Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 11 (1.6.1891)
- Date
- 1891-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11. Selbst-Emancipation. Auge wandten sie rechts, wenn es galt, das Ziel zu erreichen; Heft und unabänderlich nach dem einen Sterne blickend, setzten sie alle Kraft, alle Energie, die sie nur hatten, daran, um aus den Stürmen und Klippen des tosenden Meeres ihr schwankendes Schifflein, so schnell es nur ging, wieder zu der Heimat sicherem Hafen, zu des Vaterlandes friedlichem Strande zu führen. Gleichen wir Juden heute nicht der Lenennung eines solchen vom Sturine umtosten Schifflein, das nur mit äußerster Mühe im Stande ist, sich über den tosenden Wellen zu erhalten? Und wird vielleicht nicht sogar ein großer Theil unserer Bemannung, vielleicht sogar die ganze im wahnsinnig ivüthenden Meere versinken müssen? Und haben wir da wenigstens unseren Polarstern ins Auge gefaßt, der uns die Richtung zeigt, in der uns einzig Heil und Rettung aus den Stürmen der Zeit entgegenwinkt? Ja ein kleiner Teil der Bemannung hat allerdings seine Blicke auf Zion, den leuchtenden Polarstern All-Israels, gerichtet. Aber hat auch nur dieser kleine Theil die ivirkliche Bedeutung Zions als unseres Polarsternes überall deutlich erkannt? Haben sich alle unsere Gesinnungsgenossen denn wirklich auch klar gemacht, welche einzige Bedeutung die Colonisation Palästinas für unser bedrängtes unb verfolgtes Volk noth- ' wendiger Weise einnehmen muß? Rein, leider müssen wir eingestehen, nicht einmal alle unsere Gesinnungsgenossen sind sich über das klar geworden, um was es sich bei unserem großartigen Unternehmen eigentlich handelt. Wie könnte es denn sonst möglich, wie überhaupt denkbar sein, daß unsere Colonisationsvcrcine in Frankreich und Nordamerika gleich bei ihrer Gründung den Beschluß gefaßt haben, nur eine ganz bestimmte Anzahl von Mitgliedern und, wie es scheint, barfeit literarischer Erzeugnisse. Der Tempel regte die Schaffenskraft der Psalmsänger an, auf welche der Geist der hebräischen Sprache sich niedcrließ. Ihre Lildsanlkeit und Lieblichkeit, ihre Lebhaftigkeit, und Jugendfrische, ihre Anmuth und Schönheit zeigt sich in den aus dieser Epoche stammenden, in Parallelgliedern sich bewegenden Gesängen und Dichtungen. Welche Fülle von Gedanken, welche Sprachgewandtheit und Formvollendung enthalten die Psalmen David's, die Sprüche Salomon's, die Wechselgespräche Hiob's. Damals erlangte sie als die ausschließlich in Palästina herrschende Sprache ihre Glanzperiode und erreichte in der schwungvollen Rede der Propheten, von denen Jesaias durch seine gewaltige, eindringliche, zündende Beredsamkeit hervorragte, den Höhepunkt ihrer Vollkommenheit; es war dies ihr goldenes Zeitalter, in welchem sie die höchste Stufe der Vollkommenheit erklommen hat. In der nachjesajanischen Literatur macht sich schon ihr Rückgang und die Abnahme ihrer Kräfte fühlbar, der nachtheilige Einfluß, welchen die Umgebung der fremden Cultur, die politischen Wirren und Verwicklungen, der Beginn des sittlichen Verfalles auf ihre Neuschöpfungen ausübtcn. Während das Volk unter der Hispanischen Negierung noch nicht die aramäische Sprache verstand (II. Kön. 18), zeigt sich schon an manchen Stellen der späteren Propheten ihre Einmischung und ihr Eindringen in das hebräische Sprachgebiet. Auch im Stile ist eine Mattigkeit und Schlaffheit wahrzunehmen, eine Schwäche des Gedankenausdruckes, welche schon das heranauch nur zu dem Zwecke aufzunehmen, um ein .einziges Mal in Palästina größere Strecken Landes anzukaufen? Gleicht denn unsere Palästina-Co Ionisation etwa dem Baue eines größeren israelitischen Waisenhauses, zu dem einmal und auch da nur bei e i n c m T h e i l e der Juden gesammelt roirb.