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Selbst-Emancipation · 1891-05-18 · Heft 10 (18.5.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 10 (18.5.1891)
Date
1891-05-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Selb st -E m a n t i p a t i o n. . .Nr. 10. gab Herr Dr. I. S. Bloch, welcher ein stillschweigendes Uebcrcinkommcn zwischen den jüdischen Abgeordneten behufs geiiicinsainen Vorgehens in jüdischen Angelegenheiten befürwortete. Rzeszow, den 8. Mai. 1891. Unserer jüdischen Bevölkerung hat sich seit geraumer Zeit rin enthusiastisches Mitgefühl für die verfolgten und bedrängten Brüder aus Rußland und Rumänien bemächtigt, welches sich darin bethätigen will, den Unglücklichen die nöthigen Mittel zu bieten, um sich in Palästina als Colonistcn nicderlasscn zu können. Am 28. v. SSI. fand nun eine gut besuchte Versammlung behufs Gründung eines Colonisationsvereines statt. Einige Herren wiesen auf die Wichtigkeit des Zustandekommens des zu gründenden Vereines mit warmen Worten hin und betonten, daß Tendenz und Ziel desselben ihn hoch über alle Parteischattirungen stellen. Hieraus wurde ein sicbengliet erigcs provisorisches Comitä eingesetzt, dem die Aufgabe zufällt', die Statuten aüszuärbciten' und deren behördliche Genehmigung einzuholcn. Außerdem übernahm jedes . Mitglied, die Verpflichtung mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln den Verein, welcher den Namen „Chovavc Zion" führen wird, zu fördern.*) Tobias Schlager Kalman Kurzmann. Laut üiiS von andcrer Seite zuaekömmcncr Meldung hat-man. sich wcacn Auskünfte a» den Obmann des provisorischen Comite'S, Hern Leib G c f ch wind oder an den Obmann-Stcllvcrtretcr. Herr» Sigmund Kam m c r l i n g, oder an den Cafsier Herrn' Josef S ch ö » b l u NI zu wenden. Die Red. Deutsches Leich. ' d Berlin, 5. Mai 1891. Daß unsere Ziönsidec echt demokratisch ist, zeigt sich am auf- . fallendsten darin, daß je demokratischer die Völker, desto größer ihr Mitwirken an der Verwirklichung unseres heiligen Gedankens ist. Auch hier in Berlin ist die einzige Zeitung, die sich eingehender mit den Interessen der russischen Juden befaßt, die dentvkratische „Berliner Zeitung". Dieselbe enthält Rn der Nr. 103 vom 5. Mai folgenden Passus: „Einchöchst se lts ame Nachricht bringt der „Manchester Courier". Der Präsident der Vereinigten Staaten beabsichtigt, .so schreibt der ' Londoner Corrcspondcnt des genannten Blattes, sich an England und die anderen europäischen .Mächte mit einem eigenthümlichcn Anliegen zu rvcnden. Er beabsichtigt n ä m l ich unter der Mitwirkung Europas, wenn irgend'möglich, dem heiligen Lande seine politische Unabhängigkeit wieder zu verschaffen Und will zu diesem Zwecke eine internationale Confercnz einberufen, welche die Lage der Js r a eliten u n d ihr e A nsprüch e aus Palästina als ihre alte Heimat einer eingehenden Prüfung unterziehen soll. „Der Präsident wurde in einer Denkschrift, welche die Unterschrift des Oberrichters des ersten Vereinigten Staaten Gerichtshofes, des Sprechers des Repräsentantenhauses und zahlreicher Congreßmitglicder trägt, zur Verwirklichung des Planes aufgefordert. Die Denkschrift selbst ist das Resultat einer jüdisch-christlichen Confercnz von Chi c a g o und wurde demPräsidenten durch einen protc st a n t i s ch e n Gcist- ' l r ch e n überreicht." Wir geben die Mittheilungen natürlich nur unter allem V o rbehalt."