Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 6 (16.3.1891)
- Date
- 1891-03-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Nr. 6. den tapferen Rabbiner, sondern auch den wahren Volksmann sehen möchten. Wir bitten ihn und rathcn ihm, diese Eventualität im Auge zu behalten und seine Handlungsweise darnach einzurichten. Das kann uns, die wir jetzt nur seine halben Freunde sind, zu seinen ganzen Freunden mache», und wenn dies nirgends in Oesterreich von Werth ist — i m W a h l k r e i s e d c s H c r r n Dr. I. S. B l o ch g c w i ß. Die übrigen Elemente, aus welchen sich der neue Rcichsrath zusammcnsctzt, sind zu geringfügig, als daß sie auf. den Gang der Dinge überhaupt, oder aber auf das Schicksal der Zuden in Oesterreich irgendwie bestimmend einwirkcn könnten. Zu bezeichnen wäre schließlich noch der Uinstand, daß allgemein der» neuen Parlamente nur ein kurzes Leben, also eine baldige Auflösung profczeit wird. Die Bedeutung der Coicmifaticni Palästinas für daF Iudemhum. Vortrag, gehalten von Dr. Nathan Birnbaum im Vereine „Admath Jeschurun" in Wien, am 31, Jänner 1891. (Fortsetzung.) Sic wundern sich, daß ich von Erlösung spreche, wenn, sagen wir auch, fünszigtauscnd russische Juden im Laufe des nächsten Jahres, in Kanaan angesiedclt werden. Ich will da vorausschicken, was ich schon einmal andeutetc: Wer den unglücklichen, verfolgten Juden verspricht, ihnen baldige Hilfe zu bringen, schneidet ans. Millionen erbarmungswürdiger Menschen kann nicht im Handumdrehen geholfen werden, ja es kann ihnen überhaupt nicht allen geholfen werden. Da ist es Pflicht des wahren Menschenfreundes und Volksfreundes, soviel als möglich geschehenes Unglück zu beheben, aber dabei ja nicht zu verabsäumen, vorzusorgcn, daß künftighin überhaupt weniger derartiges Unglück geschehe. In crsterer Hinsicht ist die Palästina-Colonisation mit anderen Hilfsactionen gleichzeitig in Amvendung zu bringen, in zweiter kann sic a l l c i n nur von Wirkung sein. Es ist ja klar, daß'im Momente nicht alle verfolgten Juden nach dem heiligen Lande gebracht werden können, auch mit den größten Geldntitteln nicht. Es wird daher am Platze sein, einem Theil derselben die Existenz im alten Vaterlande auch unter den gedrücktesten Verhältnissen zu ermöglichen, theilweise aber auch eine Auswanderung in verschiedene Länder zu begünstigen und zu leiten Nie aber wird man daran vergessen dürfen, daß dies nur provisorische Maßregeln sind, um einer Augenblicks-Verlegenheit abzuhelfcn, und daß man darüber nicht die Zukunft d. h. eine definitive Rettung außer Acht lassen dürfe. Gerade die besten und tüchtigsten unter den verfolgten Juden wird man dazu ausersehen müssen, Pionniere der nationalen und socialen Erlösung Israels zu sein, ihm ein Asyl in seinen Ahncnlande zu gründen. Geht inan so vor, dann ,vird die Zahl der jüdischen Ansiedler in Palästina immer größer, das Land immer cultivirter und ergiebiger, und immer iveniger wird man auf andere Maßnahmen zurückgreifcn müssen, uni die Opfer gehässiger Gesinnung zu retten; immer mehr wird die sociale Reform, die Präventivwohlthätigkeit auch Gelegenheit zur Uebung der Repressivwohlthätigkeit bieten, bis sie sie endlich nahezu überflüssig machen wird. Das nationale Ce nt rum des jüdischen Volkes, in welchem sich die Hälfte desselben an sammeln kann, wird schützend auf die andere Hälfte wirken, welche in der