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Selbst-Emancipation · 1891-03-16 · Heft 6 (16.3.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 6 (16.3.1891)
Date
1891-03-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6. unserer „Judenfreunde" die Juden unserer Gegenden vom Zionsgedanken ferne. Wären diese unsere ^Philosemiten" von den edlen Gesinnungen eines Lord Byron, einer Elliot,' eines Oliphant, eines Lord Shaftcsbury, eines Herzogs von Westminster, eines Lord Aberdeen erfüllt, dann würden auch unsere jüdischen Barone gleich Mo nt es io re „Jerusalem" auf ihr Wappen schreiben und in ihr Herz schließen, dann würden selbst unsere getauften Juden, gleich Lord B e a c o n s f i c l d, für Judcnthum und Zion er- - glühen, dann würden unsere jüdischen Vornehmen, wie es gegenwärtig der englisch-jüdische Garde- Oberstlieutenant G o l d s m i d übt, für die Erlösung Israels durch ehrliche Baucrnarbeit auf dem Boden seiner. Ahnen sprechen und wirken. Aber leider geht unseren „Philosemiten"die Werthschätzung des jüdischen Volkes als solchen vollständig ab; sie gewähren ihm daher ihre Freundschaft nur unter der Bedingung, der. Assimilation, sind mit den Assimilationsresultaten me zufrieden und werden unduldsam. Erstals Antisemiten beginnen sie nationale Aspirationen des Zudenthums zu begreifen und sogar zu wünschen. Hat mau erst diesen gewaltigen Unterschied nicht nur zwischen der englischen Judenfreundlichkeit und dem continentalen Antisemitismus, sondern mehr noch zwischen dem britischen „Phi l h e b r ai s mu s", — so möchten wir diese ideale Regung des genialen Jnselvolkes nennen, — und dem bei uns landesüblichen, sogenannten „P h i l o s e m i t i s m us" erkannt, dann wird man einsehen, wieviel Dank und Liebe dem englischen Volke unsererseits gebühren. Man wird dann aber auch Acht haben müssen, daß wir uns diesen einzigen wahren Freund, welchen wir in der europäischen Völkerfamilic besitzen, nicht noch auch leichtfertig verscherzen. Das würde aber früher oder später einmal geschehen, wenn alle die Zionsbegeisterung christlicher arischer Herzen keinen Wiederhall im jüdischen Volke fände. Die britische Nation darf nicht, sobald sie sich derJuden und ihrer Zukunft an n chm e n w i l l, von den Juden, selb st desavouirt werden. Das könnte ihr die Lust verderben, sich weiter für uns einzusetzcn. Wer.aber will es auf sein Gewissen nehmen,. Israel seines letzten und besten Freundes zu berauben? . Der englischen Juden glauben wir in dieser Beziehung sicher zu sein. Unter ihnen nimmt thatsächlich die Zionsbcwcguug von Tag zu Tag größere Dimensionen an, wie aus den Berichten unseres Blattes leicht zu. ersehen ist. Das ist ja auch nicht anders möglich. Da der Engländer in der Zionsliebe der Juden kein Verbrechen, vielmehr eine Tugend sieht, da er sie als mit dem glühendsten Patriotismus für England vereinbar hält, da er sie selbst praktisch bethätigt, so liegt für die englischen Juden gewiß kein Grund vor, sich den Zionsfreundeu nicht anzuschließen. Sie werden doch nichr englischer als die. Engländer sein wollen. Anders steht die Sache mit den mitteleuropäischen Juden. Hier Ist die zionistische Be¬ S e l b st - E m a n c i p a t i o n.' wegung von der Tagcspress'e - todtgeschwicgcn und vom Gros der jüdischen Bevölkerung unbegriffcn oder gar nicht gekannt. Hier,herrscht d i c F u r ch l , vor d cm /,Phi lo s emit is m u s". - Diese Furcht, feige und unvernünftig zugleich, muß niedcrgerungen werden. Das Aufgcben höherer Güter aus Opportunitätsgründeii ist immer und, überall, ein Act jämmerlicher Feigheit. Die Juden, welche den h e r o i s ch c n M u th b csa ß c n, d u r ch Jahrtausende voll W u t h und -Blüt von ihrem Glaubc-n nicht ablas sen, müssen auch den Muth besitzen, allen An fcind 11113cu zu Trotz ihrer N a ti 0 n ä l i t ä t, i h r e r nationalen . .Zukunft treu zu bleiben. Und stehen denn hiebei größere Anfechtungen seitens der -Arier bevor, als die bisher erlittenen? Nein! Denn die Juden haben bisher den Ariern noch nie etwas recht 111 a.ch ch können! Hat etwa die Assimilationsbercitwilligkeit den Antisemitismus verhütet? Im. Gegcntheilc! . Der Antisemitismus, greift immer weiter um sich, der „Philosemitismus" wird immer kühler, immer gleichgiltiger. Lei dieser Lage der Dinge ist die Furcht vor dem „Philosemitismus" nicht bloß feige, sondern auch u n v c r n ü n f t i g. Eine männliche, selbstbewußte, nationale Politik der Juden, ein ehrliches Streben derselben nach e n d g i l t i g e r w i r t h s ch a f t l i ch c r und s i t t l i ch e r G e s u u d u n g, durch welche