Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 7 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7. Selbst-Emancipation. Die Thatsache ist höchst betrübend, läßt sich aber nicht hinwegleugncn, daß die einstigen Träger der reinen Gottesidce, die Verkündiger und Lehrer der höchsten Wahrheit und Moral — heutzutage zu Schülern, zu Lehrlingen ihrer eigenen Schüler und Lehrlinge herabgesunken sind, und überdies noch sich vom Vorwürfe nicht frei halten können, daß sie schlechte Schüler, unempfängliche Lehrlinge sind, und für eine Lehre, die sie selbst in die Welt hinausgctragcn, für die ihre Ahnen einst so viel Blut vergossen haben, kein Vcrftändniß mehr an den Tag legen. Oh, daß jene höchstbcscligende Wahrheit, die einst vom Gipfel des „Gottesbergcs" mit so feierlichem Pompe in die weite Welt hinausposaunt ward, sich heute in Trauerkleidcr Hünen und vor der Allmacht klagen muß: „Deine Kinder haben mich ver- Und warum das'? „Die Väter aßen Hcrlsiige, und die Zähne der Kinder werden stumpf." Ihr jüdischen Väter, Ihr seid schuld, ja, Ihr seid daran schuld, daß Euere Sprüßliugc an Euch, an Euere geschichtliche Vergangenheit, an Euer göttliches Erbe vergessen, und gegen alles, was den Inhalt des geschichtlichen und religiösen Judenthums bilden soll, so ganz abgestumpft werden. Wie war es möglich, Israel, daß das Licht, womit Du einst die Stocksinsterniß der heidnischen Welt so ruhmvoll besiegt hast, nun Dein eigenes Auge so blenden konnte'? Oder ist es etwas anders, als die Folge einer Verblendung, wenn wir uns damit begnügen und als Juden unsere Pflicht gcthan zu haben wähnen, wenn wir unsere Kinder in die christlichen Schulen schicken, sie zum eifrigen Studium der profanen Wissenschaften und der Geschichte fremder Völker verhalten, ohne ihnen, nebenbei wenigstens auch nur einen einzigen Begriff, eine blasse Idee vom Judcnthume, seiner Geschichte und Religion beibringen zu lassen'? Woher kommt cs, daß der Glaube allenthalben so geschwächt, das Band der nationalen Zusamincngchörigkeit so sehr gelockert ist'? Ist es nicht das Beispiel, das hierin die Eltern selbst ihren eigenen Kindern geben'? Der Name Jude hat für den heutigen Träger desselben seine kulturgeschichtliche Bedeutung gänzlich cingebüßt; denn der heutige Jude i'st kein IleligionSjudc, kein Nationaljudc — was ist er denn'? Jedenfalls ein Unikum! Das sind die herrlichen Früchte einer unjüdischcn Erziehung, einer charakterlosen Nationslosigkeit, einer vcrdammenswerthen Assiinilationsbcstrebung. Diese Mißgeburt einer Pserldo-Aufklärung im Schoße des Judenthums hat diesem beiweitcm mehr geschadet, als das stockdunnuc Jdiotenthmn unter der Schutzmarke des Chassidismus. Diese verderbliche Strömung hat sich in den jüngsten Zeiten wie eine epidemische Pest der jüdischen Geister bemächtigt; alles verspürt in sich den innern Drang, sich mit der christlichen Gesellschaft zu verschmelzen, einen Drang, zu dessen Befriedigung die vorangehende Berleuginnig der jüdischen Abstainmung nothwcndig erscheint. Sclbstverachtung soll hier den Weg zur Erwerbung der Achtung bahnen. Was Wunder, wenn der so entnationalisirtc und entnaturalisirte Jude, statt die erhofften Lorbeeren zu gewinnen, überall nur Verachtung und Spott begegnet. Aus der Mitte seiner eigenen Nation hat er sich selbst hinausgeworfen, zu Skii nichtjüdischcn Gesellschaften ist ihm der Zutritt noch mehr wie zuvor erschwert — wem gehört er denn also an'? 