Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 9 (3.5.1891)
- Date
- 1891-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die nationale That der Juden von Jaffa. „Ich werde Euch machen zu einem Volke im Lande, auf den Bergen Israels." (Jeremias Cap. 17, V. 38.) Empfanget eine freudige Botschaft, Brüder! Vernehmet eine Kunde, die wie ein frischer Labctrunk Euch erquicken wird und jedem Freunde seines Volkes und Landes Freude machen wird, vernehmet: Die Gemeinden derAfchkenasimunddieder Sephardim haben sich vereinigt. Die zwei Gemeinden unserer Stadt, welche nun schon seit Jahrhunderten getrennt sind, sind nun brüderlich vereint. Es wird nun in Gemcindesachcn keinen Unterschied mehr zwischen Sephardi und Aschkenasi geben, man wird überhaupt nicht mehr „Aschkenasi" und „Sephardi" sagen, sondern nur von Israeliten sprechen. Wer den Stand der Dinge im heiligen Lande, die Kluft kennt, welche bis heute zwischen diesen beiden Gemeinden gähnte, wird dieses Einigungswerk nach Gebühr zu schätzen wiffen und ausrufen: „Großes hat die Gemeinde Jaffa vollbracht und es wärezuwünschen, daß dieübrigen Gemeinden in den Städten des heiligen Landes ihrem Beispiele folgen! Fortan wird die Stadt Jaffa keine „Gemeinden" mehr haben, sondern nur eine Gemeinde, die „Gemeinde der Israeliten" bilden. Seine Hochwürden Rabbi HirzHalevy wird Obmann des Vorstandes, Leiter und Rabbiner der Gemeinde, die Amtssprache des Gemeindevor staub es wird die hebräische sein. Die hiesigen Juden werden in einem Hause zum Gotte ihrer Väter beten; sie werden zu einem Volke werden, nicht mehr in zwei Völker gespalten sein." Dies die deutsche Uebersetzung einer im vergangenen Monate von den angesehensten spagnolischen und aschkenastschen Juden der Stadt Jaffa gefertigten Kundmachung. Was in derselben verlautbart wird, ist geradezu epochemachend. Die in Jaffa zu Stande gekommene Einigung ist die erste ihrer Art, und es darf durchaus nicht vergessen werden, daß es der Boden des heiligen Landes ist, auf welchem dieser große segensreiche Schritt geschah. Die letzten zwei Jahrtausende jüdischer Geschichte haben innerhalb des jüdischen Volkes Unterschiede von einer ganz eigenthümlichen Art geschaffen. Die Zerstreuung und die durch sie bedingte Verschiedenheit in, Sprache, Bildung und äußerer Führung haben gar mächtige Wälle zwischen den einzelnen Theilen der Juden aufgeführt. Der mächtigste und höchste ist der Gegensatz zwischen Aschkenastm und Sephardim. Letztere, die Nachkommen der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden wohnen zumeist im osmanischen Reiche und in den ehemaligen Donaufürstenthümern und werden deshalb hierzulande gemeiniglich „türkische Juden"-genannt; doch gehört auch die Hälfte der englischen, französischen und holländischen Juden zu ihnen. Die Sephardim befolgen in religiöser Beziehung einen anderen Ritus als die Aschkenastm. Man würde aber fehlgehen, wenn man daraus allein die zur Abneigung gesteigerte Entfremdung zwischen diesen beiden Theilen der Judenheit erklären wollte. Sind ja nicht bloß die Grundlagen, sondern auch die meisten übrigen Theile der beiderseitigen Lithurgie gemeinsam, und die bestehenden gottesdienstlichen Unterschiede so geringfügig, daß sie gewiß keine dauernde Spaltung und Trennung Hervorrufen könnten. Die Hauptursache des Zwiespaltes liegt vielmehr in der Verschiedenheit der Sprachen. Vertieft schon die bestehende Differenz in der Aussprache des Hebräischen den an sich so unbedeutenden Cultusunterschied, so wächst der unheilvolle Gegensatz durch die