Zerstreuung zurückgeblieben sein wird. Die Zahl der Juden in Europa und Amerika wird sich derart vermindert haben, daß antisemitische Anwandlungen höchst selten Vorkommen werden. Und wenn schon, — nun dann wird jeder Jude wissen, wo ihn Bruderarme erwarten. Meine Damen und Herren! Sie iverdcn nun fragen, warum soll denn Alles dies in Palästina Vorgehen, warum nicht in Amerika, in Australien, am Congo? Die Frage ist nicht ganz ohne, aber die Antwort einfach. Wir hätten nur dann Grund, von dem durch unsere Vergangenheit geheiligten Loden abzukommcn, ivenn er unfruchtbar, für die Zwecke der Civilisation ungeeignet wäre. Dies ist er aber nicht, vielmehr ist das Gegentheil durch die Versuche klargestellt. Ein ungeheurer Ncichthum an Schätzen der Erde, ein üppiger Boden, ein nicht zu heißes und ein gesundes Klima, die Nähe Europas — was sollte uns veranlassen, das Land unserer Väter zu beschämen u nd a uf d i e m o r a l i s ch e n Einwirkungen des Z i o n s g c d a n k c n s aus die Volsmasscn zu o e rzi chtcn? Weil ich von den moralischen Einwirkungen spreche, so erlauben Sie mir auch diesbezüglich einige Bemerkungen. Wir leben in einer m a t c r i a l i st i s ch e u Zeit, d. h. in einer Zeit, die den Stoff über den Geist, das Geld über die Gesinnung, die Macht über das Recht, die Selbstsucht über das Mitleid stellt. Und obwohl uns hicriit die Arier nichts nachgcben, möchten sie uns doch gerne die ganze Vcrantwortring in die Schuhe schieben. Dieses Vorgehen gewinnt dadurch einen Anschein von Berechtigung, daß uns unser aufoctroyirtcr Handelsbcrus mehr Gelegenheit zur Bcthätigung materialistischer Gesinnung, und noch dazu in unnoblercn Erscheinungsformen, gibt. Aus diesem Pfuhle des Materialismus aber müssen wir heraus, sonst ersticken wir in ihm, — und das ivärc ein gar zu garstiges Ende für ein Volk, welches die Bibel, den Urquell alles wahren Idealismus, der Welt schenkte. Darum muß ein beträchtlicher Theil unseres Volkes an den Pflug und in steter Berühruitg mit der göttlichen Natur, sich Natürlichkeit holen. Nur dann hat unser Volk Aussicht, sittlich zu gcsun-' den, und den Staub abzuschüttcln, den cs auf seiner langen Wanderung gesammelt hat, und der anderen Völkern gut passen mag, ihm aber gewiß nicht. Nur in dieser versittlichten Form ivird es die Gemeinschaft crhalteit können, die den ewigen Schutz Israels bilden soll. — Das ist aber nur in Palästina gesichert. Es ist zu nah von Europa, als daß die Juden darin versumpfen, und zu entlegen von dessen Tummelplätzen des Materialismus, als daß sic darnach erfolgreich Gelüste tragen könnten. Anderswo aber, in der Nähe der arischen Ncsideiizcn der Gcldwuth, wird cs sie zu den gewohnten Beschäftigungen mit zauberischer Gewalt locken. Die Dörfer' werden leer iverdcn, die Pflüge verrosten; Schacher, Nervosität und Elend iverdcn wieder in ihre Rechte treten, uiid das alte Spiel voii neuem beginnen: Zehn Jahre Schonung und fünfzig Jahre Schläge. (Schluß folgt.) Verstockt ohne Ende. „An den hochlöblichcn kaiserl. königl. nicdcrösterreichischen Landesschulrath in Wien. Viele Väter israelitischer Schüler stellen die Bitte, veranlassen zu wollen, daß der hebräische Sprachunterricht vopi israelitischen Rcligionsuiiterrichte ausgeschieden werde". — Das ist nur das „Rubrum" des Gesuches „vieler Väter israelitischer Schüler". Wenn man nun erst den Inhalt liest. Es ist