auch dem Antisemitismus der Boden entrückt würde, kann uns die Freundschaft der „Philosemiten", die wir ohnehin nicht mehr genießen, nicht kosten. Eher kann sic uns dieselbe zurückerobcrn, und die „Philosemiten" zu „Philhebräern" im bereits erwähnten Sinne erziehen. Und darum ist es auch Pflicht der deutschen und österreichischungarischen Juden, in . die Reihen der Zionisten zu treten und als solche den innigsten Dank den hochherzigen Männern englischer Nation auszusprechen, welche sich die Ncalisirung derPalästinaidee. zu ihrer Lebensaufgabe gewählt haben. Wir . können aber auch nicht umhin, an diejenigen unserer. Gesinnungsgenossen, welche, es schon seit langen Jahren und mit aller Energie einer in Fleisch und Blut übergangenen Ueberzeugung sind, die Bitte zu richten, nicht zu'gering von der Actton des Lord of Aberdeen und seiner Genossen zu denken, und ja nicht zu verabsäumen, diesen edlen Männern den Dank auszusprechen. Wtt müssen unseren englischen Gönnern Dank und Anerkennungdarbringen. iDic englische Nation ist eine Macht, die wir unter allen . Umständen werden brauchen können. Daß aber diese Macht einst für uns sein wird, wenn unsere Wünsche der Erfüllung sich-nähern werden, ist vorauszusehen. . Diese Macht brüsk von sich weisen; — wäre mehr als Verbrechen,- es wäre ,Thorheit — eine nimmer gut zu machende, verhängnißvolle Thorheit. Hütet Euch, sie zu begehe n, Ge s innu n gs ge no ssen! B. Nach der „LittscheiduntzLschlacht". „W as - i |t ber Sinti i emit i sm u s? Ein u r alte s Uebc l, das i n jcdem Jahrhundert einauch zweimal acut Diesen Ausspruch hat kein Gesinnungsgenosse von uns gcthan, wiewohl er ganz darnach klingt und das, was er besagt, auch wirklich schon oft von uns und aiideren Zionsfreunden mit anderen Worten gesägt würde. Diese Worte kamen vielmehr aus dem Munde eines berühmten liberalen Parlamentariers, des Ritters Carneri, der eben gegen einen Antisemiten unterlag. Wir kennen das Faible unserer österreichischen Juden für die Dcutschlibcralen im Allgemeinen und für jeden bedeutenden Mann dieser Partei im Besonderen und darum citircn wir die obigen Worte in der Ueberzeugung, daß solch ein kurzer Satz, von deutschen und liberalen Lippen kommend, unseren Stammcsgenosscn mehr imponiren wird, als alle Artikel, welche sich gründlich über das Thema des - Judenhasses verbreiten. Wenn wir nun zu dem denkwürdigen Ausspruche des deutschlibcralcn Carneri auch noch die Worte des Hofrathcs Exner, ebenfalls einer deutschlibcralen Partcigrößc, welche derselbe, wie wir bereits berichteten, in einer Versammlung der „Oestcrrcichisch-Jsraelitischen Union" sprach, hinzuthun, so haben wir die Hälfte der Begründung unseres zionistischen Programmes fix und fertig. Hofrath Exner sagte nämlich, wie unseren Lesern erinnerlich sein wird, daß nicht der laute'und rohe Antisemitismus der gefährliche sei, sondern jener stillwaltende und unauffällige, welcher sich in allen Gesellschaftskreisen finde. Die beiden Herren haben also, der Eine auf Grund der Geschichte, der Andere auf Grund seiner persönlichen Erfahrung zwei Momente zugegeben, auf - welche wir immer und immer zurückkommcn: Die Ewigkeit und Allgemeinheit des Judenhasses. .... Wir Zionisten kennen mm: für alle die Leiden, welche sich aus der Ewigkeit und Allgemeinheit des Judenhasses ergeben, nur ein sicheres und gründliches Mittel: Schaffung eines territorialen Mittelpunktes für das jüdische Volk: Diese Ueberzeugung hat uns die Geschichte und die Logik gelehrt. Was aber die Herren Carneri und Exner an Mitteln gegen den Judenhaß bieten, ist bluttvenig, respcctive gar nichts. Schon in der vorigen Nummer ist beleuchtet worden,, von welch' zweifelhaftem Werth es. ist, wenn Herr Hofrath Professor Exner die ganze Gesellschaft zum Kampfe gegen den Antisemitismus aufrnft, dieselbe Gesellschaft, welche er einen Augenblick früher als vom Judenhaß insicirt bezeichnet. Aber auch Herr Ritter von Carneri weiß keine Medicin für das „ein-:und zweimal in jedem Jahrhundert;: acut werdende uralte Uebel des Judenhasses". Er sagt zwar, daß dieses Uebel nur in Zeiten, „in welchen dieNoth. der Masse eine bedenkliche Höhe erreiche" acut werdc und hat den billigen Trost, „Gebe : es keine Juden, so hätte der Antiscmittsmus einen anderen Namen, die Sache bleibe aber dieselbe", weiß aber für die Juden speciell keine - Hilfe, als die. Versicherung/ daß „die Bcgriffsverwirr-ung - nicht von Dauer sein könne". Und im folgenden Jahrhundert? . . . Freilich spricht auch: Herr von. Carneri in Graz weder, vor-nwch. für Juden

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