Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1891-05-18 · Heft 10 (18.5.1891) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 10 (18.5.1891)
Date
1891-05-18
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3092672-3092739-3092749--0667-3093644
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10. Conferenz zu -beginnen, da eine solche mit kleinen Kosten und schnellstens, zu Stande kommen kann und von großer Bedeutung für unsere Sache ist. Bei Gelegenheit theile ich Ihnen mit, daß in den Localitäten unseres Vereines H. S. A. Apfe l am 25. I. .M. eine Vorlesung „lieber Nächstenliebe" abhiclt, welche sowohl sachlich als sprachlich gediegenwar und großen Beifall des zahlreichen Publikums erntete. Indem ich mich Ihnen bestens empfehle, zeichne ich mit Hochachtung und Gruß Drohobycz, 29. April 1891. M. Pacht mann, Präses des „Haibri". Sehr geehrter Herr Redacteur! Die Einigung sämmtlicher Zionsvereine bietet gegenüber der Zersplitterung viel zu viel V'ortheile, als daß wir dieselbe nicht durchführen ' sollten. Wenn die russischen „Chovave Zion" außer Stande sind, mit den übrigen Colonisationsvereinen in Verbindung zu treten, so können doch wenigstens die nichtrussischen Vereine sich zum Zwecke der rationellen Colonisation centralisiren. Das Centralcomite kann sich dann . mit den russischen „Chowawe Zion" über eine G ebietsteilnng des anzubauenden Landes verständigen. Diese Teilung kann natürlich nur eine provisorische sein und wird sich auf dem Wege stiller Verständigung späterhin oft. verschieben und verändern müssen. Ein „allgemeiner Delcgirtentag" dürste sich ■freilief)' nicht empfehlen. Das macht viel zu viel Aufsehen, und könnte gerade die Veranlassung werden, -die zionistischen Bestrebungen bei den westeuropäischen Inden, die sich fürchten, daß die „Philosemiten" dann antisemitisch werden könnten für i m m e r zu discreditiren. Ein Delegirtentag würde doch wohl ein zu nationaljüdisches Gepräge tragen. Nun ist jedoch gegründete Hoffnung vorhanden, daß wir noch viele und insbesondere and) reiche Anhänger in Westeuropa gewinnen werden, wenn wir n u r die h u m a n e Seite der Palästina-Colonisation betonen. Als Grund,' weshalb man gerade Palästina als Colonisationsfeld wählt, darf man nun einmal nichts weiter als die bisherigen überaus günstigen Er- . folge daselbst und die eigenthnmliche Sehnsucht der russischen Juden nadj Palästina angeben. Und deshalb ist wohl and), .wie „Hajehudi" meinte, eine private B e s p r e d) u n g weniger Personen einem Delegirtentag bei weitem vorzuziehen. Unter, den westeuropäischen Zionsvereinen ist der Verein „Esra" am weitesten verzweigt, und scheint außerdem bereits mit Herrn Scheid in Verbindung zu stehen. Dieser Verein wäre deshalb wohl am geeignetsten, die Initiative zur Centralisirung zu ergreifen. Ich bitte unsere Gesinnungsgenossen, die Mitglieder des Vereines sind, einen diesbezüglichen Antrag zu stellen und alle Vortheile der Centralisirung in der nächsten Vereinssitzung auseinander zu setzen. Es wird wohl genügen, wenn jeder Verein 3 Mitglieder zu der ganz im Stillen stattfindenden privaten Besprechung entsendet. Es wären dies, so viel ich weiß, der Verein „Esra" in Deutschland, der Verein „Admath Jeschurun" in Wien, „Admath Israel" in Slryj, die Vereine in London, Paris, New-Uork und Chicago. Als Ort der Zusammenkunft dürfte sich am meisten London empfehlen, weil man dort die zionistische Bewegung nicht übel nimmt und vielleicht gleich an Ort und - Stelle der > christlichenglische Verein mit unserem Centralcomitä in Verbindung treten kann. Die Berathung müßte für s o b a l d a l s m ö g l i ch anberaumt werden, da jeder Tag des früheren Beginnes einer rationelleren Verwendung der Gelder für uns ein Gewinn ist. —.