Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 5 (2.3.1891)
- Date
- 1891-03-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Selbst-Emancipation. Nr. 8. IsraeIite Universelle", vor einigen Wochen in einem Pariser jüdischen Vereine gemacht hat. Er erzählte in einer öffentlichen Versammlung, daß zu Beginn seiner Thätigkeit die in Palästina befindlichen württcmbergischcn Ansiedler ihm abgerathen und den sichern Untergang der jüdischen Colonien vorausgesagt hätten. Jetzt — nach acht Jahren nur — habe sich die Situation dermaßen geändert, daß die jüdischen Colonien bei Weitem die deutschen Niederlassungen überragen und die württcmbergischcn Bauern, Landlcutc von jeher, genöthigt seien, ihren jüdischen Nachbarn, Ackerbauern seit Kurzem erst die Methode des Anbaues abzugucken. Sic wiffcn nun, meine Damen und Herren, wie cs eigentlich mit der Kolonisation Palästinas beschaffen ist, und ich kann nun zum Thema zurückkehren. Ich habe Ihnen eben erzählt, daß es gegenwärtig elf jüdische Colonien im Lande unserer Väter gibt; ich will nur noch hinzufügen, daß in diesen Ansicdlungcn etwa 2000 jüdische Seelen wohnen. Sie werden wohl nun fragen, welche Bedeutung die Colonisation Palästinas für die unglücklichen ruffischen Juden und gar für das Judenthuin überhaupt haben kann, wenn sie mit so geringeu Zahlen rechnet. Wann und wie kann da Millionen geholfen werden? Ich will auf diese Frage zu antivorten versuchen. Vor Allen! ist klar, daß die Colonisation in acht Jahren an sich sehr viel geleistet hat. Daß sie aber nicht mehr leistete, d. h., daß sie nicht statt zweitausend, sagen wir, zwanzigtausend Juden in Palästina ansiedelte, findet seine einfachste Erklärung darin, daß sic sich im Versuchsstadium befand. Der Jude ist erstens zu vorsichtig, zweitens bereits zu entjudct, um Geldsummen für eine Sache zu verwenden, die erstens noch problematisch, zweitens jüdisch ist. Und so kam es, daß sich nur ein Finanzbaron, von besonders idealer Gesinnung und warmem jüdischen Herzen, Baron Edmund von Rothschild in Paris, fand, welcher sich der Colonisation annahm. Bedenken Sie nun, daß besagter Baron zwar für unsere Begriffe unermeßlich reich ist, doch nichtüber die Mittel eines Baron Hirsch, noch weniger über besten vollständige Freiheit von Pstichtcn gegen Einzelpersonen verfügt, und daher genug gethan hat, wenn er bis jetzt nach einer oberflächlichen Berechnung bei 15 Millionen Francs der Sache widmete, daß aber dieser an sich hohe Betrag gegenüber den nothwendigen Summen sich winzig ausnimnit. Erwägen Sie, daß die Mehrzahl der Palästina-Vereine i n Rußland besteht, wo ihrer Entwicklung die denkbar größten Hindcrniffe entgcgenstehen, ja, wo sie bis vor einem Jahre gar nicht die behördliche Genehmigung besaßen. ' Erwägen Sie, daß dem jüdischen Optimismus entsprechend selbst dort nach den ersten Anläufen in den Jahren 1882 und 1883, als die Erinnerung an die fürchterlichen „Programmen" (Judenverfolgungen) verblaßte, die Colonisationsbewegung ins Stocken gerieth, und wieder erst neu ins Rollen kam, als vor etwa einem Jahre die Judengesctze am Horizonte erschienen. Halten Sie sich schließlich vor Augen, daß bis jetzt die Juden Deutschlands, Englands, Frankreichs, Nordamerikas sich nur wenig, die Juden Oesterreich-Ungarns gar nicht an der Cvlonisationssache betheiligten, also gerade in den Ländern, in welchen eine größere Bewegungsfreiheit herrscht und sonach die ausgiebigsten Resultate sich erzielen ließen, jede Mithilfe mangelte. Resumiren Sie dies Alles und Sie werden die erzielten Resultate nicht genug bewundern können, Sie werden einsehen, was sich da mit großen Mitteln . durch eine