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Selbst-Emancipation · 1891-04-01 · Heft 7 (1.4.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 7 (1.4.1891)
Date
1891-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Selbst-Emancipation. Nr. 7. der die Frage der Ansiedlung der Juden in Palästina zu erörtern hätte."*) Zn der Würdigung dieses Ereignisses bemerkt die „Hapisgah" ganz richtig, daß dasselbe zwar an und für sich kaum ein greifbares Resultat nach sich ziehen dürfte, aber nichtsdestoweniger geeignet sei, die schönsten Hoffnnngen in uns zu erwecken. Es stehe nämlich nun fest, daß die Erkenntniß der einzig richtigen, zionistischen Lösung der Judenfrage unter den Christen durchzugreifen beginne, und in Bezug daraus könne man sagen: „Das Rad ist in Bewegung und muß sich weiterdrehe n." *) Uebrigens fordert auch der „Pester Lloyd" einen europäischen Kongreß, welcher zu entscheiden haben wird, „was mit den russischen Juden gethan werde, wo man ihnen einen Platz zum Wohnsitze anweisen, und auf welchen Grundlagen und unter wessen Protectorate man ihre Existenz gründen soll. Der Erdkreis ist groß, und freien Platz gibt es auf ihm genug. Mittel für das Hinübcrttansportiren und Ausiedcln derselben am neuen Orte wird Europa um so eher finden, als dieselben einerseits als eine für lange Zeit zu gewährende Anleihe, andererseits als eine unabwendbare Ausgabe zur Zeit irgend eines allgemein menschlichen Unglücks angesehen werden müflen. Von Rußland, als dem Lande, welches die Juden los werden will, muß natürlich die Jnittaüvc in dieser Beziehung ansgehcn. An anderer Stelle haben wir auf die Nutz- und Zweckloflgkctt der Einzel-Emigration hingcwiescn, welche jetzt practtcirt und sogar von der Regierung gefördert wird. Wenn jedoch die Emigratton nach irgend einem Orte auf breiter Grundlage mit einem stteng berechneten jährlichen Maximum, und Minimum der Auswandernden organisirt, gleichsam durch Reglements geordnet werden wird, wenn die Auswanderer der vom Congresie festgestellten Disciplin sich unterwerfen und mit den nöthigen Mtteln versehen, vor sich ein bestimmtes Ziel schauen werden, so darf man kühn behaupten, daß innerhalb einer bestimmten Frist (entsprechend den Dimensionen der Emigration und der Menge der Mittel kann die Zeit genau berechnet werden, welche für eine solche llcbersiedlung nothwendig ist) Rußland von den Juden befreit werden wird, und die letzteren endlich einen Zufluchtsort finden und aufhören werden, Ausländer zu sein." — Dieser Vorschlag unterscheidet sich also von dem der Zionisten Amerikas nur dadurch, daß das „Wo" noch als ganz unbestimmt hingcstellt und die Möglichkeit, daß Palästina gewählt werden könnte, nicht erwähnt wird. Aber auch Palästina ist „freier Platz" nn Sinne seiner Bevölkerungsziffer und der darauf folgenden Aufnahmsfähigkeit neuer Ansiedler. Die Rcdaction. Die Bedeutung der «Lolomsarlon PglssttnsF fiir daF Zudenchum. Vorttag, gehatten von Dr. Nathan Birnbaum im Vereine „Admath Jeschurun" in Wien, am 31. Jänner 1891. (Schluß) Nachdem ich nun versucht habe, Ihnen zu schildern, welche tief eingreifenden und wohlthättgen Veränderungen die Durchführung der Colonisation Palästinas auf das gesamutte Judenthum üben wird, also sozusagen ein lichtes Zukunftsbild entrollt habe, wollen wir wieder zur düstern Gegenwart zurückkehren. „Warum das Sträuben gegen die Colonisationsidee?" frage ich. Ist ja die Colonisation Palästinas, abgesehen von allen weitschauenden Plänen, mindestens ein ebenso humanes Werk, als die Ansiedlung