Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 5 (2.3.1891)
- Date
- 1891-03-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Nr. 5. gut wie gar nicht stattgesunden. Und dabei existiren hier sogar zwei antisemitische Vereine, der „Deutsche Rcformverein", der die antisemitische Partei Böckels, und der „Deutsch-sociale Reform- Verein", der die deutsch-sociale antisemitische Partei Liebermanns vertritt. Dabei ist die dritte, Stöcker'sche Richtung der Antisemiten, die vom conscrvativen Verein rcpräsentirt ivird, noch nicht mitgerechnet. Wahrlich, Magdeburg bildet eilt klassisches Beispiel sür die „Abnahme" des Antisemitismus! Aber auch in anderen Gegenden Deutschlands zeigen die Antisemiten eine gaitz ungeheure Rührigkeit. Schon im vorigen Jahre hat Böckel in seinem zu Marburg erschcincitden i „Reichsherold" die hessischen Bauern ausgefordert, das Jahr 1893 wegen der danials stattsindeitden hessischen und preußischen Landtagsivahlen in's Auge zu fassen. Möchten sich doch die Nationaljuden ein Muster an dieser Rührigkeit itehmcn! Rußland. Warschau, den 25. Februar 1890. (Z u r Militärpflicht derJuden in Rußland.) In einem in der Wiener jüdischen Zeitschrift „91 e uz ei t" erschienenen Artikel eines russischen Juden: „Die Gesetze über die Juden in Rußland", ist unter anderem auch von dem Gesetze betreffs der Geldstrafe mit welcher die Familie desjenigen Juden belegt wird, welcher sich der Militärpflicht entzogen hat, die Rede. Weitere Details über dieses Gesetz sind in dem genannten Aufsätze nicht enthalten. Es kann aber kaum unter allen Maßregeln gegen die Inden eine härtere geben. Man höre und staune, zu welchen Consequcnzcn dieselbe führt. In dem Flecken Waronowitza (Podolien) blieben im 9lovembcr 1890 von 101 ftellungspflichtigcn Juden 27 aus. Als Ursachen des 9lichterscheinens stellten sich nach den Mitthcilnngen des Kron-Nabbiners heraus. 9licht erschienen sind: FeldfuchS, starb, Todtenschein fehlt; Merenstein, ist nur im Jahre 1891 militärpflichtig; Backmann, Aufenthalt unbekannt; Wolfcnsohn, weilt in Amerika; Schrickenbcrg, starb, wo, unbekannt; Kapplcr, weilt in Odessa; Nuty. ist schon vor der Affentcommiffion erschienen; Helfer, Student an der Kiever Universität. (Während der Studien sind Studirendc von der Militärpflicht befreit); Simzis, starb, ist aber im Todtenregister nicht verzeichnet; Pilin, weilt in Astrachan; Weißenstein, im Kerker; Betrnann, starb in Wachnowka im Jahre 1885; Dienenberg, in Amerika; Watcnstcin, absolvirte 7 Gymnasialclaffcn zu Ncmiroff und trat dann als Freiwilliger in den Militärdienst zu Proskuroff; Grüngrus, starb, Todtenschein vorhanden; Dunajewitsch, starb, Todtenschein vorhanden; Gottsfried, starb, Todtenschein vorhanden; Jnswinsky, starb, Todtenschein vorhanden. Die Eltern der letzten Mer leben nicht an dcui Orte der Vorladung und sind im Besitze der Todtenscheine ihrer Söhne; da sie aber, wie es scheint, nicht wußten, daß es nöthig sei, die Todtenscheine verstorbener Juden von der Ortspolizei bescheinigen zu lassen, begnügten sie sich damit, dieselben an die Waronowitz'sche Bürgervcrwaltung cinzusenden, welche sic an die Bratzlawifche Militärverwaltung übersandte, wo sie jedoch angenommen wurden. Zngmann und Wainniann, Aufenthalt unbekannt und deshalb die Anzeige der Behörde als nicht bestellt zurückerstattet; Nudclmann und Tiwrowsky, starben beide in Waronowitz. Ihre Eltern besitzen Todtenscheine, die sie aber wegen fürchterlicher Armut nicht durch die Polizei