*) In den letzten Tagen haben nun noch mehrere andere Zeitungen,- wie: „Berliner Presse", *) Nach einer im „Neuen Wiener Tagblatt,, reproducirten Mittheilung der Berliner „Nationalzeitung" soll sich der Präsident der Vereinigten Staaten mit dem - oben erwähnten Anliegen an die europäischen Mächte . bereits gewandt haben. Anm. der Red. „Voffische Zeitung", Berliner Tagblatt" u. s. w. Artikel über die Juden in Rußland gebracht. Berlin, den 12. Mai 1891. Wie die Hiesigen Zeitungen behaupten, hat Rothschild (Paris) nur unter dem Hochdrucke seiner Glaubensgenossen bis jetzt die russische Anleihe nicht zur Ausführung gebracht. In Wahrheit hat er sich aber aus dem Grunde im letzten Augenblicke zurückgezogen, weil er der schlechten Börsenverhältniffc halber die Anleihe nicht unterbringeu könnte.*) Eine Rücksicht auf die russischen Juden ist nicht genoimnen worden. Gleichwohl suchen die russischen Zeitungen der Anleihe wegen die Verfolgungen zu vertuschen, was aber unmöglich ist; sind doch allein bis zum Amtsantritt des Gouverneurs Großfürsten Sergius mehr als 50000 jüdische Handwerker aus Moskau ausgewicsen worden. *) Wir übernehmen für diese Auslegung seitens unseres Korrespondenten keinerlei Verantwortung. . Die Rcdactiou. Magdeburg, 2. Mai 1891. In den letzten Tagen regnete cs förmlich im deutschen Reichstage und im preußischen Abgeordnetenhause wieder Judendebatten. Außer der Bemerkung Stökcrs, der doch gerne Juden „tauft", daß die Judcnart auch im getauften Juden meist noch fortbcstcht, waren nur zwei Acußerungcn nationalliberalcr Redner für uns von größerem Interesse. Beide betrafen die Angelegenheit des jüdischen Referendars Bcnfey, um dcssentwillen mehrere christliche Referendare, die ihn nicht in ihre Tischgesellschaft aufnehmcn wollten, seinerzeit strafweise versetzt worden waren. Der Abg. Sattler fand das Verhalten der christlichen Referate um so bedauerlicher,' als selbst Heinrich v. T r e i t s ch k e, der bekannte antisemitische Geschichtsschreiber, von der Familie Bcnfey anerkannt habe, daß sie schon seit vielen Jahrzehnten bemüht gewesen sei, rückhaltslos im Deutschthumc anfzugchcn. Uns kann dieser Anttscmittsmus sonach nur mit lebhafter Genugthuung erfüllen. Der Abg. L u b r e ch t, der Parteigenosse des Herrn Sattler, erzählte dagegen, daß Herrn Bensey vorhin bedeutet worden sei, daß man ihn in der Tischgesellschaft nicht möge, er aber dennoch gebeten habe, in dieselbe ausgenommen zu werden. Ein Mann, der Anstand und Ehrgefühls besitze, könne dergleichen nicht thun. Wir müssen Herrn Lubrecht hierin vollkommen Recht geben, finden es aber merkwürdig, daß gerade er, der Nationallibcrale, darüber so entrüstet thut. Das doch von ihm und seinen Parteigenossen Sattler geforderte „rückhaltlose Aufgchen der Juden im Deutschthum" muß es doch ganz notwendig mit sich bringen, daß die dieses „Ideal" anstrebendcn Juden m i t dem Stolz auf ihre edle jüdische Abkunft auch jeden persönlichen Stolz aufgeben. Wer einmal demütigst um die Gnade bittet, im Deutschthumc aufgehen zu dürfen, warum sollte der. nicht auch um die Gnade bitten, sich einer Gesellschaft anschließcn zu dürfen, die ihm bereits zu verstehen gegeben hat, daß sie ihn nicht aufnehmen wolle? —.- - Nußland. *) Odessa, den 25. Nissan 5651. Wir Juden in Rußland haben . Heuer das Peßachfest nach althergebrachtem Brauch gefeiert. Aber mir aßen Heuer das „Brot des Elends" und das „bittere Kraut" nicht bloß in Erinnerung an eine längst cntschwundencBergangenheit, sondern als Symbole einer traurigen Gegemvart. Wir lasen in der „H a g ad ah" nicht von den Verfolgungen, welche unsere Ahnen in Egypten zu Erdulden hatten. Wir lasen darin von den Drangsalen, welche wir Juden der Gegemvart in den verschiedenen Ländern leiden'müssen. .Die Becher *) Aus dem Hebräischen übersetzt. voll Wein konnten unsere trübe Stinunung