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Selbst-Emancipation · 1891-04-15 · Heft 8 (15.4.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 8 (15.4.1891)
Date
1891-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. zu weit getrieben werden dürfen. Das gilt -besonders mit Bezug auf Oesterreich und seine Kronländer.*) Wie wir gescheit haben, -erfordert also die Organisation der Propaganda einen nicht zu engen und nicht zu weiten Wirkungskreis. Anders steht -es mit der Organisirung der unmitt e lbaren Progr a m m v erw ir k l i ch un g. Dieselbe besteht für unsere Sache in der rationellen Colonisirung Palästinas durch verfolgte Juden, d. h. in dem Bestreben, die Ansiedlungskosten möglichst niedrig und die Ansiedlungs-, resultate möglichst glänzend zu gestalten. Da nun in dieser Frage keine untereinander divcrgirenden localen Verhältnisse mitzusprechen haben, vielmehr einzig und allein die Verhältnisse des heiligen Landes und die Bedürfnisse der Ansiedler entscheiden, so ist-es nochwendig, die unmittelbare Colonisationsthätigkeit zu concentrircn. Es gilt dann die Erfolge der vielfältigen Agitation einheitlich zu verwerchen, — nachdem Grundsätze: „Getrennt marschiren, vereint schlagen". Die absolute Nochwendigkeit aber, in der Realistrung der Zionsidee selbst einheitlich vorzugehen, verweist uns Zionisten aller Länder auf den Weg der a l l g e m e i n e n C e n t r ack i s at i vn für . diesen wichtigsten Theil unserer Aufgabe. Es geht nicht weiter an, -daß der eine Verein sein Geld dahin, der andere dorthin sende — ohne gegenseitiges Einverständnis; und ohne Plan.-Eine-größere Unwirchschast kann es nicht geben. Es-muß vielmehr ein Eentrum geschaffen werden, dem alle -Gelder der landsmannschaftlichen Subcentren nach Abzug der Agitations¬ und Administrationskosten zufließen, und ein Comit6 ausgestellt werden, das diese «Gelder nach einem einheitlichen Plane für die Colonisation verwendet. In Sachen der Agitation dagegen, in welchen, wie schon erwähnt, die landsmannschäftlichen Verbände regelmäßig zu entscheiden hätten, sollte die zu schaffende oberste Instanz nur in grundlegenden Fragen und bei ganz besonders wichtigen Einzelfällen zu beschließen und mitzuwirken haben. Damit aber diese Organisation, welche ein dringendes Bedürfnis; ist, geschaffen werde, ist ein vorausgehender persönlicher Meinungsaustausch der Vertreter der Zionsfreunde der verschiedenen Länder, ist ein allgemeiner Del e girte-ntia g der Zionisten-nötig. Zu - diesen sind die Repräsentanten-.der Colonisationsvereine und einzelne hervorragende. Förderer der Colonisationssache ringelnden. Es erhebt sich-nun aber die Frage, wo und wann dieser Delegirtentag siattfinden und wer die Einladungen ergehen lassen solle. In dieser Hinsicht aber bitten; wir «alle unsere Gesinnungsgenoffen, - sowohl Korporationen als Privatpersonen,-uns ihre Meinungen und «Rachschläge bekannt zu.geben, .die wir dann mehr oder minder ausführlich veröffentlichen werden. Wir . hoffen, -daß auf dem.Wege-der Discuffion *) 1 Wir können daher dem in dieser Nummer erwähnten "Projecte -eines besonderen Delegirtentages für Galizien mcht zustimmcn, da -ein solcher, namentlich jetzt noch,, eine zu. gewagte Dcccnlralisation wärc. Dagegen wäre ein Delegirtentag aller österreichischen Zionisten dringend nothwcndig. - Selbst - Emancip ation./ dieser Frage im Blatte eine Verständigung über dieselbe erfolgen werde; von dieser zum Delegirtentage ist nur ein Schritt und von diesem zur allgemeinen Centralisation