bescheinigen und der Mlitärbehörde zukommcn lassen konnten, da dies Ausgaben erfordert. Sie schreckte sogar das Gesetz, 300 Rubel Strafe zahlen zu müssen, nicht, denn sie sind bettelarm. Schraermann, Wilinsky, Kormann und Eisenstein haben in Waronowitz nie gelebt, die Einwohner des Ortes erinnern sich ihrer nicht; Schlcin, starb, der Todtenschein ist aber ungenau, denn nach demselben ist er geborener Awrum Uschcr und gestorbener „Seide". In Bezug auf den letztangeführtcn 9!ameu ist cs nicht uninteressant die Gründe zu kennen, welche dazu führten, daß im Todtenscheine zwei verschiedene Namen angegeben sind. Wie bekannt, gibt man bei Juden dem einzigen von vielen zurückgebliebenen Kinde den Beinamen „Alter" (Greis) oder „Seide" (Großvater), „Alte" (Greisin) oder „Babe" (Großmutter), wodurch man dem also Benannten ein langes Leben gesichert zu haben glaubt. Und nun ereignet cs sich natürlich zuweilen, daß irgend ein Awrum Uscher, der den Beinamen „Seide" führt, wie um dem Aberglauben Hohn zu bieten, dennoch früh ins Jenseits abberufeu wird. Geschieht dies nun in einem abgelegene» Oertche», wo der Jude, von dem das Todtcnrcgistcr geführt wird, weder recht lesen noch schreiben kann, so schreibt derselbe, da er nicht versteht, daß „Seide" ein Beiname und nicht ein Borname ist, den Bcrstorbcncu nicht mit icinem wahren Namen, wie er nii Gclmrtsscheinc lautet, sondern mit dem Beinamen ins 9!cgistcr ein und auf solche Weise entsteht ein neuer „Militärflüchtling," deffcn Eltern 300 Rubel Strafe zahle» müssen. Die Lebenden müssen für die Todten Strafe zahlen, wobei noch die Folge die ist, daß die vom Dienste befreiten Brüder des Flüchtlings, welche, gewöhnlich ' die rechte Hand der Eltern, oder auch die einzigen Ernährer der ganzen Familie sind, in den Dienst müssen. Weiters sind schon Fälle vorgckommcn, daß Mädchen als „nicht erschienen" erklärt wurden und auch für diese 300 Rubel Strafgeld gezahlt werden mußten, was daher kommt, daß bei der Rcgistrirung der Militärpflichtigen die Behörden jüdische Fraucnnamen für Mäiincrnaiiicn aiischen und dieselben ohncwcitcrs in die ConscriptionSlistcn eintragen. Wie all' diesem Elend abhelfcn? Es wird an allen Orten Rußlands, wo die Juden das Recht zu leben haben, vor jeder Affcntirung eine Geldsumme gesammelt, die unter die Einberufenen vcrthcilt wird. Wäre cs nicht vernünftiger und besser, wenn sich eine Gesellschaft bilden würde, welche darnach zu sehen hätte, daß in die Einberufungslistcn nur Namen wirklich Lebender eingetragen werden und welche für das gesammelte Geld die Vidirung der Todtenscheine durch die Ortspolizei für arme Familien besorgen und diese Scheine der Militärverwaltung zukommcn lassen ivürde. Wie viele Thränen armer Mütter und Frauen wären damit getrocknet, wie viele Familien vom Ruine gerettet! Und der Ruin, in solchen Fällen ist ein totaler. Denn das letzte Bettzeugs die letzte Kuh oder Ziege, von denen sich dir Familie ernährt, alles, alles ivird von den Behörden verkauft, um das Strafgeld einzutreiben. Und ivie oft ivcrdcn dabei kaum ein paar Zehner oder sogar nur ein Paar Rubel zusamincngcbracht. Den ohnedies bctt-larmcn Berivandten des „Flüchtlings" bleibt dann nichts übrig als den Bettelstab zu ergreifen. Türkei. Palästina. Jerusalem, 2. Februar 1891-'). Der Gedanke der Ackcrbaucolonisation Palästinas hat sich nicht bloß unter unfern außerhalb des heiligen Landes lebenden, sondern anch unter den hierzulande ansäßigen. Brüdern verbreitet,' und viele der