Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 6 (16.3.1891)
- Date
- 1891-03-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. Selb st -E mancipatio n. Seite 5. von Bedeutung. So steht es mit der vielverheißendeu Aufklärung im polnisch-nationalen Geiste, einem Programm, das schon deßhalb ein utopisches genannt werden muß, weil cs in sich Widersprüche enthält, weil es mit den nationalen Eigenschaften der Juden, ihrer psychischen Veranlagung und ihrer großen ethnologisch begründeten Widerstandskraft nicht rechnet. Hingegen ist die Annahme des Herrn Dr. Daniel nicht nur geradezu eine geschichtliche Vergewaltigung, sondern auch eine contradictio in adjecto. Er stellt etwas als Behauptung auf, was ja doch eigentlich erst bewiesen werden soll. Es ist leicht zu sagen, die Juden seien schon in der Wiege Polen, weil ihre Eltern Polen waren, aber iver hat den das letztere zugegeben oder bewiesen? Herr Dr. Daniel hat sich in allen seinen Ausführungen auch nicht im Entferntesten bemüht, einen derartigen Bcivcis zu erbringen. Mit demselben Rechte könnte er ja behaupten, daß alle in Böhmen geborene Juden Böhmen, — und warum nicht auch Deutsche? —, alle in Bosnien geborenen Juden Bosniaken und die im Zululandc geborenen Juden Zulu-Kaßern seien! Der Hauptirrthnm in Dr. Daniels Ausführungen ist auf den völligen Mangel einer Unterscheidung zwischen dem Patriotismus und dem N a t i o n a l i t ä t s g e f ü h l zurückzuführen. Diese Verwechslung gelangt recht häufig zum Ausdruck. So schreibt er z. B.: „Wenn die polnische Gesellschaft unter den Juden wahre p o l n i s ch c Patrioten haben will, muß sic vor Allem ihr absolutes Recht auf das Polcnthum anerkennen"; dann an einer anderen Stelle: „Ich kenne die Heranwachsende jüdische Jugend, sie ist d u r ch und durch p a t r i ot i s ch",*) und emphatisch ruft er selbst zum Schlüsse aus: „Glauben Sie mir, auch ich liebe unser Vaterland, so wie Sic.". Solche u. drgl. Ausführungen finden ihren Platz neben der Forderung auf absolute Anerkennung des Polenthums. Ob der besprochene Streit die so wichtige Frage nach der Zukunft der großen Masse der galizischen Juden, die doch den eigentlichen unverdorbenen und von opportunistischer Strebersucht noch nicht angekränkelten Kern bilden/ auch nur um einen Schritt vorwärts bringen ivird, muß sehr in Zweifel gezogen werden. Hier ist noch ein großes Stück Eultur-Arbcit zu erfüllen, und eine solche wird weder durch in scheinbar wissenschaftliche Form gekleidete Phrasen, noch durch die Anpreisung unerreichbarer Ideale gelöst. Jawohl, brechet die Ketten des Fanatismus, gebet den Entfesselten „mehr Licht", lehret sic ein menschenwürdiges Dasein führen und einem sicheren Morgen entgegensetzen und dann mögen sie sich selbst entscheiden, ob sie in ihrer nationalen Eigenheit beharren, ob sie den Faden ihrer eigenen Geschichte weiter spinnen, aber auch ihrem Vaterlande treue Bürger sein, oder ob sic ihre alte ruhmreiche Fahne verlaßen und auf dem Altäre fremder Götter opfern wollen. Saul Raphael. *) Also n u r patriotisch und nicht national? Griginal- (Lorrespondenzen. Gesterreich-Angarn. Wien, den 13. März 1891. Samstag den 28. v. M. fand ein-Geselligkeitsabend des Vereines „Admath Jeschurun" in Hernfeld's Restaurationslocale (II., Franz Josefs-Quai) statt. Die Rede des Herr Dr. Siegmund El kan „über die Zionsidee in der Jetztzeit" wurde höchst beifällig ausgenommen. Der Vereinspräsident, Herr Dr. Moritz