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Selbst-Emancipation · 1891-05-03 · Heft 9 (3.5.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 9 (3.5.1891)
Date
1891-05-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. i crthcilcn würden. Das locale Comite der Allianz aber sah ein, daß es nicht angche, die Kinder dem ReligionSunterrichte von Männern anzuvertrauen, welchen das wahrhaft jüdische Gefühl mangelt und die nicht einmal die hebräische Sprache verstehen. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen^ und da dem Lbriggcbliebenen Religionslehrer, Herrn Teller, nicht zugemuthet werden konnte, allein den ganzen hebräischen und Religionsunterricht zu bestreiten, beschloß das Comitö einen Concurs auszuschrcibcn und in den Zeitungen zu veröffentlichen Es meldeten sich nun viele Aspiranten; darunter befand sich ein noch junger, aber von tiefer Liebe zu seinem Volke erfüllter Mann, der das Gymnasium absolvirt hat und sowohl die hebräische als die polnische und deutsche Sprache vollkommen beherrscht. Der junge Mann ist Mitglied des Vereines „Zion" in Lemberg, mit vielen glänzenden Empfehlungen ausgestattct und macht schon durch sein Auftreten und seine Sprechweise einen guten Eindruck. Er gefiel auch dem hiesigen Comitü der Allianz und dieses verlieh ihm die Lehrerstcllc. Als nun der neue Lehrer in die Schule kam, cröffncte ihm ein Lehrer im Namen des Schulleiters, daß er sich nur keine Mühe geben solle, da er von den Collrgen nicht anerkannt werden würde; außerdem riefen die Schüler, als er das Lehrzimmer betrat, — gewiß nicht ohne höhere Weisung —: „Nein, Nein!" — will sagen: Du gefällst uns nicht. Der junge Lehrer wollte nun beschämt seine Stelle aufgeben und nach Lemberg zurückkehren, aber das Allianz-Comitö, welches eine Versammlung einbericf und ihn nochmals ausdrücklich als ihnen genehmen Lehrer erklärte, bestimmte ihn zum Bleiben. Als er nun diesen Sonntag sein Lehramt wieder antrat, wurden ihm von Seiten der anderen Lehrer und speciell des Schulleiters so viel Kränkungen zutheil, daß er denn doch seinen Posten verließ und nach Lemberg zurückkehrtc. Das OrtscomitL hat, über den Trotz der Lehrer erbittert, eine Beschwerde an die Centralleitung in Wien abgehen lasten. Daß es so kommen mußte, ist klar. Die Herren Lehrer mußten auf den jungen Mann, der ihnen im Wiffea hundertfach überlegen war, scheele Blicke werfen, umsomehr, als er auch hebräisch versteht und die Kühnheit hat, ein Natiönaljude zu sein. Wie leicht hätte das Schreckliche geschehen können, daß der neue Lehrer die Schule, welche der Leiter derselben bei einer Versammlung als eine „polnische Schule", in welcher das Hebräische nur „geduldet" werde, bezeichnet hatte, eine jüdisch-nationale nennen würde. — Gebe Gott, daß die „Jsraclitisch-Allianz" den Lehrplan der galizifchen Allianzsckmlen in dem dem wahren Judenthume förderlichen Sinne ändere; damit würde sie sich den Dank ganz Israels verdienen. Jsak Ewcn. Nußland. Odessa, 9. April 1891. Der Purim wurde von uns Zionsfreundcn hier nach guter alter Sitte gefeiert. So war auch Heuer im Hause eines reichen Gesinnungsgenossen ein Fest angesagt, welches, wie alle von uns zu Chanuka oder Purim veranstalteten Feste, künstlerische Genüffe der mannigfaltigsten Art versprach. Es erscheint an solchen Abenden stets die Creme unserer Partei, was Talent, Bildung und Schönheit betrifft. Wenn ich von Schönheit spreche, so kann ich natürlich nur unsere holden Gesinnungsschwestern meinen, die eifrigsten und