Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 10 (18.5.1891)
- Date
- 1891-05-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Selb st-Emancip atro n. Seite 3. Francs per Dunam (beinahe 182 Quadratmeter). Glücklich fühlt sich, iver den Dunam zu 12, 13 Francs findet. (Ich spreche hier nicht von den Grundstücken jenseits des Jordans, weil die Colonisation sich noch nicht dahin ausdehnt und die vereinzelten Wirtschaften sich dort nicht etabliren könnten, weil sie von Beduinen, welche sich blos Mit Diebstahl und Raub befassen, umgeben wären. Ohne Zweifel hätten 2000 oder 3000 Familien nichts zu fürchten, aber woher 2000 Familien nehmen, welche mit einem Male und alle zusammen sich ansiedeln wollen?) Da nun die ärmste Familie wenigstens 100 Dunam Boden besitzen muß, so braucht sie hiefür mindestens 1200 Francs. Hiezu kommen. die Ausgaben für den Ban des Hauses, der Ankauf von Lieh und von Sämereien, endlich die Kosten des Lebensunterhaltes wenigstens für ein Jahr, welche zusammen zumindest 3000 Francs ausmachen. Es ergibt sich demnach ein Gesammterfordernis von 4200 Francs, das sehr niedrig angenommen ist, so daß es also riskirt erscheint, mit solchen Capitalien Grundstücke zu kaufen. Aber die armen Israeliten aus Rußland wollen, oder bester, können das nicht wissen. Um Ihnen die Unwissenheit derselben in dieser Richtung zu schildern, will ich Ihnen ein sehr interessantes Factuin erzählen. Unlängst sprach ich mit zwei Israeliten, welche mit dem letzten Schiffe angekommen sind. Sie erzählten, daß sie Boden in Palästina kaufen wollten. Ich erlaubte mir nun, sie nach ihren Mitteln zu fragen, und erhielt — denken Sie sich mein Erstaunen — zur Antwort, daß sie nur je 500 Rubel besäßen. Ich sagte ihnen sofort, daß diese Summe für den Bodenkauf nicht hinreiche. Die Reihe des Erstaunens war nun an ihnen; statt mir aber zu erwidern, nahm einer von ihnen nach langem Suchen in den Taschen eine Jargonzeitung hervor und lud mich ein, sie durchzusehen. Sie hieß „Der Colonist". Der Beschreibung einiger Colonien Palästinas folgte ein Artikel, der sehr effectvoll „Ein palästinischer Jid" („Ein palästinensischer Jude") gezeichnet war. In diesem Artikel zeigt der „palästinische Jid" ganz unverschämt an, daß man in Palästina gratis Grundstücke an alle Juden vertheile. Solche liebenswürdige Blätter, deren es in Rußland eine ziemlich große Anzahl gibt, sind schuld daran, daß unsere Brüder sich blindlings in das Verderben stürzen. Schmach über denjenigen, der so handelt, der die Bejainmernswerten noch bejammernswerter macht! Man wird sagen: „Kurz, Sie sind gegen die Colonisation?" O, nein! Ich war. bin und werde stets der glühendste Palästinafreund bleiben. Ich halte die Colonisation für das einzige Heil der Israeliten, unter der Voraussetzung natürlich, daß sie dem Äckerbau obliegen. Aber ich werde immer wiederholen, daß die Ansiedlung der armen Familien, deren Mittel nur einige hundert Francs betragen, nicht blos für diese verhängnisvoll, sondern der ganzen Colonisatiönssache zu schaden geeignet ist. In den palästinischen Städten herrscht ohnehin in Folge der bisher beliebten Indolenz ein grenzenloses Elend, welches durch den Zufluß von mittellosen Familien mit drei, vier oder noch mehr Kindern nur noch erhöht werden kann. Sollen die Neuangekommenen auf die „Chalukah" rechnen, welche nicht genug für die gegenwärtige Städtebevölkerung hat? Oder auf Baron Edmund Rothschild? Der hat ohnehin genug Ausgaben fiir die Colonien und für die Spitäler des Landes. Auf wen also denn? (Ich beeile mich jedoch, hier zu bemerken, daß ich bloß von armen Familien spreche; bezüglich armer lediger M ä n n e r steht die Sache anders. Letztere finden, wenn sie nur arbeiten ivollen, stets Arbeit in den Colonien, welche immer fleißige Hände benötigen.) Was aber thrm, um diesen zu helfen? O, es gibt Mittel genug. — Wir lesen immer in Ihrem geschätzten Blatte und auch in den anderen Blättern von der Gründung von Vereinen, deren Zweck es ist, für die armen verfolgten Juden Boden in Palästina zu kaufen. Warum handeln diese Vereine nicht? Wann werden sie endlich nicht blos durch leere Worte, sondern durch Thaten ihre Schaffenslust erweisen? — Handeln Sie doch, schicken Sie doch Delegirte, kaufen Sie doch Grundstücke! Vergessen Sie nicht, daß wir andernfalls die Colonisation, welche sich so schön für uns anließ, zu Grabe tragen werden! Jaffa, April 1891. Grägoire Aptecman. Nachbemerkung der Redaction. Der geehrte Herr Einsender