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Selbst-Emancipation · 1891-03-02 · Heft 5 (2.3.1891) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 5 (2.3.1891)
Date
1891-03-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5. Selbst-Ema Seite 5. einsichtslosen Kandidaturen. — Die mit stürmischem Beifalle aufgenoimncnc Rede des Herrn Alexander Scharf, Herausgeber der „Wiener Sonn- und Arontagszeitung", welche er fast vollinhaltlich am nächsten Morgen in einer Wählcrversammlung wiederholte, soll mit dieser im Folgenden besprochen werde». Im großen Saale des „Hotel de France" versammelten sich Sonntag, den 22. d. Ai. Vormittags 200 Wähler der inneren Stadt, welche sich als freiwillige Agitatoren zu Gunsten Scharf'S erklärten. Herr Alexander Scharf ergriff als Einberufer das Wort und führte zunächst aus, daß er sich nur als Platzhalter für Dr. Kronawcttcr, den Führer der Demokraten betrachten, der sehr leicht in beiden Bezirken, in welchen er candibirc, unterliegen könne. Jni tvcitercn Verlaufe seiner Rede griff Herr Scharf das liberale Centralwahlcomitö und die Liberalen selbst an, deren „Judenfreundlichkeit" er ins rechte Licht setzte. Er wies darauf hin, daß im liberalen Wahlaufrufe nichts vom Antiscmitismns erwähnt sei, während der Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe gegen denselben Stellung nehme. (Was mit diesem Hirtenbriefe getrieben tvird, und cs ist doch klar, daß die Bischöfe nur den anarchistischen Zug im Antisemitismus fürchten, aber ihre» gut bürgerlichen conscrvativen Judenhaß bcibehaltcn werden! Die Nied.) Redner nennt den Abgeordneten Dr. Ticinwcndcr den diplomatisirendcn Schönerer und hält ihn daher für gefährlicher als den nnvcrfälschte». Nach Herrn Scharf sprachen einige seiner 'Anhänger und erzählten gar merkwürdige Thatsachen, welche auf die „Judcnsreundlichkeit" der Liberalen ein cigenthümliches Licht werfen, wir bitten unsere Leser darüber in der „Wiener Sonn- und Montagszeitnng" nachzulescn, da cs uns an Raum gebricht, alles dies zu veröffentlichen, so gerne >vir cs auch thäten. Aber man würde sich täuschen, wenn man glaubte, daß alle die schönen Erfahrungen die Herren klüger gemacht hätten. Bei weitem nicht. Jetzt laufen sie wieder den Demokraten nach und betonen, was im gegenwärtigen antisemitischen Zeitalter und bei der Absichtlichkeit, mit der cs vorgebracht wird, uns unendlich albern erscheint: „Die Juden vertreten aber nicht einseitig jüdische Interessen, sondern jene der großen Gcsammthcit". Wann wird dieses jüdische Volk endlich zur Vernunft kommen und anfhören sich selbst ein „X" für ein „U" vorznmachcn. Pilsen, den 14. Februar 1891. Die Judenschaft unserer Stadt — aus 500 Seelen bestehend — besitzt ' nur eine kleine Synagoge, welche an den hohen Festtagen nicht ausreicht. Aus Anlaß des vierzigjährigen Regierungsjubiläuins Seiner Majestät beschloß nun der Vorstand, einen großen Tempel zu bauen, und wurde auch wirklich der Grundstein zu demselbcu feierlich gelegt. Aber bald erwiesen sich die vorhandencu Mittel zu gering, der Bau mußte eingestellt werden. Um ihn wieder anfnehmcn zu können, beschloßen die „Leitenden" unserer Gemeinde, statt tiefer in den eigenen Säckel zu greifen, die in Pilsen befindliche israelitische Volksschule a u f z u l ö s e n, welche viel Geld koste, und dann —„die jüdischen Schulkinder sollen sich m c h r -m i t den katholischen Schüler n der Volks schule a s s i m i l i r e n!" Die „Oesterrcichisch - Ungarische Cantorenzeitung", gewiß kein jüdisch-nationales Blatt, bcurtheilt diese Handlungsweise mit folgenden Worten, welche wir 3!ationaljuden bedingungslos unterschreiben können: „Soll das etwa auch ein Fortschritt sein? Fürwahr, wir danken sehr für solchen Fortschritt. Wenn man glaubt, damit dem überall überhand nehmenden Antisemitismus entgegenzuarbeiten, dann bitten wir nach Eger, Brüx, Leipa, Rcichenberg u. s. w. zu blicken, wo