Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 9 (3.5.1891)
- Date
- 1891-05-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Kommentar zu allein diesem ist unnöthig, es zeigt uns deutlich, wohin wir geführt werden. Daß der Klerus von einer sehr hohen Persönlichkeit, welche die Fäden der heutigen inneren Politik in ihrer Hand festhält, unterstützt wird, ist ein öffentliches Geheimnis. Von eingeweihte» Kreisen wird diese Persönlichkeit als zweite Negierung bezeichnet. Wir wissen genau, daß eS sich in diesem politischen Spiele nur um die Auslieferung der Schule in die Hände des Clcrus handelt. Darum wählen wir von zwei liebeln das kleinere und unterstützen die liberalen Candidaten, die wohl unsere natürlichen Gegner sind, aber in dieser Beziehung unsere Gesinnungen Auf die Frage: „Denken Sie, daß die deutsch-nationale Idee — von einem eigentlichen Programm ist doch nichts bekannt — mit der Zeit verwirklicht wird?", sagte er: „Wohl haben wir ein Programm, und waren auch vor nicht langer Zeit sehr nahe zum Siege, leider ist aber jetzt die Verwirklichung desselben sehr in die Ferne gerückt. Die reactlonäre Partei ist gegenwärtig sehr mächtig, sie besteht aus dem größten Theilc des hohen und höchsten Adels, dem Clcrus und der Masse, welche durch deren Werkzeuge präparirt wurden; bei solcher Genossenschaft ist der Sieg vorläufig mindestens zweifelhaft, doch bei der bekannten Indolenz besonders der Wiener Bevölkerung ist ein baldiger Umschwung zu unseren Gunsten kein Ding der Unmöglichkeit." Aus allem diesen ersieht man klar, daß weder von einer Besserung noch von einer Eindämmung der antisemitischen Strömung bei uns die Rede sein kann, sind es nicht die christlich-socialen Antisemiten, so sind's die deutsch-nationalen. Uns Juden kann das ganz gleich sein, uns gegenüber haben beide dieselben Principien. Das allcrtranrigste dabei ist nur, daß die Jugend in diesen Principien erzogen wird, demnach ist leider bei allem Optimismus auch von der zweiten Generation ein „Schritt auf dem Wege zum Bestem" nicht zu erwarten." Was »Austriacus* hier miltheilt, verblüfft uns am wenigsten; wir wissen cs schon lange, daß man den Stand des Antisemitismus nicht nach Siegen und Niederlagen beurthcilcn darf, sondern daß es dazu eines durchdringlichen Blickes in die Volksseele bedarf. Diesen scharfen Blick aber haben wir naüonalgcsinnte Juden gehabt, besitzen ihn noch und werden ihn nie verlieren. Er hat uns hmabgelcuchtct in die Tiefe der Volksseele wtd uns ein hoffnungsloses Bild gezeigt. Nicht bloß dort, wo der brutale Haß zum Ausdruck 'kommt, nicht bloß am antisemitischen Krater lauern die Dämonen des Judenhasses; der ganze culturstrotzende, civillsationsüppige Boden der arischen Völkersamilie ist vulkanischer Boden für uns. Da kocht und gährt es hinter den Coulistcn des Liberalismus, der Demokratie und selbst der Socialdcmokratie. Freiheit und Gleichheit sind schöne Principien, aber sie sind ohnmächttg, dem Volke die Anttpathien aus der Seele zu reißen, die es unserem Stamme entgegenbringt. Es ist nur dem Kampf zwischen den Elasten der Arier zuzuschreiben, daß nicht alle die anttsemittschen Tropfen zu einem gewalttgen Meere zusammenstießen und uns erbarmungslos mit einem Schlage verschlingen, daß sic vielmehr ihr Werk, den Fels des Judenthums