'Assimilation! Echo: Desolation! Dieser Schmach entgegen zu steuern, gäbe es nur ein Mittel: in allen jüdischen Gemeinden auf Unkosten der letztcrn moderne Schulen nach dem Systeme der alten Jcschiboth ciuzurichtcn, in denen, um in die Herzen der Jugend den jüdischen Geist ivieder auf's Neue einzupflanzen, nicht nur eine auf der Höhe der Zeit stehende allgemeine Bildung zu ertheilen, sondern auch jüdische Lehre und jüdische Wissenschaft in herj vorragendem Maße zu pflegen wären. Diese Institution allein vermöchte noch das Judenthum vor gänzlichem Untergänge zu retten. Raffe Dich doch endlich auf, Israel, aus Deinem geistigen Schlummer. Ermanne Dich, Volk Israel und zeige Dich wieder in Deinem wahren Lebenselemcnte, in Deinem wahren Lichte, in Deinem wahren Glanze! 'Rur in dem erhebenden Bewußtsein, vortreffliche Juden zu sein, sollen die 'Rachkommen Jacobs ihren einzigen Vorzug zu suchen wissen, und das elende Linsengericht einer vorübergehenden, nichtjüdischen, heuchlerischen Rolle mit Stolz verschmähen. Seid' Juden und ivahre Ehre wird Euch endlich zutheil werden! A. 'Ketscher in Stmiisln». Amworcsschri'iüen des Lord of Aberdeen. Eine Reihe von Vereinen hatte an Lord of Aberdeen, Vorsitzender des „Vereines zur- Unterstützung verfolgter Juden" in London Briefe abgesendct, in welchen der Dank für die bei der Versammlung vom 23. Februar d. I. gefaßte Resolution zu Gunsten der Aiisiedlung verfolgter Juden im heiligen Lande ausgesprochen wurde. Die ersten Antworten aus diese Dankesschrciben haben nun der a k a d e »i ische Verein „K a d i m a h" in Wien „Z i o »" in Lemberg und „Ad math Israel" inStryj erhalten. Die Briefe sind bis auf ganz geringe, durch den stlidcntischcn Eharactcr des einen bedingte Unterschiede gleichlautend. Im Nachfolgenden pnbliciren wir das an die „Kadimah" eiiigelaugte Schreiben*): London, i>» März (H1)!• <Scitt(cmcti! empfangen Sie meinen innigsten Dank für Ihre srenndliche und herzliche Zuschrift. Ihre so schätzbare Kundgebung ist sicherlich geeignet, die Spmpaihie und Theilnahine unseres Landes fiir die unterdrückten und verfolgten Glieder des jüdischen Stannnes zn erhöhen und z» vermehren. Ls wird mein Bestreben sein, die Gefühle, welche Sie mir gegenüber znin Ausdrucke gebracht haben, und deren lverth um so höher zn schätzen ist, als sie den Kerzen von Studenten entstammen, weiteren Kreisen zur Kenntnis,n bringen. Ulit aufrichtigen und besten wünschen habe ich die Lhre zu verbleiben Ihr wohlgeneigter Aberdeen. *)Das Original ist in englischer Sprache geschrieben. Die Redaetion. Grigitial- Korrespondenzen. Gesterreich-Nngarn. Wie», am 22. März 1891. Mit der am 1». d stattgehabten Plenarversammlung beschloß der akademische Verein „Kadimah" sein 16. Semester. Dem außerordentlich reichhaltigen Rechenschaftsberichte des Ausschusses entnehmen wir ein beträchtliches Anwachsen der Zahl der ordentlichen und fördernden Mitglieder. Von den seitens der Mitglieder und Gäste stets zahlreich besuchten Vortrags- und Leseabenden mögen hervorgehoben werden: 1. Verlesung der Brochure: „Auto- Emaneipation", eingeleitet von Herrn Med. Drd. Max N o s e n t h a l. 2. Diseussion über dieselbe Brochnre. 3. Vortrag des Herrn sind. jur. I. K o h n: Socialismus und Judenthum. 4. Vortrag des Herrn Drd. M. T e i ch: Don Josef Nassi, Herzog von NaxoS: 5. Diseussion über das die Schule betreffende Programm der Zeitschrift „Selbst-Emancipation", Leiter: Herr Med Dr. S. El kan. 6. Diseussion: Die confessionelle Schule vom jüdisch-nationalen Standpunkte. Leiter: Herr Med. Dr. S. S t r a ch. 7. Vortrag des Herrn Drd. T e i ch: „KoSmopolitismus und 'Rationalisnuis." 8. Vortrag des Herrn Drd. Albert Schwarz: „Die jüdische Frage in der orientalische» Frage." 