Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 6 (16.3.1891)
- Date
- 1891-03-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6. Selbst-Emancipation. Seite 3. und hat auch weiter keine Verpflichtung, specieller Vertreter jüdischer Interessen zu sein. Das Letztere gilt auch von Professor Exncr, wiewohl er vor Juden seine Aeußerungeu that. Beide Parlamentarier sprechen für ihre Partei und deren Lieg, und sie thun genug, wenn sie überhaupt den Antisemitismus verdammen. Wir aber haben alles dies nur als passende Einleitung zu einem Berichte über den Ausfall der Neichsratswahlen bringen zu müssen geglaubt. Keine Zeit kann ungelegener sein, um zu den Juden ein ernstes Wort zu sprechen, als eine solche Wahlperiode. Im wirren Streit der Parteien und Persönlichkeiten verliert der Mahnruf, auch den höchsten und gemeinsamen Interessen des Jndenthums ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken, jede Wirkung. Vielleicht ivirds diesbezüglich nach den Wahlen besser, umsomehr, als diese eine gute Illustration der wahren Lage Israels bilden, d. h. für die, welche nur Augen haben, um zu sehen, bis auf den Grund der Dinge zu sehen. Und jetzt wollen wir endlich unserer Pflicht der Berichterstattung Genüge thun. Kleine Randbemerkungen müssen uns aber unsere Leser auch jetzt noch gestatten, denn sonst wäre eine Würdigung des Wahlresultats nach allen Richtungen hin nicht denkbar. Die D e u t s ch l i b e r a l c n. Dieselben treten als größte Partei (109) in den Rcichsrath und sind von umso größerer Bedeutung, als sich nach dein übrigen Ausfall der Wahlen eine Majorität gegen sie nicht gut bilden lassen wird. Die Juden erwarten noch immer sehr viel von ihr, umsomehr als sie Aussicht hat, Rcgieruugspartei zu werden. Ob diese Erwartungen berechtigt sind, wird die Zukunft lehren. Bon dem hinter dieser Partei stehenden großen Theilc des deutschen Volkes in Oesterreich gilt das Wort Exners vom stillen, unauffälligen Antisemitismus. .Den Beifall ihrer Wähler können sich die liberalen Abgeordneten nur durch eine sehr platonische Jndenfreundschaft erwerben. D i e A n t i s e m i t e n. Die Jndcnhaffer aus Profeffion beschicken das Parlament. 15 obligatorische Antisemiten, wie wir sie zum Unterschiede von den sogenannten facultativen Antisemiten nennen niöchten, und 18 Antisemiten letzterer Gattung ergeben eine Gesammranzahl von 31 Antisenütc». Zur ersten Gruppe gehören die Christlich-Sozialen (mit klerikaler Färbung), die Anhänger Pattai's (couservativ und österreichisch-patriotisch), die Deutschnationalc» Berganischer Richtung (mit österreichisch-patriotischen Anwandlungen), die Deutschnationalen Schönerer'schen Richtung (ultranational, prcußcnfreundlich, bismarckianisch). Die zweite Gruppe von Antisemiten mit facnltativeni, wie sie selbst es nennt, mit aufgeschobenem, oder diplomatischem Antisemitismus, wie wir es bezeichnen möchten, heißt die Steinwender-Gruppe; sie ist deutschnational, wie die Schönercrgruppe, mit der sie stark sympathisirt und von welcher sie nur persönliche Gegensätze zwischen den Führern und eine kleine Verschiedenheit in der Ansfassuug des Antisemitismus trennen. Die 'Antisemiten haben zwar in einigen Bezirken, in welchen sie früher dominirten, Mandate an die liberale Partei verloren. Das läßt sich aber ganz gut und nicht zum großen Trost für die so leicht getrösteten Juden daraus erklären, daß der Liberalismus — weniger philosemitisch geworden ist und nun viele judenfeindlich gestimmte, aber ordnungsliebende Wähler lieber einen „stillen" Liberalen, als einen Schreihals in den Neichsrath entsandten. Umso bedrohlicher ist das Anwachsen der antisemitischen Bewegung in Mähren, wo die Antisemiten recht beträchtliche Minoritäten errangen und am bedenklichsten die Lage in Wien und N i e d e r ö st e r r e i ch. Hier ist das Ergebniß das traurigste. Von 8 Landwahlbczirken Niedcrösterreichs wählten 7 antisemitisch und der eine übrige klerikal. In den Städtewahlbezirken Niederöstcrrcichs ist die oben crivähnte Besserung (?) eingetreten, indem nur in einem derselben ein