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Selbst-Emancipation · 1891-05-03 · Heft 9 (3.5.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 9 (3.5.1891)
Date
1891-05-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9. Gemeinwesen vorausgesetzt. Der socialistische Staat erfordert blühende intensive Landwirthschaft, hochentwickelte Industrie unb internationalen Handel, concentrirte Kapitalsmacht, vor 'Allem aber eine streng durchgeführte Arbeitstheilung. Palästina aber als ein erst im Entstehen begriffener socialer Körper würde alles dies noch nicht besitzen und daher eine socialistische Einrichtung noch gar nicht vertragen. Abgesehen davon jedoch wäre ein solches Borhaben höchst unpolitisch, da es zu den großen schier unüberwindlich erscheinenden technischen und materiellen Hindernissen, mit denen das Coloninisationswerk zu kämpfen hat, noch größere hinzufügen würde, nämlich, alle jene Schwierigkeiten, die der Realisirung der Postulate des Socialismus überall entgegengebracht werden und die bei gänzlichem Mangel von Mustern von derlei Einrichtungen das ganze Unternehmen scheitern machen könnten. Erst wenn das in unserem revindicirten Baterlande gegründete neue Gemeinwesen so weit vorgeschritten und der Nationalreichthum so sehr angewachsen sein wird, daß die großen Uebel der kapitalistischen Produktionsweise in ihrer äußersten Schwäche aufzutreten beginnen werden, — dann wird es zu unserer heiligsten Pflicht werden, die Gesellschaftsordnung nach den Grundsätzen der Wahrheit und Gerechtigkeit zu reconstruiren unk, sowohl die geschichtliche Tradition wie die innere Veranlagung spracht dafür, daß wir den Fortschrittsideen uns nicht lange werden verschließen können. Ist doch den Juden schon von Haus aus der prophetische Zug eines Jesajas eigen, der das Ideal der zukünftigen menschlichen Gesellschaftsordnung so erhaben schilderte, einer Gesellschaftsordnung, in der der frühere Bedrücker neben dem einst Bedrückten, der Starke neben dem Schwachen — der Wolf neben deni Lamm — ein glückliches und friedliches Leben führen; haben doch auch die Juden immer, selbst zu Zeiten ihrer schrecklichsten Unterdrückung die Fortschrittsideen zu beherzigen und für sie Gut und Blut einzusetzen gemußt und gewiß werden sie auch zu Zeiten ihrer nationalen Befreiung sich nicht hinter einer chinesischen Blauer vor den Neuerungen des Fortschritts flüchten, nicht einmal dann, wenn die anderen Nationen sich noch nicht entschlossen haben werden, ihre reactionären Einrichtungen abzuschütteln. VI. Wir reassumiren jetzt das bisher Erörterte: Die Einsicht, daß die Emancipation der Juden mit der Hebung der schrecklichsten Leiden des großen und hungernden jüdischen Proletariats Rußlands, Rumäniens und Galiziens beginnen muß, hat Biele veranlaßt, im Socialismus den Rettungsanker für Israel zu erblicken. Wir haben an der Hand wissenschaftlicher und psychologischer Begründung nachgewiesen, daß der Socialismus zwar einenr freien Volke große Wohlthalen erweisen kann, für die jüdische Nation jedoch die Macht eines sicheren und radikalen Heilmittels nicht besitzt. Der, wenn auch vollständig realisirte Socialismus könnte im besten Falle eine kleine Linderung der Leiden Israels bewirken, nie aber seine heutige Ausnahmsstellung ganz beseitigen. Der vererbliche Judenhaß würde auch imsocialistischenStaateseineSchuldlgkeit leisten und während dem Judenthume jetzt rasch unter die Arme gegriffen werden muß, kann die socialistische Gesellschaftsordnung