Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 7 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Selbst-Emancipation. Nr. 7. Redaction der „nicht"-antiscmitischcn „Deutschen Zeitung" als Jude vertrieben, — ist so tief gesunken, daß er in die „Ocsterrcichisch - Israelitische Union" kommt, um dort Juden um Stimmen anzu—gehen, — Juden, dieses sein eigenes bisher von ihm so sehr verachtetes Volk. Gefreut hat cs uns, daß Herr. Dr. I. S. Bloch bei dieser Gelegenheit dem Dr. Fricdjung ordentlich heimgelcuchtet hat. Stryj, den 25. März 1891, (15 Adar II. 5651). Der neue Palästina - Colouisations-Verein „Admath Israel" in Stry, (Galizien), welcher unter der Leitung des überaus rührigen Herrn Moses Lipschütz steht, geht mit höchst ancrkennensiverthem Eifer an die Arbeit. Gegenwärtig agitirt er mit einer von ihm herausgegebenen Jargon-Brochüre „Admath Israel" (ä 8 fr.), die höchst eindringlich und im populären Tone zu ihren Lesern spricht. deutsches Reich. Berlin, den 12. März 1891. Wie alljährlich werden auch diesmal in einem der schönsten Paläste Berlins, im Saal der Gesellschaft der Freunde, sechs Vorlesungen über verschiedene Themata aus den Gebieten der jüdischen Geschichte oder der jüdischen Litteratur gehalten, welche ein zahlreiches, auserlesenes Publikum heranlocken. Leider entsprachen die Vorträge nicht immer den Erwartungen, welche an ' sic geknüpft werden. So war die erste Vorlesung von Professor Lazarus im bekannten assimilatorischen Stil gehalten, wie ja Lazarus öfters diese Gelegenheit benützt, um in zersetzender Weise die nationalen Elemente des Judenthums hcrabzuwürdigen. Eine Ucberraschung bot auch der vierte Vortrag, betitelt: „Stürme der Zeit", von Dr. Basch. Merkwürdigerweise erwähnte der Vortragende nicht mit einem Worte die stürmischen Vorgänge bei den Juden des Osten, obzwar ein jeder glaubte, daß er darüber sprechen werde; er berührte überhaupt nicht eine einzige jüdische Frage, sondern äußerte seine Ansichten über Socialdcmokratie, über die Erfolge der Perlmutterindustne in Amerika :c. Das Publikum war natürlich geradezu verblüfft und manche gaben direct durch unruhiges Verhalten ihre Ungeduld kund. Dafür waren die anderen Vorträge von echter Liebe zur jüdische« Vergangenheit durchweht. Ein Mcistervortrag wurde von Prof. S t e i n t h a l über „Glaube und Kritik" geliefert; man vernahm herrliche Ansichten über die Bibel, welche auch deswegen eine besondere Wirkung auszuüben vermochten, weil aus jedem Worte die freieste Kritik hervorleuchtete. Steinthal sprach frei und doch nicht vernichtend; Gcmüth und Geist waren in gleicher Weise befriedigt. Der Vortrag des Dr. R o s e n z w e i g war eine anmuthige, geistreiche Zusauunenfaffung alles dcffen, was über das Thema: „Auge in Bibel und Talmud" gesagt werden kann. Er entwickelte dabei die Eigenthümlichkeiten der hebräischen Sprache mit ihren Feinheiten, wunderbaren Gleichnissen und phantasiereichcn Ausdrücken; auch führte er uns in manche ganz unbekannte Sagenkreise und verstand es, die Schönheiten des orientalischen Begriffswesens hcrvorzuheben. Eine glänzende, hochpoetischc Vorlesung war die fünfte von Dr. Gustav K a r p e l e 8 über „Jüdische Troubadours und Minnesänger". Ja, er wagte es im nationalen Sinne zu reden, er wies mit Fug und Recht darauf hin, daß, während die kleinsten Natiönchcn im Osten ihre armseligen, litterarischen Erzeugnisse mit Eifer hervorsuchcn, ja Litteraturen gründen, wir mit einer Verachtung an unserem Schriftthum