Antisemit gewählt wurde. Dagegen ist das Wahlrcjultat in Wien ein geradezu niederschmetterndes. Bon den eilf Wahlbezirken, welchcdie neunzehn Stadtbezirke Großwiens bilde», wählten sieben Wahlbezirke (fünfzehn Skadtwahlbezirke umfassend) antisemitisch. Gewählt wurden sieben Antisemiten und sieben Liberale. Dieses Verhältniß ergibt sich daraus, daß die innere Stadt allein 4 Abgeordnete wählt, während die übrigen zehn Wahlbezirke nur je einen Abgeordneten wählen. Das Wahlcrgebniß wird für Rückschlüsse auf die Volksstimmung umso geeigneter, wenn man noch Folgendes in Erwägung zieht: Der erste Stadtbezirk (Junere Stadt Wien), welcher liberal wählte, besteht zum überwiegenden Theile aus Großcapitalistcn und Großindustriellen, welchen sich noch die hier sehr zahlreich vertretene jüdische Handelswclt anschließt; im ziveiten Bezirk (Leopoldstadt), welcher ebenfalls liberal wählte, ist die Hälfte der Wähler jüdisch, so daß in diesem Stadttheile ohne die Juden eine geradezu erbärmliche Niederlage der Liberalen stattfindcn müßte; der dritte Wahlbezirk, (Landstraße), der auch einen liberalen Abgeordneten aufs Schild erhob, erfocht den liberalen Wahlsieg nur deshalb, weil ein antisemitischer Candidat, welcher gegenüber einem andern antisemitischen Candidatcn keine Chancen hatte, seine Anhänger für den Liberalen stimmen hieß; im neunten Stadtbezirke (Alsergrund) endlich, der ebenfalls liberal wählte, geschah dies in engerer Wahl mit einer kleinen Stimmenmehrheit, die von der Anzahl der jüdischen Stimmen mindestens um das Dreifache übertroffen wird. — Der 4. und 10. Bezirk, (Wieden und Favoriten), der 5. Bezirk (Margarethen), der 6. Bezirk (Mariahilf), der 7. Bezirk (Neubau), der 8. Bezirk (Josefstadt), der 11. bis 19. Bezirk (in zwei Wahlbezirken mit den Hauptorten Hernals und Sechshaus), ivählten antisemitisch. Unter den Wahlkämpfen erregte der zwischen Dr. K r onawetter, .Kandidaten der Fortschrittsparteien, und Prinzen Liechtenstein, Candidaten der Christlich-Socialen, geführte die größte Spannung. Es kam zur engeren Wahl, welche jedoch nur dadurch hcrvorgcrufen wurde, daß 1500 deutschnationale Antisemiten im ersten Wahlgange für ihre eigenen Candidaten (den Verganianer Fraßl und den Schöncrcrianer Hipp) stimmten. In der Stichwahl erhielt Fürst Liechtenstein 4320 Stimmen, Dr. Kronawetter nur 3179 Stimmen. Ebenso riesig ist die Majorität des Mechanikers Ernst Schneider (christlich-social), tvelcher schon im ersten Wahlgange mit 1400 Stimmen seinem liberalen Gegner in Sechshaus vorkam. Groß ist auch die Stimmenmehrheit, welche Dr.Lueger (christlich-social) gegenüber dem liberalen Fabrikanten Gerhardus iin Bezirke Margarethen errang (2159 gegen 1524). Bezeichnend ist, daß in diesem Bezirke die Demokraten bei der durch sie, die Socialdemokraten und Czechen veranlagten Stichwahl sich größtentheils der Stimmenabgabe enthielten oder direct für den Antisemiten stinimten. Die Demokraten zeigten sich auch auf den Neubau als — nicht vorhanden, da der dortige demokratische Candidat Kreuzig ohne die Stimmen der Inden und der anderen Liberalen noch glänzender dnrchgefalle» wäre als er ohnehin gegen seinen Gcgencandidaten Dr. G e ßm a n n durchgefallen ist. Auch der jüdische Demokrat Professor Dr. B e n e d i k t ist im Bezirke Mariahilf mit 1200 Stimmen gegen den antisemitischen Candidaten Dr. Robert Pattai, der 2000 Stimmen erhielt, unterlegen. Bedenkt man noch, daß mindestens die Hälfte seiner 1200 Stimmen auf jüdische Wähler entfällt, so sieht man erst recht, wie wenig Grund Dr. Benedikt zu der SiegeSgewißheir hatte, welche er vor einigen Wochen an den Tag legte. Da Dr. Kronawetter, Kreuzig und Dr. Benedikt kein Mandat erhielten, wird im Abgeordnetenhause kein einziger Demokrat sitzen, und viele Juden können sich überzeugen, daß sic auf Sand gebaut haben, wenn sie jetzt Alles von der dcmokratischen Partei erwarteten. Wir sind auch der Meinung daß die Juden immer und überall für die Demokratie eintreten sollen, — leider ist dies seitens der Juden bisher zu wenig geschehen - aber wir glauben, daß man