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Selbst-Emancipation · 1891-04-01 · Heft 7 (1.4.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 7 (1.4.1891)
Date
1891-04-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Selbst-Emancipati o n. Nr. 7. Das Nationaljudenthum sei eine A u fm u n t e r u n g d e s A n t i s c m i t i s m u s indem es dessen Fremdcnthcorie .bestätige. Sicht das nicht so aus, als-ob der Antisemitismus auf, diese Bestätigung rvarten würde? Oh, er hat nicht gewartet, er ist dreingcfahren, bevor ein bewußt, nationaler Jude existirte, geschweige denn schrieb, sprach und wirkte. Der Antisemitismus; wüthet seit anderthalb Jahrzehnteil mit stets steigernder Wucht gegen das assimilationssüchtige, nicht gegen das nationalgesinntc Israel, welches letztere hierzulande bis vor Kurzem von der allergeringsten Bedeutung und zumeist nicht einmal dem Namen nach bekanat ivar. Es hat also ganz den Anschein, als ob gerade die Assimilation eine Reizung der antisemitischen B r st i e i m B o l k r s e i, und so ist es auch. Die Fremdheit in der Nationalität ist noch nicht die Fremdheit im Staate und init Bezug auf die Bürgerrechte und, wenn der Antisemit diese beiden Begriffe dennoch confundirt, so trägt hiezu die Komik und Unnatur der assimilirten Juden nicht lvenig bei. Das Nationaljudenthum sei. ein Zurü ckw e i ch e n v o r dem A n t i s e m i t i s- ' in u s, dem man das Feld räume. Wo haben unsere . Philister plötzlich ihre Tapferkeit her? BondenjüdischenWählerversammlungen etwa, wo sie ihr „Stolzsein auf das Judenthum" beteuern und mit ihrem nutzlosen Geschimpfe wider den Antisemitismus die Massen des jüdischen. Volkes einlullen und bethören? 'Wir haben schon oft diese unsinnige Ausdehnung des Kampfes gegen , die Judenhasser verurtheilt, aber nie so sehr, als sie es verdient. Sie ist umso verderblicher, als die breiten jüdischen Volksschichten von dem Antisemitentaumel ergriffen werden, und in ihm aller weiteren Thätigkeit für Israels Hilfe enthoben zu sein glauben. So ein Candidat braucht, nur ein scharfes Wort gegen den Antiseniitisinus auszusprechen, und seine Zuhörerschaft jubelt ihm begeistert zu und meint mit einem Kennerlächeln: „Der hat's ihnen gegeben!" — Der Antisemitismus ist heutzutage die Wünschelruthe geworden, mit welcher man sich die Gunst der jüdischen Herzen erringt, und darum sind positive Hilfspläne, welche für die Beschäftigung mit dem Antisemitismus wenig Zeit lassen, ein Zurückweichen vor demselben. Der Vorwurf richtet sich besonders gegen die Palästinaidee; sie ist ja der entsetzlichste Dorn im Auge der Philister. Die Nationaljudeil wollen — heißt cs — den Antisemiten den Gefallen thun, Europa zu räumen und nach Palästina zu wandern. Abgesehen davon, daß nationalerseits an eine Gesammtauswanderung der Juden aus Europa gar nicht gedacht wird, vielmehr bloß an die Gründung eines jüdischen Centrums durch Ansiedlung verfolgter Juden im heiligen Lande und an die hiedurch für die Juden der ganzen Welt zu erzielenden Vortheile, gehört kein besonderer Muth dazu, mit' den Antisemiten sich solange herumschlagen zu wollen, bis man ja hoffentlich doch einmal in den Völkern wird aufgehen können. Mehr Muth haben wohl diejenigen zur Verfügung, welche den Kampf mit dem Schicksale aus-, nehmen und keine Schwierigkeiten scheuen wollen, um dem jüdischen.Volke eine Heimat zu erwerben. D a s w a h r e Zn r.ü ck w eichen v o r b e m A nt i s e m i t i s m u s sind die B e r suche, das S e in i t e n t h u m, das I u d e n t h u m a u f z u g c b e n, s i ch z u a s s i m i l i r e n. Der Wunsch aber, eine kräftige Wehr zu bauen, von welcher aus das Jüdcnthum kühl der Gehässigkeit der Völker zuschauen kann, ist gewiß kein Waffcnstrecken vor deni Antisemitismus. ' * Das Nationaljudenthum sei endlich Rücks ch r i t t. Der Zionismus wolle die Geschichte der Juden um drei Jahrtausende zurückschrauben. Wenn das Einer derjenigen sagt, welche sich auch um die „mosaische Religionsgemeinschaft" nicht mehr kümmern, so liegt wenigstens Conscquenz in seinem Unsinn. Er behandelt das nationale Judcnthum nicht besser als' das religiöse; — Israel mit Allem, was d'rui» und d'ran ist, ist ihm fremd, — eine alte Marotte, die man mit Stumpf und Styl ausrotten sollte. Der Mann sicht eben nicht, daß zwar seine assimilatorischen Traditionen weniger alt, aber desto veralteter als das Judenthum sind. Was soll man jedoch zu den merkwürdigen Spießbürgern sagen, welche sich von dem Mosaismus angeblich noch nicht losgcsagt haben, also officiell dessen Ideen noch, für zeitgemäß erachten, ein Nationaljudenthum aber rückschrittlich nennen, wiewohl es ja jedensalls die lebendige Weiterentwicklung der