Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 8 (15.4.1891)
- Date
- 1891-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Selb st- Emanzipation. Seite 5. Nr. . 8. dogmatischer Bekämpfung des Christenthums gethan wurde. Uns mag es tragikomisch erscheinen, wenn jetzt hier ein Rabbiner von der Kanzel herab das Christenthum verdammt und gegen die Dogmen desselben eifert, uns ist es unverständlich, wie man sich in dieser Zeit, da Millionen Juden dem schimpflichsten Druck und unerhörten Leiden ausgesetzt sind, init fanatischen Ausfällen gegen die anderen Religionen abgibt, aber es lag doch Consequenz darin, welche wir, falls nicht nach dem seitens der antisemitischen Blätter darauf erhobenen Lärm eine Gegenerklärung erfolgt wäre, Muth nennen möchten. Daß aber viele der.hochwürdigen Rabbiner einen Entrüstungssturm erhoben, daß sie, zitternd, bebend und zähneklappernd durch litterarische Kniebeugungen die arischen Mitbürger um Verzeihung gebeten, beweist zur Genüge, daß die meisten ihre Stellung bloß als einträgliches Geschäft ansehen, sonst jedoch sich einer trägen Ruhe überlassen ivollen. Würde dies leider nicht der Fall sein, wären nicht die Rabbinen, welche bei den Juden einst und mit Recht so hochgeachtet waren, jetzt tief gesunken, so inüßteir sie sich fragen, wohin es in Deutschland führen, was daselbst aus dem Judenthuine werden soll, tvenn überall ein Jndifferentismus Platz gegriffen hat, welcher das Judenthum nur zur Auflösung sühreil kann. In ge,visier Beziehung hat sich dies seit den ersten Stößen, welche das deutsche Israel von feindlicher Seite erhalten, geändert; orthodoxe Rabbinen haben das wachgerufene Interesse benutzt, um eine Annäherung an das Judenthum hervorzurufen, sie suchten jedoch die Mach: der Synagoge zu stärken, aber nicht die Liebe zum jüdischen Stamme zu nähren und das Berständniß für die wahren Interessen desselben zu heben. Ueberhaupt hat der Antisemitismus in Deutschland nicht so günstig wie in anderen Ländern gewirkt, er ist noch zu schwach, um das todesmuthige Selbstgefühl zu wecken; andererseits ist er bereits so stark, daß er jede freiere selbständige Regung lähmt und ängstliche Vorsicht auf Schritt und Tritt hervorruft.. Jndeß verkennt die Judenheit in Deutschland die Macht des Judenhaffes, weil derselbe in Tätlichkeiten nicht ausartet; der Antisemitismus arbeitet jetzt' systematisch in allen Kreisen und gewinnt inimer mehr an moralischem Boden, er ist höflich und still, aber darum umso gefährlicher. Die Judenheit dagegen trägt trotz ihres Wohlstandes noch immer das Gepräge äußerster Zerfahrenheit, woran die Rabbinen die größte Schuld haben, da sie durchaus ihren ganzen Einfluß daran setzen, theologischen Kram in die jüdischen Verhältnisse hineinzubringen. Wollen sie der überhandnehmenden Unwissenheit auf jüdischen Giebieten entgegensteuern, so müffen sie ihre kleinlichen Zwecke aufgeben, müffen nur das Stammesgefühl heben und neues Leben der Jugend einflößen. Und thun es auch nicht die Rabbinen, wovon wir fest überzeugt sind, so wird es von selbst kommen. Denn es gibt gewisse Momente, wo ein Volk es nicht mehr ertragen, kann, wenn es den Launen fremder Nationen preisgegeben, wenn es getreten wird. Bewußt oder unbewußt schmachten jetzt sehr viele Juden nach Erlösung, und dieses Schmachten nach Befreiung gibt dem jüdischen Stamm neue Zähigkeit, stärkt sein menschliches Bewußtsein, erhebt ihn und läutert sein Wesen. Unbewußt hat sich stets ein Bruchtheil der deutschen Judenheit zu erhalten gesucht; wir haben schon oben darauf hingewiesen, daß mancher Erfolg der Orthodoxie nur durch diesen Umstand, durch den Selbsterhaltungstrieb erzielt worden ist, da jeder, der vom Wunsche beseelt ist, dem jüdischen Stamm zu erhalten, dieser Richtung angehören muß, falls er nicht die nationale Idee kennt. Man braucht nur an den hohen Feiertagen in den überfüllten Synagogen eine Seelenmusterung vorzunehmen, so wird man die Bestätigung für unsere Worie finden. Man kann dann so sonderdare Antworten vernehmen, daß inan sie nur durch das unbewußte Nationalitätsgefühl erklären kann; ivas bedeutet es sonst, wenn jemand die übrigens sehr häufig vorkommende Antwort gibt, er gehe nur in die Synagoge, um viele Juden zu sehen? Die Vertreter der jüdischen Religion in Deutschland dürfen es ja nicht vergessen, daß viele, die gar kein Interesse an religiösen Dingen haben, doch von großer Liebe zum Judenthum und seiner Vergangenheit erfüllt sind, und diese iverden mit Freuden dein neuen nationalen Ideale sich anschlicßen. Wie überwältigend die nationale Idee ist, folgt aus dem Umstande init