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Selbst-Emancipation · 1891-04-15 · Heft 8 (15.4.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 8 (15.4.1891)
Date
1891-04-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8. einer 2000jährigen Verfolgung siegreich getrotzt, i jetzt an den Rand eines tiefen Abgrundes gebracht, aus welchem ihr die Gefahren eines völligen .Unterganges entgegendräuen, und der sie verschlingen muß, wenn nicht die rascheste und radikalste Hilfe hinzutritt. Infolge dessen ist es uns nicht mehr gestattet, auf der Suche nach dem entsprechenden Heilmittel für Israel dem ersten besten, durch allerhand Phrasen blendenden Vorschläge uns in die Arme zu werfen, sondern es liegt uns die heiligste Pflicht ob, nach reiflicher Erwägung nur jenes Mittel zu wählen, das nicht nur das jüdische Proletariat materiell einancipirt, sondern auch die Eigenschaften und die Macht hat, die politische und sociale Sonderstellung des jüdischen Volkes ganz zu beseitigen, uns das Brandmal aufdringlicher und nur zeitweise geduldeter Fremdlinge von der Stirne zil löschen und die akut gewordene Existenzfrage - der jüdischen Nation noch rechtzeitig zu lösen. Es fragt sich nun: Besitzt der Socialismus alle obigen Eigenschaften mit denen das wahre Heilmittel für die Erlösung des jüdischen Volkes nothwendig ausgestattet sein muß? Bietet er uns die sichere Garantie, alle obigen von ihm geforderten Erfolge zu erzielen? Dies zu erörtern und genau zu prüfen soll nun unsere Aufgabe sein. III. Es kann nicht geleugnet werden, daß eine Gesellschaftsordnung, die den Postulaten eines Louis Blanc— als: Gemeinschaftlichkeitserklärung der ' Produktionsmittel , Zuerkennung des natürlichen Rechtes auf Arbeit an jeden Gesellschaftsgenossen und Vertheilung der Güter nacki dem Grundsätze: „Von Jedem nach seinen Fähigkeiten, einem Jeden nach seinen Bedürfnissen" - im weitesten Sinne des Wortes Geltung verschaffen würde, die Proleteriate, diese Vandalen der modernen Civilisation, aus der Mitte der Nationen schwinden machen müßte, und daß eine solche gesellschaftliche Organisation nur aus der breitesten Basis einer weitgehenden, nach allen Richtungen hin anerkannten Gleichberechtigung aller Gesellschaftsmitglieder sich stützen' könnte. Anderseits ist aber reiflich zu erwägen, ob auch den Juden gegönnt sein würde, die Wohlthaten einer solchen neuen Gesellschaftsordnung in ihrem ganzen Umfange ungeschmälert zu genießen. Es steht einmal fest, und die Rothesten geben es zu — obwohl sie aus rein praktischen Gründen internationaler Agitationsmittel sich bedienen, — daß wegen der topographischen und klimatischen Verschiedenheiten der Oberfläche unserer Erdkugel ethnographische und nationale Unterschiede in der Menschheit ewig existiren werden. Haben wir nun einmal diese Naturnothwendigke.it eingesehen und beherzigt, so muß folgerichtig der Schluß gezogen werden, daß auch unter der Herrschaft des Socialismus eine jede Volksgemeinschaft schon aus den: Selbsterhaltungstriebe gegen eine jede andersgeartete reagiren wird. Und wenn auch diese.Reaction zwischen den einzelnen arischen Völkern auf das Minimuin sich reduciren läßt, so ist. es sicher, daß dies den Juden gegenüber, so lange diese in der Mitte anderer Völker auf die heutige Weise zerstreut leben, nie eintreten. kann. Der zwei Jahrtausende alte traditionell vererbte Judenhaß ist nämlich allzutief in die Herzen der arischen Völker gedrungen und die Kluft zwischen Judenthum und Arierthum hat sich allzusehr erweitert, um sogar durch die Fortschrittsideen