mosaischen Ideen verbürgt. Die jüdischen Philister haben eben ein eigenes und allein, echtes Reccpt für die Zubereitung von Fortschritt. Die grandiose Entdeckung der „Deutschen u. s. w. mosaischen Glaubens", ein wohlfeiler, bequemer Liberalismus, in der letzten Zeit auch ein ostentativ zur Schau getragenes Weltbürgerthum, das aber zu platt und zu liberal ist, um, wie es sollte, seine Anhänger im Gemüthe zu bessern, — das alles durcheinander gemengt, heißt dann Fortschritt. Wir aber fragen: Wo ist in diesem alten Partciplunder nur ein einziges Zeichen erquickender Herzenswärme, wo äußert sich ein Symptom des Mitgefühls mit dein. Elende der Menschheit und speciell mit dem herzzerreißenden Jammer des eigenen Volkes? Wo zeigt sich — saget es doch, mattherzige, hirnschwache, eigennützige Philister des Judenthunis! — nur eine Spur von Verständniß für die sittlichen Schäden Israels? Wie wollt Ihr mit diesem physisch, wirthschaftlich und seelisch zerrütteten Volke die Bahn des Fortschritts Hinansteigen? Geht, heuchelt ivenigstens nicht vor Euch selbst — denn, daß Ihr es vor Anderen, thut, wollen wir zu Eurer Ehre nicht annehmen — und ziert nicht Euer windiges, leeres Treiben mit dem unverdienten Namen der Fortschrittsfreundlichkeit. Sagt es heraus, daß Euch die Reform als solche nicht lieb ist, weil Ihr jede Veränderung unserer jetzigen ungesunden Lage fürchtet; daß Ihr Euch wohlfühlt bei Euren eisernen Cassen undslieber weiter hie und da einige arme Juden „gutherzig" mit Almosen bedenken wollet, statt^der Gesammtheit auf die Beine zu helfen. So saget es doch! Wir aber sagen Euch: I JHr macht die Rechnung ohne den Wirth. Ihr > überleget nicht, welch' gebrechlich' Ding jüdischer Reichthum ist, Ihr denket nicht daran, daß diese Gebrechlichkeit eine Folge unseres Volkselcndes ist, Ihr seid unglaublich kurzsichtig! Nicht der Mammon wird .Eure arm gewordenen Enkel retten, — sondern unser Nationaljudenthum, unser von Euch, gedanken- und gemüthsarmcn Spießbürgern, belächelter Zionismus. Dir aber, gedemüthigtes und von Deinen Führern vcrrathenes jüdisches Volk rufen wir warnend zu: „P h i l i st e r über Dich!" Wache auf und zeige Dich, wie Simson in Deiner Kraft! Zerreiße die Fesseln, welche Verbortheit und Beschränktheit um Dich gewunden haben und bcmeisterc Deine — Philister! B. Mgtznivort an alle Vereine für die Kolonisation WaWinaF! (Ein Zuruf au? dem Deutschen Reiche.) Viribus unitis. a Bon alle dem, was uns die systematische Assimilation geraubt hat, ist nichts, was mehr vermißt wird, als die jüdische Solidarität, nicht s, was mehr geschadet hat, als die Einbuße von Einigkeit und Eintracht. „Wir , wollen einig sein," das ist ein Stuf, der ganz Israel durchhallen sollte, einig im Fühlen, einig im Handeln, einig im Kämpfen. „Einheit des Gcsammtjudenthnms" ist ja auch die erste und vorzüglichste Forderung, welche die Jüdisch-Nationalen, an alle ihre Brüder richten. Daher müssen wir, soweit es in unseren Kräften steht, an der Nealisirung dieser Forderung arbeiten und vor allein mit dem größten Aufivande aller unserer Kräfte dahin wirken, daß wenigstens wir, die wir doch die Einheitspartei des Judenthums bilden, eine Einheit seien. Wohl schlagen unserer aller Herzen gleich warm für Zion, wohl lieben wir alle unser Volk gleich innig, aber ein einheitliches Handeln geht uns ab, zum gemeinsamen Kampfe fehlt uns der gemeinsame Feldzugsplan. Es ist ja nicht das erste Mal, daß in diesen Blättern der. Ruf nach Organisation erschallt. Wurde doch sogar die „Alliance Zsraelitc Universelle" in denselben aufgesordert, die Führung zu übernehmen. Aber dieselbe hat keine Miene gemacht, sich an der heiligen Sache zu betheiligen, geschweige denn an die Spitze zu treten. 9hm, so müssen wir uns selber helfen! Daruin dürfen wir aber nicht bloß müßige theoretische Betrachtungen über den hohen Werth einheitlichen Handelns anstellen, sondern müssen vor allem praktisch e . Vorschläge machen, wie die Organisation möglich gemacht werden kann. Und hierzu mag uns ebendie „AllianceJsraelitc Universelle" als Muster dienen, d. h, die Alliance, ivie sie augenblicklich besteht, nicht ivie sie allmählich entstanden ist, Dies wäre auf die Weise zu ■ erreichen, daß alle Colonisationsvereine sich dahin vereinigen, daß sie einen allgemeinen Delegirtentag beschicken, der von einem der Vereine einzuberufen ist. Am geeignetsten hiefür, sowie zur Festsetzung' von Zeit und Ort dürfte der große „r u s s is ch -j üd i s ch-w i s s e n s ch af t l i ch e V e r e i n i n B e r l i n" aus dem Grunde sein, weil er einerseits als russischer Verein in seiner Heimat nicht ohne Bedeutung ist, anderseits aber

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