Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 9 (3.5.1891)
- Date
- 1891-05-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. finden, ist ein schweres, schier unausführbares j Ding. Die Zerstreuung ist es, welche dem.- jüdischen Volke neben der ihm ohnehin eigenen religiösen Uneinigkeit auch noch eine pseudonationale Zwietracht bescheert hat, welche umso heftiger ist, als der angeblich nationale Unterschied? ein eingebildeter ist. Erst auf dem Ähnenboden Israels entsteht umnerklich der Geist der Einheit/welcher das unselige Erbe des Golus, die Spaltung des Judenthums in verschiedensprachigen Riten, vernichtet. Das Gedeihen der palästinensischen Colonien hat den nationalen Eifer der Juden des heiligen Landes gestärkt, hat ihnen den Gedanken der Wiederbelebung der hebräischen Sprache eingeflößt und mit den Lauten des Jesajas hoffen' sie die Gespenster der Feindschaft zu bannen, welche zwischen Juden und Juden glüht. Mit der formellen Vereinigung der Gemeinden Jaffas ist freilich der Unterschied zwischen Aschkcnasim und Sephardim, nicht einmal für Jaffa selbst, nicht. beseitigt. Aber der Anfang ist gemacht, und vor Allem der Wille ist da. „In dem Augenblicke, wo wir eine Nation sein wollen, -sind wir es", so oder ähnlich sagt Rabbiner R ü l f in seiner unübertrefflichen Brochüre „Aruchas bas ammi". In dem Augenblicke, wo Aschkcnastm und? Sephardim werden zu Eins verschmelzen wollen, werden sie Eins sein, mag es auch noch einige Jahrzehnte oder noch, länger dauern, bis die letzten Spuren des Gegensatzes geschwunden sind. Darum soll aber die That der jüdischen Bürger von Jaffa auch uns europäischen Juden ein leuchtendes Muster - sein. Gestattet uns auch die Verschiedenheit der Verhältnisse in den einzelnen europäischen Ländern nicht, hier eine solche definitive und völlige Einigung durchzuführen, so vermag doch der Wille, im geliebten Lande unserer Väter ein solches einheitliches, eine Sprache sprechendes, sich unter einander förderndes, jüdisches Volk zu schaffen, ein einigend Band um uns Juden des Exils zu schlingen, die Verschiedenheit der Sprachen und Riten zu überbrücken, und aus uns eine große sich untereinander liebende Gemeinde zu machen; In dieser Beziehung haben wir Juden des Exils aber noch sehr viel nachzuholen. Nicht nur lebt der alte Haß zwischen Spagnolen und „deutschen Juden" ungeschwächt fort, wiewohl er bei der verhältnismäßig seltenen Berührung der beiden Elemente ziemlich wenig in die Erscheinung tritt, sondern zivischen den „deutschen Juden", selbst herrschen die mannigfachsten und lächerlichsten Vorurtheilc und Gehässigkeiten, welches ihren Grund in der Pseudo-Nationalität haben. Wer weiß nichts von dem fürchterlichen Abscheu des Juden der deutschen, respecttve westlichen Länder gegen den Juden , der slavischen Territorien und umgekehrt? Wer kennt nicht die Zerklüftungen innerhalb der slavischen Judcnheit selbst? Der Katechismus der Antisemiten wird ge-, plündert u n d v o n Juden zu gegenseitiger Besch m u tzung benützt, obwohl sich die Besudelnden bei einiger Ruhe doch sagen müßten, daß die Tugenden und Schwächen des neuzeitlichen Judenthums bei den verschiedenen Zweigen dcsselben im Großen und Ganzen dieselben Wer daher ein guter Jude, ein wahrer Nationaljudc sein will, der lege vor Allem jedes Vorurtheil gegen Juden anderer Länder ab. Er erkenne, daß er im Grunde nicht besser und schlechter ist, als jene; ihm sei die nationale That der Juden von Jaffa das Ideal, dem es nachzustreben gilt. B. Selbst - Emancipation. SociilllSiNtlS oder Kolonisation ’ %>aiäftina’£?