des Socialismus überbrückt werden zu können. Hat doch gegen die Juden ungerecht zu handeln sogar den sonst sreisinr.nigsten und fortschrittlichsten Ariern nie als unbillig und rückschrittlich gegolten und nichts kann uns die Versicherung gewähren, ja sogar alles scheint dafür zu sprechen, daß auch späterhin diese „Judenmoral" beibehalten wird. Selbst-Emancipation. Wenn die Juden also gesonnen sind — und das setzen wir als bestimmt voraus — ihre geschichtlich ausgebildete Eigenart auch in der Zukunft zu bewahren, ihre Geschichte, Literatur und Sprache hochzuhalten, mit einem Worte eine von den anderen verschiedene Nation zu bilden, so wird es sich leicht fügen, daß ungeachtet der Gemeinschaftlichkeilserklärung der Productionsmittel die Juden als Fremdlinge rechtlich oder factisch von der Gemeinschaft ausgeschlossen sein werden und daß ungeachtet der Zuerkennung des Rechts auf bedürfnismäßige Participirung ain national-wirthschaftlichen Ertrage den als arbeitsscheu und zur physischen Arbeit ungeeignet ausgerufenen Juden nicht gebührender Anthcil gewährt sein wird. Und ihre Sonderstellung wird dann noch umso unerträglicher werden, als in einem socialistisch eingerichteten Gemeinwesen die Amtsgewalt der staatlichen oder bürgerlichen Organe das ganze öffentliche und private Leben eines jeden einzelnen Bürgers nach allen Richtungen hin umfasien und absorbircn müßte, wobei den jüdcnfeindlich gesinnten Beamten ein noch weiterer Spielraum als heute zur factischen Zurücksetzung des jüdischen Elementes geboten sein würde, Neben einer inehr oder weniger bedeutenden Besserung der materiellen l'age des jüdischen Proletariats lächelt uns auch im socialistischen Staate eine papierene — der heutigen ganz ähnliche — Gleichberechtigung, eine vielleicht noch schroffere Sonderstellung als heute, der zu entgehen wir nicht mehr die Mittel und die günstige Gelegenheit besitzen werden. Außer dieser Unsicherheit des Wirkungs- Vermögens des Socialismus mit Bezug auf die Juden ist noch ein sehr gewichtiger, infolge der jetzigen äußerst gefahrvollen Stellung des Judenihums nicht genug zu würdigender Umstand in Erwägung zu ziehen. Wer der Geschichte der Civilisationsentwicklung nur einige Aufmerksamkeit geschenkt hat, der weiß cs sehr gut, daß der Gang des Fortschrittes — der in materieller, geistiger und moralischer Hebung immer breiterer Schichten des Volkes besteht (Mirtow) — nie schnurgerade gewesen ist, sondern daß er allzuoft von den schivarzen, nach geistiger Verkümmerung des Volkes strebenden Männern der Reaction zurückgedrängt, den Jahrhunderte hindurch mühselig gebahnten Weg neu anzittrcten und zurückzulegen gezivungen war.Die Fortschrittsentwicklung stellt sich nach Herbert Spencer als eine Reihe von Evolutionen dar, deren jede das Civilisationsniveau der Menschheit oder des einzelnen Volkes nur um eine Stufe höher bringt. Wie viele Evolutionen mut bis zum vollständigen Siege der socialisiischen Postulate, besonders in den östlichen minder civilisirten Ländern Europas, wo doch der Grundstock des jüdischen Volkes sich befindet, nöthig sein werden, dies genau voratiszusehen liegt in keines Gelehrten oder Politikers Macht, da dies einerseits von dem Maße der Widerstandsfähigkeit und Zähigkeit der Gcsellschaftsclaffen, denen die jetzige Gesellschaftsordnung das Privilegium der Ausbeutnng ertheilt, andererseits von der Organisation und Taktik der gedrückten Classen abhängt. Jedenfalls werden sehr mächtige, weil egoistischen Motiven entstammende, Hindernisse sich dem Socialismus in den Weg