der Zionsbewegung wieder nur ein Schritt. Diese Centralisation selbst aber bedeutet den Sieg unserer Sache, das Gelingen der Colonisation., B. SocialiMmF oder Kolonisation Valästina'Fr*) - l. „Dein Socialismus gehört die Zukunft", sagte vor Monaten Crispi auf einem politischen Bankette zu Mailand. Und wahrlich, ivenn wir die schrecklichen Verheerungen, welche die bisher auf dem Gebiete der Nationalwirthschaft unuinschränkt herrschende Theorie der freien Concurrenz am Organismus der inenschlichen Gesellschaft angerichtet hat, wenn wir die sich immer mehr erweiternde Kluft zwischen den bevorrechteten und enterbten Elasten einerseits — und die humanen auf durchgreifender Freiheit und Gleichheit sich stützenden neuen social-ökonomischen Lehren anderseits uns unbefangen vergegenwärtigen, so begreifen wir bald, warum die letzteren die untersten Volksschichten aller civilisirten Länder so sehr fesseln, durchdringen und zu begeisterten Vorkämpfern einer neuen Gesellschaftsordnung machen und warum bedeutende Autoritäten auf dem Gebiete der Wistenschast und Staatspolittk der heranbrechenden Aera Rechnung zu tragen beginnen. Es ist auch geschichtliche Thatsachc, das; der Socialismus seinen Uebergang aus der Abstraktion in eine greifbare politische Organisation zwei Männern jüdischer Abkunft, Karl Marx und Ferdinand Laffalle, zu verdanken hat. In Folge dessen und aus Begeisterung für die dem Socialismus zu Grunde liegenden Fortschrittsidcen ist es so Manchen unserer Stamlnesgcnossen eingefallen, — und es sind das meistentheils jene Elemente des - sog. aufgeklärten Judenthums, welche das Fiasko; eines völligen nationalen Aufgehens der Juden in den anderen Völkern bereits eingesehen haben — den Socialismus als ausschließliches und sicherstes Rettungsmittel für Israel zu proclamiren. Sie schleudern nun den Propagatoren des Projektes der Colonisatton Palästinas durch Juden (neben anderen hier nicht zu erörternden Vorwürfen) auch den Vorivurf des Rückschrittes ins Gesicht, den Vorwurf, daß dieselben, anstatt die Massen des jüdischen Proletariats für die neuen fortschrittlichen Lehren zu gewinnen und mit ihrer Hilfe den Aufbau des socialistischen Staates, der doch nicht nur die Arbeiterfrage sondern auch gleichzeittg die Judenfrage in günstigster Weise lösen würde, zu fördern, — das leichtgläubige Volk mit reacttonären Plänen ködern und so die endgiltige Erlösung desselben verzögern. Solch' ein schwerwiegender Vorwurf darf, obwohl leichten Herzens erhoben, von denjenigen, die an die Lösung der Judenfrage mit vollem Ernst schreiten, nicht ebenso leichten Herzens hingenommen -werden. Unsere Pflicht ist es, die Wirkungstüchtigkeit sowohl des Socialismus als auch der Colonisation Palästinas als zwei verschiedener in Vorschlag gebrachter Hcilniittel für Israel genau zu prüfen; eine solche Erörterung Äst jetzt umso dringender, als uns der Umstand, daß unter der jüdischen Jugend jetzt ernstlich Propaganda für den Socialismus gemacht wird, zur präcisestcn Stellungnahme auffordert. . II Die. Gebrechen der arischen Gesellschaftsordung mit ihrem laissez faire,; laissez aller eines *) Ohne in Allem und Jedem mit den in diesem .Artikel niedergclegtcn Anschauungcn"'einverstanden zu ckein, billigen wir die Grundtendenz desselben. Die Redaction. Nr. 8. mißverstandenen Liberalismus, gegen welche sich der Socialismus in allen seinen Schattirungen kehrt, sind: Die zwei wichtigsten Prodüctionsmittel, Grund und Boden und das mobile Capital, sind den Volksmässen ganz unzugänglich