Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 5 (2.3.1891)
- Date
- 1891-03-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5. Selbst-Emancipation. ©eite 3. Landes seiner Väter gedenkt, ein größerer Patriot sein kann als derjenige, der das Land seines gegenwärtigen Aufenthaltes bloß liebt, weil er sich in ihm wohl befindet. Die im jüdischen Sinne patriotischen Inden sind es auch im englischen Sinne, und ich bin der sichersten Ucberzeugung, daß Englands Königin keine treueren Unterthanen hat, als die Mitglieder der „Chovevej Zion-Socict y". . Nach Oberstlieutenant Goldsmith sprach Rabbiner Dr. Adler. Herr Dr. Adler erzählte unter Anderem von Baron Edmund v. Rothschild, dem großen Gönner der Colonisation, mit dem er über die Colonien gesprochen habe und der die schönsten Aussichten schon für die nächste Zukunft gebe. Redner schilderte auch ben überwältigenden Eindruck, welchen die palästinensischen Colonien auf ihn gemacht hätten und wie ihm bei deren Anblick und dein seiner bäuerlichen Bewohner die Sehnsucht überkommen hätte: >Chaddesch jamenu ka’qedem«. Nach Dr. Adler sprach Dr. H i r s ch. Seine Rede galt vorzüglich dem Beweise, daß „d a s I u d e n t h u m i n s e i n e r V olle n d u n g von d e r N a t i o n a l i t ä t und der hebräischen Sprache untrennbar sei." In dem Ausspruche „N at i o n a l i t ä t, G l.au b e un d S p r a che sind in Israel z u E i n s g e w o rd e n" gipfelte die geist- und begeistcrungvolle Dtebc des Dr. Hirsch, welche wir nur aus Raummangel nicht ausführlicher wiedergeben können. Es sprachen noch Rabbiner Mayers aus Australien, Herr Markus Adler, Herr Dr. A v i g d o r und Herr Rabbiner M a c o b y. Alle diese Reden fanden den reichlichsten Beifall. Zum Schlüße sprachen die Anwesenden Herrn Oberstlieutenant G o l d s m i t h den Dank für die Leitung der Versammlung aus, worauf derselbe noch eine kleine Rede hielt, die mit den Worten endigte: „Die E r l ö s u n g Israels und seincWiederbeleb u n g in der Gestalt eines in seinem Lande wohnenden Volkes i st etwas, woran schon s e i t j e h e r Juden und Christen geglaubt haben, und ich bin tief überzeugt, daß unter Letzteren sich eine große Anzahl geachteter Männer finden wird, iv e l ch e mit d e n M e in u n g e n der „C h o v a v e j Z i o n" einverstanden sein werbe n." xDie Bedeutung der Lolomsation Ruläftinas für daF Iudenttzum. Vortrag, gehalten von Dr. Nathan Birnbaum im Vereine „Admath Jeschurun" in Wien, am 31. Jänner 1891. Meine Damen und Herren >. Was ist Wohlthätigkeit? Nichts ist scheinbar leichter beantwortet. Sie ist jene. Handlungsweise, durch welche menschliches Elend behoben oder gemildert wird. In diesem so bestimmten „wird" aber liegt eben die Schwierigkeit. Oft werden Kreuzer, Gulden, Hunderte, Tausende, ja Millionen zu wohltätigen Zwecken ausgegeben, ohne daß wirklich d r wohlthätige Zweck erreicht, ohne daß menschliches Elend überhaupt oder in den: Maße gemildert wird, als es mit solchen Beträgen bei vernünftiger Gebahrung möglich wäre. Es kommt also bei der Wohlthätigkeit sehr viel auf Vernünftigkeit an, und erst derjenige verdient den Namen eines Wohlthäters, welcher versteht, mit den vorhandenen Mitteln möglichst viel Elend und dieses dauernd zu beheben. Daß in diesen zwei Momenten das Wesen wahrer