Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 9 (3.5.1891)
- Date
- 1891-05-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr. 9. S e lbst - E m anci patio n. Wirkungskreise hat er sich aber keineswegs zur Zufriedenheit der Mitglieder und im Interesse der Wahrung des Vereinsdecorums nach außen bethätigt. Der allgemeine Unwille der Mitglieder über Dr. Hajek kam in einer Generalversammlung zum Ausdruck, bei welcher nicht nur Herr Dr. Hajek nicht wiedergewählt wurde, sondern auch eine Commission zur Prüfung seines Gebahrens eingesetzt wurde. Diese Commisson, welche durchaus in seiner Gegenwart das ihr vom Plenum übertragene Mandat zur Prüfung ausübte, kam niit einem, - zumindest nicht besonders erbaulichen Ergebniß vor eine zweite Generalversammlung. Die Versammelten geriethen über die Vertheidigungsuwnier des Herrn Dr. Hajek in eine ungeheure Aufregung, was Herrn Dr. Hajek veranlagte, mit zwei Anhängern das Locale zu verlassen. Damit war aber das unheilvolle Eingreifen des Herrn Dr. Hajek in die Wiener zionistische Bewegung leider noch nicht abgeschlossen. Er hatte sich im Vereine „Admath Jeschurun" halb und halb mit der Vorgeschichte desselben und dem Gange der Colonisationssache überhaupt vertrant gemacht. Diese Bereicherung seines Wissens nützte er aus, indem er einen neuen Concurrenzverein ins Leben rief, dem er in schlauer Berechnung den Namen des alten „Ahamath Zion" gab, — desselben „Ahawath Zion", dessen rührigste und gesinnungstüchtigste Mitglieder nachmals den „Admath Jeschurun" gründeten und jetzt innerhalb desselben wirken. Daß sich Herr Dr. Hajek selbst zum-Präsidenten — eine Stellung, die ihm freilich im „Admath Jeschurun" nicht winkte — des „Ahawath Zion" vedivivus machen ließ, ist nur eine logische Folge des bereits Erzählten. Das ist die Gründungsthat des Herrn Dr. Filipp Hajek, welche er so pompös in der „Jüdischen Presse" ausposaunen läßt. Es ist nur zu erwarten, daß die offenbar ganz unschuldig zu dieser Correspondenz gelangte „Jüdische Presse" eine ihr vom Ausschüsse des Vereines „Admath Jeschurun" mit einein anfklärenden Begleitschreiben zugesandte Berichtigung aufnehmen wird. Sie wird sich dadurch ein Verdienst um die heilige Zionssache erworben -haben, in deren geweihtes Gebiet sich ein unberufener und nicht von der Liebe zur Sache geleiteter Störenfried Eiilgang zu verschaffen gewußt hat, der sich init nichts anderem zu brüsten weiß, als mit den Namen einiger Privatpersonen,' mit denen er sein Lebtag nicht in Verbindung gestanden ist, und die an seiner Gründung keinen wie immer gearteten Antheil haben. Original- (Lorrespondenzen. Gesterreich-Nngarn. Wien, den 1. Mai 1891. „Sie gehören ins Zuchthaus!" hat am 27.April der Reichsratsabgeordnete Herr Dr. I. S. B l o ch dem ehrenwerten Mechaniker Ernst S ch n e id e r in öffentlicher Parlamentssitzung zugerufen, als dieser wieder eine seiner Keckheiten vorbrachte. Daß diese. Aeußerung gefallen sei, war aus dem stenographischen Protokolle nicht zu entnehmen, weshalb sie der Präsident Dr. Smolka in der Sitzung vom 28. April als nicht geschehen annahm. Dr. Bloch renionstrirte dagegen, erklärte ausdrücklich die Aeußerung gethan zu haben, und wiederholte dieselbe, wobei er, den Präsidenten wegen seiner Laxheit in der Zurückweisung von gegen das Judenthuin gerichteten Beleidigungen scharf angreisend, meinte.