— Magdeburg, 5. Mai 1891. S e l b st - E in a n c i p « t i o n, Belletristisches David Alroy. Von Benjamin d'Jsraeli, Lord of Beaconsfield. (14. Fortsetzung.) Alroy eilte hinzu and bemächtigte sich des aniiiuthigcn Flüchtlings. Honai» warf ihm eine» ängstlichen Blick zu. Die Prinzessin nahm die Kette aus Alroh's Hand und rid)tete ein forschendes Auge auf ihn. „Was für helle Augen das arme Thierchen doch hat!" rief sie aus. — Die Gazelle? — fragte der 'Arzt. „ Nein, Euer Sklav:" erwiderte die Prinzessin. „Warum wird er denn roth? Wäre er nicht taub und stumm, so sollte man glauben, er habe mich verstanden." — Er ist sehr bescheiden, — versetzte Honain, nicht ohne große Besorgniß, — und erschrickt vor der Freiheit, die er sid) genommen har. — „Ich liebe Bescheidenheit: sie ist so anziehend. Ich bin auch bescheiden; meint Ihr nicht?" — O gewiß. — „Und anziehend?" - Außerordentlich — „Mir sind alle anziehenden Personen verhaßt. Es geht doch in der Welt nichts über einförmige Dummheit." „Der Tag fließt in solcher Gesellschaft so heiter hin." — So ist'r. — „Keine Bcrwirrung, keine Auftritte." „And) ist's eine Regel für mich, nur häßliche Sklaven zu haben." — Da. habt Ihr sehr Recht.. „Honain, wollt Ihr mir denn immer wide rsprcchen Ihr wißt wohl, daß ich die schönsten Sklaven von der Welt habe." — Das weiß jedermann. — „Und wißt Ihr auch, daß Euer neuer Ankauf, der, wie Ihr sagt, zu seinem Posten vollkommen geeignet ist, mir sehr anstcht? Seid Ihr nicht derselbe» Meinung?" — O, das versteht sid). Id) zweifle gar nicht, daß Euer Hoheit ihn vollkommen geeignet finden würden und uidzts in der Welt würde mir mehr- Vergnügen mad)cn, ihn Euch zu überlassen, aber ich bin bei der letzten Gesä)ichte mit der Circasfierin so in Unaunehmlichteiten gerathen, daß — „O laßt ihn nnr, laßt ihn mir!" — Gewiß, gewiß, — entgcgnete der Arzt und sud)te das Gespräch abzulcnken; — und wenn der König von Chovaresm in Bagdad ankömmt, könnt Ihr ihn Seiner Majestät zum Geschenke machen. — „Lortrefflich! und ist der König wirklich schön, und jung, und tapfer? Hat er aber auch Geschniack?" — Ihr habt genug für zwei. — „Wenn er nur gegen die Griechen Krieg erklärte!" — Warum seid Ihr so erbittert gegen die armen Gried>en? — . „Ihr wißt, daß sie Ungläubige sind. Ueberdics könnten sie ihn schlagen, und id) dann das Vergnügen haben, gefangen genommen zu werden." — Vortrefflich. — „'Reizend! Constantinopel zu sehen, und den Kaiser zu heirathen!" — Den Kaiser heirathen! — . „Das versteht sid). Er verliebte sid) jedenfalls in — Jedenfalls. — „Und dann . . . und dann möchte ich erobern." — Paris? — „Seid Ihr in Paris gewesen?" - Ja. - „Da sperrt man die Männer ein," lächelte die Prinzessin, „und läßt die Frauen thun, was sie wollen?" Seite 7. — Ihr könnt immer thun, was Ihr nur wollt; — entgcgnete Honain und stand auf. „Ihr geht?" — Meine Besuche dürfen nicht zu lange dauern. — „Lebt wohl, lieber Honain!" sagte die Prinzessin schwermuthSvoll. „Ihr seid die einzige Person in ganz Bagdad, die eine Idee hat, und Ihr verlaßt mich! Mein Loos ist sd)recklich, alles