cs gar keine jüdischen Schulen gab und die jüdischen Kinder von jeher die öffentlichen Schulen besuchen, und dennoch gedeiht daselbst der Antisemitismus ganz prächtig". — Hm, sehr wahr! Moscheh. Tarnow, am 23. Februar 1891. Gestern fand im hiesigen Theatersaale eine Versammlung der Tarnower Wähler statt. Dieselbe verdient deshalb die Beachtung weiterer Kreise, weil ste ein charakteristisches Licht auf das Verhältniß der Polen zu den Juden in Galizien wirft. Bei uns gibt es nämlich keine politische Antisemitenpartei, weil diese dadurch ganz entbehrlich wird, daß alle Polen, schon von Haus aus von intensiven Judenhaß erfüllt, ein großes antisemitisches Lager bilden. — Drei Candidaten stellten sich den äußerst zahlreichen versammelten Wählern vor. Der eine, der bisherige 3ieichsrathsabgeorduete Dr. Rutowski, welcher .von den Krakauer Pseudodemokraten unterstützt wird, hat nie aus seinen judenfeindlichen Gesinnungen ein Hehl gemacht, und uns allen haben sich die Worte: „Hauet die Juden nieder!" mit welchen ein sehr naher Blutsverwandter von ihm im Jahre 1873 den Pöbel gegen die Juden aufstachelte, tief ins Gedächtniß eingcprägt. Vom zweiten Candidaten, Tr. Trybulec, 'Advokaten in Bochnia, der von den Clericalen unterstützt zu werden scheint, wiffen so Manche zu erzählen, daß er einmal öffentlich ausgesprochen habe, er sei von dem rituellen Gebrauche von Christenblut seitens der Juden fest überzeugt; er bleibt also sin dem Judenhasse gegenüber dem Dr. 3iutowski gewiß nicht zurück. Der dritte von den Juden, welche hier die Majorität bilden, unterstützte Candidat ist Dr. Elias Goldhammer, der zwar von unserem jüdisch-nationalen Standpunkte aus noch bei weitem nicht der wünschenswerlhe jüdische Candidat ist, der aber bei all' feinem polnisch-nationalen Anstrich ein warm fühlendes jüdisches Herz besitzt und nöthigenfalls auch für das Wohl des Jndenthum in die Schranken zu treten den Murh hat. Der letztere verdient daher für uns Juden den Vorzug vor den zwei erstangeführten Mitbewerbern — Bedauerlich ist, daß ungeachtet der offenbar aggresiv-antisemitischen Haltung der bei der gestrigen Wählcrvcrsammlung anwesend gewesenen Christen, welcher jeder jüdische Candidat ein Dorn im 'Auge ist, der Kreisgerichtsadjunct Dr. S. Merz, Sohn des hiesigen Cultusgcineindevorstehers, gegen den jüdischen Candidaten mit schroffen und beleidigenden Worten auftrat. Dieser Bruderzwist war Waflcr auf die Mühle der Anti>emite„. die nun so zu lärmen begannen, daß die Wählerversammlung von dem Vorsitzcndcu bald geschlossen werden mußte. Aber andererseits halte dieser Vorgang den Vortheil, daß von jetzt ab der Sieg des Herrn Dr. Goldhammer, den Sieg der jüdischen Sache bedeutet, daß daher viele jüdische ihm bis nun feindlich. gesinnte Wähler jetzt nur ihm ihre Stimmen geben werden, so daß ein bedeutender Schritt zur 3iückkehr zu der leider ' jetzt 'vermißten Solidarität gemacht ist. Bor Kurzem wurde hier von der „Israelitischen Allianz" eine zweiclassige jüdische Schule mit Ocffentlichkeitsrecht eröffnet. Der Unterrichtsplan ist insoferne sehr mangelhaft, als der jüdischen Geschichte gar kein Platz unter den Lehrgcgenständcn angewiesen ist. Vor einigen Wochen weilte ein Delegat des Lcmbcrger Assimiiantenvereines „Agudas Achim" agitationshalber einige Tage hier. Er erreichte ungeachtet riesiger Anstrengungen nur so viel, daß Einige, denen der Zweck des Vereines nicht bekannt war, zwar im Sammelbogcn verzeichnet zu werden gestatteten, bald darauf aber ihren Beitritt widerriefen. Melachi. Lemberg, im Februar 1891. Samstag, den 31. d. M. fand die constituirende Generalversammlung des Bereines „Admath Israel" in S t r h j statt. Gin zahlreiches und distinguirtes Publicum war erschienen. Comite-Obmann, Herr Moses Lipschütz, begrüßte die Persammlung. Redner besprach die Lage der Juden in Rußland und setzte nicht nur die moralische, sondern auch materielle