„daß die Gleichberechtigung in der Geschäftsordnung gerade so sei, wiedie Gleichberechtigung im Staatsgrundgesetze". Der Präsident ries ihn wegen der wiederholten Beleidigung des Abg. Schneider zur Ordnung und entzog ihm das Wort. Schneider aber, dem jetzt das Wort ertheilt wurde, verzichtete auf dasselbe mit der Begründung : „Es hat ja nur ein Jude gesprochen," was auch ihn: einen Ordnungsruf eintrug. — Die Affaire wirbelte viel Staub auf und gab sich Prinz Liechtenstein persönlich Mühe, den Dr. Bloch zuerst durch den Abg. Dr. 9t o f e n ft o cf und dann direct zur Abbitteleistung an Schneider zu bewegen. Speciell die Unterredung mit Dr. R o s e n st o ck hat ein Detail aufzuweisen, das sich recht komisch ausnimmt. Dr. Rosenstock meinte nämlich, daß sich Dr. Bloch kauni zur Zurücknahme seiner beleidigenden Aeußerung verstehen werde, was den fürstlichen Antisemitenführer zu den Worten veranlaßte: „Sie treten für Dr. Bloch ein, weil Sie derselben Nation angehören, wie er." Das war für Dr. Rosenstock Grund genug, sein assimilatorisches Glaubensbekenntniß dem Prinzen Liechtenstein anzuhängen. „Ich gehöre", erklärte er, „der polnischen Nation an und bin desselben Glaubens wie Dr. Bloch." Ei, du guter Himmel, warum hast du dem Dr. 9tosenstock ein so seines Gefühl gegeben, daß er seine jüdische Nationalität ahnt, während ihm die stolze Polenseele solche Ahnungen gar nicht aufkömmen lassen sollte? Woher wußte der Herr Dozent für Assimilation, daß Fürst Liechtenstein unter „derselben Nation" die jüdische meinte, da er doch auch die polnische, der ja nach Dr. Rosenstocks Theorie er und wohl auch Dr. Bloch angehören, hätte meinen können? Es geht nichts über das Ahnungsvermögcn eines „Polen mosaischer Confession." Boryslav» de» 8. Adar scheni 1822 le’chorban.*) Rewan' behauptet an einer Stelle seiner Werke, daß jene Individuen, die durch eine genleinsame besondere Geschichte von den übrigen Menschen sich unterscheiden, N a t i o n genannt werden. Diese Definition, welche im negativen Sinne gerechtfertigt ist, indem Individuen, welche verschiedenen Geschichtsgebicten augehören, nicht zu einer Station gerechnet werden können, ist in positiver Beziehung viel zu enge. Dennwelchcs Bindemittel besteht zwischen Einzclmenschen mit gemeinsamer Geschichte, wenn keine lebendigen Elemente da sind, um die getrennten Theile zu umfassen und zur Einheit zu machen? Darum wird es wohl richtiger sein, die Station ans drei Dingen beruhen zu lassen, auf G e s ch i ch t e, S p r a ch e und B a t e r l a n d. Bei uns Söhnen des ewigen BolkeS kommt noch ein Viertes hinzu: Die Religion. Nachdem wir aus dem Lande unserer Sehnsucht völlig vertrieben, unter alle Völker zersprengt waren, nachdem' auch die hebräische Sprache in unserem Munde von anderen Sprachen verdrängt war, da ward die Religion die Hüterin unserer Nationalität, unserer Einheit. Sie war cs, welche die Juden aller Länder und Zungen zueine m Volke machte, und sie schuf auch in jeder Generation der hebräischen Sprache Freunde, und erweckte immer und immer wieder die im Herzen der Gläubigen Israels schlummernde Liebe zum heiligen Lande. Wenn also Herr Brandes, Redacteur *) Durch ein unliebsames Versehen kommt diese im Originale hebräisch'abgefaßte Correspondenz erst heute zur Veröffentlichung. Die Redaction.! des „Ha'zman" in seinem Artikel «0--ar hassafruth“ J (2. Jahrgang) sagt, daß unsere Stationalität weder vom Vaterlande, noch vom Glauben, noch von der Religion bedingt sei, sondern bloß von der Abstammung, so ist er im großen Jrrthume. Ich frage: Wenn wir weder eine nationale Religion, noch eine Rationalsprachr, noch eine nationale Heimat besäßen, wie würde man uns da noch aus den anderen Völkern herauserkennen? Wir wären längst unter ihnen aufgegangcn und hätten jetzt gewiß keine Gelegenheit zu entscheiden, ob Israel ein Volk ist oder nicht. Der Fortbestand