9. Vortrag des Herrn stud. mcd. G. G ö tz l: „Der Jude als Arzt." 19. Vortrag des Herrn Drd. 31 osenthal: „Das Judeiikhum zur Zeit Ludwig des Frommen." 11. Vortrag des Herrn Drd. Teich: „Jehuda Halevy." 12. Vortrag des Herrn D. L ö w y: „Geschichte der Juden in England." 13. Vorlesung des Herrn Drd. T e i ch: »Die Blutthat von Damaskus." — Die Bibliothek zählt über 1009 Bände, darunter viele in hebräischer Sprache. Im VereinSlocalc liegen 44 Journale auf, darunter 7 in hebräischer, 25 in deutscher, 2 in französischer, 1 in italienischer, 2 in rumänischer, 1 in polnischer. 1 in ungarischer, 1 in englischer Sprache und 4 im Jargon. Der Rechenschaftsbericht, welcher von der außerordentlichen Rührigkeit des Ausschusses Zeugniß ablegt, wurde von der Plcnarversammlmtg mit großem Beifaile entgegengenommcn und dem gesammten Ausschüsse besonders aber dem abtretendei: Präses, Herrn Drd. Rosenthal eiiistiminig der Dank und das Vertrauen votirt. Bei der hierauf erfolgenden Neuwahl wurde» die Herren Med. Dr. Jgn. S o m m e r zum Präses, Drd. Israel C a l e b zum Bicepräses, stud med. Karl P o l l a k und S. Ta ub zu Schriftführern, stud. med. A. H. R e i ch zum Cassier, Drd. Alb. Tagger zum Bibliothekar und stud. med. Philipp Schwarz zum Hausverweser gewählt.* *) — Rühinend möge hier »och die spontane Anerkennung hervorgehobeu werden, welche Frau Lconore S m o l e « s k y dem Vereine durch Schenkung des lebensgroßen Porträts und der Werke ihres unsterblichen Gatten Peter S m olensky zutheil werden ließ. A. H. 3k. *) Interessant und für die Zusammensetzung der „Kadimah" charakteristisch ist die Claffisiciruiig der neugewählte» Aiisschußmitglieder nach ihren Geburtsländern Es stammen nämlich: 3 ans Galizien, 3 aus Mähren, 1 aus Tirol, 2 aus Rußland, 1 aus Bulgarien, 1 ans der Türkei (die letzteren zwei sind Sephardim.) Anin. der Red. Wien, den 26. März 1891. Der für den 21. d. anberaiiint gewesene Geselligkeitsabend des Palästina- Colonisationsvereines „Admath Jeschiirun" fand eiugetretener Hindernisse halber nicht statt. Derselbe ist auf Samstag den 11. 'April d. I., Abends halb acht Uhr verschoben worden. Loeale: Khuner's Restauration. k.. Börsegasse 14. Wien, den 39. März 1891. Die Wahlen in vei, neuen Gemeinderath des vergrößerten Wieir finden für den 1. Wahlkörper ani 2., für den 2. Wahlkörper am 8. und für den 3. Wahlkörper am 13. April d. I. statt' Die Liberalen dürften im günstigsten Falle mit einer so geringen Majorität im Gemeinderath erscheine», daß sie sich von der Dreisthelt der Antisemiten Vieles werden gefallen lasten müffen. Bezeichnend ist, daß die Demokraten aus Rache fiir gewisse Trenbeweise der Liberalen anläßlich der Reichsrarhsivahlen im bevorstehenden Wahlkampfe neutral bleibe» wollen. Was die Juden selbst betrifft, so nehmen sie natürlich, wie gewöhnlich, einen ganz besondere» Antheil an die Wahlen, von deren eventuell günstigen »Ausgange sie sich freilich mehr versprechen, als sic sollte», und demgemäß entwickeln sie auch einen manchmal komisch anmutenden Eifer. Wie sehr sie das Wahlresultat überschätzen, geht nnter 'Anderem aus der Thatsache hervor, daß die Ueberläuser aus dem liberalen in's antisemitische Lager sich täglich mehren, oder »och bester daraus, daß in manchen Bezirken ausgesprochene Antisemiten als „liberale" Candi-. didaten ausgestellt werden. — Unter den Candidaien der Liberalen befindet sich Herr Dr. Heinrich Friedj u n g. Derselbe, ein ehemaliger ultra-deutschnationaler Jude und Freund Schöncrcrs, nachher von letzterem „Hersch" Friedjung genannt und später auch aus der