Nothwendigkeit, die ansgewiesenen Juden nur in Palästina zu colonisircn, auseinander. Gr schloß mit der Bitte an die anwesenden 'Richtmitglieder, sich dem Vereine anzuschließen, worauf sich auch wirklich sämmtliche Gäste eintragen ließen und größere Beträge gezeichnet wurden. Sodann schritt man zur Wahl; gewählt erscheinen: Moses Lipschütz, Obmann; Michael Auerbach, Obmann - Stellvertreter; Moses Schönseld, Schriftführer in der Landessprache; Dr. Kohn, Schriftführer in der hebräischen Sprache; S. Ornstein, Buchhalter; Meier Abraham Stern, Gastier, und Josef Horowitz, Controlor. Die Gewählten sind durchaus fähige und begeisterte Männer. Mögen sie den Verein zur Blüthe führen! Gegenwärtig zählt derselbe 150 Mitglieder. 5. Deutsches Reich. □ Berlin, den 6. Februar 1891. In einer am gestrigen Tage in der Aula der Charlottenburger technischen Hochschule von den Studierenden selbigen Polytechnikums abgehaltenen Versammlung wurde beschlossen, eine Petition an den preußischen Cultusminister abzusenden, um denselben um Ausschluß russischer und polnischer Juden vom Studium zu ersuchen. Den Sack schlägt man und den Esel meint man. Da man die deutschen Juden nicht direkt' ausschließen kann, so kommt man auf Umwegen. Berlin, den 25. Februar 1891. Donnerstag, den 19. d. M. fand die Generalversammlung des Vereines „E s r a", Verband Berlin, statt. Auf der Tagesordnung stand der Bericht des Vorstandes, Neuwahl desselben, Wahl der Delegirten zur Generalversammlung des Centraicoinites und endlich eventuelle Anträge. Der Bericht des Vorstandes constatirte eine erfreuliche Zunahme der Freunde der palästinensischen Colonisationsbewegung, und dadurch auch ein Anwachsen des Esra-Verbandes in Berlin. Der Berliner Verband allein zählt jetzt über 300 Mitglieder. Von einigen Mitgliedern, so von Herrn Dr. H. Hildesheimer, Herrn Stein urd Herrn L. Mozkin wurde angeregt, die zu wählenden Delegirten zu beauftragen, im Central-Comit6 für eine lebhafte Agitation durch Brochuren, Circuläre und Wanderpredigten einzutretcn. Gleichzeitig wurde auf Süddeutschland und Posen hingcwiesen, wo ein fruchtbarer Boden für die Palästina-Idee vorhanden sei. Von mehreren Mitgliedern wurde auch auf die „Selbst- Emancipation" hingewiesen, die wacker und unerschrocken für die Zionsidee kämpfe, und wurde verlangt, daß der Verein sich in Beziehung mit ihr setze und für ihre Verbreitung in Deutschland Sorge trage. Endlich wurde ein Antrag für die Generalversanimlung des Central-Comit^ eingebracht, welcher lautete: Dem Titel „Esra" seien die Worte hinzuzufügen „Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Israeliten in Palästina". Nach oorgenommener Wahl der Delegirten und noch so manchen Anregungen ging die Versammlung auseinander, voll Vertrauen und Zuversicht auf das Wirken des Centralcomitäs, dessen Händen eine so wichtige Mission anvertraut worden ist. Hajehudi. Magdeburg, 20. Februar 1891. Gestern hat hier eine große antisemitische Volksversammlung stattgefunden, die von ca. 1200 Personen besucht war und in der die antisemitischen Reichsrathsabgeordneten Zimmermann und Werner Reden hielten, die von Gift und Gehässigkeit überschwollen. Wer hätte das noch vor 8 Jahren in unserer ehemals wirklich freisinnigen Stadt für möglich gehalten? Als damals hier Stöcker in einer konservativen Versammlung eine Rede hielt, wagte er sein Lieblingsthema, dieJudcnfrage, auch nicht einmal zu streifen. Und jetzt? Gestern hatten wir hier bereits in diesem Winter die dritte große antisemitische Volksversammlung, in welcher Reichstagsabgevrdnete redeten. Von den übrigen Parteien hat hier nur die socialdemokratische eine, aber auch'eben nur eine Volksversammlung abgehalten, zu der sie einen Reichstagsabgeordneten berufen hatte; alle anderen Parteien liegen hier im Winterschlaf. Gegenagitationen gegen die Antisemiten haben hier so

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