch.! Die Colonisationsprojecte des Baron Hirsch beschäftigen die Presse. Man sprach von dem bereits vollzogenen Kaufe von f ü n s M i l l i o n e n Acres Landes in Arg c n ti n i en. Dieser Kauf ist aber bisher nicht erfolgt; auch ist der Betrag von 75 M i l l i o n e n Francs, die Baron Hirsch für die Argentinien-Colonisation nach Zeitungsnachrichten zu spenden beabsichtigt, weit übertrieben. Dagegen steht zweifellos fest, daß Baron Hirsch thatsächlich das Werk einer großartig angelegten Colonisation ruffischer Juden in Argentinien und den Nachbarländern in Angriff nehmen und denselben allerdings große Suunnen zuwenden will. Den Plan, nach welchen vorgegangen werden soll, hat ein gewisser Prof. Wilhelm L ö w e n t h ä l, ein getaufter Jude, der Argentinien dreimal, zweimal im Aufträge des Barons, bereiste, ausgearbeitet. Es ist eine nur ganz allmäligc Ucbersicdlung der ruffischen Juden nach der neuen Heimat gedacht, nachdem Prof. Löwenthal selbst annimmt, daß es vier bis fünf Jahren dauern müsse, bis größere Einwanderungsmengen vom Lande vertragen werden können. Wir verharren natürlich auf unserem Standpunkte, von welchem aus wir das Hirsch'sche Project als ein verfehltes und daher verhängnißvolles a n s e h c n. Wir haben diesen Standpunkt in mehreren Artikeln auseinandergesetzt, und namentlich in der letzten Nummer gezeigt, daß das mchrerwähnte Projekt jeder leitenden Idee entbehre. Aber abgesehen davon fehlen die allereinfachsten Bedingungen des Gedeihens der zu gründenden Colonien. Argentinien ist wie ganz Südamerika ein Tummelplatz der wildesten politischen Leidenschaften und von einem Zweige der spanischen Rasse bevölkert, der an Unduldsamkeit den Spaniern von 1492 nichts nachgibt. Mit welchem Vergnügen die Argentinier dem bevorstehenden Zmvachs ihrer Bevölkerung entgegensehen, erhellt wohl am Besten aus folgender dem „Commercio do Porto" aus Buenos-Ayres unterm 7. Mai zugekommenen Meldung: „Ein von 5000 Personen besuchtes Meeting erklärte die Errichtung der vom Baron Hirsch geplanten Jndeneolonieu auf argentinischem Boden für unzulässig, da ein Staatsgesetz von 1832 die gleichzeitige Ansiedlung von mehr als 10V Familien derselben Nationalität in Kolonien verbiete. Die Versammlung entsandte eine Abordnung an den General Mitre, welcher seine Zustimmung zu der Resolution aussprach." Baron Hirsch hat wohl keine Augen dafür, daß im Falle der Durchführung seines Projektes in künftigen Zeiten vielleicht ein zweiter und scharfblickenderer Baron Hirsch wird nothwendig werden, welcher die flüchtendenargentin i s ch c n Juden endlich doch dorthin bringt, wohin schon heute die russischen Juden gehören, — nach Palästina und Syrien. Der Baron Hirsch der Gegenwart will nicht einsehen, daß diese asiatischen Gebiete mit ihren ftuchtbaren Thälern, mit ihren weidenreichen Hochländern, ihren üppigen Gärten, ihren mineralienreichen Gebirgen mindestens ebenso „allmälig" als Argentinien von Millionen verfolgter Juden bevölkert werden können, und daß es doch etwas anders heißt, das hochintelligente jüdische Volk auf die Verbindungsbrücke dreier Welttheile unter verwandte Stämme auf historisch mit ihm verknüpften Boden zu setzen, als es in die südamerikanischen Büffclfluren unter die verlotterten, brutalen und zelotischen Mischlinge von Rothhäuten und Spaniern zu verbannen. Das Alles sieht Baron Hirsch nicht ein, doch wir haben deshalb keine Sorge, ivir brauchen nicht auf den zweiten und scharfblickenden Baron Hirsch zu warten, denn der ist schon da: Es ist die gesammte stets anwachscnde und von unendlicher Begeisterung beseelte, Gott sei Dank, aber auch stets an Mitteln zunehmende zionistische Partei' innerhalb des Judenthums. Vie Iudentzerzen in Griechenland und die Gchragim. Die Griechen haben ihrem altererbten Haß gegen die Juden wieder einmal Zügel schießen lassen; tausende unserer Stammesgenossen haben unter diesem Hasse gelitten. Uns steht nur eine Art von Revanche zu Gebote, die, so friedlich sie ist, die gewinnsüchtigen, habgierigen Griechen gewiß recht unangenehin treffen wird. Jahr für Jahr nämlich verdienen die Griechen, und namentlich die Beivohner der Insel K o r f u, schwere Summen bei den Juden, indem sic ihnen die Ethrogim (Paradiesäpfel) für das Succothfest zu horrenden Preisen verkaufen. Der Gewinnst, den die Herren Hellenen bei diesem Geschäfte jährlich einheimscn, geht in die Hunderttausendc. Wäre es nun nicht ein Chillul haschem, iveiterhin die Ethrogim aus dieser Quelle zu beziehen, über einen Ethrog, der auf mit Judenblut gedüngter Erde gewachsen ist, den Segen zu sprechen? Entziehen wir daher den Griechen unsere Kundschaft und wenden wir sie unseren Brüdern in P alästina zu! Sache der Rabbiner ist es, die griechischen Ethrogim zu verbieten und den Ankauf palästinensischer ihren Gemeinden zu empfehlen. Natürlich müssen dann auch die Händler in Triest rechtzeitig angewiesen werden, sich nur mit Ethrogim aus dem .heiligen Lande zu versehen, nachdem die korfuischcn verboten seien. Ebenso ist es Pflicht der Palästina-Colonisaüonsvereine, in dieser Angelegenheit mit Palästina direct in Verbindung zu treten und vielleicht Ethrogim in Commission zu nehmen, 'beim nicht gering ist der Nutzen anzuschlagcn, welche die ganze Palästinasache aus dem Ethrogimhandcl ziehen kann.*) *)Mit Freuden scheu wir in dieser Frage die Inden a l l c r G e s i n n u n g c n einig. Viele Rabbiner haben die griechischen Ethrogim bereits formell verboten, und constatircii wir specicll mit Vergnügen, daß der Rabbiner von Wien, Herr Dr. M. G ü d cm a ii n, öncntlich für die Nichtvcrwcndung griechischer und die Verlvendung palästinensischer Ethrogim eintritt. Die Redaction. Original- Korrespondenzen. Oesterreich-Angarn. Wien, 28. Mai 1891. Der Palästina- Colonisationsverein „Adinath Jeschurun" (IX., Müllnergaffe 13) verändert seine Statuten im Sinne der Errichtung voil Filialen und einer Vergrößerung des Ausschuffes. Sonntag, den 31. d. M. 3 Uhr N.-M. findet eine Plenar-Versammlung statt. Auf der Tagesordnung stehen Ergänzungswahlen und Eventualia. — Für die nächste Zeit stehen einige wichügere Actionen des Vereines bevor. ba. Tarnow, am 25. Mai 1891. Es wird wohl die Leser Ihres Blattes freuen zu erfahren, daß auch die jüdischen Einivohner Tarnows ihr Schärflein zur Colonisirung Palästinas ''beitragen wollen. Es trat nämlich hier vor einigen Wochen ein aus angesehenen Bürgern bestehendes Comit6 zusaunnen, das sich die G r ü n d u u g e i n e s