erst langsam vorbereitet werden. Hingegen kann auf dem Wege der systematisch betriebenen Colonisation Palästinas durch Juden nicht nur das materielle Elend der jüdischen Massen relativ in Bälde gelindert, sondern auch dem ganzen jüdischen Volke sociale Freiheit und Gleichheit verschafft und dasselbe zu einem neuen Culturleben verjüngt werden. Selbst-Em ancipation. Seite 3. Unsere Stellung jitr socialistischen Bewegung der Jetztzeit liegt nun auf der Hand. Wir betrachten nämlich den Socialismus als eine im Laufe der Culturentwicklung nothivendige Fortschrittsidee, die früher oder später Verwirklichung finden muß und unter deren Herrschaft die breitesten Volksschichten sich emancipiren und am Culturleben theilnehmen werden. Die Nationaljuden, welche die Gründung eines jüdischen Heims außerhalb der anderen Völker im Programme führen, dürfen wohl den Nationen , in der fortschrittlichen Aenderung der Gesellschaftsordnung keine Hindernisse in den Weg setzen; hegen aber, kvas das Judcnthum anbelangt, auf bezüglich des socialistischen Staats keine allzu riesigen Hoffnungen und lassen sich vor Allem jedoch von denjenigen Stammesgenossen, die den Theorien eines Marx und Laffalle bei den europäischen Völkern zum Siege zu verhelfen trachten, sonst aber für die Zukunft Israels nichts weiteres unternehmen, nicht weiß machen, daß dieselben der endgiltigen Erlösung der jüdischen Nation Vorarbeiten. Die Hilfe für das Judenthum winkt uns aus unserer Vergangenheit und aus unserem Ahnenlande entgegen und nur diejenigen, die diese Wahrheit erkannt haben und für ihre Verwirklichung Opfer bringen, haben das Recht zu behaupten, für das Wohl ihres eigenen Volkes zu wirken. — Dr. A. Salz. Lu bcu Wiener GemeinderatWkikchlen. Die jüngst zum Abschluß gelangten Gemeinderathswahlen für Groß-Wien hatten bekanntlich durch die Haltung des zweiten Wahlkörpers, ein für die liberale Partei unerwartet günstiges Ergebniß aufzuweisen. Es war nun 'bei dem optimistischen Naturell unseres Volksstammes nicht anders zu erwarten, als daß dieses Resultat die überspanntesten, weitgehendsten Hoffnungen erzeugte. Man sieht jetzt allgemein in dem Ausfall der communalen Wählen den Anfang vom Ende des Antisemitismus. Mitten in diesen Freudentaumel hinein niit unserer pessimistischeren Auffassung zu kommen, getrauten wir uns sozusagen gar nicht und so beschränkten wir uns in der letzten Nummer unseres Blattes darauf, übertriebene Hoffnungen mit einigen wenigen Worten zurückzuweisen. Angesichts der übermüthigen Siegesfreude vermieden wir es zu wiederholen, was wir so oft schon betont haben, daß der Antisemitismus nur eine Erscheinungsform des allgemeinen und ewigen Judenhasses sei und daß daher selbst im Falle seiner Niederlage die Heimsuchungen unseres Volkes noch lange nicht abgeschlossen sind. Wir unterließen es darauf zu verweisen, daß der Wiener Antisemitismus ja noch nicht der des ganzen Erdkreises sei und auf anderen Punkten desselben emporschießen werde, was hier soeben angeblich zu welken begonnen habe. Ganz besonders aber hüteten wir uns, unserer innersten Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß nicht einmal der denkbar kleinste Erfolg, die Ausrottung des Wiener Antisemitismus erzielt sei. Wir wollten viemehr mit alledem warten, bis sich die Gemüther von ihrer freudigen Wallung ein wenig ernüchtert hätten. Diese Abkühlung wird wohl schon erfolgt sein, und wir glauben vor dem Volkszorn um so sicherer zu sein, als wir gar nicht unsere eigenen Worte