sich von einer Partei keine dauernde Hilfe versprechen könne, die es zu keinem einzigen Sitze im Abgeordnetenhause bringt, obwohl ihre Principie» seit mehr als 40 Jahren bekannt und für die großen Volksmaffen berechnet find Ja freilich nur berechnet, aber nicht geeignet. Ein Volk, das, wie dies am Wahltage in Ottakring vorkam, gelegentlich der Ucberfahrnng eines Juden, wie besessen in die Rufe ausbricht: „Holla, ein Jud' ist hin", wird noch nach Jahrhunderten nicht für die volle Durchführung der Demokratie reif sein. Für Wien haben die Wahlen übrigens auch noch die Bedeutung, daß sie ein Symptom für die im nächsten Monate stattfindenden Wahlen in den Geuieindcrath des vergrößerten Wien abgebc». Es ist nicht ganz ausgeschlossen. daß Wien einen antisemitischeu Gemeinderath und mit ihm einen antisemitischen Bürgermeister erhält. Alles ist schon dagewesai. DieClericalen werden im neuen Reichsrathe in der Anzahl von 33 aufinarschieren. Der geehrte Leser kann dieselben getrost zu den Antisemiten hinzuaddiren, mit welchen sie als Judenfeinde gleichartig sind. Die Jnngczechen haben die Altczechen fast ganz verdrängt. Mit ihren 31 Mann ist ein noch nationales Element, das schon hiedurch einen fruchtbaren Boden für den AntisemitisnulS hat, ins Abgeordnetenhaus gekommen. Man weiß übrigem», daß die rnsfophilen Jungczechen trotz ihrer demokratischen Manier schon wiederholt den antisemitischen Pferdefuß zeigten; und wenn sie dies nicht so ganz thun, als sie es vielleicht ini Grunde ihres Herzens thun möchten, so kann das nur darauf zurückgeführt werden, daß sie im steten Kampf mit den Deutschen in Böhmen stehen. Der analoge Grund läßt auch wohl die böhmischen Deutschen „deutschliberal" und nicht „deutsch-national" wählen. D i e P o l e n. Es ist dies nach den Deutsch" Liberalen die stärkste Fraction des Volkshauses (57). WaS ihre Stellung zu den Juden betrifft, so gilt Aehnliches wie von den Deutsch-Liberalen, mögen sie nun hochconservativ, conservativ, liberal oder gar demokratisch sein. Die innerliche Liebe der Polen zu den Juden hat aber mehr Gelegenheit sich zu äußern, als die der Deutschen, denn in Galizien gibt es einige Städtewahlbezirke mit jüdischer Majorität. Diese Bezirke verlangten jüdische Abgeordnete, Gott bewahre keine Jüdisch- Nationalen, nein, gute, echte, „jüdische Polen". Aber das war dem polnischen Centralwahlcomite auch nicht recht und es stellte den jüdischen Candidaten Gegencandldaten entgegen; nur der einzige Dr. Emil Byk erhielt die Genehmigung des hochweiscn Centralwahlcomit»s und wurde auch anstandslos in Brody gewählt. Brody ist freilich ein ganz jüdischer Bezirk, den man in Anbetracht seiner frühereil deutschthümeliiden Regungen froh war, wenigstens für einen „jüdischen" Polen eintreten zu sehen. Dagegen mußte Dr. I e k e l c s in Tarnopol- Brzeczany und Dr. G o l d h a m m e r in Tarnoiv- Bochuia der Wuth des Ceutralwahlcomitös zum Opfer fallen, und Dr. I. S. Bloch konnte in Kolomea- Snyatin-Buczacz in Folge derselben Liebenswürdigkeit seiner „Connationalcn" nur durch die äußersten Anstrengungen seiner Anhänger gewählt werden. Daß diese Wahl von Vergießen jüdischen Blutes durch aufgehetzte Bauernbanden begleitet und gefolgt war,*) bleibt ein Schandfleck an der Ehre der polnischen Nation. Wir wollen nun aber sehen, ob Herr Dr. Bloch, zu welchen seine Wähler mit einer bewundernsweithen Energie und Treue gehalten haben, es noch einmal sür angezcigt halten wird, dem „Polenclub" im Abgeordnetenhanse beizutreten. Sein bisher ziveimal geübter Eintritt in diesenClub hat, der ja im vermeintlich jüdischen Interesse erfolgt sein mag, das Herz der Polen nicht gerührt. Vielleicht probirt er eS doch einmal mit einer selbstständige» Stellung als wahrer Vertreter des jüdischen Volkes. Er kann sicher sein, daß er sich damit schließlich mehr die Freundschaft der Polen erwerben ivürde, als mit seinem Pseudopolenthnm. Er möge bedenken, daß sich ein Umschlag in den Gesinnungen seiner Wähler in der Richtung vollziehen kann, daß sie in ihrem Vertreter nicht nur *) Siehe unter „Chronik".