Wohlthätigkeit liege, hat unsere Zeit erkannt. Sie steht daher vor Allem der Privatwohlthätigkeit nicht besonders wohlwollend gegenüber, weil diese gewöhnlich über unzulängliche Mittel verfügt- Ist dies aber nicht der Fall, und stehen der Privatwohlthätigteit auch reichliche Mittel zu Gebote, so fehlt ihr zumeist der G eist d er V orsorge.' Und der ist es vornehmlich, welchen die neuere Zeit vom Wohlthätigsein verlangt. Die neuere Zeit fordert vom Wohlthäter nicht bloß Herz, sondern auch Verstand; sie fordert, daß das Entstehen und Wiedcrkehren des Elends verhütet, nicht bloß, daß das bereits entstandene bekämpft werde, — sie fordert Präventiv-, nicht bloß Repressivwohlthätigkeit. Im Geiste der Jetztzeit liegt daher planvolle sociale Reform, nicht gedankenloses Almosengebcn. Es erhebt sich nun'die Frage: Hat unser Volk bisher diesen Zug der Zeit herausgefühlt? In Bezug auf die Allgemeinheit gewiß, in Bezug auf seine eigenen Bedürfnisse aber keineswegs. Mag sein, daß es in der zweiten Hinsicht deshalb unempfindlicher ist, weil es sich in der ersteren eine allzugroße Empfindlichkeit aneignete. Wir erwarten zu viel von der allgemeinen socialen Erlösung und vergessen, daß sich diese Erlösung bei den verschiedenen Völkern den verschiedenen Verhältnissen entsprechend, i» welchen sie sich befinden, in verschiedener Weise vollziehen wird. Würden wir das nicht so gerne übersehen, dann hätten ivir schon längst herausgefunden, daß unser sociales Elend gleichbedeutend ist mit unserem nationalen Unglück, und hätten daran gedacht, beiden abzuhelfen Bisher ist den leitenden Kreisen des israelitischen Volkes diese Erkenntniß nicht gekommen; auch jetzt nicht, wo sie sich ihnen aufdrängen sollte, — jetzt bei Gelegenheit der Schreckensnachrichten aus dem Osten Europas. Freilich ist die Kunde von den Leiden unserer Brüder in Rußland nicht ohne Wirkung geblieben, umsomehr als dieser Nothschrei in gar manchen Zuständen, wie sie auch in Westeuropa anzutreffen sind, ein Echo findet. Unsere Weisen bezeichneten ihr, unser Volk als rachmänim bnej rachmanim, d. h. als einen Menschenschlag mit angeborener Barmherzigkeit, — und als solchen mußten uns die Unglücksbotschaften aus dem Zarenreiche erschüttern und zur Hilfe anregen. In der That erfolgten in Deutschland, Frankreich, England und Nordamerika — leider kann ich Oesterreich- Ungarn nicht anführen — von Seiten verschiedener jüdischer Körperschaften und Privatpersonen Unterstützungsactionen. Der g u t e W i l l e i st zu loben, aber kann er für das verschlteMittel entschädigen? Was sehen wir? Sehen wir einen Plan? Sehen wir den Anstoß zu einer endgiltigen Behebung des Elends unseres Volkes? Nein! Wir sehen nichts Anderes als verzettelte Unsuminen, welche entweder aus wahrhaft freigebigen Millionärstaschen fließen oder Ergebnisse von ins Blitzblaue veranstalteten Sammlungen sind. Wir sehen Hilfeleistungen, welche sogar den direct Unterstützten keine sichere Existenz verschaffen können, geschweige, daß sie etwas dafür thäten, damit diesen seit 18 Jahrhunderten mit einer verblüffenden Regelmäßigkeit sich wiederholenden Judenkatastrophen überhaupt vorgebeugt iverde. Und gerade in dieser letzteren Hinsicht liegt die Hauptbedeutung der Colonisation P al ä st i n a s durch Juden. Sie ist die