Letzteren unterstützen das große Werk auf das Thatkräftigstc. Wie den geehrten Lesern bekannt sein dürfte, ivurde in diesem Jahre in Warschau eine Genossenschaft unter dem Namen „Menuchah wc'nachalah" ins Leben gerufen, deren Mitglieder die Colonic „Rcchowoth" in der Nähe Jaffas und der unter dem Patronate des Barons Edmund von Rothschild stehenden Colonicn gründeten. Es ist nun viel Aussicht, vorhanden, daß diese Ansiedlung cmporblühen und in Kürze einer *) Aus dem Hebräischen übersetzt. Dir Red. größeren Anzahl jüdischer Familien Lebensunterhalt gewähren wird. Gcgemvärtig finden in derselben bei 200 jüdische Männer aus verschiedenen Ländern Beschäftigung gegen Taglohn. Unter diesen Arbeitern findet sich auch eine beträchtliche Anzahl junger Jerusalcmiten, ivelche im System der „Chalukah" erzogen ivorden sind und bisher rein gar nichts gearbeitet haben. Der Zweigvercin „Jcrnsalcm" des Ordens „Bnej Brith"**) hat in Gemeinschaft mit dem Jafsacr Zivcigvereinc dieses Ordens Schritte unternommen, um den Jerusalemer Juden Arbeit in den Colonicn zu verschaffen. Den besonders Armen unter ihnen ivcrdcn die Reisekosten gegeben, um zu ermöglichen, daß sie sich an Arbeit geivöhnen und nicht länger der Allgemeinheit zur Last fallen. In der vergangenen Woche ivurdcn in allen hiesigen Synagogen hebräische Kundmachungen affigirt, dcS Inhalts, daß in der Colonie „Ncchvwoth" noch viele Arbeiter rmfgcnommcn werden. In dieser Kundtnachung ivird auch hcroorgehobcn, daß „Rechowoth" ivcdcr auf die Unterstützung des Barons, noch von Vereinen angewiesen ist, und mitgethcitt, welcher 'Art die zu leistende Feldarbeit ist, und daß dieselbe mit % Mcdschidi bis 9 Groschen täglich belohnt ivird, abgesehen davon, daß die Arbeiter freies 'Nachtquartier und billige Küche (J/„ Franc, per Tag) erhalten. In Jerusalem iverden jetzt fast täglich Genossenschaften zum gemeinsamen Hänserban, Bodcnaiikauf, Weinanbau u. s. w. gegründet; es ist begreiflich, wenn dadurch die Bodenpreise auf das siebenfache stiegen. Nach den hier cingelangten Nachrichten steht in Bäl^e ein massenhaftcr Zuzug jüdischer Einwanderer bevor, und niemand kann ahnen, ivie sich dann die Verhättnissc gestalten werden. — Jedenfalls aber steht fest, daß derjenige, welcher noch jetzt Boden kauft, einen großen Gewinn erzielen wird; ja einige haben sich schon infolge der cingctretenen Bodcnprcisstcigcrnng ein Vermögen gemacht. Einer unserer hiesigen Stammesgenosscn wollte Boden im transjordanischcn Gebiete ankaufcn, um dort eine Colonic zu gründen und fuhr auch hin, um mit dem Bcduinenschetch den Kauf abzuschlicßen. Er konnte aber nicht die behördliche Genchmignng des Kaufes erlangen, da er keinen Kaufbrief voriveiscn konnte, welchen die Beduinen nicht ausstellen und der unumgängliche Voraussetzniig der behördlichen Genehmigung ist. Dagegen kauft die Negierung solchen Boden an, läßt ihn bebauen, verkauft ihn aber überhaupt nicht. N. Jaffa, 20. Schewat 5651. .(Letzte Nachrichten aus Palästina.) Einen so regnerischen Winter wie diesen haben wir schon lange nicht gehabt. Es verstießen factisch Wochen, ohne daß cs möglich wäre, an die Arbeit zu gehen. Nichtsdestoweniger ist die Wintersaat (Gerste und Weizen) bereits fast vollendet. In Nischon Lezion sind beinahe alle Reben beschnitten, und in kurzer Zeit wird man mit der Pflanzung **) Unabhängiger Orden „Bnej Brith" (U. O. B. B.), ein in Amerika gegründeter, über die ganze Erde sich ausbreitcuder huiilauitärer jüdischer Verein. Die Red.