allgemeine, das ganze jüdische Volk ergreifende Bewegung erreichen ließe. Palästina ist zwar ein kleines Land, aber Sie wissen, daß auf einer Quadratmeile in Holland mehr Menschen wohnen als auf hundert Quadratmcilcn in Sibirien. Die Cultur eines Landes ist das Ausschlaggebende für seine Fähigkeit, größere oder geringere Menschenmengen zu ernähren. Man cultivire das v o n N a t u r aus fruchtbare Palästina und es wird immer mehr zum Zufluchtsorte verfolgter europäischer Juden werden können. Schon jetzt kann man beobachten, wie die bisherigen zweitausend Colonisten naturgemäß anderen Ständen und Berufen angchörige Einwanderer nach sich ziehen. Aerztc, Ingenieure, Verwalter, Lehrer, Schriftsteller sind nothwcndig geworden. Ebenso kommen vermögende Männer mit jcdcin Schiffe nach Jaffa; um sich anzukaufcn, die Einen, um mit den Produkten des Bodens Handel zu treiben, die Anderen. Es ist sicher, daß ohne jedes weitere Hinzuthun in weiteren acht Jahren schon viertausend eingcwandcrte Juden im Laude sich befinden werden; bleibt aber die Thätigkeit ivenigstcns so rege, ivic bis jetzt, so ist innerhalb dieses Zeitraumes ein Anwachsen der jüdischen Colonialbevölkcrung auf sechs- bis achttausend Seelen mit Bestimmtheit zu erwarten. Ziehen Sie nun auch in Betracht, daß das Beispiel der Einwanderer eine erziehliche Wirkung auf die größtcnthcils verkommene einheimische jüdische Bevölkerung üben wird, wie sich Anläufe hiezu schon jetzt zeigen, indem ein beträchtlicher Thcil der dortigen Professionsnichtsthuer bereits zum Pfluge greift und ebenfalls Colonien gründet, — so haben Sic eine noch viel schönere Perspective. Nach den erwähnten iveitcren acht Jahren würden sich mindestens zwanzigtauscnd Juden in eifrigster Cnlturarbeit auf dem Boden Palästinas befinden. Von da ab ivürde die jüdische Bevölkerung im Lande in rascherem Tempo anivachscn, denn je mehr die Cultur sich entfalten würde, desto mehr Reiz würde das Land auf neue Ansiedler ausüben und desto geeigneter würde cs, diese aufznnchmcn und zu crnähreit. Ilnd so ivürde sich eine unaufhörliche Wechselwirkung zwischen dem Zufluß neuer Eimvandcrcr und dem Wachsen der Cultur vollziehen. Platz hat das Land trotz seines geringen Flächcnraumcs genug, denn cs zählt bloß 700.000 Einivohner und verträgt bei entwickelter Cultur mindestens die zehnfache Bcvölkcrungszahl. Daß nun dieser Cultivirungs- und Anstedlungsproceß ein rascherer werde, liegt ganz in unserer, der Jude», Hand. Möchte doch die Mehrheit unserer Stammesgenosscn ihre beklagcnswcrthc Indolenz gegenüber dieser großen Sache aufgeben und der unter den jetzigen tind ihnen gleichblcibenden Verhältnissen recht langsame Schritt der Colonisirung Palästinas ivird ein rascherer werden. Dann wird die Erlösung unseres Volkes bälder hcranbrcchen. (Schluß folgt.) Original- (Korrespondenzen. Oesterrcich-Ansgrn. Wie», 5. Februar 1891.*) Der am 31. v. M. stattgchabte Geselligkeitsabend des Colonisattonsverciitcs „A d m a t h I c s ch u r u n" in Wien nahm einen sehr schönen Verlauf. Es ivaren bei 300 Personen erschienen. Herr Dr. Nathan Birnbaum hielt einen Vortrag „über die Bedeutung der Colonisation Palästinas für das Judenthum", welcher beifällig ausgcnommcn ivürde. Eine interessante Episode war es, als Herr D. L ö w p vom jesajanischen Standpunkte Einwendungen-erhob und Herr Dr. *) Durch Versehen aus voriger Nummer wcggeblieben. Birnbaum darauf replicirte. Am Abende selbst traten mehrere neue Mitglieder dem Vereine bei. du. Wien, den 26. Februar 1891. Der Palästina-Colonisationsverein „Admath-Jeschurun" in Wien veranstaltet Samstag, den 28. d. M. Abends 7 Uhr in Hernfeld's