Präventivwohlthätigkeit, welche wir zu üben haben, sie ist unsere sociale Reform. Bevor ich aber darangehe, diese Behauptung zu beweisen, will ich denjenigen Damen und Herren gegenüber, weiche dein Vereine „Admath Jeschnrun" nicht angehören und hier bloß als Gäste erschienen sind, constatiren, daß seit mehr denn acht Jahren eine Colonisirung Palästinas durch Juden vor sich geht. Wenn ein russischer Jude diese Constatirung hören würde, — ich bin überzeugt, - er würde mich auslachen, weil ich als Neuigkeit auftische, was doch allgemein bekannte, von der Publicistik besprochene Thatsache ist. Aber er thäte mir Unrecht, denn unsere österreichische Presse — einem on dit zufolge soll sie in jüdischen Händen sein — hat bis jetzt nichts davon zu erzählen geivußt. — sie die argusäugige, die tausendohrige der Stadt- und Theaterklatsch der entferntesten und unintereffantesten Städte wird vorgcbracht, aber von einer schönen, edlen, hoffnungsvollen, wirthschaftlichen Bewegung, in deren Consequenzen das Glück eines — angeblich von der Presse selbst verhätschelten — Volkes liegt, wird hartnäckig geschwiegen. Es wäre ja auch von unseren Publicisten gar zu lächerlich, von einer Angelegenheit zu sprechen, die sie eines guten Witzes berauben könnten, welchen sie sich hie und da mit den Worten „Jerusalem" und „Palästina" erlauben. Ich will nun nachholen, was die Presse versäumt, und bitte sie, was ich hier sage, aus diesem kleinen Kreise in die weiteren Kreise Ihrer Bekannten und Freunde zu tragen. Ich kann wohl nicht ausführlich fein, denn ich würde dann über den Zweck dieses Vortrages und die mir zubemeffene Zeit hinausgehen; ich will vielmehr nur einige Daten anführen, und Sie bitten, sich, wenn es mir glückt, Ihr Interesse zu wecken, nähere Auskünfte beim Vereine „Admath Jeschurun" und in den einschlägigen Schriften ju Der Anfang der' Colonisationsbewegung wird bezeichnet durch die russischen Judenhetzen im Jahre 1882 und die gleichzeitigen Judenmaßregeln im Königreiche Ruinänien. Der Niederschlag dieser Bestrebungen sind folgende Colonien: Samarin oder Sichron Jacob, Rosch Pinah, Jessud Hamaaleh, Rischon le' Zion, Gadrah, Waad el Chanun oder Neoth Rüben, Ekron oder Maskereth Bathia, Pethach Thikwah, Duran, Rechowoth, Machnajim, Chederah. Von diesen weist die überwiegende Mehrheit eine ungeahnte Entfaltung zum Wohlstände auf. Das Gedeihen dieser Ansiedlungen ist in erster Linie dem hochherzigen Baron Edmund Rothschild in Paris — einer glänzenden Ausnahme unter den jüdischen Finanzaristokraten, — in zweiter Linie und in letzterer Zeit den verschiedenen Colonisationsvereinen zu danken. Unter diesen Vereinen ragt der im Vorjahre von der russischen Negierung genehmigte „Verein zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Paläst i n a" mit dem Sitze in Odessa, hervorgegangen aus dem „Montefiore-Verband der Zionsfreunde", welcher einige tausend Mitglieder zählt, und der Verein „Dorsches Zion" in Paris nnd Rußland hervor. In welchem Zustande sich gegenwärtig die jüdischen Colonien in Palästina befinden, können Sie meine Damen und Herren, aus einer Aeußerung ersehen, welche Herr Elias Scheid, Chef-Verwalter der unter Baron Ednmnd Rothschild'schem Protectorate stehenden, palästinensisch-jüdischen Ansiedlungen und Vicepräsident der „Alliance