zu fühlen und doch nichts zu sein. Diese Bücher und Blumen, diese zarte» Böget diese schöne Gazelle — ach! Dichter mögen sagen, wie gern gäbe ich alle diese zierlichen Tröstungen des Lebens in der Gefangenschaft gegen eine einzige Stunde der Freiheit auf. Gestern sdiricb ich einige Verse, an mich selbst; da, nehmt sie, und laßt sie von dem besten Schreiber der Stadt abschreiben. Silberne Buchstaben auf veilchenblaueui Grunde mit einer schönen Blumeneinsassung Die Zeichnung dafür könnt Ihr selbst mad)en. Lebt wohl! Komm her, Stummer!" Alroy nahte sid) auf ihren Wink uiib knieie nieder. „Da, niinm diesen Rosenkranz, um Deines Herrn und Deiner schwanen Augen willen." Die beiden Gefährten kehrten wieder schweigend in ihr Boot zurück. Die Sonne ging unter. Die laute wohltönende Stimme der Muezzin erscholl von den unzähligen Minarets der glänzenden Stadt. Honain zog die Vorhänge der Barke zurück. Bagdad stieg vor ihnen in dichten Masse» prachtvoller zwischen Gärten und Gebüschen gelegener Gebäude empor. Eine unzählbare, durch die stärkende Dämmerung gelockte Bolksmasse strömte in allen Richtungen einher. Der Fluß war mit schiuimernden Kaiks, die funkelnden Terrassen mit prächtigen Gruppen bedeckt. Glanz und Macht, Luxus und Schönheit waren in ihren anziehendsten Formen vor ihnen ausgegosscn, und Alroy's Herz klopfte dieser Herrlichkeit entgegen. „Ein hinreißender Anblick!" sagte der „Fürst der Gefangenschaft." — Sehr verschieden von Hamadan; — versetzte der Arzt des Kalifen. „Heute habe ich Wunder gesehen!" rief Alroy. — Die Welt liegt vor Euch offen; — entgegnete ihm Honain. Alroy antwortete nicht, aber nach wenige» Minuten fragte er mit zögernder Stimme: „Wer war die Dame?" — Die Prinzeffiu Schiri», — erwiderte Honain; die Lieblingstochter des Kalifen. Ihre Mutter war aus Georgien und eine Ungläubige.- DaS Mondlicht fiel auf Alroy, der auf einem Ruhebette lag. Sein Gesicht war hinter seinem Arm verborgen. Er lag regungslos, schlief aber nicht. Plötzlich sprang er aus und ging im Zimmer mit unruhigen Schritten hin und her. Manchmal blieb er stehen und blickte starr auf den Bode». Dann schritt er zum Fenster und kühlte seine glühende Stirn an der mitternächtliche» Luft. Es verstrich eine ganze Stunde und der „Fürst der Gefangenschaft" blieb in derselben Stellung. Dann aber wandte er sich und schritt zu einem porphirnen Dreifüße, nahm dort einen Rosenkranz von Juwelen und drückte ihn an seine Lippen. „Der Geist meiner Träume, endlich naht er sich, jene Gestalt, nach der ich geseufzt und geweint habe, die Gestalt, die in meiner glühenden Phantasie emporstieg, wenn ich meine Augen vor dem geräuschvollen Schatten dieser trüben Welt sd)loß." „Schirin! Schirin! hier in dieser Einsamkeit ströme ich Dir die lange aufgesparte Leidenschaft aus; die Leidenschaft meines Lebeiis: keines gewöhnlichen, sondern eines Lebens voll fiesen Gefühlsund schöpferischer Gedanken. O wie schön Du bist! Rein, mehr als schön! Denn Du bist mir wie ein 'Morgentraum! Warum bist Du nicht mein? warum müssen wir eine so köstliche Zeit verlieren in unscrm strahlenden Leben und unser Schicksal armselig machen, da es so reich und schön sein könnte?" „Thor! hast du vergessen? Das Entzücken eines Gefangenen in seinem Kerker, dessen kühne Phantasie einen Augenblick lang seine Fesseln Lügen straft — die Tochter des Kalifen und ein — Jude!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.