zu höhlen, nur allmälig vollbringen können. Diesen Dämon des Judenhasses aberder hinter allen Gesellschaftsschichten lauert, und dem S e l b st - Ein,a n c i p a t i o n. auch der Sieg der rothen Internationale, d. i. die Versöhnung der Elasten, nur nullionenfältige gigantenhafte Stärke verleihen wird, ihn will die Mehrzahl unserer Brüder nicht sehen. Diese Kurzsichtigkeit aber, muß schwinden. Das ist die erste Vorbedingung für ein gedeihliches positives Wirten. Es ist daher unsere Sache, und, wie wir es gestehen, fortan un s er c A b s i ch t, alle Illusion en zu zerstören, welchen sich unsere leichtgläubigen Stammesgeiiossen hierzulande über Wesen und Dauer des Judenhasses hingebcn. Wenn wir bis jetzt aus einer Art Eckel davor zurückschreckten, alle die antisemitischen Details, speciell aus Wien und Oesterreich, zu registriren, und dies lieber der Tagespressc überließen, so wollen wir mit denselben fortan nicht mehr zurückhalten, freilich sie auch in dem gehörigen Lichte zeigen, das die Tagesblätter gewiß nicht über sie breiten. Der jüdische Stamm soll aus dieser Fundgrube von Rohheiten und Gehässigkeiten kennen lernen, wie ihm die arische Welt, einige Ausnahmen abgerechnet, gcgcnüberstcht. Er soll die Volksseele an der Arbeit sehen, und darnach seine Lage beurthcilen, nicht nach Partei- und Wahlmanövern Aur Aufklärung. Die Berliner „Jüdische Presse" vom 16. April d. I. bringt folgende Correspondenz: „Wien, 9. April (Eig. Mitth.) In d'.r letzten Nummer Ihres Blattes wird an mehreren Stellen über die Bestrebungen, welche zu Gunsten der C o loni s ati on Palästinas in Berlin, London, New-Pork -c. sich kund geben, berichtet. Es dürste Ihre Leser interessircn, daß zur Förderung derselben Zwecke sich hier in Wien schon vor Jahren ein Verein unter dein Namen „Ahawath Zion" gebildet hatte, welchem sich bald Hunderte von Mitgliedern anschlosscn, darunter die Herren S. Spitzer, Ncichsrathsabgeordncter Dr. B l o ch re. Die Ungunst der Zeit, vor Allem die llcbcrsiedlung deS Begründers und Leiters, des Herrn Dr. Vierer, nach Sofia führte zum Niedergänge und schließlich im Jahre 1883 zur Auflösung des Vereins, welcher von einigen jungen Leuten mit .einem anderen verschmolzen wurde, der zwar humane Ziele verfolgt, aber keineswegs die Förderung der Kolonisation Palästinas oder die Unterstützung der dortigen jüdischen Ackerbauer zum Zwecke hat. Es ist dies das Verdienst des Herrn Dr. jur. F. H a j c k, daß der Verein „Ahawath Zion" zu neuem Leben erstanden und die behördliche Genehmigung erhielt, auch in anderen Städten und Ländern Zwcigvereine zu errichten. Derselbe hat sich als Cenlralverein für Ocsterr.-Ung. zur Kolonisation Palästinas und Unterstützung der dortigen jüdischen Ackerbauer constituirt, gewinnt seit se.acm zweimonatlichen Bestände täglich mehr Mitglieder, erstarkt zusehends in erfreulicher Steigerung und so ist begründete Hoffnung vorhanden, daß er sein humanitäres Wirken bald wird aufnehmen können. Etloaige Anfragen oder Beittittserklärungen sind zu richten an den jetzigen Präsidenten, Herrn Dr. Filipp Hajck, Wien, 2. Bezirk, Blumaucrgasse Nr. 2." Diese ganz seltsame Correspondenz verdient einigen Kommentar. Es ist tatsächlich vor neun Jahren in Wien ein Palästina-Colonisationsverein namens „Ahawath Zion" gegründet worden. Richttg