erfolgreichsten Agitatoren für unsere Sache. Sie nehmen denn auch an solchen geselligen Versammlungen ihre Aufgabe sehr ernst, und schlagen aus dem Verkaufe von Cigaretten, Getränken u. s. w. gewöhnlich einige hundert stiubel heraus. Diesmal sollte ihr Erwerbeifer unserer Palästina-Bibliothek zu Nutzen kommen. Aber es ward diemal nicht so schön, als ich mir's gedacht hatte. Wohl traf ich, als ich den Saal betrat, die Gesellschaft in der fröhlichsten Stimmung, wohl blickte ich wieder mit Vergnügen auf den Schatz von Intelligenz, weiblicher Anmuth und Begeisterung, der unsere Abende so ziert; wohl freute ich mich schon auf die künstlerischen Leistungen einiger trefflich musicirender Damen und ärgerte mich wieder einmal über die unüberwindliche Schwäche ■ der Frauen Israels für Geschmeide und Toiletten;'wohl beobachtete ich wieder mit Vergnügen einige werdende Ehebündniste; wohl lauschte ich endlich im Vereine mit der ganzen großen Gesellschaft der beginnenden ernsten Vorlesung: „Worin finden wir unsere Rettung?", aber plötzlich ging die Thüre auf und hereintraten — ein Polizcibeamter, ein Gcndarmerieofficicr und fünf oder cchs Polizeisoldaten. Das Publikum erhob sich, der Verlesende hielt inne: Der Polizeibeamte fragte nach dem Wirte, und als dieser sich vorstelltc, ob er eine Genehmigung für die Versammlung erwirkt habe. Herr Sch., der Wirt, antwortete, er habe dies nicht gcthan, nachdem er die Erwirkung einer Erlaubniß zur Einladung von Freunden zum Purimfcstc nicht für nötig gehalten habe; es fänden heute gewiß solche hundert Versammlungen in allen Theilcn Odestas statt. Der Beamte berief sich auf einen Auftrag des Stadtvcr Walters, gemäß welchen er die Namen und Adressen aller Anwesenden zu notircu unv die Gäste nach Hause zu schicken hätte. Es blieb nun für dieselben nichts übrig, als tief verstimmt auseinander zu gehen. Tags darauf stellte es sich heraus, daß die unangenehme Ueberraschung auf einen anonymen Brief zurückzuführen sei, welcher dem Stadtvcrwalter über eine angebliche politische Versämmlnng zugekommen war. Selbstverständlich hat die Poiizei nichts Verdächtiges finden können, nichtsdestoweniger wurden aber dem Hausbesitzer, Herrn W. eine Geldstrafe von 800 Rbst, dem Wirte, Herrn Sch. eine solche von 200 Rbl. dictirt. I. K. Optimist. England. London, den 27. April 1891. In der letzten Zeit fanden hier zwei große Versammlungen der „Chovevej-Zion-Society" statt. Die erste galt der Gründung einer Filiale in Nord- London und wurde non dem rühmlichst bekannten Oberstlieutenant Albert Goldsmid präsidirt. Der Vorsitzende legte vorerst die Ziele des Vereines klar, indem er als den d r e i f a ch e n Zweck desselben bezeichnet: Die Weckung des n a t i o n a l e n G e i sie s i n I s r a e l, dieFörderung desPatrio tis mu s unter den in unbeschränkter Freiheit lebenden Juden E n gl a n d s, und schließlich und hauptsächlich die Förderung der Colonisation d es heiligen Landes. Hierauf gab-Colonel Goldsmid werthvollc Fingerzeige für die Durchführung des Projektes. Ein späterer Redner, Herr d'A v i g d o r bemerkte. ganz richtig, daß der Verein nicht alle Iudenn ach P a l ä st i n a bringen wolle, viclnrehr dem Heimatlosen eine verfolgungsfreie Heimat verschaffen wolle. — Die zweite Versammlung fand im Eastend statt. Den Vorsitz übernahm Sir Francis S e b a g- Montefiore, der Neffe Sir Moses Montefior e's, welcher eine längere und gehaltvolle Ansprache an das Publicum richtete, in der er aus die Erfolge der Colonisationsbewegung hinwies. Herr