*) Ist es nicht, selbst wenn wir nur die humane Seite ins Auge fassen, ein Unternehmen so groß, so gewaltig, so riesenhaft, wie es noch niemals in Israel dagewesen ist? Muß da nicht jeder einzelne Jude das höchste Maß seiner Kräfte einsetzen, um unser sturm- und wellenuintostes Schifflein trotz des Sturmes und trotz der Wogen, dem Blick nur auf unfern Hellen Polarstern geheftet, in den sichern Hafen der Rettung und des Heiles zu leiten? Also mit Vereinen mit beschränkter Mitgliederzahl gehtes fürdernicht weiter! Werben wir für unsere Vereine, wo es nur irgend möglich, und suchen w i r ihnen nicht blos viele, sondern auchreicheMitg li eder zuzuführen! Denn nur enorme Geldsummen werden uns in den Stand setzen können, den Millionen unserer armen verfolgten russischen Brüder die Ansiedelung auf dem geheiligten Boden des Landes unserer Väter von neuem zu erinöglichen, ihnen endlich eine Zu- *) Der geehrte Verfasser dieses Artikels hält diese „Genossenschaften" irrigerweise für Vereine im gewöhnlichen Wortsinn. Neben den Genossenschaften bestehen ja auch in Frankreich und Nordamerika Coloninisationsv e r e i ne; daß letztere nicht so ausgedehnt sind, als sie es bei der großen Bedeutung der Zionssache sein sollten, ist freilich bedauerlich. Erstere sind aber das Auskunftsnnttel, kraft dessen die besten und innigsten Zionsfrcunde über das Hindernis der noch immer relativ schwachen Bcthcilignng der jüdischen Allgemeinheit hinwegzukommen und möglichst viel palästinensischen Boden in ihr Eigenthum und damit in jüdische Hände zu bringen suchen. Die Rrdaction. nahende Alter verkündet. — Die über Jerusalem hereingebrochcne Katastrophe hat ihren Lebcnsgeist ausgerüttelt, um noch einmal ihre Jugendkraft, ihren Adel und ihre Hoheit in den Klageliedern Jeremias zu zeigen, und in tieferschütterndcn Elegien'ihren Schmerz über den Untergang ihres Heimatslandes auszuhauchen. (586.) Doch sie starb nicht, sondern sie begleitete ihr Volk wie ein treuer Freund in die Gefangenschaft. Wohl wiesen die in tiefe Trauer versunkenen, an den babylonischen Strömen sitzenden Exulanten die höhnische Aufforderung, das Lied Zion's auf fremden, unheiligen Boden zu singen, rnit Entrüstung zurück. Allein, für die Dauer konnten sie sich des Gebrauches der lieblichen, schönen Sprache Jerusalems nicht enthalten. Bald entwanden sich wieder hebräische Laute ihren Lippen, wenn sie wehmüthig der in Schutt versunkenen Gottesstadt gedachten. Bald entströmten hinreißende, durch ihren Schwung und Kern an David und Jesaias erinnernde Psalmen ihrem Herzen, wenn dieses sehnsuchtsvoll zu den Trümmern des heiligen Landes sich erhob. Im Exil erlebte die heil. Sprache die Zeit ihrer zweiten Blüthe. Mitten in Leiden und Trübsal fanden die Exulanten in ihrer Pflege Kraft zum Widerstande, ztun Dtilden. Zion blieb ihr Ideal, das ihnen aus allen ihren Wanderzügen vorschwebte. Und als sich ihre Hoffnung auf die Rückkehr