Restauration,. I., Franz Josefs-Quai (vis-ä-vis der Stefanicbrücke) seinen diesmonatlichen Geselligkeitsabend. An demselben wird Herr Dr. Sieg m u n d E l k a n, Herausgeber der „Selbst-Emancipation" sprechen. Außerdem enthält das Programm musikalische Nummern. Wien, den 26. Februar 1891. Samstag, den 21. d. M. fand eine Vcrsaimnluug der „Oestcrreichisch- Israclitischcn Union" statt. Ein angckündigtcr Vortrag des Herrn Professor Dr. Jonathan Wolf: „Ein Bllck in das Buch der Weisheit" fand reichlichen Beifall, — freilich nicht wegen seines Inhaltes, sondern rein aus automatischer Gewohnheit, Beifall zu klatschen. Nicht, daß etwa der Vortrag wcrthlos gewesen wäre, ganz im Gcgentheilc, aber was intercssiren jüdische Geschichte und Philosophie ein „wahlhcißcs" Publicum? Das war eine Unruhe, ein Scssclgerücke, ein Gläscr- und Tcllcrgcklirrc, ein Geräusper und Gewisper, wie während des ZwischenacteS im Theater. Was Sadduzäer Pharisäer und Essäcr, was flöntg Jannai und Königin Salome? Liberale,, Demokraten und Antisemiten, Kronawetter, Scharf und Lueger, d a Z stad intercpante Themata, und die ganze Versammlung athmcte auch auf, als dieselben auf die Tagesordnung kamen. Und wie waren sie auf der Tagesordnung: Es regnete hohe Politik, cs hagelte Wahlgcschichten, — und über der ganzen großen Zuhörermcngc schwebte eine Wolke von Glückseligkeit ob ihres schönen Wählerthums, dem sie solchen Ohrenschmaus zu verdanken hatte. Ob sich einer von den Wahlscligcn fragte, was all' das Geklimper den Millionen verfolgter russischer und - anderer Inden helfe. Schwerlich, die Antlitze vörricthcn wenigstens nichts von solchen Gedanken. llnivcrsitätsprofcssor Dr. B c n c d i c t, der Gcgcncandidat des Dr. P a t t ei im sechsten Bezirke, war ebenfalls erschienen und kanzelte die Versammlung in göttlicher Grobheit ab, als sich mehrere Redner gegen die Aufstellung spccicll jüdischer Candidatcn wandten. Freilich kann sich solchen Luxus nnr ein UmversitätSprofessor ungestraft gestatten. Ein gelvöhiilicher Sterblicher, der manchmal auch etwas drcinwcitcrn möchte, muß seinen diesbezüglichen Wünschen Zügel anlcgcn. Den Hauptanzichuilgspunct des Abends boten aber die Reden der beiden gegnerischen Bewerber um das vierte Mandat der Liberalen in der inneren Stadt Wien, nämlich des Herren Hofrathes Professor E x n e r und des Herrn Alexander Scharf.' Herr Hofrath Profcffor Exncr, bisheriger Abgeordneter für Hernals, jetzt vom liberalen Ccntralwahlcomitä in der inneren Stadt aufgcstcllt, wurde von den Anwesenden stürmisch acclamirt, wenn auch die Acclamation zumeist seinem Arier- und Christcuthum galt. Jedenfalls muß mit Bedauern constatirt werden, daß Herr Hofrath Professor Exner der fesselndste, vornehmste und geistreichste Redner des Abends war. Er tvics in überzeugender Weise nach, wie der lärmende brutale Antisemitismus nicht der gefährliche sei, vielmehr sei cs der stillwaltende, von dem die ganze Gesellschaft und namentlich die Jugend, also die Repräsentanz der Zukunft ergriffen sei. Er führte Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung an. Zur Behebung dieses allgemeinen geräuschlosen Antiscmitismns konnte freilich Herr Professor Exncr kein Mittel finden; er sprach zwar von einem Kampfe der Gesellschaft gegen denselben, aber was dieser judcnfreundliche Kampf der Gesellschaft gegen sich selbst, die ja judenfcindlich ist, bedeuten soll, ist uns unerfindlich. Können wir von ihm, dem Nichtjudcn und liberalen Parteimann erwarten, daß er sich den Kopf zerbrechen, wie den Juden geholfen werden solle? Die Juden zerbrechen sich wohl die Köpfe, lpoqst mit aussichtslosen oder aussichtsvollen, jedenfalls aber