verfolgter Juden in anderen Ländern. Kann ja auch durch sie, ivenn schon nicht mehr geleistet, so doch zumindest einigen tausend verfolgten Juden geholfen werden. Ja noch mehr, sie ivürde für den Wohlthäter das Sprichwort: „Wohlthun bringt Zinsen", zur Wahrheit machen. Wollen doch die bester, ich meine politisch und social bester, gestellten Juden nicht übersehen, von welchem Vortheil für sie die massenhafte Verschickung armer Juden in ein Eolonisationsgebiet wäre; denn, je größer die Anzahl der Juden in einem Staate wird, desto mehr machen sich die Instinkte des Judenhasses fühlbar. Und, was unsere österreichischen Verhältnisse spcciell betrifft, so weiß ich ganz gut und weiß jedermann, daß die österreichischen Juden, deren Situation ohnehin nicht ganz geheuer ist, vor einer größeren Invasion russischer Juden fürchterliche Angst haben. Ich frage Sie nun aber: Was wollen Sic thun? Sie werden doch nicht mit den Antisemiten ein Einlvanderungsverbot für russische Inden verlangen. Sie wüsten sich daher um ein Ventil, durch welches der Ueberschuß an Juden aus Europa herausgebracht wird. und Ausbrüche der Volksleidenschaften verhütet werden, umsehen. Dieses Ventil für Sie, dieses Asyl für die Verfolgten kann aber bei einiger Rücksichtnahmesowohl aus die Auswanderer selbst, als auch auf die Juden anderer Länder nur Palästina sein. Dort allein mangelt die Gefahr, daß die Einwanderer eine im Lande wohnende Judenschaft und dadurch sich selbst, gefährden. Dort allein können sic binnen Kurzem das herrschende Culturelcment werden, dort allein wird ihnen niemand wagen dürfen zu sagen: „Hier seid Ihr nicht zu Hause." Und fände Zieh ein solcher Vermessener, — dort allein würde das Bewußtsein des historischen Rechtes unseren Stammesbrüdern die Energie und Elasticität für den Kampf geben, deren wir bis jetzt überall entbehrten. Ich frage also noch einmal: „Warum das Sträuben gegen die Palästma-Colonisation?" Die Antwort ist höchst einfach. Ein Unternehmen mag edel sein in seinem Ursprünge, anständig in seinen Mitteln, erhaben in seinen Zwecken, es mag tausenden Hungernden Brod, tausenden Heimatslosen ein Heim gewähren, es mag die Armen erlösen, die Neichen entlasten — so kann es unter den heutigen Juden, und besonders Oesterreichs, dennoch keine Gönner finden, wenn cs den Fehler hat ein jüdisches, dem W o h l e des G es a m m t j ud en t hu ms dienliches zu sein. Es ist die Signatur unseres österreichischen und des ganzen westlichen Judenthums überhaupt, daß cs kein Gesammtjndenthum mehr kennen will, sondern einem geradezu lächerlichen Particularismus sich ergibt. Und wofür diese Hingabe des edelsten Schatzes, den wir haben, der Zugehörigkeit nämlich zu einem sittlich auserwählten, welterlösenden Volke? Für ein Linsengericht, für ein Nichts, für einige Brosamen gesellschaftlicher Duldung, welche uns der stolze Arier herablastend zulvirft. Was wir unseren Vaterländern schuldig sind, erfüllen wir Juden ohnehin getreuer als die sogenannt autochthone Bevölkerung; wozu noch das unerhörte Opfer bringen und uns loslösen wollen von dem Kerne unseres Volkes? Wozu es thun? Sind etwa unsere Verhältnisse in irgend einem noch so fortgeschrittenen Staate Europas so stabil, daß wir die Schiffe hinter uns' abbrennen dürfen? Spcciell den Juden in Oesterreich sei es gesagt: Es ist noch nicht aller Tage Abend oder vielmehr noch nicht aller Nächte Morgen. Es kann Euch noch einmal gereuen, die Verbindung mit der übrigen Judenheit gelöst,' Theilnahme an ihren Leiden nicht'gefühlt zu haben! „Was