vorübcrgchen, welche uns moralisch erniedrige. Begeistert und begeisternd sprach er, eine Perle verdrängte die andere; alles fühlte sich in eine gehobene Stimmung versetzt, und wohl viele sind dazu angeregt worden, die vergessenen jüdischen Schriftsteller herauszusuchen und zu bewundern. Die Nationaljuden aber fühlten cs mit Genugthuung, daß gerade ein solcher Vortrag mit Begeisterung ausgenommen wurde. L. M. Magdeburg, 19. März 1891. Gestern hat hier die vierte große antisemitische Versammlung in diesem Winter stattgefunden. Es sprachen die Rcdacteurc B r u ß und F r i t s ch. Die Blößen, die sich der „Verein zur Abivehr des Antisemitismus" von vornherein gegeben hat, boten den Antisemiten natürlich die bequemsten Angriffspunkte. Besagter Verein, der schon in der Versammlung, von der ich Ihnen, bereits berichtete, von Z i ni m e r m a n n und W e r n e r mitgenommen wurde, hat hier auch noch nicht die geringste Gegcnagitation veranstaltet. In anderen großen Städten Deutschlands ist das zwar auch nicht besser, in unserem einst so freisinnigen Magdeburg aber ganz besonders auffallend. Bei Schluß der gestrigen Versammluiig ivurde dann eine Nummer der in Leipzig erscheinenden „Deutsch-Socialen Blätter" von Fritsch vertheilt. Dieselbe enthielt unter anderem folgenden interessanten Passus: „Ueber die Judcn-Schiitzer. Die Petition gegen Hausierhandel rc. haben weiter unterzeichnet die Herren: Dr. Belke, Stadt-Bibliothckar und Museumsdirector, Dr. S ch l c n g e r, Professor, beide in Mainz. Ein weiterer llnterzcichner unserer Petition gegen Hausirbandel rc. ist der Herr Rector A m c l u i g £ in Kassel, der uns neben einem höflichen Schreiben die Petition, versehen mit seiner und noch einer zweiten Unterschrift, zuschickt. Die von Herrn. ArchidiakonnS Steinmetz in Stettin in Aussicht gestellte liiitcrschrift haben tvir noch nicht erhalten. Wahrscheinlich sammelt der Herr noch weitere Unterschriften." Es verdient bemerkt zu werden, daß die genannten Herren Dr. Belke, Dr. Schlenger, Amelungk und Steinmetz den Aufruf des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" mitunterzeichnet haben. U n d j e tz t s ch e u c n diese l b e n H e r r e n sich nicht, ihren Namen zu einer Petition herzu g e b e n, die von dem Abschaum unter den Antisemiten selbst, von dev Gruppe F r i t s ch, a us g eht! Das sind d i e ä r i s ch c n V e r t heidi g e r des I n d e n t h u in s! Ich füge nichts weiter hinzu, scde weitere Glosse würde die Wirkung dieser Thatfache nur abfchwächen können. Aber auch noch folgende Corrcspondenz des genannten antisemitischen Blattes verdient in Ihrem Organe Erwähnung: „Butzbach. Vor Kurzem wurde hier der protestantische Geistliche, Herr Leonhard, wegen eines antisemitischen Artikels verurtheilt. Es spielte sich dabei eine interessante Scene ab, die von allgemeinem Interesse ist. Zu Beginn der Verhandlung erhob nämlich der Vertreter des Klägers, Rechtsanwalt Grünwalt-Gicßcn, bezüglich eines Schöffen den Ablehnungs-Antrag, weit derselbe Antisemit sei, die antisemitischen Versammlungen besuche :c. Dies begründe die Besorgniß der Befangenheit. Das Gericht, Vorsitzender Herr Oberamtsrichter Fritz, wicS das Ablehnungs-Gesuch u. a mit folgender Motivirung zurück: Der Umstand, daß der Schöffe, um die anziehenden Reden der antisemitischen Führer zu hören, deren Versammlungen besuche, sei kein Grund, an seiner Unparteilichkeit zu zweifeln. Der A n t i s e m i t i s m u s verfolge idealere Ziele als die Socialdemokratie. Wenn man aus solchen Gründen einen Schöffen ablehncn wollte, so wäre bald im Bezirk kein geeigneter Schöffe mehr zu finden." Auch hier halte ich es für das Richtigste, mich jeder weiteren Bemerkung über arische Richter, arische Gerechtigkeit und arischen „Idealismus" zu enthalten. —.