unseres Volkes trotz der finsteren Zeiten de» Mittelalters ist nur dem Richtaufgeben seiner Zukunftshoffnungen zuzuschreibcn. Die Liebe zur hebräischen Sprache und zum Ahnenlande, toelche nie aus dem Gedächtnisse unserer Ahnen schwanden, bewahrten sie vor Resignation und der Glaube stand ihnen Trost und Hoffnung spendend zur Seite. — Zu unserer Freude ist nun auch eine neue Zeit herangebrochen. Das neue Geschlecht will kein Däitnuerleben mehr führen, kein Leben thatenloser Hoffnung. Das begnügt sich nicht mehr mit dem philosophischen Tröste: „Cogito ergo Sum“, sondern meint: „Cogitamus et agimus ergo sumus“. Jene große Bewegung, welche durch die „Chovevcj Zion"- 'und „Sasah-berurah"-Ver, eine, durch „Admath Jeschurun", „Kadimah", „Zion" u. s. w. repräsentirt wird, hat das völkerbelebende Rationalbewußtsein in uns geweckt, welches die Macht haben wird, daß wieder unsere Sprache gesprochen »nd uns selbst zum geachtetsten Mitgliede der Völkergemeinschaft zu machen. Dürfen wir nun auch nicht glauben, daß es uns gelingen kann, selbst das Werk unserer nationalen Wiedergeburt zu vollenden, so dürfe» wir uns dennoch nicht der Arbeit entziehen; es obliegt uns vielmehr, der kommenden Generation, ivelche berufen ist, unserem Volke Hilfe für ewig zu bringen, den Weg zu ebnen? Jedermann wird nun einsehen, daß die Hoffnung eines jeden Volkes in seinen Schulen ruht. Wollen wir daher unsere Kinder zu nationale» Inden erziehen, so müssen wir die Lehrordnnng in den Schulen in unserem Sinne ändern, schon in die Seele des zarten Kindes die Liebe zu seinem Volke und seiner Sprache, zu seiner Religion und seiner Volksheimat wecken. Nachdem nun die alten Chcdarim in Galizien uns dies Alles nicht boten, da in ihnen die Steligion allein unumschränkt schaltete, begrüßten wir die von der Wiener „Israelitischen 'Allianz" gegründeten modernen Schulen mit Freude und gaben uns den besten Hoffnungen hin. 'Aber wir wurde» bitter enttäuscht. In von Hebräern für hebräische Kinder gegründeten, von Hebräern geleiteten Schulen ivird die hebräische Steligion in polnischer Sprache gelehrt! Die hebräische Sprache ist nicht nur von vornehercin im Lehrplane stiefmütterlich behandelt, auch den Lehrern derselben wird von den übrigen Lehrern mit Geringschätzung begegnet. 'Als Beweis hicfür will ich einen Vorfall erzählen, der sich vergangene Woche in unserer Stadt abspielte. In der Heuer hier gegründeten Allianzschule wurden drei Lehrer für die lebenden Sprachen und zwei für die. hebräische Sprache angestellt. Einer der Ersteren, der die hebräische Sprache und den Geist des Hebräcrthums durchaus nicht versteht — er ist ein „Pole mosaischen Glaubens" int vollen Wortvcrstande — ist Leiter der Schule. Stachdem nun einer der Lehrer des Hebräischen seines Amtes enthoben wurde, stellten die Lehrer für die lebenden Sprachen an die Wiener Allianz die Bitte, ihnen den Gehalt des entlassenen Lehrers zu geben, wogegen sie den Religionsunterricht Ich vertoeise hier auf die so gehaltvolle Talmuderzählung im Tract. Taanith, pag. 23: Choni ha'magal fragte einen Greis, den er einen Ginsterbaum, welcher erst nach 70 Jahre Früchte trägt, pflanzen sah: Weshalb mühst Du Dich ab? Was nützt Dir Deine Arbeit, wenn Du ihre Früchte nicht mehr genießen kannst, nachdem Du ja schon alt und hochbckagr bist." Darauf erwiderte der Greis: «Auch ich fand von meinen Vätern gepflanzte Ginsterbäume vor, und so kommt eS auch mir zu, solche für meine 'Nachkommen zu pflanzen." — Diese Geschichte lehrt uns, daß bei großen und erhabenen Werken der Gedanke, derer Ziel nicht zu erleben, unsere Hände nicht ermatten laffen darf.