nicht bemeistern, konnten uns an die drei Millionen gehetzter Brüder nicht vergessen lassen.' Jeder Tag des Festes brachte nns neue Schreckensnachrichten. . In Moskau fanden und finden noch polizeiliche Streifungen statt. Mitten in der Nacht iverden die jüdischen Familien geweckt, wie Verbrecher zu den Polizciämtern geschleppt und von dort unter polizeilicher Eskorte Rn die entlegensten Städte abgcschoben. ,Es sind bereits viele tausende jüdische Familien aus Petersburg, Moskau, Kiew u. s. w. vertrieben worden; auch die Kaufleute erster Gilde werden nicht geschont. Ja, sogar die Handwerker, welche bisher mehr Gunst genossen, als die übrigen Juden, sind vor den Vertreibungen nicht sicher und werden mit ihren Weibern und Kindern auf den Bettelstab gebracht. Die ganze Masse der Exilirten ivird in den sogenannten Ansiedlungsrayon zusammengedrängt, wo ohnehin .schon eine sehr zahlreiche jüdische Bevölkerung nur so vegetirt, und durch neue Gesetze beschränk! ist. Wir in Odessa sehen täglich, oft zweimal im Tage, Züge solcher Unglücklicher kommen, deren lcidvolle Gesichter von Elend und Hunger zeugen. Nun soll erst ein Erlaß des hiesigen Stadthauptmannes bevorstchcn, wonach die aus anderen Städten vertriebenen hier angekommcnen Juden, auch hier nicht geduldet werden sollen. Was soll ans diesen iverden? Als Erfolg der Verfolgungen feiert der „Kiewljanin" den Umstand, daß in der letzten Zeit 56000 Ucbertritte von Juden zur rechtgläubigen Kirche vorgekommen sind. Was thun aber unsere reichen Juden gegenüber diesem Elend? Ich will Ihnen , einen Fall erzählen, der geradezu grauenerregend ist. Es verbreitete sich hier plötzlich das Gerücht, daß Herr Lazar B ro d s k y/ ein zwanzigfacher Millionär in Kiew, nach. Palästina fahren und 500.000 Rubel ftir die Ansicdlung armer russischer Juden daselbst widmen wolle. Hier wartete man sehnlichst auf die Ankunft dxS Herrn Brodsky. Da hatte man aber gut warten. °Dem Manne war die Fahrt und die Spende nie in den .Sinn gekommen, und, als ■ mau ihm von dem Gerüchte erzählte, äußerte er öffentlich, daß „er gar kein Bedürfniß nach Ansiedlung in Palästina habe, nachdem ihm sein Geburtsland recht lieb und wcrth, und speciell Kiew die Stadt seines Vergnügens und seines Glückes sei". Freilich war es Unrecht, von Lazar Brodsky überhaupt ettvas zu erhoffen, — vom Lazar Brodsky, der folgende Heldcnthat auf dem Gewissen hat. Sein edler und jüdisch fühlender Vater, Israel B ro d s k y war gestorben. Derselbe hatte eine Zuckerfabrik in Odessa eingerichtet und daselbst unter 700 Arbeitern 200 jüdische Arbeiter. nota bene Familienväter beschäftigt. Lazar Brodsky hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als den Auftrag zur Entlassung sämmtlicher jüdischer Arbeiter zii geben. Und als der christliche Director Mitleid hatte und einige wenige Arbeiter, welche seit der Gründung der Fabrik in derselben .beschäftigt waren, beließ, erhielt er von dem Fabriksherrn, dem dies zu Ohren kam, den strikten Auftrag, keinen einzigen Juden zu beschäftigen. Und auf diesen Erlöser hofften so viele unglückliche Juden!; Zum Schluffe, meines Berichtes will ich noch nnttheilen, daß die den Veranstaltern des in Ihrer vorigen Nummer erwähnten Purimscstes (Herren Jacob Schreibmann und Chain, Wassermann) aufcrlegten Geldstrafen von 200 resp. 500 Rubeln vom Stadtverwalter im ersteir Falle ganz nachgesehen, im . zweiten Falle auf 300 Rubel ermäßigt wurden. Samuel Jakobsohn. Warschau, den. 5. Mai 1891Die aus dem Innern Rußlands vertriebenen Juden unüssen sich bekanntlich nach.dem sogenannten „Ansied-

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