nach dem heißgeliebten Vaterlande verwirklichte (536), entlockten die Heimkehrenden wieder ihrer Harfe jüdische Klänge, widerhallten frohe und heitere Sangesweisen auf den Fluren und Gefilden Zions. fluchlstätte gegen Haß und Bosheit, eine Heimstätte, in der sie die Lust am Erfolge des eigenen Schaffens kosten können, zu schenken und zu erhalten. Es gilt deshalb in jedem Lande, in dem sich bisher Palästinavereine gebildet haben, die Bewegung mit äußerster Energie iveiter zu leiten und über alle Landesteile, die bisher von ihr unberührt geblieben sind, zu verbreiten und zu verzweigen. Mancher scheinbare Mißerfolg unserer Agitation ist geiviß nur dein Umstande zuzuschreiben, daß man sie gerade noch nicht in diejenigen Gegenden getragen hat, wo die Herzen noch ain wärmsten für Israel und seine Söhne schlagen. Ich erinnere nur daran, daß innerhalb des Deutschen Reiches, wenn auch nicht vielleicht die Palästina-Colonisation, so doch die große Bedeutung derselben für unsere russischen Brüder gerade in Süddeutschland, Hessen und den Rheinländern, ivo noch das meiste jüdische Leben herrscht, vollständig unbekannt scheint. Hier gilt es für den Verein „Es r a", Wanderredner zu entsenden, hier gilt es, Zweigvereine zu gründen, hier gilt es vor allen Dingen reiche Leute in den Kreis unserer Bestrebungen zu ziehen und dauernd an diese zu fesseln und zu ketten. Aber mit der Agitation innerhalb derjenigen Länder, in denen bisher die zionistische Bewegung bereits etwas Boden gewonnen hat, ist es nicht allein gethan. Das große Ziel erfordert eben alle Sehnen anzujpannen, so viel Kräfte mir nur irgend möglich einzusetzen. Deshalb muß die Bewegung auch in diejenigen Ländern getragen werden, die bisher von ihr unberührt geblieben sind. Von europäischen Ländern, die viele und warm jüdisch empfindende Juden besitzen, aber von unseren Unternehmen noch nichts gehört zu haben scheinen, will ich hier nur Holland und Allerdings hat die hebräische Sprache wie ein Quell, der auf seinem Durchzuge durch schlammiges Gebiet getrübt wird, auf ihrem Wege nach Babylon ihre ursprüngliche Reinheit eingebüßt. In den hebräischen Geistesproducten dieses Zeitabschnittes überwuchern chaldäische Sprachelemente die einheimischen, und suchen diese ganz zu verdrängen. In Jeremias, Esra und Daniel sind ganze aramäische Verse und Capitel eingeschaltet. Es wächst ein aus Mischehen hervorgegangenes Geschlecht heran, welches zur Hälfte die judäische Sprache nicht mehr versteht. (Neh. 13, 24.) Doch der Renovator des Judenthums, Esra, (433) schaffte mit den ausländischen Frauen das Sprachengemisch ab und setzte die Bewahrung der eigenen Muttersprache, des nationalen Characterzeichens, bei der Jugend durch, so daß sie im Volke der allgemein verbreitete Dialect war. Die Schriftkundigen befaßten sich eifrig mit der Erforschung und Auslegung des Gesetzes, mit der Pflege seiner Sprache. 'Auch der vom Perserkönig (350) eingeführte Sprachenzwang (Eft. 1, 22) hemmte und schwächte nicht ihre Schaffenskraft. Ja, es lassen sich Spuren der Fortbildung des hebräischen Schriftthums in allen einander ablösenden Herrschaften der Macedonier, Aegypter und Syrier (332—169) verfolgen, wenn auch unter dem Einflüße der letzteren die griechische Sitte und Sprache bei den Gebildeten in Palästina sich eingebürgert hat. (Schluß folgt.)