Verschiedenheit der Umgangssprache ins Riesengroße. Die sephardischen Juden haben sich nämlich aus dem Lande, das im Mittelalter ihre Heiniat gewesen, die Sprache mitgenommen, und von Geschlecht zu Geschlecht, ivenn auch in verderbter Forin, vererbt. Davon führen sie den Namen „Spagniolen". Im Gegensätze zu ihnen ist den übrigen europäischen, den aschkenäsischen Juden die deutsche Sprache, meistens auch in corrumpirter Form geläufig ivorden, weßhalb sie auch die „deutschen" Juden heißen. Die Veränderungen, welche die neuere Affimilationsepoche hierin hervorgebracht hat, ist nicht bedeutend. Zwar haben beträchtliche Theile sowohl der sephardischen als der aschkenastschen Judenheit sich diverse Landessprachen zu eigen gemacht, und insoferne ist, wo Aschkenastm und Sephardim zusammenwohnen, auf diesem Wege eine Einigung, freilich auf Kosten einer noch größeren Zersplitterung des jüdischen Volkes, angebahnt; aber das Gros der „deutschen" Juden verständigt sich in deutscher Sprache oder jüdisch-deutscher Mundart, während das Gros der spagnolischen Juden ihres spanischen Dialectes sich bedient. Wo aber das Verständigungsmittel der gemeinsamen Sprache fehlte kann keine Vertraulichkeit, keine Herzlichkeit Platz greifen, und wenn auch Gemeinschaft der sittlichen Begriffe und der Geschichte vorhanden ist. Rechnet man zu diesem Uebelstande noch den weiteren, in der menschlichen Natur so begründeten, daß ein Widerspruch zwischen den ahnenstolzen, aristokratischen Sephardiin, und den thatenstolzen, demokratischen Aschkenastm besteht, so weiß inan, warum die Antipathie so heftig ist, als sie thatsächlich ist. Aus der Stärke dieser Abneigung darf aber nicht geschlossen werden, daß sie unüberwindlich ist. In der That sind die ersten Schritte bereits gemacht worden; diese verdanken wir aber nur der nationalen Idee, dem Zionismus. Mit dem Augenblicke, wo diese Ideale iin jüdischen Herzen Platz greifen, werden alle Sondergelüste verdrängt, fängt namentlich der spagnolische Dünkel zu verblassen an. Abgesehen von dem schon längst verstorbenen sephardischen Rabbiner von Sarajewo, A l k a l a y, der bereits vor Jahrzehnten die Idee der Colonisation Palästinas anregte, sind es in der jetzigen Epoche des Erwachens der zionistischen Gefühle vorzüglich aschkenasische Juden, welche dieselben hegen und pflegen. Aber der von dein ruffischen Zweig der „deutschen" Juden so cullivirte Zionsgedanke hat auch viele Sephardim aus ihrer trägen Ruhe aufgerüttelt. Bereits erscheinen nationaljüdische Blätter in spagnolischem Idiom, welche wahrlich nicht viel Mühe haben, die sephardischen Juden zu überzeugen, daß es schmählich für sie sei, aus Unterschiede stolz zu pochen, welche der Feinde zerplitternde Macht wider unser, n Willen unter uns geschaffen hat. Die aschkenasischen Juden selbst haben gegen ihre sephardischen Brüder stets eine minder abwehrende Haltung eingenommen — vielleicht schon deshalb, «veil ihnen deren unleugbar vornehmere Art imponirte, — desto höher ist daher das Verdienst gerade der Sephardiin bei Besiegung des alten eingetvurzelten Vorurtheils anzuschlagen, desto rühmenswerther ist es speciell gerade von den sephardischen Juden Jaffas, ain Einigungswerke der dortigen Gemeinde mitgewirkt zu haben. Die Einigung der Gemeinde Jaffa ist, w ie wir bereits sagten, ein für das jüdischeVolk epochales Ereignis. Die Ausgleichung zwischen „deutschen" und „spagnolischen" Juden in Europa selbst, so «veit sie überhaupt in Contact mit einander kommen und hiebei nicht in gemeinsamer Fahnenflucht den Berührungsplinkt