verlautbaren, vielmehr einen Gewährsmann für uns sprechen laffen wollen, dem der österreichische Zweig unseres Volksstammes gewiß mit Vertrauen entgegenkommen wird. »Austriaaus« wohnt in Wien mib correspondirt an die „Israelitische Wochenschrift" in Magdeburg. Wer »Austriacus« ist, wissen wir natürlich nicht mit Bestimmtheit, aber es liegt kein Grund vor, ihn nicht mit jenem Herrn zu identificiren, der unter demselben Pseudonym Leitartikel in der Scharf'schcn „Wiener Sonn- und Montagszeitung" veröffentlicht. Wer diese Artikel liest, wird weder »Austriacus« noch uns die Ehre geben wollen, ersteren zur nationaljüdischen Partei zu rechnen. Die „Wiener Sonnnnd Montagszeitung" selbst aber ist gewiß über solche Verdächtigungen erhaben, und die Magdeburger „Israelitische Wochenschrift" ist ja als ein religiös-reformerisches Organ bekannt, das den äußersten Flügel der Assimilation repräsentirt und das Nationaljudenthum am grimmigsten bekämpft. Also nirgends eine Spur von diesem Nationaljudenthum, das ein Interesse daran haben mag, die Dinge so schwarz als möglich zu malen. »Anstriaais« läßt sich, nachdem er die Unterstützung besprochen, welche der österreichische Antisemitismus von „hoch oben" empfängt und über die „verstimmende Wirkung" der Thronrede sich geäußert hat, folgendermaßen vernehmen: „Das Resultat des zweiten Wahlkörpers bei denGemeinderathswahlen Groß-Wiens, welcher zumeist aus Professoren, Lehrern, Beamten, hochbesteuerten Kaufleuten besteht, war für die liberalen Candidaten äußerst günstig. Dadurch nämlich entstand im Gemeinderathe eine liberale Majorität. Von allen Blättern wurde dies als ein „Schritt auf dem Wege zum Bessern" ausposaunt. In der Nähe jedoch betrachtet, sieht auch diese Schwenkung nicht besonders rosig aus. Schreiber dieses war in der Lage, einen berühmten Schulmann, der als enragirter deutschnationaler Antisemit und Anhänger Schönerers bei den Lehrern eine Führerrolle spielt, dieser Tage zu interviewen. Dieser antwortete auf meine diesbezüglichen Fragen ungefähr folgendes: „Weder ich noch meine Genossen haben unsere Gesinnungen geändert. Wir halten stramm an unsercin deutsch-nationalen und demnach auch antisemitischen Programm fest. Doch haben sich in letzter Zeit gesinnungslose Streber, die in politischer Beziehung ohne ausgesprochenen Charakter sind, zwischen uns gedrängt, und sich der Menge als Führer aufoctroyirt. Diese können uns nicht passen, weil sie sich als Werkzeuge der Clericalen entpuppte», als Elemente, die auf den Platz, den sie heute einnehmen, gestoßen wurden. Der katholische CleruS aber darf und kann nicht antisemitisch in unserem Sinne sein, weil dies vom Standpunkt des Christenthums ein nonsens wäre, sie beuten bloS diese augenblickliche Strömung zu ihrem Zwecke aus, um die Bevölkerung in ihre Bahnen zu drängen, Roch immer gilt der Wahlspruch: „Der Zweck heiligt die Mittel". Daher das Gutheißen. der Opposition des niederen CleruS gegen den letzten Hirtenbrief der Bischöfe, in welchem der Rassenhaß als heidnisch bezeichnet wird. Dahin gehört auch das zu Liebe den renitenten Hetzcaplänen anSgcgebcne Schreiben des Leitmeritzer Bischofs Dr. Schübel, worin versichert wird, daß bei Abfassung des Hirtenbriefes an die Juden nicht gedacht wurde. Daher auch die Unterstützung des „schwarzen Prinzen", trotzdem er „dreimal in einem Athem" seinen berüchtigten Schulantrag um seiner ehemaligen Bundesgenossen willen verleugnet har.

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