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Selbst-Emancipation · 1891-04-15 · Heft 8 (15.4.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 8 (15.4.1891)
Date
1891-04-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Meile 4. f> Jit 2". - — eine Maske zu tragen suchen, damit fle nicht als Juden erkannt werden, so sangen sie selbst an, kriecherisch zu sein, sie scherwenzeln vor den Nichtjuden in der Schule und ergehen sich in Gefälligkeiten und Hösiichkeitsbezeugüngen ihren arischen Kameraden gegenüber, wodurch sie nur noch größeren Antisemitismus Hervorrufen, da der Stolz des Mächtigeren mit der Dankbarkeit gegen den Niedrigen sich nicht vereinigen läßt. Diese Knechtschaft in der Freiheit läßt sich nur diftch den Umstand erklären, daß der jüdische Jüngling nicht bloß seine Geschichte nicht kennt, sondern nicht einmal weiß, daß er eine solche besitzt, während er mit den Einzelnheiten deutscher Geschichte und Heldensage wohl vertraut ist. Arminius ist sein Held, und doch bleibt er ihm stets fern. Daher entsteht der Zwiespalt seines Wesens, hierin liegt der Betrug seiner Erziehung, ein Betrug, welcher zu vielen Unebenheiten in seinem" 'Charakter, zu vielen Widersprüchen in seinen Handlungen führt. Nur dann und wann gelingt es dem einen oder dem anderen sich völlige Klarheit über sich selbst zu verschaffen, wenn er auch nur einen Blick auf die Vergangenheit seines Volkes richtet und das Räthsel der Erscheinung desselben deutet. In verschiedenen Kreisen fängt man in später Stunde'an, diesen Uebelstand zu fühlen. „Man sollte meinen", schreibt ein hiesiges Blatt, „nichts voraussetzen zu dürfen, als daß bei den nur halbwegs Gebildeten aller Nationen stets , eine gewisse Vertrautheit mit ihrer politischen und ihrer Culturgeschichte anzutreffen sein werde; im Allgemeinen ist dies schon deswegen in Wirklichkeit der Fall, weil ja auch der Staat in seinen Schulen und namentlich in den Zwangsschulen, im Selbstintereffe, um den Patriotismus zu wecken, für möglichste Verbreitung der Vaterlandskunde unter seinen Bürgern Sorge trägt und so dem Wiffenstriebe zu Hilfe komnit, der ohnehin dem Angehörigen jeder Nation naturgemäß innewohnt und ihn treibt, sich nach dieser Seite hin zu unterrichten. Nur eine Nation macht hierin eine Ausnahme, deren Glieder eben nicht zusammen als Nation leben und keinen Staat besitzen, der ihre Interessen wahrnehmen könnte, deren Söhnen aber überhaupt aller Sinn für nationale Geschichte abzugehen scheint, und deren Schulen gleichfalls gerade die Pflege des historischen Momentes in besonders auffallender Weise vernachläßigen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich damit uns selbst und die in unserer Mitte herrschende erstaunliche Gleichgiltigkeit gegen die eigene Volksgeschichte meine. Ist dieser Mangel an Selbstachtung ja eine bekannte, nicht wegzuleugnende Thatsache und unter den vielen, mit Recht immer lauter werdenden Klagen über die Unzulänglichkeit des specifisch jüdisch-wissenschaftlichen Unterrichts, welchen unsere Jugend in den Elementar- und Religionsschulen genießt, muß am lautesten die über den Zustand des geschichtlichen Lehrzweiges erhoben werden." Nun darf man nicht vergessen, daß viele keineswegs religiöse Eltern ihre Kinder Religionsunterricht nehmen laffen, weil dieselben ihren Wunsch, daß ihre Kinder wenigstens irgend welche Kenntnisse S.e,l jb,st - Em,a.n csi p a t i .o n. über die Vergangenheit des Judenthums sich aneignen sollen, in anderer Weise nicht erfüllen können. Dieser ganze Unterricht jedoch ist eine wahre Comödie, welche schwerlich geeignet ist, das Selbstbewußtsein des jüdischen Knaben zu heben und ihm Liebe zu seinem so oft getretenen und immer wieder blühenden Volke einzuflößen. Denn man sucht, um uns eines Ausdrucks von G r ä tz zu bedienen, aus dem Judenthume eine Kirchenreligion zu machen, welche einige Alltagswahrheiten über Gott und Moral enthalte und man verkennt vollkommen, daß es ein nationales Institut ist, von starken Säulen von Gesetzen und Blutzeugenschaft getragen. Ja, dieser zweite Betrug, daß jüdischer Religionsunterricht ohne nationale Grundlage ertheilt wird, übt eine tiefe Wirkung auf das Wesen des Heranwachsenden Jünglings aus. Anfangs erzählt man ihm von dem jüdischen Religionsvolke, dann von der jüdischen Religionsgeincinde (für das Mittelalter sehr beliebt), schließlich gelangt man zu den „Deutsche,: mosaischer Confession". Die Worte Zion und Jerusalem werden, so weit als möglich, vermieden; der Schüler aber schmunzelt gewöhnlich, wenn er dieselben auch nur von fern vernimmt, da sic für ihn nicht mehr die Orte der Verehrung und der Verwunderung, sondern der Verachtung und des Spottes sind. Wenn er daher der Religion gegenüber gleichgiltig ist, so tritt er mit leichtem Herzen