ist auch, daß unser hochverdienter Gesinnungsgenosse, Herr Dr. Rüben Bierer in Sofia diesen Verein gegründet hat, und auch den Wiener orthodoxen Rabbiner, Herrn Salomon Spitzer für denselben gewann. Ebenso ist es wahr, daß nachher Dr. I. S. Bl o ch dem Vereine beitrat. Thatsache ist ferner, daß dieser Verein im Jahre 1883 aufgelöst wurde. Hiemit ist aber der Bericht an die Grenze der Wahrheit gelangt. Denn' die durch „einige junge Leute" herbeigeführte „Verschmelzung des „Ahawath Zion" mit einem anderen Vereine, der zwar humane Ziele verfolgt, aber keineswegs die Förderung der Eolonisation Palästinas oder die Unterstützung der dortigen jüdischen Ackerbauer zum Zwecke hat" ist geradezu ein Märchen. Wir wollen dagegen nicht bestreiten, daß es das „Verdienst" des Herrn Dr. jur. H aj ek ist, „daß der Verein „Ahawath Zion" zu neuem Leben erstand und die behördliche Genehmigung erhielt, auch in anderen Städten Zwcigvercinc zu errichten." Es'sei uns aber erlaubt, die Vorgeschichte dieser Neubegründung zu skizziren: Nach Auflösung des Vereines „Ahawath Zion"- dessen Versumpfung übrigens nebst der Ungunst der Zeit auch dem Umstande.zuzuschreiben war, daß Herr Rabbiner S. Spitzer sammt seinem zahlreichen orthodoxen Anhang austrat, weil die frcigeistigen Mitglieder, namentlich der unsterbliche Peter S m ölen s k y dem Vereine keine specifisch orthodoxe Färbung geben lasten Ivollten — gingen mehrere Mitglieder des dahingeschiedencn „Ahawath Zion" daran, einen neuen Colonisationsverein zu gründen. Sie gaben diesen neuen Verein den neuen Namen „Admath Jcschurun", weil sic gegenüber der kritischen Wiener jüdischen Bevölkerung nicht an den alten, durch seine innere Zwietracht unvörtheilhaft bekannt gewordenen Verein anknüpfen wollten; sonst wären sie gewiß lieber bei der alten Bezeichnung geblieben. Der Verein „Admath Jcschurun" machte zu Beginne seiner Thätigkcit (1884) die größten Anstrengungen, um in Wien festen Fuß zu fasten, aber vergeblich. Auch er gericth — freilich ohne vorhergängige innere Streitigkeiten — in Stagnation. Dieser Zustand dauerte bis zum Frühjahre 1890, von welcher Zeit an ivieder ein reges Vercinsleben begann. Die Vereinsleitung hatte erkannt, daß sich die Verhältnisse wesentlich geändert hätten und daß nunmehr eine lebhafte Vcreinsthätigkeit von Erfolg begleitet sein dürfte. Die Neuwahl des Ausschusses sollte nun die nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung stellen. Bei einer schwach besuchten General-Versammlung geschah es, daß unter Anderen Herr Dr. jur. Filipp Hajek, obwohl er erst in den Verein eingetreten, und, wie er selbst gestand, mit den Verhältnissen innerhalb der Zionsbeivegung nicht bekannt war, im Vertrauen auf sein graues Haupt und seinen Beruf zum Schriftführer des Vereines gervählt wurde.' ' Diese unüberlegte Wahl sollte sich bitter rächen. Herr Dr. Hajek entfaltete zwar.eine ganz besondere Rührigkeit, entsprach aber in anderer Hinsicht nicht den Anforderungen, die man an einen für die-Sache strebsamen Vereinsfunctionär stellt. Dadurch, daß; seine Privatwohnung als. Vercinsadressc angegeben war, sohin alle Briefe und Werthsendungen an ihn direkt gelangten, bekam er nebst dem rechtlich ihin zustehenden Secrctariate factisch auch die Castagebahrung in die Hand. In diesem unstatutarischen