genügender Klarheit, daß man jetzt Gelegenheit hat, solche Jünglinge kennen zu lernen, welche auf vielen Umwegen durch selbstständiges Nachdenken zum Verständnisse desselben gelangt sind, obzwar sie in der Kindheit nichts vom Jndenthume erfahren und auch nachher keine Beziehungen zu 'Nationaljuden gehabt haben. Man findet dies am meisten bei Studenten, welche durch das liebevolle Benehmen ihrer arischen Kameraden zur Selbsterkenntniß gedrängt wurden. Auch die zufällige Anwesenheit vieler ruffisch-jüdischer Sludirender, der propagandistische Einfluß derselben, vermag auf studentische Kreise deswegen eine mächtige Wirkung auszuüben, weil hier tiefe Empfindung zugleich mit ernster Ueberzeugung wahrgenommen wird. Ungekünstelte, wahrhafte Hingebung erweckt stets ein Echo bei der Jugend, alle Klaffen aber werden die sich mehrenden Erfolge der nationalen Idee in den anderen Ländern in Bewegung setzen. Wir können mit Sicherheit sagen, daß in nicht allzu ferner Zeit die Söhne gegen die Vorurtheile ihrer Väter zu kämpfen anfangen, und das, was diese zerstört haben, auf fester Culturbasis wieder aufbauen werden. Das nationale Ideal aber wird dem theils absierbenden, theils verknöcherten Judenthum neues Leben einflößen, es zu frischer Thätigkeit anregen. L. M. Berlin, 8. April 1891. Offener Brief aus Rußland an die russischen Zionisten. Meine lieben Brüder und Gesinnungsgenoffen! Es war noch, bevor man uns in den Straßen thätlich beleidigte, bevor man unser mühsam erworbenes Hab und Gut raubte und tausende wohlhabende Familien durch Plünderung zu Bettlern machte, auch bevor man für uns Ausnahmsgesrtze schrieb, — kurz vor dem Jahre 1882, — als wir alle flammende russische Nationalisten waren. Manche von uns gerirten sich sogar als Kazapen mit rothen Hemden über den Hosen. Es ist selbstverständlich, daß wir in jener sagenhaften Zeit unserer eigenen heiligen Religion, Geschichte, Literatur, hebräischen Sprache Valet sagten und daß es .kaum einen einzigen Gymnasiasten gab, der die Bibel im Urtexte zu lesen vermochte. Wir waren gute Ruffen und schlechte Israeliten. Da kam es plötzlich anders. Die Zeit nach dem „bevor" brach herein und wir fielen sammt unserem Ruffenthum dem lieben Straßenmob (bossaja komanda) in die Hände. In 82 Städten und Dörfern waren Zerstörung, Plünderung, Mord und Schändung an der Tagesordnung und all'der Nationalismus unserer Männerund Frauen mit den kurzgeschörenen Haaren der letzteren, mit den rothen Hemden und hohen Stiefeln ivard schmählichst zu Schanden. Da griffen wir zum Wanderstabe. Unterwegs verkauften wir in Brody unsere rothen Kazapenhemden, ließen auf den Schiffen unsere Röhrenstiefel zurück, warfen in Castel-Garden unser ganzes russisches Geistesgepäck über Bord. In Amerika wurden wir nun freie Bürger, will sagen, genossen die Freiheit, Hungers zu sterben. Unser neugebackenes Pedlarthum sprach uns auch nicht besonders an, da ,vir gekommen waren, um Ackerbauer zu werden. Und so lehrten wir schaarenweise in die Heimat zurück. Was wir da vorsanden, waren zwei Brochüren: Die „A u t o e m a n c i p a t i o n" von D. L. Pinsker und „Die Wiede rgeburtJsraels auf d em h ei l ig e n Boden seiner Väter" von Lilienblum. Wir erfuhren daraus Folgendes: 1.) Daß wir keine Russen, Deutschen, Franzosen und Engländer, sondern Kindern Israels sind; 2.) daß wir eine eigene heilige Religion, eine glänzende Geschichte, eine großartige Literatur besitzen, deren wir uns gewiß nicht zu schämen brauchen; 3.) daß wir keine feste Heimat haben, sondern überall als Fremdlinge betrachtet und behandelt werden; 4.) daß wir unser Selbstbewußtsein, unser religiöses und nationales Gefühl eingebüßt, unsere heilige Sprache vergessen haben; 5.) daß wir keine Volksführer, keinen Schwerpunkt, kein Centrum besitzen, und daß wir 6.) bemüht sein müffen, daß uns Fehlende zu schaffen, wenn wir nicht trotz unserer europäischen Bildung, zweifelhaften Reichthums und der arischen „Emancipation" ewige Weltparias bleiben wollen. — Das waren für uns, bankerotte, ruffische Nationalisten ganz ungewöhnliche Enthüllungen, deren hohe Wahrheit tief in unsere Köpfe und Herzen eindrang. Mit der ganzen uns zu Gebote stehenden semitischen Willenskraft machten wir uns daran, die neuen Ideen zu realisiren. Wir gingen von der Theorie zur That. Das ging anfangs recht heiß zu. Wir Zionisten waren eine kleine Schaar; unsere Vereine zählten gewöhnlich nicht mehr als 10 bis 15, ja oft nur 4 bis 5 Personen. Wir versammelten uns heimlich bei irgend einem Mitgliede — es fehlte uns die Legalität — und führten enthusiastische Gespräche. Unsere kleinen