- (Schluß) IV -1" Wir wenden uns jetzt dem zweiten von nattonal-jüdischer Seite in Vorschlag gebrachten und bereits in Angriff genommenen Projekte, der Colonisation. Palästinas zu. Abgesehen von den Controversen der Art. und Weise der Durchführung dieses Planes — was wir in dieser Abhandlung beiseite lassen — sind hier allein folgende Fragen zu erörtern: Hat die Colonisation Palästinas die . Tendenz, die materielle Lage des jüdischen - Proletariates zu bessern? Besitzt sie außerdem die Mach, die polittsche und sociale Emancipatton der Juden durchzuführen und das jüdische Volk, vor den Gefahren des Unterganges noch rechtzeitig zu retten? Die Colonisation Palästinas, wie jede andere systematisch betriebene Colonisation eines vordem noch gär nicht oder sehr dünn bevölkerten Landes — und dies letztere "ist jetzt im Lande unserer Ahnen der Fall — geht auf folgende Weise vor sich: Der Grund und Boden wird von den Eingewanderten in größeren oder kleineren Stücken, jedenfalls aber in genügend ’ großen, um der Familie des Cölonisten eine sichere Existenz für die Zukunft gewähren zu können, und ebenso wird das zur Führung einer Landwirthschaft nöthige bewegliche Capital an Vieh, Ackcrbaugeräthschaften u. dgl. — sei es aus eigenen oder mit Hilfe der von den Organisatoren herbeigcschafften Mitteln — in Angriff genommen. Wir wissen nun aus den in Amerika und anderen Welttheilcn gemachten Erfahrungen, die in der Nationalwirthschaftslchre und den zahlreich jetzt aus Palästina zukommenden Berichten die vollkommenste Bestätigung finden, daß in einem erst zu bevölkernden und nur halbwegs fruchtbaren Lande die Grundrente, jenes gewichtige Ausbeutemittel in den Händen der Großgrundbesitzer, niedrig ist und nur im Maße der Bevölkerungszunahme und der Entwicklung des Handels und der Industrie emporsteigt, daß infolge dessen die Pachtzinse und die Preise der Nahrungsmittel auch 'niedrig sind und daß wegen Mangels an concentrirten großen Mobilcapitalien die Löhne der arbeitenden Classen im Verhältnisse zu den Preisen der Nahrungsmittel hoch sind, — so daß den Producenten der Ertrag ihrer Arbeit gesichert und die Ausbeutung unmöglich gemacht ist. Wenn es nun einem einheitlich organisirten Unternehmen' im Laufe einer bestimmten Zeit gelänge, eine halbe Million unserer in Rußland, Rumänien und anderswo dem Schacher und unproductiven Beschäftigungsarten ergebenen und in der schreiendsten Noch schmachtenden Stammesgenossen im Lande unseres einstigen Glanzes mit Grund und Boden und den nothwendigsten beweglichen. Capitalien auszustatten und sie zu tüchtigen Ackersleuten cheranzubilden, so wäre den Enterbten und Bedürftigsten in unserer Mitte der Zugang zu den ihnen unter - den arischen Völkern vorenchaltenen Produktionsmitteln eröffnet und ihnen die Möglichkeit verschafft, productiver Arbeit zu obliegen. Gleichzeittg mit der Entstehung eines jüdischen Bauernstandes in Palästina würde daselbst Handwerk, Industrie und Handel. aufblühen,. die einer zweifach oder dreifach? so großen Zahl unserer Stammcsgenoffcn Beschäftigung gewähren könnten. Dabei..würde sich auch , die materielle Lage der Zurückgebliebenen bedeutend bessern, da die Tendenz - .nach., ihrer -Zurücksetzung wegen ihrer zusammengeschrumpften Zahl und der Furcht vor Repressalien sich ganz abschwächen würde. Mit welch' rapider Schnelligkeit aber bei Vorhandensein von Mitteln und einhelliger Organisation — und daran sollte uns doch bei halbwegs guten Willen nicht fehlen —; ein Land colonisirt, in welcher Progression die Nr. 9. Einwohnerzahl eines dünn bevölkerten Landes