nötigt uns durch den letzten Absatz seines Artikels zu einigen namentlich zu seiner Aufklärung, bestimmten Worten: Es ist ja klar, daß Herr Aptecman mit seiner Warnung, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen arme Familien nicht nach Palästina kommen sollen, wie dies leider in Folge gedanken- oder gewissenloser Versprechungen und trotz aller so oft schon veröffentlichter Warnungen geschieht, recht hat. Es ist auch klar, daß zu dieser Abweisung der armen, also gerade der unterstützungsbedürftigsten russischen Juden nur der Mangel an Unterstützungsmitteln führt. Denn wären diese iin reichlichen Maße vorhanden, dann stünden ja nicht mehr arme, sondern mit hinreichenden Capitalicn ausgestattete Auswanderer vor uns und es würde ja praktisch gar keinen Unterschied machen, ob diese Capitalien ureigenes oder durch Spende erworbenes Vermögen sind. Es ist aber ein allerdings verzeihlicher Mißgriff seitens des geehrten Herrn Einsenders, wenn er für den besprochenen Mangel an Unterstützungsmitteln die Colonisationsvereinc verantwortlich macht. Den russischen Verein bezieht er wohl in diesen Vorwurf nicht ein, nachdem derselbe notorischermaßen sehr viel leistet; was aber die anderen Vereine betrifft, so zeigt es von Unkenntnis der Verhältnisse, wenn man jetzt bereits Thaten von ihnen verlangt. Diese Vereine haben einen so hartnäckigen Widerstand innerhalb der Judenheit zu bekämpfen, daß die darauf gerichtete Thätigkeit sie ganz absorbirt. Die geringen Summen, welche sie von ihrer verhältnismäßig kleinen Mitgliederanzahl zusammenbringen, sind viel rationeller auf eine Agitation verwendet, welche die Jntereffirung größerer Kreise durchsetzen soll. Übrigens haben trotz dieser hauptsächlichsten Aufgabe einige Vereine, wie z. B. „Esra", auch in der Unterstützung der Colonisation selbst Manches geleistet. Die großen Summen jedoch, welche für eine Ansiedlung russisch-jüdischer armer Familien im großen Maßstabe nötig sind, könnte nur eine allgemeine jüdische Volksbewegung aufbringen, und diese zu schaffen, ist das nächste Ziel der westeuropäischen Colonisationsvereine. Zuvorkommen könnten Ihnen freilich, wenigstens zum Theile, einige Geldbarone, aber die verzetteln ihr Geld in lächerlichen exotischen Projecten. Original- Korrespondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien, den 15. Mai 1891. Bekanntlich wählten die Gemeinderäthe von Groß-Wien aus ihrer Mitte eine Art Executivcomitä, den Stadtrach. Zur Jllustrirung des Liberalismus der „Liberalen" sei folgender Vorgang, welchen wir genau nach dem „Wiener Tagblatt" bringen, erzählt: „Die Fortschrittspartei hat ihren Entschluß ausgeführt und keinen Antisemiten in den Stadtrath gewählt. Eine befremdliche Erscheinung trat aber zu Tage, als es sich um die Wahl des Gemeinderathes Theodor v. Goldschmidt handelte. Während die Antisemiten sich bis zum letzten Augenblicke konsequent blieben und der ausgegebenen Parole gemäß leere Stimmzettel abgaben, wurde im Schoße der fortschrittlichen Partei gegen die Wahl des Gemeinderathes v. Goldschmidt intriguirt und agitirt. Gemeinderath Wimberger und Genossen wollten um jeden Preis den Gemeinderath Trost gegen Herrn v. Goldschmidt als Stadtrath durchsetzen. Es kam zu drei Wahlgängen, bis Gemeinderath - v. Goldschmidt als gewählt aus der Urne hervorging. Der Vorfall charakterisirt den Liberalismus gewisser Herren im fortschrittlichen Lager. Er zeigt aber auch daß es mit der Disziplin im Verbände der Fortschrittspartei nicht weit her ist und daß der Vorstand derselben von seiner Autorität nicht den entsprechenden Gebrauch macht. Die Antisemiten wurden gestern von gewisser „liberaler" Seite haranguirt, in der engeren Wahl dem Gemeinderath T r o st die Stimme zu geben und so die Wahl des Juden Goldschmidt zu verhindern. Die Antisemiten erklärten aber: „Ein ehrlicher Jude ist uns lieber, als . . ." und gaben leere Stimmzettel ab. Sie hätten es in der Hand gehabt, Herrn v. Goldschmidt zu werfen. Zur Ehre des Gemeinderathes T r o ft muß bemerkt werden, daß er persönlich dem gegen Herrn v. Goldschmidt inscenirten Manöver ferne stand." — Am 9. d. M. hielt die „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" wieder eine Vereinsversammlung ab. Etwa vier Stunden lang unterhielt sich dieselbe mit nichts anderem'als mit dem Zwischenfall Bloch-Schneider im Parlamente. Bis zur Ermüdung wurde über diesen Gegenstand debattirt, als ob Rußland und Corfu nicht auf der Welt wären. Die einzige vernünftige Anregung