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Selbst-Emancipation · 1891-05-18 · Heft 10 (18.5.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 10 (18.5.1891)
Date
1891-05-18
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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S e l b st - E mancip ati o n. Nr. 10. der Spitze, welcher neulich besser wie jeder Antisemit, einen schändlichen Schimpf- und Hetzartikel gegen die russischen Juden im „Boston Herald" veröffentlichte, nichts ändern. Abraham. Lhronik. (Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien.) Am 15. d. M. wurde die erste vorbereitende Versammlung zur Gründung dieses Vereines abgehalten. Dieselbe war von illustren Persönlichkeiten besucht. Mit besonderer Wärme sprach Hofrath Professor Nothnagel. Als Mitglied des Vereines hat sich auch Professor Billroth, der bekanntlich über die Juden, und zwar nicht durchwegs Vorteilhaftes geschrieben hat, jedenfalls aber dieselben als eigene Nation angesehen wissen will, gemeldet. (In Wien) wohnen nach der letzten Volkszählung vom 31. December v. I. 118.495 Juden unter 1,364.548 Einwohnern. (Ans Griechenland.) Die „Gazetta di Venezia" bestätigt, daß in Z a n t e wahrend einer Procession schwere Unruhen gegen die Juden ausgebrochen seien. Truppen mußten requirirt werden, welche von ihren Waffen Gebrauch machten, wobei drei Personen getödtet und viele verwundet wurden. Ein neapolitanisches Blatt spricht von sieben Todten und über vierzig Verwundeten. Der Pöbel hat mehrere Judenhäuser geplündert. - Korfu, Smyrna, Zante — ein überzeugender Beweis für die Judenfreundlichkeit unserer modernen Hellenen! (Aus Corfu) laufen fortgesetzt die traurigsten Nachrichten ein. Seit 14. April, also bereits einem ganzen Monat dauert der Schreckenzustand. Das achtjährige Töchterlein eines jüdischen Schneiders verschwand am 13. April. Am Morgen des folgenden Tages fand man die schrecklich verstümmelte Leiche desselben vor einem jüdischen Hause liegen. Es wurde nun das Gerücht in Umlauf gesetzt, daß die Juden das Kind, welches sie „irrthümlich" als Christenkind angesehen, zu rituellen Zwecken ermordet hätten. Bald hörte man auch, daß das ermordete Kind ein christliches Findelkind sei, welches der jüdische Schneider gehalten habe, um zuletzt damit Ostern zu feiern. Eine ungeheure Erregung bemächtigte. sich den Christen Corfus. Der erste Unwille wendete sich gegen den jüdischen Club, in dessen Haus man eindrang und alles demolirte. Seitdem sind Unruhen auf der Tagesordnung und wiederholt.wurde versucht, das Ghetto, in welchem die Juden cernirt sind, in Brand zu stecken. Das einheimische Militär sraternisirt mit den Judenfeinden. Eine genügende Truppenmacht ist von dem griechischen Festlande noch nicht angelangt. Dreitausend von den siebentausend Juden Corsu's sind erwerblos und dem größten Elend preisgegeben. Es droht der Hungertyphus auszubrechen und bereits sind mehrere Juden anEntkräst u n g . g e st o r b e n. Besonders drohend ist die Lage wieder in den letzten Tagen geworden. Am 13. d. M. stürmte der von Geistlichen aufgestachelte Pöbel zwei Judenhäuser und schlacht e te n eun P ersonen förmlich ab. — Einzelne europäische Regierungen, darunter England erhoben bei der griechischen Regierung Vorstellungen. In Oesterreich hat der jüdische Abgeordnete von Triest, L u z z a t t o, eine JnterpellattonwegenSchutzes „österreichischer Unterthanen" bei den Excessen von Corfu und Zante an das Ministerium gerichtet. — Es wird allerorten gemächlich für die Juden! (Aus Rußland.) Die erste „Oblawä", was soviel als „polizeiliche Streifung" bedeutet, fand in Moskau nach der „Jüdischen Presse" in der Nacht vom 6. aus den 7. April statt: 400 Glaubensgenossen wurden mitten in der Nacht aufgegriffen, in eine Zelle eines Bezirkspolizei-Gebäudes getrieben und dort so eng zusammengepfercht, daß sich die Spuren der Eisenstäbe des Zellengitters ttef in das Gesicht Einzelner eindrückten. Hier hielt man sie ohne Speise und Trank von 3 Uhr Nachts bis 3 Uhr Nachmittags, dann wurden sie, wie schwere Verbrecher, unter Escorte von berittenen Gensdarmen nach der Polizei-Direction gebracht, während der Pöbel höhnte und schrie: „Wir werden die Juden los!" Seit diesem Tage findet jede Nacht eine „Oblawa" statt. In welchem Umfange die Ausweisungen erfolgen, beweist die Thatsachc, daß z. B. allein am ersten Pessachtage 3600 Juden den Befehl erhalten haben, Moskau zu verlassen, darunter Leute, welche länger als 25 Jahre daselbst gewohnt haben. Neuerdings hat der Polizei-Director von Moskau die Verordnung erlassen, daß „alle Häuser, in denen Juden wohnen, mit großen Buchstaben die Inschrift tragen müssen, daß daselbst der Jude Namens N. N. wohnt." — Seit dem Beginne der gegenwärtigen Verfolgungen sollen nach dem „Kievljanin" bereits 50000 Juden zum Christenthum übertreten sein und soll jeder Converttt zur orthodoxen Kirche ein Handgeld-von 15 Rubel erhalten. Ein Bericht der „Times" bestreitet jedoch die Thatsache des zahlreichen Übertritts. — Die Juden von Petersburg haben angeblich die große neue Synagoge um 700.000 Rubel verkauft; ebenso wird wahrscheinlich die erst kürzlich vollendete Moskauer Synagoge von den Tarieren zu einer Moschee erworben werden. Traurig genug, aber noch trauriger, daß das finanzaristokratische Judenthum der zwei russischen Hauptstädte in dem verflossenen so leidenreichen und der bevorstehenden Endkatastrophe so sichtbar zueilenden Jahrzehnte Geld und Lust gefunden habt, prächtige Synagogen zu bauen. Ist das nicht ein Ldillul haschem gewesen? (Aus Rumänien.) Bei den eben stattgehabten Deputirtenwählen unterlag in Jassy der Schriftsteller Panu, einer der wenigen Judenfreunde des Landes und siegte in Braila der wüthige Antisemit P o l i chromi ad i. Die antisemittschen Nattonalliberalen unter Sturdza und Bratiano erlangten 40 Sitze, der Rest sind russenfreundliche Reaktionäre und im Ganzen 7 fortschrittlich gesinnte Junimisten. Bratiano selbst sprach in seinen-Wahlreden fast ausschließlich von dem „fremden, gefährlichen, vampyrartigen jüdischen Element". .. (Für die russischen Juden) haben die Juden der Schweiz eine Sammlung eingeleitet und bisher 10.000 Francs zusammengebracht; hievon entfällt die Hälfte auf die Gemeinde Basel. ' („Safah Berurah".) Ein neuer hebräischer Sprechverein dieses Namens wurde in Huradno in Rußland gegründet. (Die Gemeinde Jaffa.) Die erfreuliche Nachricht von der Vereinigung der aschkenasischen und sephardischen Gemeinde in Jaffa, welche wir in der vorigen Nummer zu bringen in der Lage waren,' erfährt insoferne eine Berichtigung, als bas Prioritätsrecht in dieser schönen Bethätigung des jüdischen Einheitsgedankens nicht Jaffa, sondern Beyruth gebührt. Dort ist die Vereinigung von Sephardim und Aschkenasim vor Kurzem zum ersten Male vollzogen worden. Nichtsdestoweniger ist natürlich bei der Bedeutung Jaffa's die dort vollzogene Einigung von weitaus größerer Tragweite und ein wahrhaft epochales Ereignis. — Man denkt übrigens jetzt auch in I e r u s a l e m an eine solche Vereinigung; freilich wird dies hier lange ein frommer Wunsch bleiben, nachdem es unter den Jerusalemer Aschkenasim allein vierzehn verschiedene Gemeinden gibt. Lingesendet. Löbliche Redaction! In der letzten Nummer Ihres gesch. Blattes geben Sie an leitender Stellung dev- Meinung Ausdruck, daß eine Conferenz der Repräsentanten sämmtlicher nationaler Vereine nöthig sei und consequent stimmen Sie dem Projekte der Einberufung eines Delegirtentages der galizischen jüdischnationalen Vereine nicht zu. Als Mitglied der Commission, welche die Vorbereitungen zu einem Delegirtentage der galizischen jüdisch-nattonalen Vereine zu treffen hat, erlaube ich mir Ihrer Ansicht entgegen zu treten und zum mindesten dieselbe als verfrüht zu betrachten. Denn wenn es einerseits auch richtig ist, daß die Metropole unseres Reiches die nationale Fahne hoch hält, so steht es andererseits fest, daß Galizien in Bezug auf die jüdisch-nationale Tendenz unter allen Ländern der Monarchie die bedeutendste Rolle spielt und für die Propagirung der jüdisch-nationalen Tendenz ein großes Feld bietet, denn — jeder gläubige Jude ist unbewußt ein Nationaljude. Jedenfalls müßte einem allgemeinen Delegirtentage (wenn unter diesem Ausdrucke ein Tag der Delegirten sämmtlicher europäischer Staaten zu verstehen ist,) eingalizischer Delegirtentag vorangehen und nur der Letztere wäre geeignet, eine allgemeine Conferenz vorzubereiten. Sollte jedoch — was ich für ratsam ansehe — ein Delegirtentag der Repräsentanten der Nationaljuden Oesterreichs zustande kominen, so betrachte ich die Hauptstadt Galiziens, Lemberg als den hiezu geeignetsten Ort, schon mit Rücksicht daraus, daß nur im diesem Falle sämmtliche jüdisch-nationalen Vereine Galiziens, welche zum größten Theile bloß über kleine Geldmittel verfügen, gehörig repräsentirt sein könnten. Der Commission zur Vorbereitung einer Conferenz der Jüdisch-Nationalen in Galizien erlaube ich mir zu rathen, ohne auf die Verwirklichung der Idee eines allgemeinen Delegirtentages l zu warten, die Vorarbeiten zu einer galizischen

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