anwachsen und wie sehr Ackerbau,.'Industrie, Handel in einem vordem wüsten.Lande aufblühen -können — hat uns im laufenden.Jahrhundert Amerika gezeigt, -wo so manche große Striche Landes, noch vor - fünfzig'Jahren wüst, und öde waren, jetztaber mit blühenden Dörfern und industriereichcn Städten dicht tesäet sind. Und Palästina, dieses biblisch-klassische Land der Fruchtbarkeit, am Ufer des mittelländischen Meeres und in der Umarmung von drei Welttheilen gelegen, verspricht noch größere und noch rascher zu erzielende Erfolge aufzuweisen. Abgesehen also - wie gesagt — von der Frage der praktischen Durchführung, kann mit Bestimmtheit behauptet werden, daß die Colonisatton Palästinas nicht minder als der Socialismus im Stande ist, dem Elende der jüdischen Massen zu steuern und die zahlreichen jüdischen Makler, Unterhändler,' Hausirer, und alle jene den von der Nationalwirthschaftslehre als unproductiv gestempelten Berufsartcn Ergebenen in geachtete Prodncenten umzugestalten. Außerdem aber besitzt die glücklich durchgeführic Colonisation Palästinas die Macht und bietet uns die Garantie — was beim Socialismns nicht der Fall ist' — dem jüdischen Volke in seinem zu revindizircnden Vaterlande sociale Freiheit' und Gleichheit zu - verschaffen, und die uns anhaftende Schmach der. inferioren Race, die Verachtung und Geringschätzung'ganz zu beheben. Dcr .wichtigste Vorzug aber dieses Projektes als des. -natürlichen.: geschichtlich- 'begründeten- Heilmittels für Israel, der ihm entschieden Präponderanz vor .dem /Golus-Socialismus, verleiht, ist die Raschheit und Sicherheit seines Wirküngsvcrmögeus, die uns ermöglichen würden, noch lange, bevor es den Völkern, unter denen die Juden 'jetzt schmachten, einfallen würde, sich socialistisch einzurichten, alle die Früchte ungestört zu genießen, die uns der arische Socialismus in einer entfernten Zukunft zu gewähren so zweifelhaft verspricht und nicht nur die jüdische Nation vor dem sichersten Untergänge, dem sie unter der Aegide der Assimilation entgegencilt, noch rechtzeitig zu retten, sondern sogar ihr ein sicheres Heim zu verschaffen, in dem ihr, an der Seite anderer freier Völker ihre Individualität ungestört zu entwickeln und neue Culturwerke in Angriff zu nehmen, gestattet wäre. V. Den einzigen Vorwurf, den man von socialistischer Seite gegen das Project der Kolonisation Palästinas, wie jede andere Emigration erheben könnte, ist der, daß bei der Einrichtung des neu zu gründenden jüdischen Gemeinwesens in Palästina nach den Grundsätzen des Manchesterthums die goldene Acra des allgemeinen Wohlstandes nicht lange dauern, sondern daß nach Inangriffnahme des Grund und Bodens und nach dein' Aufblühen der Industrie und des Handels die Grundrente und die übermäßigem Gewinnstc des Kapitals entstehen und ein neues Proletariat sich bilden würde. Doch dieser — wir gestehen cs — begründete Einwurf kann dem Projekte der Colonisation Palästinas den Vorrang vor dem Golus- Socialismus nicht streitig machen, sondern köimte uns höchstens die Pflicht auferlcgcn, dem vorzubeugen, indem wir das jüdische Gemeinwesen nach dem Plane eines Fourier, Blanc, Lassällc u. s. w. gleich an der Wiege einrichteu. Dies aber ist theoretisch und praktisch undurchführbar und außerdem unpolitisch; wer dies anräthcn würde, wäre ein schlechter Oekonomist und Sociälist, und ein noch schlechterer Politiker. 1 : Ein jeder der socialistischcn Theoretiker hat sehr folgerichtig für den Bau seiner neuen Ge- ' sellschaftsordnung ein hochcivilisirtcs in'den Künsten, Erfindungen und der Technik vorgeschrittenes