S ch n i r e r machte von dem Eintreten des Londoner christlichen „Vereines zur Unterstützung verfolgter Juden" für die Palästinasache Mittheilung, worauf Herr Dr. Nathan B i r n b a u m die Erwartung aussprach, daß voin Vereine eine Dankesadresse nach London abgeheir werde. Der musikalische Theil des 'Abends bot sehr schöne Gesangsproductionen der Frau Lettner und des Herrn Ingenieurs Liebm a n n unter Clavicrbcgleitung der Frau Doctor G o l d b a u m. Wie sehr die Abende des Vereines an Freunden gewinnen, zeigt der Umstand, daß sich der Saal, welcher bislang stets zureichtc, bereits als zu klein erwies. Der diesmonatliche Gcsclligkeitsabend des Vereines wird daher schon in einem größeren Locale, R e st a u r a t i o n Kühner, I, B ö r s e g a s s c vis-a-vis der Börs c, upd zwar am 21. d. Mts., Abends 8 Uhr stattfinden. Da das Programm besonders reichhaltig (zuletzt auch ein Tanzkränzchen) und der Abend wahrscheinlich der letzte in dieser Saison sein wird, mögen alle Mitglieder uud Zionsfreunde in Wien erscheinen. Von Mitgliedern eingcführtc Gäste sind herzlich willkommen. ba Wien, 12. März 1891. Herr Dr. Carl von Kißling in Linz hat einen Aufruf zur Gründung eines „Vereines zur 'Abwehr des Antisemitismus" nach deutschem Muster crlaffcn. Die Gründung ist im Zuge. Der Wille ist gewiß zu loben, aber man erlaube uns, über die möglichen Erfolge eines solchen Vereines gerade so skeptisch zu denken, wie über die zu erwartenden Resultate des deutschen Vorbildes selbst. Lemberg, am 22. Adar 5651. Gestern Abend las Herr Nathan S a m u c l y, der rühmlichst bekannte 'Novellist, im hiesigen, jüdischnationalen Vereine „Zion " vor einem zahlreichen distinguirten Publikum beider Geschlechter seine jüngst verfaßte Novelle „Jankele" vor und fand reichlichen Beifall. — Nach dieser Vorlesung fand die außerordentliche Generalversammlung des Vereines statt. Der Obmann, Herr Dr. I. Feld, theilte mit, daß er leider gezwungen sei, aus privaten Gründen von der Obmannsstelle zurückzutreten Die Versammlung nahm den Rücktritt mit Bedauern zur Kennrniß. Herr Dr. Feld erklärte noch ausdrücklich, daß er der nationalen Idee treu bleibe und alle Energie weiter daran setzen werde, dieselbe vorwärts zu bringen. (Bravorufe.) Die hierauf vorgcnommene Wahl ergab den bisherigen Vice-Obmann Herrn Carl Stand als Obmann und Herrn David H e s ch e l e s als Vice-Obmann. 5. Lemberg, den 9. Mär; 1891. Der . Verein „Zion" in Lemberg hat über Anregung seines hochverehrten Ehrenmitgliedes Herrn Dr. Rüben Vierer in Sofia an Baron Hirsch nachstehende Resulution abgesendet, und geht alle jüdisch-nationalen und Palästina-Colonisations- Vereine an, ähnliche Memoranda*) an Baron Hirsch zu versenden. Die Zuschrift lautet: Hochwolgeborner Herr Baron! Der Verein „Zion" in Lemberg drückt seinen tiefgefühlten Dank dem großen Sohn Israels, dem unnachahmlichen Wohlthäter wegen der großartigen Stiftungen, die Euer Wohlgeboren in Galizien zum geistigen und materiellen Wohlc Israels geschaffen haben, ans. Der Verein drückt seine zuversichtliche Hoffnung aus, daß es gewiß in den Intentionen Euer Hochge- *) Wenn so ein Memorandum nur etwas nützen würde. Bacon Hirsch hat deren schon viele, und auch solche, welche ausführlich das Thema behandelten, zugcscndct erhalten. Ob er sie auch gelesen, ist bei der Taktik seiner Berather fraglich Uebrigens werden die hiesigen Gesinnungsgenossen cs noch einmal versuchen und ein gründlich