d'A v i g d o r, welcher sodann das Wort ergriff, gedachte pietätsvoll des verstorbenen großen Palästinafreundes Moses M o n t e f i o r e. Zum Schluffe trug die Tochter des letztgenannten Redners, Fräulein d'A v i g d o r, ein von ihr verfaßtes der Tendenz des Vereines entsprechendes Gedicht vor. Türkei. (Palästina.) Jerusalem, 10. März 1891. EinigeMuselmannen aus der Türkei und' Egypten prosectircn wie „Habazeleth" aus Kairo gemeldet wird, den Bau einer Eisenbahn von Egypten nach Jeru¬ Nr. 9. salem. Es ist klar, daß dieses Unternehmen, welches von gutunterrichteter Seite als der Nealisirung nahe bezeichnet wird, auch für unsere Stammesgenoffen hierzulande, namentlich für die Colonisten von großer Bedeutung ist. Der Bau der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem schreitet rüstig vorwärts. Hunderte Arbeiter sind bei demselben beschäftigt. Die Theilstrecke Jaffa- Ravlleh wird bald eröffnet werden. In der Colonie Rechowoth haben bei hundert jüdische Arbeiter lohnende Beschäftigung gefunden. Vor einigen Monaten kauften Herr A r o n o w s k y aus Wilna und einige Familien eine Landstrccke zwischen Liberias und Nazareth, in der Nähe des Dorfes Dschur. Herr Aronowsky meldet nach Jerusalem, daß sich die Colonisten in der hoffnuugsfreudigsten Stimmung befinden. Amithi Jaffa, 5. April 1891?') Wenn sie einen beliebigen Israeliten in Jaffa fragen, ivie es gegenwärtig um die Colonisation stehe, so können Sie sicher sein, daß er ihnen antworten wird: „Was ist die Colonisation von heute? Nach Peßach werden Sie sehen, was man Colonisation nennt." Bei uns in Jaffa gehen Gerüchte um, eines großartiger als das andere: Man erwartet nach den Feiertagen aus Wilna tausend Familien, aus Grodno fünfzig Familien u. s. w. Wenn nun auch diese Gerüchte bedeutend übertrieben sind, so kann man nichtsdestoweniger nach Peßach eine sehr große Anzahl israelitischer Einwanderer aus Rußland erwarten. Die Hauptursache dieses Strebcns nach Palästina muß in den Verfolgungen gesucht werden, welche immer> grausamer werden und dann in einem gewissen Fortschritte der Colonien, besonders der neugcgründeten. — Wahrscheinlich, um den Abschluß der Bodenkaufverträge mit gewissen Verkäufern zu überwachen,.sind Herr Temkin, Leiter des »Waad»*) **) und einige von den Delegirten aus Rußland, vorige Woche nach Chaifa gereist, von wo aus sie alle für den Verkauf ausersehenen Grundstücke besichtigen werden. Es muß hier bemerkt werden, daß der »Waad«, dank der Energie des Leiters, Herrn Temkin, und der Mitglieder Herren Pines und Bentowim, zum Mittelpunkte aller israeliüschen Interessen in Palästina, besonders aber in Hinsicht der Bodenverkäüfe — derzeit die interessanteste und lebendigste Frage bei uns — geworden ist. Das Erste, was der Neuangekonnnene in Palästina thüt, ist, daß er sich an den »Waad« wendet, welcher stets mit Vergnügen die entsprechenden Belehrungen ertheilt. Jetzt werden alle Käufe von Grundstücken durch den »Waad« geschloffen. Ich will Ihnen noch mehr erzählen: Der »Waad« beabsichtigt, — und hat bereits den Boden hiefür gekauft— auf seine Kosten eine Herberge;(maiso'n hospitaliere) zu errichten, in welcher jeder neu angekommene Jsraelite für einige Zeit Unterkunft finden wird. Heute ist der gewesene Direktor der Lemel'schen Schule, Herr Dr. phil. Herzberg mit Familie *) Aus dem Französischen übersetzt. .**) — hcbr. gleich Comitö; gemeint ist das Executiv-Comitö des Odessaer Palästina-Vereines in Jaffa.

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