auch aus der jüdischen Volksgcmcindc heraus. Wenn seine Geschichte als die einer käinpfenden und ringenden Nation für ihn keine Bedeutung mehr har, wozu soll er sich zu nationalen Aeußerlichkeiten bekennen? Fast alle Feste der Juden sind national und verlieren darum ihren Reiz in seinen Augen; man heißt den jüdischen Knaben das Befreiungssest feiern, wie kann aber ein Todter seine Geburt feiern? Die Phrasen, womit die hiesigen Prediger dann solchen Festen jeden nationalen Sinn zu nehmen bestrebt sind, pflegen so augenscheinlich falsch zu sein, daß sie ebenso bei dem Kenner ein Lächeln des Bedauerns erwecken, als bei dem Handeljuden, dem man durchaus einreden will, daß er den Völkern das Heil bringen solle. Dabei schreien diese Prediger, daß die Juden mehr Sclbstbewußtsein haben müffen, ohne jedoch anzugeben, was sie darunter verstehen, und mancher glaubt sicher, daß damit das Streben nach Staatsstellen und Ehrenzeichen gemeint sei. Jedes System gewinnt an äußerer und innerer Kraft, wenn es consequent durchgeführt wird. Manche wahrhaft große Sache ist schon deswegen zugrunde gegangen, weil sie nicht programmgetreu und muthig verfochten worden ist; andererseits wird eine Partei, welche ohne Rücksicht vorgeht und überall ihr Programm anzubringen sucht, selbst dann einen gewissen Erfolg Haben, wenn ihre. Fundamente falsch such. Die völlige Objektivität, das Vermögen, alles nach der Vergangenheit klar zu beurtheilen, liegt nicht immer der Masse nahe, sondern im Gegentheil schmeicheln der Eitelkeit derselben prahlerische Phrasen und allgemeine Redensarten. Wer mit Bedacht die Culturgeschichte studirt, kann sich Nr. 8. leicht überzeugen, daß durch solche öfters ganze Völker hingerissen und großartige Umwälzungen hervorgebracht worden sind. Wehe aber, wenn solche Ideen nur durch salbungsvolle Aussprüche verlautbart werden; sie wirken dann nur einschläfernd, da cs bekanntlich sehr leicht ist, in allgemeinen Sätzen großmüthig, heldenhaft, zu sein, ohne daß man etwas zu thun braucht. An eine derartige Phrase hat sich das ossicielle Judenthum in Deutschland angcklammert, und den: fernstehenden Beobachter könnte es daher fast erscheinen, als ob die gesammte Gemeinde Israels an der Verwirklichung der Mssionstheorie arbeite. In der That aber ist diese Missionstheorie geschaffen worden, unr eine Stütze für die Assirnilation zu bilden. Zu einer Zeit fing man nämlich hier an einzusehen, daß der zersetzende Einfluß, welcher seit dem Beginne dieses Jahrhunderts in vielen Beziehungen auf das Judenthun: durch Reform und Erziehung ausgeübt worden ist, dasselbe überhaupt ins Schwanken gebracht habe, und so wurde ein künstliches Mittel geschaffen, um cs einigermaßen äußerlich zu erhalten. Jetzt durften die Rabbiner: ihrer: Vernichtungskrieg weiter fortsetzen, sie konnten im Inneren Israels wüthen, seine schönsten Best«,rdtheile, die nationalen Erinnerungen, ausznmerzen suchen, denn sie fanden in der Behauptung, daß die Juden noch bislang die Mission haben, den Völkern den reinen Monotheismus zu verkünden, einen festen Haltepunkt. Diese»: Verfahren gemäß wurde. auch eine eigenartige Sprachrveise ausgearbeitet, nran würde christenthumfeindlich, und auf der Schärfung des religiösen Gegensatzes, mir möchten fast sagen, auf dogmatischer Grundlage wurde das neue. Judenthurr: aufgebaut. Mit staunensmerther Findigkeit ging man dann rveiter vor, man schuf das prächtige Wort „Glaubensgenossen". Sind jedoch die deutschen Rabbiner: ihrer selbgewählten Aufgabe gerecht geworden, haben sie aus ihren Wörter: Ernst gemacht? Rur auf den Kanzeln ergingen sie sich in Lobeserhebungen auf die jüdische Religion, indern sie dabei stets den Tor: des christlichen Predigers anschlugen, irr: Leben aber unternahmen sie nichts, um die geplante Mission zu verwirklichen, sondern sie fügten sich opportunistisch in die bestehenden Verhältnisse.'Wollten sie consequent sein, rvollten sie ehrlich ihren Worten Nachkommen, so hätte,: sie Orden stiften müssen, urr: das Judenthun: zu verbreiten. Dein: wie ist Mission ohne Proselytenthum denkbar? Wie vermag man jemandem das Heil zu verkünden, wenn man es stets bei sich behält? Wenn diese Lehrer und. Führer des Volkes nicht muthlos sind, ' wenn es ihre innere Ucberzeugung i., warum gehen sie nicht in die Welt hinaus, um für ihre Ansichten Anhänger zu finden? Dient ihnen nicht vielmehr das Wort Mission dazu, urr: sich in den Augen der theilnahmslosen Masse größeren Glanz zu verleihen, um ihr Gewicht-zu vergrößern; werden ja viele, welche ihr Juden, thum instinktiv behaupten wollen und nach irgend einerw Rettungsanker suchen, dadurch geblendet. Wie waren sie alle neuerdings erschreckt und verblüfft, als jüdischerseits. ein Schritt in

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