unmöglich, mehr Verrath am eigenen Volksthum, mehr bornirte Verbohrtheit in ein abgekrachtcs System,, mchr traurigen brutalen | Materialismus, mchr Phrasen auf einige Blätter , Papier zu bringen, als es in dieser Petition geschehen ist. Die Herren Gesuchstellcr haben eben in ihrem veralteten Assimilationszopf keine Ahnung, daß ein neuer Wind wehr, welcher mit ihren abgenagtcn Theorien aufräumcn wird. Wir halten cs auch nicht für nöthig, ihr Geschreibsel punktweise abzuthun, da ja unser Blatt ohnehin seit Jahr und Tag eingehend genug die Richtung bekämpft, welche jenes verfolgt. Aber wir sind fest entschlossen, diesmal ein Wörtchen mitzusprechen. E s m u ß innerhalb de r n ä chst e n W o ch e n e i n e G eg cn p eti ti o n an den kaiserl. königl. n i e d e r ö st erreich i s ch c n L a n d e s s ch u l r a t h a b g ch e n und wir bitten alle j e n c Familienväter, welche geneigt sind, eine solche Gegenpctition zu unterschreibe n, li u g ihre Adresse h h mgchend bckanntzugeben. _Die Ncdaction. Lin Lapitel zur Geschichte der Assimilation in Galizien. (Schluß) So stehen nun Herr Stärket und Herr Dr. Daniel bezüglich der nationalen Wiedergeburt der Juden auf einem verschiedenen Standpunkte. Doch sehen wir bei letzterem wenigstens mehr Conscquenz in der Jnconscqncnz; er ist, das Nationalitätsgcfühl und die Vaterlandsliebe verwechselnd, principicll der Ansicht, daß der galizische Jude schon in der Wiege ein Pole sei, weil aus eben demselben falschen Grunde schon sein Vater und Großvater (im Ghetto?) Polen waren. Herr Stärket dagegen gibt, indem er die Juden erst zu Polen m achen will eo ipso zu, daß sie cs noch nicht find. Da cs aber eine Nationalitätslosigkcit durchaus ^nickst gibt, so sind sie ja doch nichts anderes als nationale Juden! — Und kann denn der ethnologisch begründete Nationalitätsstcmpcl durch einen künstlichen Prozeß, durch bloßen Gcdankenwechscl, durch opportunistische Gesiniiungs-Acndcrung beseitigt werden? .Herr Starke! fordert behufs Erreichung der von den Assimilatoren angcstrebtcn Ziele vor Allein die Erhöhung des.Intelligenz-Niveaus der großen Masse, er fordert Aufklärung im polnisch-nationalen Geiste, „eine Aufklärung, die auch die Gesiniiuiig und Ueberzeugung bilde." Wenn Herr Starke! unter Aufklärung die Befreiung vom Fanatismus, die Hinfnhrung einer immer größeren Masse zu einem menschenwürdigen Dasein versteht, so stimmen wir gewiß mit ihm überein, aber dies genügt ihm nicht, es soll eine Aufklärung im nationalen Sinne Platz greifen und auf diese Weise das oben bezcichncte Ideal erreicht werden. Aber wenn Ideale nicht dazu bestehen, um nach dem bekannten humorvollen Anssprnche des Grafen Taaffe nie erreicht zu werden, so müssen wir doch fragen, wer soll denn das Volk zn jenem gepriesenen Ideale vorwärts leiten, wer und wo sind diese Pionnicrc der Zukunft, unter deren bewährter Führerschaft die richtige Bahn nicht nur bcschritten, sondern auch überschritten werde? . . . Herr Dr. Daniel verweist auf das Gros der jüdischen Jugend, jener Jugend, der jedes jüdische Gefühl abhanden gekommen ist, die mit Jubel dem vor Ignoranz strotzenden Ausspruche eines Dr. K. in Krakau applaudirt, daß die Geschichte der Makkabäer ins Reich der Ammenmärchen gehöre! Schon diese Thatsache ist für die Frage nach der jüdischen ©eite*) des Starkel'schen Ideales *) Siehe ersten Artikel in Nr. U d. Jahrg. Die Red.