geworden. Infolge dessen wird die nummerisch stärkste. Volksklasse, welche blos die Arbeitskraft ihr eigen nennt, von den Inhabern des immobilen und mobilen Kapitals schmählichst ausgenützt (David Ricardo's ehernes Lohngesetz)./Die jetzige Gütervertheilung ist also eine derartige, daß trotz des immermehr anwächscnden Nationalreichthums die wahren Producentcn desselben nur das erhalteil, was zur kläglichen Fortfristung ihrer Existenz kaum hinreicht (sog. Standard of life). Diese socialen Krankheiten haben in der Mitte aller Nationen mit Armut und jeglicher Entbehrung kämpfende, dein Culturlebcn fernstehende Proletariate großgezogen. Auch die Juden haben in ihrer Mitte ein solches aufzuweisen, dessen Lage jedoch infolge ihrer Ausnahmsstellung bedeutend mißlicher als die der andersstämmigen sich gestaltet hat. Uiiscre papierene Gleichberechtigung, die systematische Zurückdrängung von allen Gebieten des öffentlichen Lebens, die Last der socialen Verachtung, die unsichere Lage, welche aus den bei dem von Haus aus.judenfeindlichen arischen Pöbel leicht zu weckenden niederen Leidenschaften resultirt, die brutalen Plünderungen und Schändungen, mit denen inail uns von Zeit zu Zeit aufwärtet, alles dies hat ungeheure Massen unseres Volkes in tiefes Elend und schreiende Noth versenkt und vor eine ungewisse Zukunft gestellt. Wer von uns weiß cs nicht, daß die in Rußland, Polen und Rumänien ' wohnenden, den größten Theil der Judenheit auslnachenden jüdischen Massen, einen verschwindend kleinen Bruchtheil ausgenommen, in Noth und Dürftigkeit ihr Leben dahinfristen, daß sie aller Produktionsmittel baar und . infolge ihrer rechtlichen oder factischen Ausnahmsstellung sogar der Möglichkeit, sie zu erwerben, völlig beraubt si..d? Die Erwerbung von Grund und Boden, diesem wichttgsten Prodüctionsmittel, wird ihnen entweder rundwegs gesetzlich verboten, oder es wird ein Wuthgeschrci erhoben, wenn cs einem unter ihnen gelüstet, Besitzer eines schmalen Streifen Landes zu werden. Obwohl soviel vom jüdischen Reichthum gesprochen und gegen ihn gehetzt wird, sind es doch nur einige Wenige, die auf uns das Odium der. mobilen Capitalsmacht laden, während doch die jüdischen Massen nicht genügenden Antheil an demselben besitzen, um mit Erfolg für sich produciren zu können. Eben infolge dieses Mangels aber sind sie in ihrer überwiegenden Mehrheit gezwungen, unproducttven -und wenig lohnenden Schacher und Handel zu treiben, der ihnen viel Schimpf , und Zurücksetzung zuzieht, und ihre durch die jahrhundertlange Verfolgungszeit so sehr aufgeriebenen physischen Kräfte noch aufbraucht. Wer das unsägliche Elend der in den ostslavischen Ländern ansässigen Juden, ihre mageren Gestalten. und bleichen Gesichter, den Schmutz und die verpestete Luft ihrer Wohnungen, welche aus einem Zimmer bestehen und einige mit zahlreichen Kindern gesegnete Familien beherbergen, ihr tagelanges Hcrumrcnnen, um ein paar Groschen zu verdienen, nicht mit eigenen Augen gesehen - hat — der wird sich nie einen richügcn Begriff von .dem Ernste ihrer Lage zu bilden im Stande sein. Zu dieser äußerst kritischen materiellen Noth des jüdischen Proletariats, zu der rechtlichen und factischen Ausnahmsstellung des ganzen jüdischen Stammes unter den. arischen Völkern, gesellt sich noch die innere Zerrüttung und Zerfahrenheit, als die Folge der Minirarbeiten eines renegattschen Assimilantenthums.' Alles dies zusammengefaßt, hat die jüdische Nation, nachdem sie

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