gehen uns die ruffischen Juden an?" Man kann hier solche Worte, Gott sei Dank, nicht oft, aber manchmal hören, öfter aber kann man sic durch Unthätigkcit bcthätigt sehen. Selbst jene, welche sich Gefühl für das Judenthuin erhalten haben und ih», ihre ganze Kraft widmen, handeln, bewußt oder unbewußt, das ist glcichgiltig, nach demselben Recepte. Auch für sie hört die jüdische Arbeit an den Grenzpfählcn Oesterreichs aus. Wohin man sieht, eine erschreckende Kurzsichtigkeit selbst seitens' der besten und w ä r m st c n Jude n. Da führt man mit den A n t i s e m it e n einen tragikomischen Windmühlenkampf, einen Kam pf gegen unüb crzeu g b arc B o sh c i t und u n ü b e r iv i n d l i ch e natürliche Verhältnisse. Da sitzt man am Krankenbette des Judcnthums und beurtheilt dessen Lage nach den zwei oder drei Polterern mehr oder weniger, welche als ausgesprochene Antisemiten ins Parlament kommen, statt nach dem Judenhassc, der tief im Innern der europäischen Völkcrseelen wurzelt, um von Zeit zu Zeit verheerend hcrvorznbrcchen. Eine Reichsrathswahl wird „Entscheidungsschlacht" genannt, und hat doch für das Schicksal unseres Volkes als solches nicht mehr Bedeutung als ein Scharmützel für den Ansgang eines Weltkrieges. Ist alle diese im Rainen des Judcnthums geleistete Arbeit nicht eitel Spielerei? Werden durch zivci sich liberal nennende Abgeordnete mehr, werden dtirch Wahlcnlärm die hungrigen Mägen der russischen Juden und ihre leeren Beutel gefüllt? Können sich hunderttausendc vertriebene russische Juden aus Bcwcisschriften gegen den Antisemitismus Häuser bauen und sic vielleicht mit liberalen, dcmokaiischcii oder socialistischcn Wahlreden überdachen? Oder sind vielleicht die Söhne und Enkel unserer westeuropäischen — merken Sie wohl — ivestcuropäischen Juden von dem Judcnhaßsport, einem zweitausend Jahre alten Vergnügen der Arier, sicher, weil irgendwo ein Kirchcnfürst von den Inden Gutes sagt und das in der ganzen Welt herumtc)egraphirt wird? Kein I u d c in g a n z E u r o p a i st v o r r n s s i sch c n V c r h a i t n i s s e n s i ch e r n n d mag er auch einen Freibrief vom Papste selbst und sogar vom — österreichischen P a r l a m e n t c habe n. Und darum ist cs Pflicht der Juden, an positive Leistungen zu deuten. Gebt dein Staate, was des Staates ist, aber auch Eurem Volke, ivas ihm notthnt. Und was dein ganzen jüdischen Volke und uns österreichischen Juden als Thcil desselben dringend nothivendig ist, ist Rettung aus dem uralten Skandal, den unsere Lage bietet, ist sociale Reform für unser Volk, ist Colonisation Palästinas. Stimme aus Galizien. Wenn es wahr ist, daß dem Volke Israel von der Vorsehung die hohe Miffion zutheil ward, der Welt das Licht der Cnltur zu spenden; wenn es ferner ivahr ist, daß die Sprösslinge Abrahams, Isaaks und Jacobs. von Gott dazu auserwählt wurden, die Begriffe echter Hninanität und wahrer Religiosität dem gesainmten Menschengeschlcchtc zugänglich zu machen, so steigt jedem, der sich noch gerne Jsraeliie genannt hört, die Schamröthc ins Gesicht, wenn er sieht, , wie gegenwärtig im jüdischen Volke beinahe jede Spur dieser göttlichen Mission verschwunden ist. Wer in seinem Herzen noch einen Funken von Liebe zum jüdischen Gotte und zur jüdischen Nation aufbewahrt hat, muß sich angesichts der herrschenden Demoralisation im Schoße des Judenthumes verzwciflungsvoll fragen, ob dieses Jndenthum noch die Berechtigung babe, sich das von Gott anserwählte Volk nennen zu dürfen.

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