ausgearbeitetes Memorandum an Baron Hirsch absenden. Die Red. boren, des hochherzigen Stifters liegt, unseren Brüdern die Liebe zu ihrem alten Stamme, zu ihrer Heilslchre und zu ihrer unvergleichlichen Geschichte einzuflößen. Um aber deren jüdisches Bewußtsein zu heben und zu stärken, ihre Zusammengehörigkeit fester zu knüpfen, und dieselbe widerstandsfähiger zu machen, bedarf es der Pflege der nationalen, der hebräischen Sprache und der Geschichte in alle» den Schulen, welche durch Hochwolgcborcn ins Leben gerufen wurden. Die national-jüdische Partei wird eben nur solchen Institutionen ihre volle Sympathie entgcgenbringcn und dieselben nach Kräfte» nnterftützeu. Weiters gestatten wir uns Euer Hochwolgcboren folgende von uns gefaßte Resolution zur geneigten Kenntniß zu bringen: In Erwägung dessen, daß die Colonisirung des heiligen Landes in so vortheilhafter Weise vor sich In Erwägung dessen, daß Erez Israel das urangestammte Land unseres Volkes ist, dem alle unsere Gefühle gehören, und Jedermann von uns dessen Colonisation mit allen Fasern unseres Herzens, mit der ganzen Gluth unserer orientalischen Empfindungen herbeiwünscht, In fernerer Erwägung, daß Erez Israel traditionell schon Erez Hazwi genannt wird, erlauben wir uns ergebenst Unterzeichnete im Namen jedes echten Juden an die Hochherzigkeit Euer Hochwolgcboren zu appelliren: Euer Hochwolgeborcn möge seinen Namen auf das hcUige Land übertragen, diesem seine beglückende und mächtige Protection verleihen und dahin seine Colonisirnngspolitik und nicht nach überseeischen fremden Gebieten lenken. Damit Israel den 'Rainen des hochedlen Baron Hirsch für alle Zeiten segne! Zum Schlüße gestatten wir uns Euer Hochwolgcboren die ergebene Mitthcilung zu machen, daß der Verein einstimmig beschlossen hat. Euer Edlen zum Ehrcnmitgliede zu ernennen. Lemberg, 8. März 1891. In aller Hochachtung und Verehrung verharren wir mit Zionsgruß Verein „Zion". Dr. David Hescheleü Carl Stand Obm.-Stcllvertretcr. Obmann. Ausschußmitglied. Der Verein „Zion" hat auch an den neu gegründeten Colonisations - Verein in Stryj „Admath Israel" eine Gratulationszuschrift ab- Tarnotv, am 10. März 1891. Der vierte und fünfte März dieses Jahres werden sich ins Gedächtnis der Tarnower Juden tief einprägen und auf ihr künftiges Verhalten den Assimilationsschwärmern gegenüber einen bedeutenden Einfluß ausüben. Die Vorkommnisse dieser beiden Tage haben uns deutlich gezeigt, wie viel wir von der papiernen Gleichberechtigung, die uns die Arier gewährten, zu erwarten haben. Wie ich in der vorigen Correspondenz Ihnen mitgetheill habe, wagten die Juden, einen aus ihrer Mitte als Reichraths-Eandidaten aufzustellen. Das rasche Umsichgreifen des Antisemitismus und der klerikalen Reaction in Oesterreich, specieall aber in Galizien hat die Tarnower Inden bewogen, Herrn Dr. Elias Goldhammer als den ausgesprochenen jüdischen Mandatsbewerber aufzustellcn und dies umso mehr, als derselbe sich auch unter den hiesigen Christen wegen seiner fortschrittlichen Gesinnung eines bedeutenden Anhangs erfreut. Das jüdische Wahlcomitä erließ an die jüdische Wählerschäft einen warmen hebräischen Aufruf, aus dem folgender Passus hervorgehoben zu werden verdient: „Geehrte Wähler! Wir glauben, daß jeder, der nur den Namen Jude trägt, über die jetzige Situation der Juden und über die jetzigen Strömungen, in die wir leider hineingerathen sind, keiner besonderen Aufklärung bedarf; — wer nur Gott