— Bremerhaven, den 26. März 1891. Die argentinische Regierung hat mit dem norddeutschen Lloyd einen Contract geschlossen, wonach 500.000 Auswanderer nach Argentinien hinüberzubringen wären. Da man. offenbar dabei auf die russischen Juden rcflcctirt, so mag darauf verwiesen sein, daß sogar die antinationale, „Israelitische Wochenschrift" gegen die Uebersicdlung nach Amerika und besonders nach Argentinien sich ausgesprochen und für die alleinige Kolonisation von C y p e r n und P al ä st i n a cingetreten ist. Rubinsohn. England. London, den 18. März 1891. Vor einigen Tagen fand hier eine Sitzung des „Vereines zur Förderung und Regelung der Wasserversorgung Jerusalems" statt. Derselben wohnten unter Andern Baronet Sebag-Montefiore und der rühmlichst bekannte Zioussrcund, Oberstlicutenant G o t d s h m i d, sowie Rabbiner Dr. Adler bei. Der Vcreinssecretär Herr Isidor S p i e l in a n n erstattete einen Bericht über alles bisher Geschehene. Wie die Wasserleitung von den Ingenieuren gedacht ist, war in der „Selöst- Einancipation" bereits berichtet und braucht daher nicht noch einmal auöcinandergcsctzt zu werden. Herr Dr. Adler beantragt für das Unternehmen in allen großen Stödten der Welt Gönner und Interessenten zu suchen. Dieser Antrag fand vielen Anklang. Hoffentlich wird das Werk gelingen und hiedurch Jerusalem, bisher das Stiefkind Palästinas, von seinen sanitären Uebclständcn befreit werden. Türkei. Palästina. Jaffa, 20. Februar 1891. Einen ungewöhnlichen Anblick bot unsere Stadt am 19. d. M. Die ganze Bevölkerung, groß und klein, alt und jung eilte ans Meercsnfer. Eine furchtbare Scene stellte sich den Blicken dar. Das nachtschwarze Meer schien die ganze Küste verschlucken zu wollen. Wellenberge hoben sich höher und höher empor, als wenn sie den bleifarbenen, düsteren Himmel erreichen wollten. Nun glitt eine Welle hinunter und dcrrussischeNiesendaiiipfer „Tschichatschew", auf der Seite zwischen Mecrgestein liegend, kam zum Vorschein. Wie ein sterbender Löwe lag er kraftlos da und das nasse Element richtete Hieb aus Hieb gegen ihn, um ihn schließlich zu verschlingen. Hilfe war dringend nothwendig, wie sie aber bewerkstelligen? Als wenn sie alle den Verstand verloren hätten, liefen die Jaffaer verzweifelt das User entlang. Da erschien der Kajmakani (Bürgermeister) und befahl in energischer Weise vom Strande abzusegeln. Der erste Kahn, der mit den gewandtesten Schwimmern, den bekannten Jaffa'schcn Lootsen, besetzt war, segelte zuerst ab. Jede Minute schien den Zurückbleibenden eine Ewigkeit zu sein. Endlich nach einer halben Stunde kehrte der Kahn mit dem Schiffslicutenant und mit mehr als zwanzig Weibern und 'Kindern zurück. Das war das Wichtigste, was zu retten war. Erschöpft, fast erfroren waren die Geretteten, eher lebende Leichen, als Menschen zu nennen. Kisten mit Cognac wurden herbeigeschafft und der anwesende Stadtarzt Dr. Stein leistete die erste ärztliche Hilfe. Dann segelte der zweite Kahn ab, aber noch in der Nähe des Ufers begann das Meer zu wogen, der Kahn kippte um und versank in den Abgrund. Ein Schrei des Entsetzens aus tausend Kehlen ertönte und übertäubte das Brausen des Meeres. Die sofort abgeordnete Hilfe rettete, was zu