stellen und es kann die Ansicht jenes amerikanischen Optimisten, wonach sich unsereiner, dem es ein Jahrhundert im magnetischen Schlafe zu verbringen gegönnt wäre, beim Erwachen in einer socialisiischen Commune reinster Farbe erblicken würde (Siehe Bellamy, Rückblick aus dem Jahre 2000 in das Jahr 1887) — nicht ernst genommen werden. Es ist vielmehr an dem Grundsätze festzuhalten, daß jede stärker oder schwächer manifestirte' socialistische Bewegung nur einen Ring in der Kette der Civilisationsentwicklung bildet und uns bei allem Seite 3. ihren Radicalismus nur um einen Schritt vorwärts zu rücken imstande ist. Der Socialismus bleibt daher nach dem oben Gesagten immer nur ein Project der zukünftigen Gesellschaftsordnung, nach dessen Realisirung die Nationen streben werden und den der Gang der Civilisationsentwicklung nur langsam und evolutionsiveise vorbereiten kann. Indessen aber ist die Lage des jüdischen Proletariats und des ganzen jüdischen Volkes eine so kritische, daß jedes fernere Warten ans den neuen Messias „Socialismus", tausende und abertausende unserer Stammesgcnossen dem grenzenlosesten materiellen und geistigen Elende rettungslos preisgeben und die Lösung der Existenzfrage der ganzen jüdischen Nation ihren Feinden überlassen heißen würde. (Schluß folgt.) Dr. A. S a l z. Das Iudenthum in Deutschland. Wenn man die jüdische Gesellschaft in Berlin betrachtet, so muß man die bittere Wahrheit des Satzes einsehen, daß jeder Stillstand im geistigen Dasein Rückschritt, daß jegliche Ruhe im Gefühlsleben eines Volkes den moralischen Tod sowohl der Gesammtheit als auch der einzelnen Glieder bedeutet. Ist es nicht sonderbar, daß die Stadt, welche einstmals trotz ihrer geringen jüdischen Bevölkerung der Brennpunkt war, von dem, wie es hieß, die gesammte Judenheit erleuchtet wurde, — daß diese Stadt nunmehr, was jüdisches Leben betrifft, einem Kirchhofe gleicht? Mochten die ehemaligen Assimilationsbestrebungen der hiesigen Heroen sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht der israelitischen Nation zu großem Schaden gereichen, die Gesinnungen waren ehrlich und mußten sich überall unter den Juden Achtung erobern. Nach den vielfachen mißlungenen Selbstmordversuchen jedoch haben die hiesigen Israeliten alles Interesse für das Edle und Erhabene, das unter ihren Brüdern vorgeht, verloren, und sind sie in den Zustand der höchsten Theilnahmslosigkeit gerathen. Selbstverständlich gibt es einzelne Männer, welche von der herrschenden Strömung sich nicht Hinreißen lassen, aber im Allgemeinen sind es nur seltene Fälle. Sieht man sich die Jugend an, welche doch sonst als Vertreterin des Idealismus auftritt, so vermag man sich nicht eines gewissen Gefühls des Grauens zu erivehren. Im Inneren hohl; von keinem Lebenshauche angeweht, für alle idealen Fragen interesselos, ergibt sich der Student und der Kaufmann in gleicher Weise vielen Untugenden, welche der germanische Geist verlangt. Wir wollen nicht in zu ausführlicher Weise auf die traurigen Verhältnisse eingehen, die durch einen thörichten Nachahmungstrieb bewirkt worden sind, unser Urtheil würde vielleicht zu scharf ausfallen, und könnte uns leicht einerseits der Vorwurf der Schwarzseherei, andererseits sogar der des Antisemitismus nicht erspart bleiben. Darf es uns jedoch wundern, wenn der Jugend jeglicher Idealismus abhanden kommt? Ihre ganze Erziehung ist auf Fehlern und- Widersprüchen gegründet. Wenn die Kinder sehen; daß ihre Eltern auf jegliche Weise vor den Deutschen

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